Die Sache mit den BWLern

Manchmal erscheinen einem ja bestimmte Personengruppen besonders attraktiv.

Da gibt es Mädchen, die vor allem auf den Künstlertypen stehen.
Sie fühlen sich magisch angezogen von langhaarigen Gitarrenspielern, die ihre tiefgründigen Texte vertonen, von Kreativen, deren lyrische Ader sich auf Poetry Slams zeigt, oder im fortgeschrittenen Stadium dann gerne auch von Bassisten (Merke: „Stille Wasser sind tief“).

In Berlin fanden sich hingegen einige junge Männer, denen die Frauen, pardon: „Mädchen“ gar nicht blond und zierlich genug sein konnten, modische Kleidung ein „must-have“, am besten mit einem Portfolio an semiprofessionellen Fotos im Internet (Zitat: „So ein Model als Freundin ist eben schon ein Statussymbol“).

Dass ich gegen derlei Fixierungen nicht gefeit war, merkte ich schon, als ich monatelang auf mein Frischkäsebrot Meerrettich strich. Ich war dem Meerrettich hoffnungslos verfallen. Frischkäse ohne Meerrettich? Nein, das ging gar nicht mehr. Der Meerrettich war mein Ein und Alles.

Nach meiner Entscheidung, noch alternativer als die Alternativen zu werden (= spießig), umgab ich mich dann auch gerne mit den klassischen Spießern, vornehmlich BWLern, Juristen oder – eine unterschätzte Gruppe – den Wirtschaftsingenieuren. Im Gegensatz zu mir hatten sie eine klare Vorstellung davon, wie die Welt funktionierte – und zierten sich selten, mir diese ausführlich darzulegen. Sie waren deutlich besser gekleidet als die meisten meiner Kommilitonen (vor allem: endlich mal ein richtiger Haarschnitt!) und sobald sie auch nur den Anschein eines souveränen Auftretens erweckten, konnten sie sich meiner ersten Aufmerksamkeit sicher sein. Gegen Arroganz habe ich nach wie vor nichts einzuwenden – allein ein zu großspuriger oder aber zu knausriger Umgang mit dem Einkommen aus gut bezahlten Praktika, Nebenjobs (oder dem Geldbeutel wohlhabender Eltern) konnte mich abschrecken.
Die Begegnung mit ihnen war bereichernd – vor allem, weil manches, was von Geisteswissenschaftlern meiner Couleur pseudoreflektiert und vorschnell als oberflächliches Vorurteil abgetan, sich schließlich doch bewahrheiten sollte.

Doch wie auch mit dem Meerrettich, den ich zwar immer noch liebe, hat man irgendwann einfach einen Überdruss. Man hat schlicht zu viel davon.

Und da sitzen wir nun, in einem kleinen Café in Berlin, zu sechst an einem schönen großen Tisch. Deine 20er-Jahre-Brille steht dir hervorragend, doch ich verzichte darauf, es dir mitzuteilen. Schon in diesem Moment hätte ich stutzig werden sollen – etwas hatte sich verändert. Und als du nun beginnst, mir die Welt zu erklären, da blicke ich nur auf und noch bevor mein Verstand den Gedanken fasst, formt mein Mund die Worte: „Sorry,… ich kann dir jetzt nicht zuhören. Ich habe mich an BWLern einfach überfressen.“

2 Gedanken zu „Die Sache mit den BWLern

  1. Ich weiß, was Du meinst…, aber unter jeder Stundenten- bzw. Berufsgruppe findet man solche Menschen. Man findet auch das volle Gegenteil zu den Spießern, die nur so unkonventionell/locker sein wollen, wie nur möglich, dass es schon grenzwertig ist. Fakt ist, dass auch im Leben meistens die jeweiligen Gruppen eher untereinander bleiben, weil man eher die Nähe zur gleichgesinnten sucht. Ich bin mir jedoch sicher, dass hinter jeder Fassade, sicherlich ein anderer Mensch steckt, als man es ursprünglich vermutet. Meistens hat man wenig Interesse dahinter zu kommen. :)

  2. Pingback: 1 Jahr “Preach it, Baby” (mit Verlosung) | Preach it, Baby!

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