#augustbreak2017 – Lavender

Lavendel ist der Duft meiner Großmutter. Sie roch immer nach teuren, reichhaltigen Cremes, hatte Lavendel in ihren Vorgarten gepflanzt und kleine Säckchen mit getrockneten lila Blüten in ihrem Kleiderschrank. Auf ihrer Fensterbank pflegte sie hinter dicken, gehäkelten Vorhängen ihre Orchideen und ansonsten saß sie mit Vorliebe in einem übergroßen Sessel, klappte mit einem Griff die Beinstütze hoch und streckte die Füße aus. In Mühle und Halma war sie nahezu unschlagbar und bei „Stadt, Land, Fluß“ wusste sie im Schlaf für jeden Buchstaben eine passende Antwort. Obgleich sie selbst lieber noch ein Schinkenbrot als ein Dessert aß, versorgte sie mich kübelweise mit Eis und schubladenweise mit Süßkram. In einer winzigen Küche kochte sie Unmengen an Hausmannskost und der Geschmack ihres Sauerbratens liegt mir bis heute auf der Zunge.

#augustbreak2017 – Where I live

Ein seltener Moment der Entspannung, als das Flugzeug die Wolkendecke durchbricht. Die Welt von oben sehen. Abstand nehmen. Unterwegs nach ganz weit weg. Das eigene Leben für einen Moment hinter sich zurücklassen, bis man sich daran erinnert, dass es ja doch in einem steckt. Man nimmt sich selbst überallhin mit, das wusste schon Seneca. Und doch, das sichere Gleiten des Flugzeugs beruhigt und für einen winzigen Augenblick fühle auch ich mich ein wenig leichter. Ein Moment, um darin zu leben.

#augustbreak2017 – Gold

Golden der Ehering meiner Urgroßmutter. Ich bekam ihn nach ihrem Tod zusammen mit den wenigen anderen Gegenständen, die ihr wirklich etwas bedeuteten. Das Bild, das sie sich, als sie aus ihrem Haus vertrieben wurde, noch unter den Arm geklemmt hatte. Die kleine goldene Uhr an der Kette, die sie immer in ihrer Westentasche getragen hatte. Und eben der Ehering, der nun an einer schmalen Goldkette in meiner Schatzkiste liegt. Es wäre seltsam, ihn am Finger zu tragen, aber noch seltsamer, ihn wegzuwerfen oder zu vergessen.

#augustbreak2017 – Morning

Eines der ersten Dinge, die ich zur Zeit am Morgen mache, ist ein Selfie. Ja, ein Selfie. Ich mag Selfies nicht. Ich finde es seltsam, auf Instagram seitenweise Bilder derselben Person anzuschauen. Ich finde all die „duckfaces“ irritierend und verstehe auch nicht, wieso Menschen Kurse besuchen, um mit dem Handy „the best angle“ von sich zu knipsen, die Schokoladenseite, wodurch alle Bilder gleichermaßen vorteilhaft und vor allem gleichermaßen gleich aussehen. Doch vor wenigen Wochen tat es einen ziemlichen Schlag in meinem Leben. Und nun ist eine meiner ersten Handlungen am Morgen der Griff nach dem Smartphone. Ein Doppelklick. Ein Bild. Der Versuch, den Phoenix aus der Asche zu dokumentieren.

#augustbreak2017

Ja, ich versuche es. Nicht jeden Tag und sicher nicht so fleißig wie beim #augustbreak2016, eher als Teil dieses großen Lernprozesses, meinen Anspruch an mich selbst etwas herunterzuschrauben. Susannah hat wie jedes Jahr Stichwörter vorgegeben und sollte mir etwas zu ihnen einfallen, werde ich hier ein paar Zeilen schreiben. Mal sehen, wohin die Reise geht!

Wettlauf

Wenn das Leben so schnell rennt, dass du nicht mehr mithalten kannst: Der Asphalt unter den Füßen, die quietschenden Schuhe, der Mensch im Trikot vor dir. Keuchend läufst du hinterher und siehst irgendwann nur noch Staub, als deine Beine dir den Dienst verweigern. Völlig aus der Puste hältst du dich an der Straßenlaterne fest. Dein Herz klopft dir bis zum Hals und kleine Schweißtropen fließen über deine Stirn. Du atmest tief ein, ziehst den Sauerstoff durch Mund und Nase und hörst dem Herzklopfen zu. Das Leben pocht in dir und so hast den Blick längst von deiner Laufstrecke abgewandt. Soll sie doch ohne dich rennen, diese verrückte Welt. Soll sie dich in ihrem Um-sich-selbst-Kreisen mittragen, denkst du plötzlich, und drückst die Hände auf den Boden.

5 Jahre „Preach it, Baby!“

WordPress gratuliert meinem Blog und mir heute zum 5. Jahrestag und das ist doch einen Blogpost wert. Immerhin sind wir schon ein bisschen wie ein Liebespaar, mein Blog und ich. Von der Verliebtheitsphase (ich denke ständig an dich und will dir am liebsten alles sofort erzählen) über die symbiotische Pärchenphase (wir unternehmen alles gemeinsam) haben wir bis hin zu Phasen des Rückzugs und der Distanz (ich mache das lieber mit mir selbst aus) oder des Fremdflirtens (andere Blogs haben auch schöne Augen schöne Texte) schon einiges durchgemacht. 318 Begegnungen sind dokumentiert, in diesem Jahr sind es gerade mal 20, was zeigt, dass wir wohl derzeit eher nebeneinander her leben.
Für meine treuen Leser*innen habe ich ein paar Auszüge aus den letzten fünf Jahren zusammengestellt:


[Erster Header im Juli 2012]

Glück
Das ist nicht wie rosa Zuckerwatte, klebrig und süß
Glück ist wie ein Pfennig, gefunden in der Straßenrinne
verschmiert und dreckig, doch für den Finder von Wert
fast wäre er in den Gulli gerollt, doch da liegt er, klein und stumm
und ich hab ihn noch gesehn
[Gebloggt am 22.01.2013]

Liebeserklärung an den Sommer
Endlich ist der Sommer da und wie sehr genießen wir ihn!
Wir tragen kurze Shirts und darunter den Bikini, setzen uns die Sonnenbrille keck in die Haare und gehen Eis essen, ins Freibad oder an den See. Oder aber wir liegen einfach nur faul im Garten und essen Wassermelone und Erdbeeren.
[Gebloggt am 16.06.2013]

Curriculum Vitae
Und ich?
Ich stelle fest, dass ich zu alt geworden bin, um mich herauszureden.
Zu sehr ich selbst, um noch zu beschwichtigen.
Ich habe zu viel hinterfragt, zu viel dekonstruiert, um an dein Luftschloss noch glauben zu können, oder vorzugeben, dass ich es mit dir teilen würde.
Vor weniger als einem Augenblick stand ich noch in einem Raum mit zehntausend offenen Türen. Doch jetzt und heute sehe ich, ich bin längst durch meine eigene Tür hindurchgegangen.
Und ich gehe nicht zurück.
[Gebloggt am 25.08.2013]

Riesenrad fahren.
[Gebloggt am 29.04.2014]

Da drückte er mir einen Kuss auf die Wange und sagte nur: Entscheidend ist doch, wer du in Gott bist. Wer du für Gott bist. Was er über dich denkt. Darauf kommt es an.
[Gebloggt am 29.06.2014]

 

Unausgesprochen
aus der Reihe: Tonspurexperimente, die ich gern mal weiterführen möchte.
[Gebloggt am 30.05.2015]

Worte wie Luftballons
Viel zu oft schreibe ich für dich.
Ich sehe Bilder und lese Zitate und setze sie wie ein Mosaik für dich zusammen. Ich bilde ein Kunstwerk vor deinen Augen, es ist mein Werk und natürlich nicht meines allein, es gehört auch ihm und ihr und dem Mädchen, das ich neulich im Bus sah. Dennoch blitzt immer wieder etwas darin auf, das nur für dich ist, ich reiche dir die Hand in meinem Schreiben, unsichtbar strecke ich sie aus, meine Fingerspitzen berühren dich beinahe, ein Bild, ein Wort, der Wind trägt es mit sich in eine andere Welt, und dann ist der Zauber auch schon wieder vorbei, verflogen, bis ich irgendwann neue Wörter und Leerzeichen wie Luftballons in den Himmel aufsteigen lasse. Direkt vor deinen Augen fliegen sie los und auch wenn du die angehängten Karten niemals findest, sind sie doch allein für dich bestimmt.
[Gebloggt am 14.06.2016]

#augustbreak 2016
[Gebloggt am 03.08.2016]

Also, wenn ihr mich sucht: Ich bin abgetaucht / im Pool / in meine Urlaubslektüre versunken / beim Essen / auf einem Road Trip quer durch Istrien / mit dem Einkauf von Schnaps beschäftigt / Boot fahren / den Sommer genießen.
[Gebloggt am 28.08.2016]
 

Gemeinsam einsam
Der Himmel ist blau und leuchtet.
Ich lerne, dass meine Isolationsgefühle völlig normal sind. Das Gefühl, am Ende allein zu sein, ist weder neu noch erschreckend (auch wenn es mich umhauen, lähmen und stundenlang betrunken auf dem Sofa zurücklassen kann). Im Gegenteil, das Gefühl ist vertraut und bekannt, und ich kenne diese spätmoderne Gesellschaft viel zu gut, als dass ich noch Angst davor hätte, es in einem Gespräch messerscharf zu benennen. Vielleicht kenne ich auch nur die Literatur, die Frage hat ihre Berechtigung, doch in jedem Fall wurde ich noch nie enttäuscht, es folgten stets ein Nicken und ein verständnisvoller Blick. Ich studiere Literatur- und Kulturtheorie im Master, zu irgendwas muss dieser Studiengang ja gut sein, denke ich gerade.
[Gebloggt am 31.01.2017]

Es war nicht ganz leicht, aus der Vielzahl der Texte, Töne und Bilder auszuwählen, drum lade ich euch ein, gern in den verschiedenen Kategorien meines Blogs zu stöbern! Ich habe dabei gerade festgestellt, dass ich mittlerweile sehr viel ‚ausgewählter‘ blogge als früher und dass mir dadurch manche kreative Dynamik verloren geht. Ich habe große Lust, wieder bei einer Bloggeraktion mitzumachen, da die Stichworte helfen, manches Rohe und Unfertige zur Sprache zu bringen. Wir werden sehen, was sich so anbietet.

Genießt den Sommer, meine Lieben! Und lasst mal was von euch hören!

10 spontane Erkenntnisse aus 30 Jahren

Dieser Beitrag wurde motiviert durch Anne von anny-thing.de

1. Lass die Finger von Haschkeksen!
2. Sei gnädig mit deinem jüngeren Ich. (Es ist in Ordnung, Gelegenheiten zu verpassen.)
3. Meide den Vergleich. (Und meide Menschen, die dir den Vergleich aufzwingen.)
4. Das Leben ist zu kurz, um nicht nach Neigung zu studieren. (Das Leben ist nicht zu kurz, um nochmal neu anzufangen.)
5. Gebet ist wie Atmen. (Einfach. Natürlich. Lebensnotwendig.)
6. Sex wird überbewertet und Intimität unterschätzt.
7. Gib Lebensmitteln und Gerichten, die du nicht magst, eine zweite Chance. (Und in fünf Jahren eine dritte.)
8. Wenn du dir unsicher bist, benenne das Offensichtliche. (Nur weil es für dich offensichtlich ist, muss es das nicht auch für andere sein.)
9. Jeder Mensch freut sich über Postkarten und kleine handgeschriebene Briefe. (Schreib mal wieder. Trau dich. Auch wenn nichts zurückkommt.)
10. Wenn du auf eine Hochzeit gehst, bei der es erst abends deftiges Essen gibt, dann frühstücke ausreichend. (Oder pack dir ein Vesper ein.)

Spätsommer II

[Spätsommer I]

„Puh, wie gut, dass die Meute nun unterwegs ist!“, seufze ich und lasse mich in einen der gemütlichen Korbsessel auf der Terrasse fallen. Abgesehen von ein paar Großeltern und Großtanten ist der Saal nahezu leergefegt, einige Helferinnen räumen noch die Kuchenreste in die Küche und das Brautpaar genießt mit seinen Gästen einen Spaziergang durch den weitläufigen Park. Ich beschließe, den Moment für eine kurze Verschnaufpause zu nutzen, gleich geht es weiter, die Luftballons müssen noch aufgeblasen werden, doch dafür brauche ich die Hilfe der Küchenmädels und so schließe ich noch für ein paar Sekunden meine Augen und strecke mein Gesicht der Sonne entgegen. Die Wärme hüllt mich ein, es ist ein perfekter Spätsommertag, mit dem großen Zeh schiebe ich mir die Schuhe von den Füßen und lege meine Beine auf den nächstbesten Sessel.

Innerhalb von Minuten erfasst mich eine wohlige Trägheit und Entspannung. Ich greife nach dem Wasserglas und trinke einen großen Schluck. Als ich es zurück auf den Tisch stelle, höre ich jemanden aus dem Saal treten. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass du es bist. Mein Herz schlägt alarmierend laut in meiner Brust. Ich lege den Kopf ein wenig schief und schmunzle über mich selbst. Die Alarmfrequenz funktioniert also noch. „Na, auch noch da?“, höre ich dich fragen und kurz darauf sitzt du auch schon im Korbsessel neben mir. Eine Kinnbewegung und ein Lächeln müssen als Antwort reichen. Du lächelst zurück und beim Anblick deiner Grübchen muss ich breit grinsen: „Wolltest du nicht mit spazieren gehen?“ Die Frage verlangt keine Antwort. Schweigend sitzen wir nebeneinander und schauen in den sommergrünen Park. Endlich einmal Ruhe und Zeit zu zweit, denke ich, der Augenblick hätte nicht besser gewählt sein können, um die Funken an Emotion und Erinnerung in Balance zu bringen.

Als die anderen Mädels schließlich schwatzend auf die Terrasse treten und mir das Signal geben, dass wir mit den Luftballons anfangen können, haben wir kaum drei Worte miteinander gewechselt. Dennoch kommt es mir wie das Aufwachen aus einem tiefen Gespräch vor. Beinah etwas benommen schlüpfe ich in meine Schuhe und spüre deinen Arm an meinem, als du fast zeitgleich mit mir aufstehst. Ein Blick in deine Augen genügt, um zu sehen, dass die Berührung für dich ebenso elektrisierend ist. Hellwach schauen wir uns an, ich atme tief ein und keiner von uns will seinen Blick zuerst abwenden. Die Mädels rufen noch einmal nach mir. „Geh schon“, sagst du und nickst mir zu. Doch als ich mich umdrehen will, hält deine Hand mich fest. Für einen kurzen Moment schiebe ich meine Wange an deine und flüstere dir ein „Bis später“ ins Ohr. Leichtfüßig hüpfe ich die Treppen zum Saal hinauf.

Der Anfang vom Ende

Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell über dich hinwegkommen würde. Ein paar Monate und etwas Abstand und das war’s dann auch schon. Angesichts dieser großen, unglücklichen Liebe erscheint es mir selbst wenig glaubwürdig, doch was soll ich sagen? Manchmal scheint sich die Zeit eben besonders viel Mühe bei der Wundheilung zu geben.

Klar, ich kann nicht leugnen, dass es ein Schlag für mich war, als du mir sagtest, dass es zwischen uns vorbei ist. Es war hart und es zog mir für einen Moment den Boden unter den Füßen weg. Du habest jemanden kennengelernt, sagtest du, und es sei etwas Ernstes. So ernst, dass es nicht reichen würde, die Benefits aus unserer Freundschaft zu streichen, sondern dass eine klare Linie gezogen werden müsse, und diese Linie, so dein Plan, verlief nun einmal zwischen dir und mir. Du schautest mich dabei an, als habest du gerade den Wetterbericht vorgelesen. Ich schluckte erst, dann nickte ich und brachte sogar noch einige verständnisvolle Sätze über die Lippen – nur um einige Tage später Zeter und Mordio zu rufen. Zum ersten Mal in unserer Freundschaft machte ich dir Vorwürfe. Unnötige Vorwürfe, denke ich heute, doch damals mussten sie raus. Du hattest dich verabschiedet, es war dein gutes Recht, und doch hattest du allein entschieden.

Du hast immer allein entschieden, auch in all diesen Unglücksjahren mit mir. In diesen überglücklichen Unglücksjahren. Schon als ich dich kennenlernte, bestimmtest du den Kurs, bestimmtest das Tempo und hattest stets das passende Label für unseren Freundschaftsstatus parat. Ich will mich hier nicht zum Opfer stilisieren, ich trage genauso die Schuld an diesem ungünstigen Verlauf und die wenigen Fäden, die ich hatte, hielt ich umso sicherer in meiner Hand. Mit feinen Antennen erkannte ich bald die Augenblicke der Unachtsamkeit, ich entwickelte eine Ahnung für deine schwachen Momente und wusste sie für mich auszunutzen. Deine Prinzipien waren dir heilig und doch schob ich mich immer wieder an ihnen vorbei, hinter das hart gesetzte Label, hinein in deine unwillkürliche Umarmung. Sie war ein geradezu unbewusster Akt der Zuneigung, du dachtest nicht nach in diesen Situationen und das kam mir zugute.

Für „Friends with Benefits“ sah dein Plan vor, dass Übernachtungen und Benefits sich ausschließen würden; wer zu Gast war, musste also irgendwann nach Hause gehen, auch wenn das bedeutete, um drei Uhr morgens noch unter Restalkohol seine Sachen zu packen. Mit einer Übernachtung wäre die Grenze zum Pärchen für dich nicht mehr erkennbar, meintest du, und ich schluckte erst, dann nickte ich und selbstverständlich fand ich ein paar verständnisvolle Worte. Übernachtungen bei Freunden seien hingegen okay, da spreche nichts dagegen, es sei selbstverständlich, Freunden nach einer partyreichen Nacht einen Platz auf der Couch anzubieten – oder auf der eigenen, 1,40m-breiten Matratze, wenn es denn zwischen den Beteiligten passte.

Natürlich passte es bei uns, wir hatten uns über die Jahre aneinander gewöhnt, hatten einen gemeinsamen, selbstverständlich rein freundschaftlichen, Rhythmus gefunden und ich schlief gerne bei dir im Bett. Wenn ich neben dir lag, streckte ich immer meine Zehen von dir weg, sodass sie unter der Bettdecke hervorlugten, und schob meinen Rücken noch ein paar Zentimeter näher zu dir hin. Eine komische Schlafhaltung, meintest du, wie eine Mondsichel, und obgleich ich zuhause nicht sonderlich mondsichelförmig schlief, schien es mir hier bei dir passend – so passend, dass ich auf die Schnelle nie eine plausible Antwort auf deine Bemerkung gefunden hätte. Tatsache war, ich fühlte mich viel zu wohl damit, fühlte mich so wohl in deiner Nähe auf diesen 140 gemeinsamen Zentimetern, genoss die nicht einmal anderthalb Meter für zwei Menschen, die jenseits aller Labels ein Herz und eine Seele waren. Ein glückliches Herz und eine traurige Seele, wohlgemerkt.

Lob des Junggesellinnenabschieds

Da 140 Zeichen manchmal einfach nicht ausreichen, gibt es hier nun meine ausführliche Antwort zum Thema Junggesell(inn)enabschied. Los ging’s auf Twitter mit dem Statement von @FrauAuge

und anschließend schlugen einige ähnliche Töne an bis hin zu folgendem Kommentar der @stadtpoetin:

Nachdem ich diesem Tenor heftig widersprochen hatte, möchte ich nun ein wenig von meinem eigenen Junggesellinnenabschied erzählen und warum ich es genau so auch wieder machen würde:

Mein Junggesellinenabschied hatte zunächst einmal eine Vorläufer-Veranstaltung: Das Team-Braut-Treffen. Als mein Mann und ich uns entschlossen, zu heiraten, suchte ich mir wie die meisten Verlobten unter meinen Freundinnen eine Trauzeugin aus. Schnell war jedoch klar, dass mich bei den Hochzeitsvorbereitungen mehr als nur diese eine Freundin unterstützen würde, und um diesen Einsatz zu würdigen und ihm einen Rahmen zu geben, gründete ich das „Team Braut“ und lud all meine Mädels zu einem knallrosa Treffen ein. Hintergrund für den vielen rosa Kitsch war, dass mein Mann und ich auf gar keinen Fall eine rosa-Kitsch-Hochzeit haben wollten (ich bin auch echt nicht der Typ dafür) und ich aber – ähnlich wie neulich beim Valentinstag – große Lust hatte, dem rosa Trend aus all den Hochzeitsmagazinen an einem einzelnen Tag doch mal eine Spielwiese zu geben. Am Team-Braut-Treffen lernten sich also einige meiner Freundinnen kennen, bei denen das bisher noch nicht der Fall war, es war trotz rosa Kitsch eine starke, „empowernde“, weibliche Gemeinschaft und wir planten einigen organisatorischen Kram und sprachen über Singlesein, Beziehungen und übers Heiraten.

Einige Monate später organisierten eben diese Freundinnen meinen Junggesellinenabschied. Samstagmorgens ging es los, meine Trauzeugin hatte den Kleinbus ihrer Eltern ausgeliehen und sammelte nach und nach alle auf der Strecke ein. Zunächst gab es im WG-Haus meiner liebsten Freundin Milla eine kleine Stärkung und ein fröhliches Umziehen und Stylen. Die Mädels hatten T-Shirts bedruckt, die wie Band-T-Shirts aussahen und den Titel der Zeitschrift trugen, die wir mit 18, 19 Jahren selbst gestaltet und herausgegeben hatten. Vorne war mein Gesicht zu sehen, nicht als Foto, sondern so wie es in einer Ausgabe auf dem Cover zu sehen war. Hinten waren als Tourdaten die Kennenlerndaten und Meilensteine in der Beziehung meines Mannes und mir aufgeführt. Hier also keine Spur von „letzter Abend in Freiheit“, sondern eine liebevolle und aufrichtige Anteilnahme an meinem bisherigen Lebensweg alleine und mit den Mädels (Zeitschrift) sowie mit meinem Mann (Tourdaten). Das T-Shirt hat für mich ausgedrückt, dass meine Freundinnen mich wirklich gut kennen, dass sie mich auf meinem bisherigen Weg begleitet haben und das auch weiterhin tun werden, ja, es war für mich eine Zusage zu mir als Person mit allen Entscheidungen, die ich treffe, und ein Ausdruck der Freundschaft, die nicht mit der Hochzeit aufhört, sondern auf die ich mich immer verlassen kann.

Weiter ging es zum bereits erwähnten Lasertag, das für mich eine gelungene Überraschung war. Frau Auge fragte mich ja, was ich denn am JGA unbedingt machen wollte, und auch wenn ich es im Voraus nicht wusste, dann war es doch genau so eine Aktion. Natürlich kann man auch einfach so mit Freunden Lasertag spielen gehen, doch wir hätten es wohl in dieser Konstellation nicht auf die Reihe bekommen. Noch dazu liebe ich Überraschungen und mit dieser haben mir meine Freundinnen eine echte Freude gemacht. Wir hatten alle zusammen viel Spaß! (Mit dem Alkohol haben wir erst danach angefangen ;))

Anschließend fuhren wir in die nächstgrößere Stadt, in der es diesen klassischen JGA gab, den ja anscheinend sehr viele Menschen ganz furchtbar finden: Wir tranken Sekt, ich hatte einen Bauchladen und die ein oder andere kleine Aufgabe zu lösen. Diesen Teil des JGA wollte ich tatsächlich gerne haben, ja, man macht sich ein wenig (oder auch ein wenig mehr) zum Affen, doch ich wollte es einfach ausprobieren und quasi mal raus aus meiner persönlichen Comfort Zone. Meine Freundinnen haben mich tatkräftig beim Verkaufen der ganzen Kleinigkeiten unterstützt und ich habe selbst sehr darauf geachtet, nur Menschen anzusprechen, die mir auch freundlich zugewandt waren. (In meiner Heidelberger Studentenzeit habe ich es nämlich gehasst, in der Fußgängerzone immer wieder zwangsweise in JGA hineinverwickelt zu werden!) Was ich dabei erlebt habe, war einfach großartig: Unglaublich freundliche und offene Menschen, die mich beglückwünschten, mir großzügig den größten Plunder abkauften, die mir von ihren eigenen Hochzeiten, geglückten und gescheiterten Ehen erzählten und mir für meine Ehe alles Gute wünschten. Für diese Begegnungen bin so dankbar, vielleicht kann man die Erfahrung ein wenig mit Aktionen wie „Free Hugs“ vergleichen: Fremde Menschen, die es gut mit dir meinen. Außerdem hatten wir natürlich einfach Spaß zusammen, haben mit einem Männer-JGA geflirtet und ich durfte einem Fremden einen Kussabdruck verpassen, es war lustig und vielleicht alles ein bisschen wilder und verrückter als sonst.

Als uns vom vielen Laufen irgendwann die Füße weh taten und es auch schon langsam dämmerte, gingen wir in ein Lokal zum Essen, hauten dabei das durch den Bauchladen eingenommene Geld für Getränke auf den Kopf, und entspannten uns ein wenig. Danach zogen wir nämlich los zum Tanzen in einen Club, der an sich gar keine Junggesellenabschiede reinließ, uns aber aufgrund unserer Band-T-Shirts nicht als JGA erkannte. Die Gäste im Club allerdings verstanden schnell, dass wir ein JGA waren, und immer wieder kamen fremde Menschen auf mich zu, gratulierten mir und wünschten mir eine schöne Hochzeit und eine gute Ehe. Das war einmal mehr herzerwärmend!

Nach einer Übernachtung im WG-Haus und einem gemütlichen Frühstück machten wir uns am nächsten Morgen wieder alle auf den Weg nach Hause.

Und nun?

Ich sehe nicht, an welcher Stelle mein JGA eine Panikreaktion war, die Ehe als Gefängnis darstellte oder ein „letzter Abend in Freiheit“ zelebriert wurde. Es war auch in der Tat nicht der letzte Abend, an dem ich Spaß mit meinen Mädels hatte – im Gegenteil: Er hat unsere Freundschaft gestärkt, einige Freundinnen haben sich zum ersten Mal kennengelernt, und mir wurde im Lauf der beiden Treffen quasi genau das Gegenteil von dem bewusst, was JunggesellenABSCHIED vorgeblich sein soll: Dass ich mich als nicht durch die Ehe als ehemals eigenständige Person in eine Zweierbeziehung auflöse, sondern dass ich ein eigener Mensch mit eigenen Vorlieben, Interessen und auch eigenen Freundinnen bleibe. Dass ich mich auf diese Frauenfreundschaften verlassen kann, dass sie mich lieben und bei den großen Entscheidungen meines Lebens zu mir stehen und mich unterstützen. Dass sie den Weg mit mir gehen werden und die Hochzeit nicht das Ende unserer Freundschaften ist (was für ein schräger Gedanke!).

Insofern denke ich sehr gerne an meinen Junggesellinnenabschied zurück und denke mittlerweile auch, dass gerade die manchmal vielleicht auch von Unsicherheiten und Zweifeln geplagte Phase der Hochzeitsvorbereitung diese bestärkende, freundschaftliche Erfahrung gebrauchen kann!

Im Mutterschoß Gottes

Ich sitze in der Andacht nach einem Tag voller Gedanken, voller Reden, Leben, Tun. Ich habe das Glück, so zu sitzen, dass ich durch das große Fenster hinausschauen kann und ich erlaube mir die Weite. Ein Platz, Menschen, Häuser, Straßen, die Baumwipfel und dahinter, darüber der Himmel. Ich betrachte die Äste und Blätter der Bäume, das Abendblau des Himmels. Es kostet nicht viel Kraft, den Himmel und die Bäume zu betrachten, ich muss nicht denken, kann einfach nur schauen, wahrnehmen, so wie es anderen vielleicht mit der Maserung des Holzes ergeht.

Ich sitze in der Andacht und bin mir bewusst: Ich sitze vor Gott. Gott ist da und durchdringt diesen Raum, durchdringt mich. Ich spüre Gottes Anwesenheit.

Der zurückliegende Tag in mir tritt hervor und ich lasse die Gedanken daran – wie weiße Wolken am Sommerhimmel – durch meinen Kopf, meinen Sinn ziehen. Ich halte sie nicht fest, aber ich scheuche sie auch nicht weg. Sie dürfen sein, ich halte sie Gott hin, halte mich selbst hin und bin so dankbar für die Begegnung.

Ich bin an Andachten von einer Stunde gewöhnt und innerlich teile ich sie in Viertel. Schon am Ende des ersten Viertels lugt ein Gedanke hervor, der Gedanke an Gott als Mutter, ich empfinde ihn nicht als ausgedacht oder als Teil meiner Gedanken, sondern als gegeben, geschenkt. Ich hänge ihm ein wenig nach, lasse ihn wirken. Ich spüre, Gott möchte mir heute als Mutter begegnen, und während mein ganzer Körper, meine Wahrnehmung, mein Erleben die Gott-Mutter einlädt, tut sich mein Kopf, voll patriarchaler Prägungen, schwer, ruft sich zur Rechtfertigung Bibelstellen von weiblichen Gottesbildern (die Henne und ihre Küken…) ins Gedächtnis, fragt sich, ob das ausreicht, oder man nicht doch systematisch-theologisch darüber nachdenken müsste – und währenddessen, ganz unbenommen von allen Kopf-Gedanken, birgt sich mein ganzes Sein im Mutterschoß Gottes. Es tankt Liebe und Wärme und eine warme, weiche, unaufdringliche Zuwendung. Gott als Mutter ist so präsent, dass ich mich ihr nicht entziehen kann – und auch nicht entziehen will. Ich glaube, Elia am Horeb hat sie auch so erlebt, in diesem Säuseln.

Meine Tag-Gedanken steigen weiter auf, bewegen sich hin und her, da höre ich plötzlich Gesang in mir, erst leise und dann immer klarer: „Ubi caritas et amor, ubi caritas – deus ibi est.“ Ein Taizélied. Ich habe keine besondere Beziehung zu Taizéliedern, ja, sie klingen schön, aber ich kann nicht so viel mit ihnen anfangen, bevorzuge normalerweise eher Paul Gerhardt und Jochen Klepper, viel Text, viel Tiefe, viel für meinen Kopf. Doch das Taizélied bleibt. Es ist ein Wiegenlied und ich finde es ein wenig verrückt, dass Gott darin sprachlich männlich ist. Das Lied passt ganz eindeutig zu meinem Bild vom Mutterschoß Gottes, es tut gut, es im Hintergrund meiner Gedanken zu hören, sie sind aufgehoben bei Gott, nun muss gar nicht mehr viel passieren, es ist alles da, alles gut, ich lasse die Gedanken weiter wandern und lausche der Musik. Ich lächle die Gott-Mutter an und sage danke.