Marlen Haushofer: Die Wand

Knapp über zwei Wochen habe ich euch mit Beiträgen hängen lassen, dennoch viel an diesen Blog gedacht und überlegt, was es sich als Nächstes zu posten lohnt. Es ist gar nicht so leicht, zuverlässig ein Blog zu schreiben.

Meine Zeit in Frankfurt ist diese Woche zu Ende gegangen und bestand vor allem aus viel Arbeit – und noch mehr Wertschätzung für eben diese Arbeit. Da ich an einem Tag unter starken Zahnschmerzen litt und daher zum Zahnarzt musste, kam ich am Ende tatsächlich auch mal früher nach Hause und konnte den Herbstnachmittag ein wenig genießen.


Das Buch, das ihr auf dem Bild seht, ist ‚Die Wand‘ von Marlen Haushofer. In Berlin habe ich die Verfilmung im Kino gesehen und war sehr fasziniert davon.

Es ist schon ein wenig älter, nämlich aus dem Jahr 1963, und geht darin um eine Frau, die vom Rest der Menschheit völlig abgeschnitten wird und alleine (über-)leben muss. Die Frau fuhr mit einem befreundeten Ehepaar auf eine Jagdhütte in den Bergen. Das Ehepaar ging abends in das nah gelegene Dorf und kam nicht mehr zurück. So macht sich die Erzählerin auf die Suche nach ihnen und stößt auf einmal auf eine unsichtbare Wand, die ihr den Weg nach außen abschneidet. Sie erblickt hinter der Wand erstarrte Menschen und Tiere und ist gefangen auf einem (dennoch recht großräumigen) Gebiet um die Jagdhütte. Warum die Wand da ist, bleibt unklar – im Buch geht es darum, wie sich die Erzählerin in ihrer Situation einrichtet und wie sie selbst diese erlebt.

Sie lebt in der Jagdhütte zusammen mit ihrem Hund ‚Luchs‘, der Kuh  ‚Bella‘ und einer Katze. Mit der Zeit gewöhnt sie sich an das Leben in und mit der Natur und muss viele Fertigkeiten neu erlernen, zum Beispiel einen Acker zu bewirtschaften oder auf die Jagd zu gehen. Immer wieder schildert sie die Gedanken, die sie in ihrer Situation beschäftigen und denkt über ihr Leben nach.

Durch die Wand wurde ich gezwungen, ein ganz neues Leben zu beginnen, aber was mich wirklich berührt, ist immer noch das gleiche wie früher: Geburt, Tod, die Jahreszeiten, Wachstum und Verfall. (S. 137)

Ihre Gedanken erscheinen mir sehr wertvoll und machen auch mich nachdenklich. Ihr Umgang mit der Einsamkeit und dem Alleinsein hat mich sehr berührt. Die Erzählerin wirkt nicht übermenschlich, sondern sehr ehrlich und gerade in ihrer Schwäche auch wieder stark. Sie wächst an den Rückschlägen, die sie erleidet, und findet ihren eigenen Rhythmus in ihrem Alltag.

Ich arbeitete bis Ende August mit dem Holz. Meine Hände gewöhnten sich schließlich daran. Sie staken immer voll Splitter, die ich jeden Abend mit der Pinzette entfernte. Früher hatte ich mit dieser Pinzette meine Brauen gezupft. Jetzt ließ ich sie wachsen, und sie wurden dicht und viel dunkler als mein Haar und gaben mir einen düsteren Blick. (S. 90f.)

Der Herbst war mir immer die liebste Jahreszeit, wenn ich mich auch körperlich nie sehr wohl fühlte. Bei Tag war ich müde und doch überwach, und nachts lag ich stundenlang in einem unruhigen Halbschlaf und träumte wirr und lebhafter als sonst. Die Herbstkrankheit verschonte mich auch im Wald nicht, aber da ich sie mir kaum erlauben konnte, trat sie gemildert auf. Vielleicht hatte ich auch nicht die Zeit, sie besonders zu beachten. Luchs war sehr aufgekratzt und munter, aber ein Fremder hätte wahrscheinlich keinen Unterschied bemerkt. Er war ja fast immer munter. Ich habe ihn nie länger als drei Minuten mürrisch gesehen. Er konnte einfach der Aufforderung, fröhlich zu sein, nicht widerstehen. Und das Leben im Wald war eine ständige Verlockung für ihn. Sonne, Schnee, Wind, Regen, alles war ein Anlaß zur Begeisterung. Ich konnte neben Luchs nie lange traurig bleiben. Es war fast beschämend, daß es ihn so glücklich machte, mit mir zusammen zu sein. (…) Vielleicht verdankt der Mensch seinen Größenwahn dem Hund. Sogar ich bildete mir manchmal ein, es müßte an mir etwas Besonderes sein, wenn Luchs sich bei meinem Anblick vor Freude fast überschlug. Natürlich war nie etwas Besonderes an mir, Luchs war, wie alle Hunde, einfach menschensüchtig. (S. 106f.)

Es ist kein aufregendes oder lustiges Buch, aber ein sehr intensives für den, der es versteht, sich auf leise Töne einzulassen.

Auch den Film kann ich nur empfehlen, er läuft aktuell im Kino. Hier findet ihr den Trailer. Hervorragend geeignet für einen inspirierenden Herbstnachmittag.

Zitate aus: Marlen Haushofer, Die Wand, dtv, 2. Aufl., Januar 2000.

Ein Gedanke zu „Marlen Haushofer: Die Wand

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