Verzicht (oder: „Bin ich ein Biertrinker?“)

 

Was ich besonders an ihm liebe, ist sein Verzicht auf Sätze, die mit „Ich bin so ein Mensch, der..“ beginnen.
Schon als wir uns kennenlernten, übte diese Eigenart eine ausgesprochene Faszination auf mich aus. Keine Aussagen über das eigene Ich. Kein Mitteilen, kein Erklären der eigenen Geschichte. Warum man so ist, wie man sich gerade präsentieren möchte. Und das in einer Zeit, in der andere (auch ich) jede Minute eine neue Identitätsbestimmung vornahmen – und diese natürlich auch jede Minute neu mitteilen mussten.
Es war nicht so leicht, etwas über ihn zu erfahren und auch auf meine direkten Fragen bekam ich selten eine eindeutige Antwort. Wollte er nicht antworten, fand er die Frage nicht wichtig oder kannte er sich selbst nicht? Es schien, als sei es ihm egal, wie er selbst war oder bei anderen ankam.  Er legte keinen Wert darauf, sich in Schubladen stecken zu lassen oder sich selbst ein bestimmtes Etikett aufzukleben. Diese Eigenart gab ihm die Freiheit, zu sein – eine Freiheit, deren Vorgeschmack mich mit so viel Sehnsucht erfüllte.
Ich wollte mir die Etiketten abgewöhnen. Noch heute beiße ich mir immer wieder auf die Zunge. Dabei habe ich bereits gelernt, wie einfach es sein kann, dass Menschen mich kennenlernen, ohne dass ich ihnen je etwas über meine Vergangenheit oder bisher vorgenommene Selbstreflektionen mitteile. Und ich lerne immer weiter, mich im Verzicht zu üben.
Lasst uns doch die Freiheit genießen, mit jemandem ein Bier trinken zu gehen, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob man nun ein „Biertrinker“ ist oder wie gut das zur eigenen Identität als „Hobby-Sommelier“ passt. Es entspannt ungemein, jemanden anzuquatschen, ohne ihm gleichzeitig mitteilen zu müssen, dass man ja eigentlich sehr schüchtern ist. (Das wird er im Zweifelsfall nämlich gleich selbst mitkriegen, wenn man die Zähne nicht mehr auseinander bekommt.) Oder einfach pünktlich zu einem Treffen zu erscheinen, weil man ja „so ein Mensch ist, der Verspätungen nicht leiden kann“. So wie er zum Beispiel.

6 Gedanken zu „Verzicht (oder: „Bin ich ein Biertrinker?“)

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  2. Einerseits schränken uns diese Selbst-Etikettierungen ein, da hast du recht. Andererseits… Das „andererseits“ passt nicht in einen Satz. Also versuche ich es mal länger: Wir leben in einer Welt der unendlichen Möglichkeiten, zumindest theoretisch. Man kann lieben, wen man will, man kann sich seinen eigenen Job erfinden, man kann ständig neues lernen und neues tun und neues sein. Die Möglichkeiten scheinen unendlich, was genauso wunderbar wie beängstigend ist. Die Selbst-Etikettierungen nun können uns als Koordinaten in dieser riesigen, unüberschaubaren Welt der Möglichkeiten dienen. Wenn ich kreativ bin, arachnophob, kein Biertrinker und Teil einer monogamen, heterosexuellen Beziehung – dann ist das Universum zwar immer noch groß und herrlich, aber es ist auf ein Maß eingedampft, das ich viel mehr begreifen kann.

    • Hallo Ellen! Danke für deinen Kommentar! Ich verstehe, was du meinst. Es spricht für mich auch nichts dagegen, sich selbst auf bestimmte Dinge, wie z.B. eine monogame, heterosexuelle Beziehung, festzulegen, im Gegenteil glaube ich auch, dass es ein Zeichen von Reife ist, zu verstehen, dass man trotz dieser großen, unendlichen Welt selbst ein sehr beschränktes Wesen ist. Schwierig wird es aber dann, wenn man zum einen ständig jeden (v.a. neue Kontakte) über sein Selbstbild/-verständnis in Kenntnis setzen muss, besonders dann, wenn man gerade das Gegenteil des eigenen Etiketts demonstriert, und zum anderen an bestimmten Etiketten so lange festhält, dass es schon wieder weh tut – nur weil man sich nicht eingestehen mag, dass das Etikett wohl nicht mehr zu einem passt. Noch ein konkretes Beispiel: Ich habe dich ja nun ein klein wenig über deinen Blog kennengelernt und du müsstest mir nicht sagen: “Ich bin ein kreativer Mensch” – vielmehr könntest du mir dein selbstgebasteltes Reisebüchlein zeigen oder deine Montagsmalerbilder. Und selbstverständlich trägst du auch dann noch Kreativität in dir, wenn du mal 3 Monate lang nicht den Zeichenstift zur Hand nimmst. Für mich alles kein Grund für (Selbst-)Erklärungen: Ich habe ja Augen im Kopf :-)
      Liebe Grüße! Mathilda

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