Abschied V: „Abschiedsworte müssen kurz sein wie Liebeserklärungen.“

So schön und prägnant sich Herr Fontane da ausdrückt, weiß ich doch nicht, ob ich ihm Recht geben soll. Drum will ich zum Abschluss dieser Reihe zwei Plädoyers halten – eins für die Kürze der Abschiedsworte und eines für deren Unendlichkeit.

[Plädoyer für die Kürze]
Ich habe anlässlich verschiedenster Umzüge so manche Abschiedsbriefe bekommen und Abschiedsworte gesprochen und gerade in ihrer Kürze haben mich bestimmte Worte sehr berührt und ich trage sie bis heute mit mir. Ein einfaches „Ich schätze dich.“ oder „Du wirst mir fehlen.“, gesprochen im richtigen Moment oder gekritzelt auf eine abgerissene Postkarte, wanderte so direkt in mein Herz – und hoffentlich auch in das manch alter Freunde, von denen ich mich eigentlich gar nicht trennen wollte.
Einige Monate lang teilte ich mir das Büro mit einer Kollegin, die zur Gruppe der Menschen gehörte, bei deren Erzählungen man leicht den Eindruck gewinnen konnte, sie müssten bereits zwei oder drei Leben gelebt haben. Sie hatte die halbe Welt bereist, mit den unterschiedlichsten Menschen in den verschiedensten Konstellationen zusammengearbeitet, sie hatte Menschen in kurzer Zeit sehr intensiv kennengelernt und genauso schnell wieder aus den Augen verloren. An manche war die Erinnerung geblieben, aber zahllose waren einfach an ihr vorbeigegangen.
Meine Kollegin mochte keine Abschiede – ich weiß nicht, ob sie sich davor fürchtete, aber ich glaube eher, dass sie die Wahrheit sprach, wenn sie sagte, dass sie Abschiedsworte absolut überflüssig fand. Sie verabscheute jede Form von Heuchelei und so war es ihre Philosophie, dass im Moment des Abschiedes bereits alles gesagt war, was es zu sagen gab, und man somit genau wisse, was man am anderen hatte oder möglicherweise auch verlieren würde. Ich mochte ihre Einstellung, denn ich sah sie in ihr selbst mit Leben gefüllt. Während ich aus den entlegendsten Ecken des Unternehmens an meinem letzten Arbeitstag Sympathiebekundungen zu hören und zu lesen bekam, verließ sie das Büro ganz einfach mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen alles Gute. Mehr gibt es nicht zu sagen, denn alles andere wissen sie.“
Ja, so gibt es diese Art der kurzen und dennoch inhaltsreichen Abschiedsworte, welche die vorangegangene gemeinsame Zeit in sich tragen, die schönen Momente schmecken lassen und der Beziehung nichts Neues hinzfügen, aber doch das bereits Gesagte und Gefühlte auf den Punkt zu bringen imstande sind.

[Plädoyer für die Unendlichkeit]
Doch manchmal braucht es auch einen Roman.
Nicht immer einen Geschriebenen, es reicht auch ein Gedachter oder einer, der sich in vielen kleinen Anekdoten ansammelt, die man mit einem Lächeln auf den Lippen und Zwinkern in den Augen oder aber auch tränenüberströmt vor Trauer dem besten Freund anvertraut. Das sind die Abschiede, zu denen man gezwungen wird. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist es kein beiderseitiges Abschiednehmen, wie ich es oben beschrieben habe. Um diesen Abschied zu vollziehen, muss ich mir in der Trauer die Reaktion und Antwort des anderen erst vorstellen und das kann Zeit und Kraft kosten. Vielleicht kann ich in einer Todesanzeige den Abschied in wenige Worte fassen, doch wenn anschließend nicht mehr der Mensch selbst, sondern nur noch die Erinnerung an ihn mich begleitet, dann stelle ich doch fest, dass Abschiednehmen nichts Punktuelles, sondern vielmehr etwas immer Wiederkehrendes ist. Gerade dann, wenn ich weiß, dass mich dieser Mensch in Gedanken niemals verlassen wird, füge ich mit jedem Erinnern und jedem Dank den Abschiedsworten eine Silbe hinzu.
Eine Trilogie dieser Abschiedsworte, über die ich auf verschiedenen Blogs gestolpert bin, habe ich hier zusammengestellt:

1 Jahr – In der Perlenwelt wird Theresa vermisst.
3 JahreEllen schreibt im Andenken an ihre Oma.
8 Jahre Susannah denkt an die Liebe ihres Lebens.

Vielleicht aber sind das dann auch schon keine Abschiedsworte mehr.

In diesem Sinne, auf bald!
Mathilda

3 Gedanken zu „Abschied V: „Abschiedsworte müssen kurz sein wie Liebeserklärungen.“

  1. Ein aufrichtiger und kurzer Abschied ist meistens mehr wert als ausschweifende Abschiedsworte im Tränenmeer. Man muss sich nicht aus den Augen verlieren, man hat es selbst in der Hand.
    Liebe Grüße

  2. Oh! Wie wunderschön. Sehr schön und wahr geschrieben.
    Ich finde, kurze Abschiede sind für den Moment vielleicht einfacher, doch ich ertappe mich schnell wie ich denke „ich wünschte, ich hätte xyz noch gesagt“. Also generell brauche ich viele Worte.
    Danke für die Verlinkung. Es passt.

  3. Wirklich schön. Ein Grund mehr, heute an Oma zu denken. (Es wird seltener, das ich an sie denke. Gut? Schlecht? Wahrscheinlich ist es keines von beidem, sondern ist.)

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