Sommertage

Kaum eine Wolke am Himmel, nur ein paar weiße Fäden wie die Reste einen Spinnennetzes hängen im Blau. Schon morgens direkt den Bikini unter die Kleidung gezogen, Handtuch & Picknickdecke eingepackt, und mit dem Fahrrad ab an den See. Wir liegen auf der Wiese, meine Urlaubslektüre bleibt unberührt, ich genieße die Ruhe und den Blick auf das Wasser. Ein Schmetterlingspaar flirrt durch die Luft. Das Gras unter den Füßen gehe ich zum See, spüre die glatten Steine, tauche meinen Fuß in das von der Sonne aufgewärmte Wasser. Ich liebe es, im See zu baden, vergesse Zeit und Raum dabei, schaue in den blauen Himmel und beobachte, wie ein Vogel seine Kreise zieht, um schließlich kurz über der Wasseroberfläche ein Insekt zu fangen. Wir schwimmen hinüber zum Steg, wo all die Menschen sind. Ihr Lachen und Jauchzen klingt dennoch fern in meinen Ohren, ich kehre zurück zur Mitte, tauche kräftig ein mit Armen und Beinen und schwimme glücklich zu unserem Platz zurück. Beschwingt sausen wir mit den Rädern nach Hause, freuen uns am satten Grün der Wiesen und dem Gelb der Felder. Mit Eiskaffee und Johannisbeerkuchen geht es in den Garten, ich pflücke ein paar Himbeeren, von der Hand in den Mund, und genieße die Behaglichkeit unter dem großen Birnbaum. Die Katze besucht uns und die Enten schnattern ein wenig vor sich hin. Sommertage auf dem Dorf, ihr seid so unglaublich schön.

Worte wie Luftballons

Luftballons3Viel zu oft schreibe ich für dich.
Ich sehe Bilder und lese Zitate und setze sie wie ein Mosaik für dich zusammen. Ich bilde ein Kunstwerk vor deinen Augen, es ist mein Werk und natürlich nicht meines allein, es gehört auch ihm und ihr und dem Mädchen, das ich neulich im Bus sah. Dennoch blitzt immer wieder etwas darin auf, das nur für dich ist, ich reiche dir die Hand in meinem Schreiben, unsichtbar strecke ich sie aus, meine Fingerspitzen berühren dich beinahe, ein Bild, ein Wort, der Wind trägt es mit sich in eine andere Welt, und dann ist der Zauber auch schon wieder vorbei, verflogen, bis ich irgendwann neue Wörter und Leerzeichen wie Luftballons in den Himmel aufsteigen lasse. Direkt vor deinen Augen fliegen sie los und auch wenn du die angehängten Karten niemals findest, sind sie doch allein für dich bestimmt.

Du & ich

Überrascht bemerke ich, dass ich dir gegenüber bald mehr Loyalität entwickelt habe als gegenüber dem alten Freund, der uns damals vorgestellt hat. Es liegt wohl daran, dass ich dir in unseren Gesprächen so zugeneigt bin, mich so auf dich einlasse und dich zu verstehen suche. Natürlich sind das nur einzelne Momente, beinahe losgelöst von Zeit und Alltag, ohne Anbindung und doch im Netz des Lebens verwoben. Ich bin dankbar für die Begegnung mit dir, den warmen Blick und die Ruhe zwischen uns. Andere Menschen mögen mir über dich erzählen, was sie wollen, es berührt mich nicht einmal.

Person of Interest

You are being watched…

Die Hürde, mich auf eine neue Serie einzulassen, ist groß. Anscheinend ist das für einen Serienjunkie etwas Untypisches, aber so bin ich eben. Mir wird das Vertraute nicht langweilig. Jedoch: Diese Serie hat es geschafft. Sie hat mich letzten Winter gepackt und im Blick auf die hard facts ist es auch kein Wunder: Die Thematik von Überwachung und Privatsphäre treibt mich seit frühester Jugend um und ich habe einen Sinn für alles, was in Richtung Sci-Fi/Dystopie geht, sofern es sich um den Menschen und die technische Entwicklung dreht (und nicht um irgendwelche Apokalypse/Weltuntergangsszenarien, Mutationen oder Killerinsekten). Dazu kommen noch diverse politische Machtspielchen und Intrigen, und die Serie scheint perfekt – von wegen! Selbst mit der „optimalen“ Thematik und den perfekten Rahmenbedingungen muss es einem als Serienmacher*in erstmal gelingen, daraus auch etwas Ordentliches und in diesem Fall Herausragendes zu erschaffen! Wie viele Filme habe ich in diesem Genre schon gesehen, die mir nicht mal mehr ein müdes Lächeln entlocken konnten? Vorhersehbare Plots, die immer gleichen Motive… ihr kennt das. Doch bei „Person of Interest“ haben die Macher wirklich ganze Arbeit geleistet!

Kern der Serie ist „die Maschine“, die alle verfügbaren Überwachungsdaten sammelt, sortiert und auswertet. Sie wurde gebaut und programmiert von Harold Finch, der ein immenses Maß an Sicherheitsvorkehrungen unternahm, um die Maschine vor Fremdeingriffen zu schützen. Der „Hauptjob“ der Maschine ist es, der Regierung Daten in Bezug auf geplante terroristische Aktionen auszuspucken. Jedoch gibt es eine Hintertür, wodurch die Maschine Harold und seinem Kollegen, dem Ex-CIA-Mitarbeiter John Reese, die Sozialversicherungsnummern von Menschen mitteilt, die entweder in Gefahr stehen Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden oder selbst einen Mord planen. Die Serie beginnt damit, dass Harold und John diese Personen aufspüren und den Fall klären.

Diese „Fall der Woche“-Geschichten begleiten einen durch alle Staffeln der Serie, jedoch gibt es pro Staffel immer auch größere Handlungsbögen und mit der Zeit – wie könnte es anders sein? – auch immer mehr Mitspieler. Es entsteht quasi ein „Team Machine“, das mit Hilfe der Maschine versucht, die geplanten Verbrechen zu verhindern. Für diejenigen, die die Serie erst noch schauen möchten, will ich an dieser Stelle nicht zu viel Handlung vorwegnehmen. Allerdings will ich euch darauf hinweisen, dass PoI in Teilen der ersten Staffel wirklich seine Längen hat und das wohl auch die Stellen sind, an der die meisten Leute wieder abspringen. Meines Erachtens wird es vom Ende der ersten Staffel an durchweg interessanter. Die Serie legt ordentlich an Tempo zu, wird komplexer, die Beziehungen zwischen den Charakteren verdichten sich und die übergeordneten Handlungen prägen das Erscheinungsbild. War es am Anfang noch (mehr oder weniger) spannend, ob die jeweilige „Person of Interest“ Opfer oder Täter ist, entwickeln sich die „Fall der Woche“-Szenarien mit der Zeit zu eben den Momenten, in denen man etwas durchatmen und die vielen Puzzlestücke des Hauptplots sortieren kann.

Nicht zuletzt reizt mich die Serie auch aufgrund der philosophischen Fragen von Mensch und Maschine. Harold konstruierte seine Maschine so, dass stets ein menschliches Element nötig ist, um ein Szenario zu bewerten. Die Maschine mag zwar alle Daten perfekt auswerten, doch sie tritt nicht selbst in Aktion. Die letzte Entscheidung muss der Mensch treffen, denn nur dieser kann andere Menschen und ihre Situation wirklich verstehen. Indem er die Maschine als abgeschlossenes System erstellt hat, positioniert sich Finch damit zum einen zwischen den Verfechtern des Datenschutzes, implizit ab Staffel 1 mit Alicia Corwin, ab Staffel 3 die Organisation Vigilance, welche für den Respekt der Privatsphäre eintreten und vor dem Missbrauch der Überwachungsmöglichkeiten durch Menschen warnen. Auf der anderen Seite setzt er sich von Personen wie Greer (ab Staffel 4) mit Samaritan ab, der der Maschine die volle Kontrolle über das Leben der Menschen geben möchte, weil er nicht mehr an den Menschen und dessen Vernunft, Urteilsvermögen glaubt: „Die alten Götter haben abgedankt, die Zeit der neuen Götter ist gekommen.“ (sinngemäß zitiert)

„Person of Interest“ besteht bisher aus 4 Staffeln und es wird noch eine halbe Staffel mit 13 Episoden folgen. Diese laufen bereits in den USA. Die deutsche Synchro ist verhältnismäßig ok, ich schaue oft zuerst auf Deutsch und dann auf Englisch mit englischem Untertitel, aber ich muss sagen, es ist eine der wenigen, wenn nicht die einzige Serie, bei der ich einen kurzfristigen Sprachwechsel (den Mitschauenden zuliebe) recht gut aushalten kann.

Nun würde mich natürlich eure Meinung interessieren. Gibt es noch andere PoI-Fans da draußen? Bisher scheint die Serie zumindest in meinem Umfeld eher weniger bekannt, sodass ich beim ersten Schauen sehr dankbar für die Serienjunkies-Community war… Aber vielleicht täusche ich mich da ja auch!?

Die Perspektive einer Sätzeschieberin

„Überhaupt wandelt das Wortlose in einem Gedicht umher wie in Homers Schlachten die nur von wenigen gesehenen Götter.“ (Klopstock)

Mit diesem Beitrag will ich ein paar Anmerkungen zum Zyklus „Ahnungen“ und daran anschließende Gedanken über das Schreiben an sich loswerden. Im Prinzip ist es eine Reflexion meines eigenen Schreibprozesses.

Alles begann mit „Ahnung I„. Ich hatte einen Gedanken, eine Empfindung im Gemüt und der Titel kam eher daher, dass ich die „Ahnung“ hatte, dass es nicht bei diesem einen Text bleiben würde. Der Titel referierte also sowohl auf meinen antizipierten Schreibprozess als auch auf die inhaltliche Ebene: Mein Ich „ahnte“, dass es einmal ein Gespräch mit dem Du führen würde. (Es ahnte jedoch nicht, dass die eigentlich Überschrift für den Zyklus „Nicht heute. Nicht jetzt.“ hätte lauten müssen…)

Schließlich küsste mich die Muse und „Ahnung II“ entstand. Eigentlich hätte ich in der Unibib einen langen wissenschaftlichen Aufsatz lesen sollen, doch stattdessen griff ich in die Wörterkiste und versuchte, einen ganz bestimmten Moment aufs Papier zu bringen. Ahnung II ist in Ich-Er-Perspektive verfasst, und mit dem Verzicht auf das Du eröffneten sich mir auf einmal ungeahnte Möglichkeiten. Wer meine Texte kennt, weiß, dass ich die Ich-Du-Perspektive liebe, ich mag es nicht, wenn Menschen sich hinter einem „Er“ oder einer „Sie“ mehr schlecht als recht verstecken, da habe ich doch lieber den Mut zu einem erzählenden Ich, lasse eine Facette meiner eigenen Persönlichkeit erzählen oder verstecke mich hinter dem geliebten Alter Ego. Mit der unmittelbaren Anrede an das Du kann ich Dinge extrem präzise formulieren und habe ein direktes Gegenüber, was mir das Erzählen erleichtert. Jedoch ist der Ich-Du-Kanal auch recht eng, ich stelle mich als Schreiberin auf ein festes Gegenüber ein und kann nicht beliebig Charaktere hin- und herschieben. Nun also: Neue Freiheit und Weite! Es machte Spaß, mit die Charaktere auszudenken und mir zu jeder Person eine eigene kleine Geschichte zu überlegen.

Als „Ahnung II“ fertig war, war mir auch klar, dass das Ganze ein Zyklus werden würde. Ich nenne es Zyklus, weil es sich im Kreis dreht. Der Gedanke passt auch dazu, dass Ahnungen an sich wohl nicht zählbar, abgrenzbar sind, dass sie im Grunde zu einer einzigen Ahnung verschwimmen. Die Ahnung dreht sich um sich selbst, in dem Versuch, sich einer Mitte anzunähern. Ich habe fünf Teile geschrieben, von denen „Ahnung III“ das Zentrum, den Dreh- und Angelpunkt bildet. Dementsprechend ist es die Achse, an der sich sowohl Ahnung I und Ahnung V als auch Ahnung II und Ahnung IV spiegeln. Damit hatte ich die symmetrische Struktur im Kopf und war nun gespannt darauf, wie es wohl sein würde, an etwas im Voraus Konzipierten entlang zu schreiben.

Einen Höhepunkt – „Ahnung III“ – zu schreiben ist leicht und schwer zugleich. Man muss einfach nur die Kernaussage dessen, was man sagen will, geballt in Worte fassen. Die eigentliche Arbeit bestand darin, alle unnötigen Sätze wegzustreichen. Dazu konnte ich nun entscheiden, ob mein Ich und mein Du tatsächlich einmal miteinander sprechen würden oder ob es nur darum ging, dem Ich mit Hilfe seines Mantras „Nicht heute. Nicht jetzt.“ einen Entwicklungsschritt – heraus aus der wartenden, hoffenden Haltung – zu ermöglichen. Ich entschied mich, wie ihr selbst lesen könnt, für Letzteres. Damit war dann auch die Katze aus dem Sack, aber die Geschichte noch nicht auserzählt.

Für „Ahnung IV“ durfte ich wieder meine fiktiven Charaktere aktivieren. Als Szene wollte wieder eine Party, doch etwas Zeit verstreichen lassen. Außerdem war es mir wichtig, einen direkten Bezug zu „Ahnung II“ herzustellen, um diese beiden Texte noch mehr zu verbinden. Die Situation, in der sich das Ich befindet, sollte sich nicht wesentliche verändert haben, im Innen intensiviert, im Außen diszplinierter.

Für „Ahnung V“ brauchte ich am längsten, was sich auch am Datum erkennen lässt. Schon ab „Ahnung II“ war ich nach dem Schreiben der Texte jedesmal regelrecht erschöpft, obwohl (weil?) die Texte nicht lang sind, kosteten sie mich enorm viel Kraft, das Finden von Wörtern, das Herumkauen und Herumschieben von Sätzen, das Ans-Licht-Zerren von Empfindungen,… Nun hatte ich studiumsbedingt Prüfungsvorbereitung und wollte mir diese Schreibarbeit nicht unbedingt zumuten. Gleichzeitig musste der Text noch vor meiner Prüfung fertig werden, ich wollte es nicht riskieren, dass mir das Gefühl für den Zyklus abhanden kam. Von „Ahnung V“ existieren mehrere Fassungen, was wohl daran liegt, dass meine Vorstellungen sehr konkret waren: Jeder der vorherigen Texte sollte aufgenommen werden, die Parallele zu „Ahnung I“ musste besonders herausgearbeitet werden, nach meiner Kernaussage aus „Ahnung III“ durfte nichts Neues gesagt werden, und doch: der Text sollte die Gesamterzählung nochmal auf eine neue Ebene heben. Ein hoher Anspruch, den ich da an ein paar Zeilen voll Buchstaben hatte. Doch ich die Muse hatte ein Nachsehen oder mich einfach gern. Bestimmte Sätze flossen einfach aus mir heraus und ich bin froh, dass sie das viele Denken unbeschadet überstanden haben. (An dieser Stelle auch ein Dank an Nimue, die mit mir eine ganze Stunde lang die Vor- und Nachteile eines bestimmten, einzelnen Substantivs erörterte!)

Als „Ahnung V“ publiziert war, schrie ich jedenfalls erstmal laut und befreit auf. Dieser Zyklus war geschafft.

Und ich merke: Ich liebe das Schreiben ungemein. Einmal angefangen, ist es wie ein Zwang für mich und ich lege ein regelrecht obsessives Verhalten an den Tag, was einzelne Wörter und die Struktur von Sätzen angeht. Vermutlich ist das das Auge einer perfektionistischen Leserin. Nun ja, als Jugendliche gehörte ich noch zu denen, die glauben, der erste Entwurf sei der „richtige“ und dürfe nicht verändert werden, da alles andere nicht mehr authentisch und „aus dem Herzen gesprochen“ sei. Heute denke ich, mit einer Anspielung an den Film „Love and other disasters“: „Dein Kunstwerk ist dein Baby – Töte dein Baby!“ Streich die unnötigen Füllwörter, belass es bei einer Andeutung und verlier nie den unsichtbaren roten Faden. Somit suche ich weiterhin zwei Gewichte auszubalancieren: die Überzeugung von der Notwendigkeit des unbarmherzigen Rotstifts und das Wissen, dass die besten Sätze die sind, die einfach passieren.

Ahnung V

[Beginn: Ahnung I]

Irgendwann wird es wohl keine Erklärung mehr zwischen uns brauchen. Wir werden immer wortkarger mit den Jahren, der Hauch der Ahnung ist verflogen, weich legt sie sich auf das Loch in meinem Herzen und mildert das Pochen ein wenig ab. Der Spaziergang zu zweit war uns verwehrt, ich habe geschwiegen und du bist deinen eigenen Weg gegangen. Mein Mantra hat mich durch die Jahre getragen, hat mich das Lächeln deiner Augen aushalten lassen und mir eine dünne Decke über die nackte, bloße Sehnsucht gezogen. Ich lächle immer noch zurück, ich lächle dich an, wie wir nun mit gealterten Körpern voreinander stehen, immer noch den gleichen Menschen sehen, immer noch die besten Freunde sind. Uns genügt ein Blick, ein Händedruck, eine stets geöffnete Wohnungstür – und ich vermag kaum zu glauben, dass du das so offensichtlich Verborgene nie gesehen hast.

Ahnung IV

Lars hat Geburtstag. Die Party beginnt zwar erst um sieben, doch als beste Freundin habe ich angeboten zu helfen und stehe nun vollbepackt mit Tüten und Taschen vor der Tür. In der linken Hand habe ich ein Tablett mit Donauwelle, in der rechten einen Sixpack Bier und in meiner Brust ein klopfendes Herz. Also klingle ich mit dem Ellenbogen und höre glücklicherweise kurz darauf den Summer. Marcel ist auch schon da und sprintet die Treppen herunter. Er nimmt mir die Donauwelle und meine Umhängetasche mit Wein und Knabberzeug ab und zusammen gehen wir nach oben.
Kaum habe ich meine Sachen halbwegs verstaut und Tim begrüßt, sehe ich auch schon Lars mit dem Rücken zu uns am Herd stehen. Er trägt das gleiche Tshirt wie vor drei Jahren bei der Faschingsparty. Wann wird mir so etwas wohl nicht mehr auffallen? In geübter Manier schiebe ich den Gedanken zur Seite. „Hey, Geburtstagskind!“, rufe ich. „Willst du nicht deinen Lieblingsgast begrüßen?“ Lars lacht und streckt den Kopf zur Küchentür raus. Ich breite die Arme aus und drücke ihn kurz an mich. „Alles Gute!“ Seine Augen lächeln mich wie immer an. „Danke!“, sagt er und zieht mich mit sich in die Küche. „Du kommst gerade rechtzeitig zum Gemüse schneiden! Ich brate schon das Hackfleisch an.“
Wie von selbst greifen meine Hände zum Schneidbrett, ziehen das passende Messer aus dem Messerblock und ehe ich mich recht versehe, befindet sich eine köstlich duftende Gemüselasagne neben ihrer Fleischvariante im Backofen. Einmal mehr stelle ich fest, wie zuhause ich mich hier fühle. Ich kenne diese Küche bald genauso gut wie meine eigene, ich weiß, welche Töpfe in welchem Schrank stehen, welches Messer am besten schneidet und wo sich die selten gebrauchten Backutensilien befinden. In den letzten Jahren habe ich so viel Zeit bei Lars und Tim verbracht, dass es geradezu an ein Wunder grenzt, dass ich noch keinen Wohnungsschlüssel besitze. Dennoch blieb mir kurz die Luft weg, als voriges Jahr einer von Tims Freunden davon ausging, dass Lars und ich ein Paar seien. Mittlerweile habe ich mir auf derlei Vermutungen ein kopfschüttelndes Grinsen angewöhnt und atme einigermaßen gleichmäßig weiter.
Als schließlich die große Meute eintrifft, haben die drei Jungs und ich schon einige Küchenbier intus. Sophie begrüßt mich mit einem dicken Schmatzer auf die Backe und wie gewöhnlich lasse ich mich von ihr zu einer Runde Sekt überreden. Lars sitzt bereits inmitten seiner Freunde im Wohnzimmer und freut sich wie ein Schneekönig über ein neues Brettspiel und eine Box mit Tabletop Miniaturen. Von Sophie und mir gibt’s ein Cards against humanity-Set, das sich – nachdem die Lasagne vertilgt und das Kuchenbuffet geplündert ist – noch zum Hit des Abends entwickelt. Und während Marcel mit den witzigsten Antworten brilliert und Laura schon einen dicken Stapel gewonnener Karten vor sich hat, während Tim zum hundertsten Mal die Miniaturen bewundert und Sophie zum zweihundertsten Mal die Augen darüber verdreht, während Lars und ich uns ein Wortgefecht nach dem anderen liefern, bis wir schließlich lachend unter dem Tisch liegen, zwingt mein Verstand die innere Unruhe nieder, versteckt meinen Schmerz hinter kecken Worten, ignoriert das Stechen in der Brust und den Kloß im Hals und wiederholt ununterbrochen: Hör auf, zu schreien, Herz, hör auf, zu schreien.

[Ahnung V]

Ahnung III

Wir werden niemals darüber sprechen.
Ich mag dich zu sehr, als dass ich dir sagen könnte, wie sehr ich dich mag.

Diese Erkenntnis ist der Knotenpunkt, an den ich immer wieder zurückkehre.
Sie ist der sichere Hafen für meine unruhigen Gedanken, der Ausgang aus dem Labyrinth der Ahnungen, das Licht am Ende des Tunnels.

Ich saß zu lange auf der Wartebank.
Ich muss sie endlich, endlich verlassen.

[Ahnung IV]

Ahnung II

Nach dem Kinderfasching am Nachmittag sind nun die Erwachsenen dran. Marcel hat zu einer seiner berühmt-berüchtigten Partys eingeladen und langsam, aber sicher erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt. Ich stolpere über ein Wirrwarr an Luftschlangen und Schuhen in die Küche, um eine weitere Flasche Sekt aus dem Kühlschrank zu fischen. Sophie ist mir zuvorgekommen: „Wer will noch ein Glas?“, ruft sie in die Runde und natürlich strecke ich ihr meines entgegen. In Pluderhosen steckend und mit verschmierter Clownsschminke beugt sie sich vor und schenkt mir ein. „Zum Wohl!“ Auch Tim und Lars lassen sich kurzzeitig von ihrer Diskussion über irgendein Fantasy-Rollenspiel abbringen und stoßen mit ihren Bierflaschen mit uns an. „Eure Kostüme sind ja auch nicht sonderlich kreativ gewählt!“, spottet Sophie beim Anblick der schwarzen Tshirts. Die Jungs zucken nachlässig mit den Schultern, doch Sophie hat die Antwort nicht mal abgewartet und bezwingt bereits das Chaos im Flur. Noch etwas unschlüssig stehe ich vor der Balkontür, die Wohnung singt und summt und surrt aus allen Räumen und ich trete für einen kurzen Moment hinaus, atme tief ein und genieße die frische Nachtluft. Lars ist immer noch ins Gespräch vertieft, vorhin hatte ich noch mit ihm gescherzt, dass er und Tim sicher wieder auf dem Fantasy-Thema würden hängenbleiben. Ja, ich kenne meine Pappenheimer, doch die beiden haben Spaß und das ist die Hauptsache. Der Sekt verschafft mir ein wohlig-warmes Gefühl, mein Kopf fühlt sich nach Watte an und ich schließe die Augen. Alles ist gut, die Welt ist in Ordnung, das Leben ist schön. Heute ist kein Platz für Sehnsüchte und Löcher im Herzen, heute habe ich Spaß mit den Jungs, mit Sophie, mit Lars. Wie ein Mantra wiederhole ich, woran ich mich schon im letzten Jahr festhielt: Die Situation lässt sich nicht ändern. Es eilt nicht. Lars und ich werden schon noch eine Gelegenheit in unserem lieben, langen Leben haben, um eines Tages darüber zu sprechen.
Als ich durchs Fenster nach innen blicke, verspüre ich ein wohlvertrautes, feines Stechen in der Magengegend. Noch bevor sich Lars’ und mein Blick treffen, kippe ich den Sekt auf Ex weg, betrete zeitglich mit Laura und Margret die Küche und gemeinsam kapern wir die Küchentischdiskussion. Heute ist Party angesagt.

[Ahnung III]

Ahnung I

Irgendwann wird wohl doch ein Gespräch zwischen uns vonnöten sein. Ich ahne es voraus, rieche es in der Luft, spüre es unter den Fingern. Ich sehe uns beide, wie wir spazieren gehen und ich dir erzähle, was all die Jahre in mir vorging. Wir sind noch nie zu zweit spazieren gegangen. In manchen Häusern bedeutet spazieren gehen fast schon heiraten. Einen Anschein, den du dir nicht geben willst und den ich mir nicht mehr zu geben brauche. Der Kloß in meinem Hals wehrt sich gegen meine Versuche, ihn hinunterzuschlucken. Warum habe ich dir nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt? Aber ach ja, da war etwas – und so gebe ich dir die Schuld an meinem Schweigen, wohl wissend, dass auch du nur ein Opfer deiner eigenen verworrenen Geschichte bist …

[Ahnung II]

Es sind immer die kleinen Dinge.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, auf die es ankommt. Nicht die großen Gesten, die theatralischen Auftritte, die beeindruckenden, lange geplanten und überall beworbenen Wichtigkeiten. Natürlich setzen sich diese Momente in unserem Kopf fest. Wir können all den Jubiläen und Rückblenden sowieso nicht aus dem Weg gehen und spätestens beim Durchblättern der Fotoalben werden wir wieder an sie erinnert. Doch hinter den vielen inszenierten, zelebrierten, durchstudierten Großauftritten sind es am Ende doch die Augenblicke am Rande derselben, die uns verändern. Noch heute spüren wir die tröstende Hand auf der Schulter in der Garderobe des Schulballs, blicken in frisch verliebte Augen, während unser Herz einen kleinen Hüpfer macht, fühlen den aufmunternden Blick eines Freundes auf uns ruhen, wenn wir das Wort ergreifen, denken an Worte wie „Danke“ und „Das war schön“ und an krakelig geschriebene Sätze auf abgegriffenem Papier. Wir erinnern uns nicht an die feierliche Zeugnisübergabe, sondern daran, wie wir danach auf dem sonnenwarmen Feldweg lagen, wir können kaum mehr sagen, wer bei diesem runden Geburtstag dabei war, aber wissen noch gut, wie ein paar Blicke genügten, um einem lange nicht gesehenen Bekannten die Ausweglosigkeit einer bevorstehenden Trennung zu vermitteln. Wir haben längst vergessen, wie ein Mensch aussah oder welch lang ausgewähltes Kleidungsstück er trug, wenn wir daran zurückdenken, wieviel uns seine Einladung oder sein Wohlwollen damals bedeutete. Es sind die wenigen Momente, in denen wir zuließen, dass so etwas wie Intimität entstand. Momente der stillen Übereinkunft, des unausgesprochenen Verständnisses, der unbedachten und doch alles offenbarenden Geste. Sie können nicht hergestellt oder erzeugt werden. Sie sind nicht planbar. Sie entstehen neben und im Verzicht auf alle Inszenierung. Wer sie erschaffen will, wird scheitern – und während des Versuchs vielleicht doch unverhofft und unerwartet mit ihnen beschenkt.

Anleitung zur Lüge

Es gibt Dinge, die man nicht einmal dem eigenen Tagebuch anvertraut. Um etwas vor der Welt verborgen zu halten, darf man sich nicht daran erinnern. Man muss sich gleichermaßen selbst den Weg abschneiden. Anstatt einen Moment festzuhalten und seiner Bedeutung nachzuspüren, entzieht man den Gedankenpflanzen den Nährboden, wirft die Erinnerungsfäden ins Feuer und versenkt das, was noch übrigbleibt, im Meer der Bedeutungslosigkeit.

Wer andere erfolgreich belügen will, fängt am besten bei sich selbst an.

Ein gutes Jahr mit der Biokiste (Erfahrungsbericht)

Im September 2014 erzählte ich euch in diesem Beitrag von unserem Biokisten-Abo. Nun ist über ein Jahr vergangen und ich will davon berichten, welche Erfahrungen wir mit der Biokiste gemacht haben.

Dazu muss ich sagen, dass es bereits im Januar 2014 einige Veränderungen gab, die unser Anbieter einführte. Er schloss sich nämlich dem System Ökobox-Online an und bot uns damit die Möglichkeit, bereits im Voraus den Inhalt der Biokiste einzusehen und anzupassen. Der Online Shop ist wie ein kleiner Supermarkt geworden – hier direkt der erste Kritikpunkt: Während es zuvor nur um Obst, Gemüse und Käs’päckle ging, kann man nun auch Tee, Kaffee, Nudeln, Würzmittel bis hin zu Fertiggerichten in Konservendosen kaufen. Da fragt sich, wohin es mit dem ursprünglichen Konzept gegangen ist!?

Mein Mann und ich haben entschieden, dass wir die meisten dieser zusätzlichen Produkte nicht kaufen werden, sondern die neuen Online-Möglichkeiten besser nutzen wollen: Die Transparenz in Bezug auf die Lebensmittel hat sich nämlich sehr verbessert. Ich kann jetzt bei jedem Obst und Gemüse sehen, wo es herkommt und welche Zertifizierung (EU, Bio, Demeter) es hat. Außerdem weiß ich natürlich, welche Produkte aus eigenem Anbau unseres Obstbaubetriebs kommen.

Mein Bestellverhalten sieht normalerweise so aus: Am Sonntag oder Montagmorgen gehe ich in den Onlineshop und schaue, was in unserer Kiste zu finden ist. Dann werfe ich erstmal alles, was nur eine EU-Zertifizierung hat raus, denn da könnte ich ja ebenso in den nächsten Supermarkt gehen. Danach schaue ich, was ich noch zusätzlich an Obst und Gemüse möchte, und kann mir dabei schon überlegen, was ich in der kommenden Woche kochen möchte – der große, große Pluspunkt am neuen Konzept! Ich weiß, dass viele Leute Schwierigkeiten haben, wöchentliche Essenspläne zu erstellen. Durch die Bestellung bin ich gewissermaßen gezwungen, mir darüber klar zu werden, was diese Woche auf meinem Teller landen soll. So kann ich ggf. dann auch montags oder dienstags noch in den Supermarkt gehen und dort weitere Zutaten kaufen, die ich für meine geplanten Gerichte brauche.

Die zusätzlichen Angebote nutze ich gelegentlich trotzdem, um auf meinen Mindestbestellwert zu kommen: Da findet sich bei mir dann mal eine Flasche eigener Apfelsaft oder eine Packung mit Cashewnüssen. Außerdem kaufe ich regelmäßig einen Laib Brot, der dann mitgeliefert wird. Beim Bestellen merke ich schnell, ob ich für die kommende Woche die Kiste überhaupt brauche: Schätzungsweise 1x im Monat heißt es dann auch „Diese Bestellung stornieren“ und ich lege eine Lieferpause ein.

Was die Vorteile anbelangt, auf die ich schon in meinem ersten Beitrag eingegangen bin, so kann ich diese weiterhin unterschreiben. Da wir jetzt aber nicht mehr den Druck haben, ein Lebensmittel aus der Kiste ungeplant verarbeiten zu müssen,  ist es insgesamt stressfreier geworden und wir brauchen auch nichts mehr wegwerfen. Unsere Kosten haben sich m.E. gut eingependelt: da wir Basislebensmittel wie Mehl, Reis oder Nudeln auf Vorrat kaufen, bin ich vielleicht so 2-3 Mal im Monat im Supermarkt (und zusätzliche 2 Mal in einem kleinen Markt um die Ecke).

Mein Fazit: Da ich nahezu täglich zuhause esse, passt das Konzept „Biokiste“ nach wie vor gut. Mit der Qualität der Lebensmittel sind wir sehr zufrieden und durch die erhöhte Transparenz im Onlineshop können wir noch besser auswählen. Abzug gibt es nur für die m.E. sinnfreien, ebenso verfügbaren Produkte – die ich aber selbst natürlich nicht kaufen muss.

Schreiben.

Antje hat mich für den Liebsten Award nominiert und stellt Fragen zu meiner kreativen Tätigkeit.
In Anlehnung an Frauke & Lars nenne ich diesen Beitrag einfach mal „Schreiben“ und werde die Fragen darauf beziehen.

Wie war Dein Weg zu Deiner kreativen Tätigkeit bisher?

Irgendwann im Kindergarten Stift und Papier in die Hand und dann mal los. Wann ich tatsächlich mit dem poetischen Schreiben angefangen habe, kann ich gar nicht mehr so genau sagen. Und in Bezug auf die pubertären Gedichte meiner Jugend sollte ich mich wohl besser bedeckt halten.

Ein einschneidendes Erlebnis, das Schreiben als meine kreative Tätigkeit zu sehen, war in jedem Fall ein Schreibworkshop im Rahmen eines Künstlertages für Jugendliche. Dieser Tag fand in einer großen charismatischen Gemeinde statt und wurde zwei Wochen zuvor bei einem christlichen Event durch zwei junge Leute mit viel Tamtam und überhaupt ziemlich durchgeknallt angekündigt (So nach dem Motto „Wenn ihr auch irgendwie anders seid als andere, dann kommt!“ – oder so ähnlich). Spätestens als meine versammelten Freundinnen über die Darbietung der beiden nur die Nase rümpften, während ich selbst jedoch völlig hingerissen war, wusste ich, dass das mein Ort war. In den Schreibübungen an diesem Tag konnte ich auf einmal genau das ausdrücken, was die ganze Zeit schon in mir war – niemand lachte darüber, keiner verdrehte die Augen, ich war unter einem Haufen traumtänzerischer Künstler angekommen.

Was liebst Du an Deiner kreativen Tätigkeit am meisten?

Ich liebe es, zu sehen, wie sich Wörter aneinanderreihen, wie das nachfolgende Wort dem zuvor Gesagten einen neuen Sinn verleiht, wie die Buchstaben auf dem Papier oder Bildschirm aussehen, wie auf einmal etwas da steht, das zuvor nur im Innen, nicht aber in den Gedanken war. Ich mag dieses:

und dieses:

Wie bringst Du Dich in kreative Stimmung?

Ich hoffe natürlich immer auf den Musenkuss und habe in den letzten Jahren festgestellt, dass er mich am häufigsten in meinen Träumen ereilt. Ich gehöre zu den Menschen, die sich morgens meist an ihre Träume erinnern können, und wenn ich besonders intensiv träume, begleitet mich die Stimmung des Traumes noch in den ersten Stunden des neuen Tages. Greife ich dann einen Moment, eine Szene oder ein Gefühl heraus, braucht es oft nur einen ersten Satz und los geht’s. In meine Texte baue ich manchmal ganze Traumsequenzen ein, meist sind die Traum-Momente aber nur der Ausgangspunkt, auf dem dann eine eigene, neue Geschichte wachsen kann.

Ansonsten helfen bei mir Bleistift und schönes Papier, handliche Notiz- und Tagebücher oder auch mal die leere Beitragsmaske auf dem Blog-Dashboard. Es braucht einen Platz, auf dem sich die Gedanken niederlassen können. Musik ist nur bedingt hilfreich, besser sind Ruhe und eine Tasse Tee.

Wo und wie lernst Du Neues dazu für Deine kreative Tätigkeit?

Lesen. Lesen. Lesen.

Studiumsbedingt verbringe ich viel Zeit mit wissenschaftlichen Texten, da kommt die Literatur schnell zu kurz. Allerdings lese ich, schon seit ich denken kann, gern Gedichte. Diese entdecke ich sowohl auf diversen Blogs als auch im ganz altmodischen Gedichtband auf dem Nachttisch. Ich mag die Reclam-Reihe zu den einzelnen Monaten. Ich lese nicht nur zum Genuß, sondern schaue auch auf die Technik, die die Autoren sich zunutze machen: Stilmittel, Satzbau, Bilder. Auch die bereits beschriebene Schreibwerkstatt oder bestimmte Übungen aus dem Netz waren schon hilfreich.

Was sind Deine kreativen Ziele für die nächsten drei Jahre?

Mehr erzählen, weniger berichten. Ich will das, was ich als meinen eigenen Stil ansehe, weiter ausbauen und möglichst wenig Zeit mit dem Nachahmen anderer verbringen. Das mag vielleicht komisch klingen, aber an sich ist es m.E. nichts Schlechtes, den Stil von anderen auszuprobieren und ins eigene Schreiben verschiedene Richtungen aufzunehmen. Mein Ziel ist es aber momentan, das „Eigene“ herauszuschälen, zu vertiefen und – hoffentlich – zu erweitern.

Danke für die Nominierung, liebe Antje, die Fragen schienen mir zwar erst gar ganz schön schwierig, aber dann ging es mir doch leichter von der Hand als erwartet. Ich hoffe, du bist zufrieden :-)