Abschied IV: Curriculum vitae

Ich lebe mein Leben am liebsten von innen nach außen.

Vom ersten Moment der Geburt an, stürmen in dieser Welt viele Dinge auf einen ein, viele Eindrücke, Meinungen, Erfahrungen anderer Menschen, man sieht und schaut und ist heillos überflutet von allem, was es da draußen so gibt. Während man aufwächst, geben die Eltern, die Familie, die Schule einem einen Rahmen, an dem man sich entlanghangeln kann, sich festhalten, sich orientieren.

Und doch wird man sich schließlich lösen von den Vorgaben der Eltern, vielleicht auch irgendwann von ihren Erwartungen, sich lösen von dem, was die eigene Alterskohorte so macht und sich seinen eigenen Weg suchen.

Diese Entwicklung wird in der Jugendzeit und als junger Erwachsener von außen durchaus positiv bewertet. Einem Jugendlichen werden eine ganze Reihe an Experimenten und an Ausprobieren zugestanden. Auch die regulative Gruppe der Gleichaltrigen, der Schulfreunde und Nachbarskinder hat, trotz mancherlei Neid und Angriffen, meist Respekt davor, wenn jemand „sein eigenes Ding“ macht und sich traut, einen neuen Weg zu gehen.

Und so fühlt man sich gut auf dem selbstgewählten Weg, ein wenig stolz, ein wenig erhaben, auf jeden Fall stark in der eigenen Entscheidung. Das Umfeld ist nachsichtig und großzügig mit einem, man kann sich manchen Fehltritt erlauben, manch unvernünftigen und naiven Schritt tun. Es beobachtet einen, es gibt einem die Zeit.

Doch langsam und schleichend, man hat kaum damit gerechnet, tritt es mit all den tot geglaubten Erwartungen, den jemals in einen gesetzten Vorstellungen und Vorgaben wieder an einen heran. Vielleicht geschieht dies plötzlich und konfrontativ, oder aber man spürt es nur in den Nebensätzen, in den Blicken oder den schwindenden oder sich intensivierenden Kontaktbemühungen.

Bei einigen Menschen konnte ich diesen Vorgang aus der Ferne beobachten, ohne je in Erwägung zu ziehen, dass es mich genauso treffen würde. Viele haben sich angepasst, manche haben sich dem Einfluss entzogen, wenige stehen noch immer verwirrt und erschrocken da, gleich einem verängstigten Reh im Lichtkegel, von voll widerstreitenden Stimmen in ihrem Innern, und wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen.

Und ich?

Ich stelle fest, dass ich zu alt geworden bin, um mich herauszureden.
Zu sehr ich selbst, um noch zu beschwichtigen.
Ich habe zu viel hinterfragt, zu viel dekonstruiert, um an dein Luftschloss noch glauben zu können, oder vorzugeben, dass ich es mit dir teilen würde.
Vor weniger als einem Augenblick stand ich noch in einem Raum mit zehntausend offenen Türen. Doch jetzt und heute sehe ich, ich bin längst durch meine eigene Tür hindurchgegangen.
Und ich gehe nicht zurück.

2 Gedanken zu „Abschied IV: Curriculum vitae

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