Sonntagsgedanken*

Es ist schwierig, wieder und wieder nach ein und demselben Sachverhalt in meinem Leben beurteilt zu werden. Ich liebe einen Mann, der meine Glaubensüberzeugung nicht teilt und wohne mit ihm ohne Trauschein zusammen. Damit habe ich für viele meiner Glaubensgenossen gleich zwei Sünden mit einer Klappe geschlagen und das Gespräch auf Augenhöhe ist beendet.

Für meine nichtchristlichen Leser muss das ein denkbar schlechtes Bild vom Leben mit Gott vermitteln, was mir ausgesprochen leid tut. Ich hoffe, dass es mir gelingt, zwischen menschlichen Urteilen und einer persönlichen Beziehung zu Gott hier eine klare Linie ziehen zu können. Denn ich komme nicht umhin, diese für mich schwierigen Erfahrungen auch in meine Blogposts einzubeziehen.

Ich möchte hier nicht theologisch argumentieren, warum ich es ganz in Ordnung finde, so zu leben, wie ich es tue, und warum ich auch glaube, dass Gott sehr gut damit leben kann und weiterhin auch sehr gerne in mir lebt. (Vielleicht sollte ich das in einem Folgebeitrag mal tun…)

Heute geht es mir darum, dass mir dieser identity marker der „sexuellen Reinheit“ das Leben im Leib Christi ziemlich erschwert. Ich kann kaum zählen, wie viele Diskussionen und Predigten ich darüber gehört habe, dass man als Christ vor der Eheschließung sexuell enthaltsam leben soll. (Die Frage danach, ob man einen Nichtchristen als Partner wählen sollte, wurde – neben einem Zitieren des Verses „Zieht nicht an einem Joch mit den Ungläubigen“ – auch schnell abgearbeitet: Welcher Nichtgläubige würde sich schon auf diese Enthaltsamkeit einlassen?)

Da die Sexualität des Menschen ein Thema mit enormer Spannung, Eigendynamik und Kraft ist, ein Urthema des Menschseins und vermutlich auch einfach ein Feld, in dem man sich erst einmal zurecht finden muss und dafür seine Zeit braucht, wird in manchen Kreisen das sexuelle Verhalten eines Menschen zum Dreh- und Angelpunkt seiner gelebten Frömmigkeit. Und hier sind wir auch schon am Knackpunkt:

Ich führe Gespräche mit Christen, die mich nicht kennen, und weiß genau, dass ich meine Beziehung und Wohnsituation dabei besser ausblende. Ich merke förmlich das Zucken und Umschalten im Gehirn des Gegenübers, wenn klar wird: „wohnt mit Freund zusammen“. Nein, zur Gruppe der wahrhaft Gläubigen kann ich nun nicht mehr gehören. Eine Zeit lang habe ich mich selbst deswegen als „Christ zweiter Klasse“ wahrgenommen, bis mir Gott ganz deutlich zeigte: Das bist du nicht.

Jessica Valenti (eine Feministin, die man in christlich-konservativen Kreisen sowieso nicht lesen sollte… ok, ich spotte) zeigt in ihrem Buch „The Purity Myth“ sehr schön auf, wie schwierig es ist, überhaupt eine Definition für die angestrebte Reinheit und Jungfräulichkeit zu finden. Daran anschließend muss ich fragen: Wo ziehen wir die Grenze zwischen „rein“ und „unrein“? Sind wir uns bewusst, dass das Ideal, nach dem wir uns ausrichten, ein rein gedachtes ist, dem weder wir noch ein anderer jemals entsprechen kann? Und wenn wir dennoch daran festhalten – wollen wir tatsächlich den Grad der äußerlich sichtbaren Erfüllung zum Hop-oder-Top-Maßstab über den gelebten Glauben unseres Gegenübers erheben?

Aber es ist ja so viel einfacher, feste Kriterien zu haben. Ich weiß, wie liebend gern wir in schwarz und weiß denken. Drinnen oder draußen. Gerettet oder verdammt. Mir fällt es nur so enorm schwer, diesen Umschwung in den Gesprächen gebacken zu kriegen. Wenn ich zunächst noch als „Schwester im Herrn“ wahrgenommen werde und für die Arbeit, die ich tue, so viel Wertschätzung spüre, so viel Verbundenheit und Gemeinschaft – und meine holprigen Worte, auf Nachfrage geäußert, einen Keil hinein treiben und ich die Enttäuschung des Gegenübers, die Distanzierung förmlich riechen kann. (Nein, ich bilde mir das nicht ein!)

Wie sehr wünsche ich mir an dieser Stelle einen anderen Umgang miteinander! Einen Umgang, bei dem die Warmherzigkeit und Freundlichkeit eines Menschen beim Erwähnen seiner Lebenumstände nicht abgewertet werden. Bei dem seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit nicht von einem Moment auf den nächsten an Bedeutung verlieren. Bei dem man nicht fragt: „Warum seid ihr noch nicht verheiratet?“, sondern lieber: „Wie geht es euch in eurer Beziehung? Was schätzt ihr aneinander? Wovon träumt ihr? Wie gestaltet ihr euer Leben zu zweit?“

Ich will dich, mein Gegenüber, für genau das schätzen und akzeptieren, was du bist. Ich höre dir offen und aufmerksam zu, was du mir erzählst und aus deinem Leben mit mir teilen willst. Wer bin ich, darüber zu urteilen? – „Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Der Herr aber sieht das Herz an.“ – Und auch ich selbst möchte nicht in einer Schublade landen, aus der ich frühestens mit der Hochzeit wieder herauskomme.

*Musik dazu, jetzt mit richtigem Link: Brown Feather Sparrow: We have to Run
(Ihr Lieben, weist mich doch bitte darauf hin, wenn meine Links nicht funktionieren!)

12 Gedanken zu „Sonntagsgedanken*

  1. Genau das stört mich an der Religion, weil sie Leute in Schubladen sortiert und nicht tolerant ist. Jeder soll so leben dürfen, damit er glücklich ist.Wenn man liebt, sollte man von keiner Religion dazu gezwungen werden es amtlich zu machen, nur damit andere die Beziehung akzeptieren. Liebe braucht viel Zeit, etwas Freiheit und die Religion raubt ihr diese. Das ist meine nichtchristliche Meinung. Ich wundere mich, dass es in der modernen Welt noch Christen gibt, die wirklich so altmodisch denken. Ich frage mich, wie viele davon wirklich diese Enthaltsamkeit leben und wie viele es zur vorgeben.
    LG
    Buchstaben-Emma ;)

    • Ich bewege mich zu einem Teil meines Lebens in einem Umfeld, in dem es sehr viele Menschen gibt, für die der Glaube sehr, sehr wichtig ist und die ihr Leben auch danach ausrichten. Vielleicht ist es altmodisch, vor allem aber ist ein ehrlicher und aufrichtiger Wunsch, nach dem Willen Gottes zu leben und Jesus nachzufolgen. Ich bin selbst auch gläubig (siehe manche Beiträge, z.B. mit dem Tag „Jesus“), ich habe allerdings innerhalb dieses Glaubens Schwierigkeiten mit diesen Schubladen. Was du über die Liebe schreibst, finde ich sehr wertvoll! Danke für deinen Kommentar!

  2. Ich finde nicht, dass es die Religion ist, die in Schubladen einsortiert (um auf den ersten Kommentar einzugehen), sondern die Menschen, die nach dieser Religion leben.
    Mal ganz davon abgesehen, Gott liebt alle. Egal wie sie leben und was sie tun. Warum solltest du dich also vor irgendwem außer ihm rechtfertigen müssen? Frag sie das mal das nächste Mal. Außerdem liebst du doch ehrlich und aufrichtig und von ganzem Herzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für Gott etwas schöneres geben kann, als das. Wenn du dir sicher bist, dass du kein „Christ zweiter Klasse“ bist, dann sag diesen Menschen, die dich deswegen abwerten, dass du mit ihm im Reinen bist. Es gibt nichts, was sie dagegen anbringen könnten.
    Und so als Gedankenspiel:
    Zu einer Heirat gehören zwei, was wäre, wenn es nicht an dir liegt, dass ihr noch nicht verheiratet seid? Inwiefern verändert dies deine Arbeit, deine Ziele, deine Persönlichkeit?
    Es verändert sie eben nicht. Du bist du, ob gerade deswegen oder wegen etwas anderem ist nicht wichtig oder sollte es nicht sein.
    Man kann auch sehr gläubig sein, ohne sich solchen „Zwängen“ unterzuordnen.
    Ich lebe ja auch mit meinem Freund zusammen :)

    • Danke für deine Gedanken! Ja, du hast Recht, dass es immer die Menschen sind, die einen in Schubladen stecken…. Genau das, was du schreibst – nämlich: Ich bin immer noch ich und damit derselbe Mensch – ist auch das, was mir so oft durch den Kopf geht. Darauf wollte ich auch mit meinem Beitrag hinweisen… dass ich es nicht verstehe, warum meine ganze Person (!) auf einmal anders gesehen/betrachtet/beurteilt wird. Auch wenn mir klar war, dass du es wahrscheinlich genauso siehst, bin ich echt dankbar für diesen treffenden Kommentar. — Es sieht nicht jeder so…

      • Ich weiß :)
        Das Ganze geht aber natürlich auch andersrum. Die Leute sehen „Ah, sie wohnt mit ihrem Freund zusammen, hat studiert und zwischendrin immer mal wieder gearbeitet, das ist ein ganz normales Mädchen“ und dann erzählst du ihnen, dass du in die Kirche gehst und die Bibel liest (oder was auch immer du noch so tust). Dann rattert es kurz in deren Köpfen und schwupp beurteilen sie dich danach, wie man das den heutzutage noch sein kann, gläubig. Es passt in deren Weltbild genausowenig rein. Oder ich sag es mal so: Ich werd dann immer ganz komisch angesehen^^
        Sollte dich mal wieder jemand so behandeln, du weißt, wo du dich drüber auskotzen kannst :)

  3. Ja, umgekehrt passiert das durchaus auch. Man kann regelrecht sehen, wie die Toleranz mancher Menschen strapaziert wird, wenn man sich (selbst als nicht-religiöse, nicht im grundsätzlichen Sinne Gläubige) dem Religions-Bashing verweigert – und auch ich habe manchmal das Gefühl, allein aufgrund der Tatsache, dass ich eben nicht finde, dass Religion per se sinnlos und gefährlich ist, mit sinnlosen und gefährlichen Menschen in einen Topf geworfen zu werden. Manchmal kann man aber auch sehen, wie es beim einen oder anderen zu rattern beginnt – und das wiegt den Rest dann auch wieder auf :-)

  4. ach, hier könnte ich ganz lange schreiben… Ich finde, dass es hier um zwei unterschiedliche Punkte geht. Zum einen steht es mir als Christ nicht zu über andere zu urteilen. Jeder hat Punkte im leben, wo es nicht gerade „rein“ zugeht und jeder muss sich an seiner eigenen Nase fassen. Und wenn du erlebst, dass du in dem Moment „abgestempelt“ bist, wo du über deine Beziehung sprichst, sagt das, aus meiner Sicht, zunächst mal etwas über dein Gegenüber aus.
    Zum anderen sehe ich es als meine Aufgabe als Christ an, mich von Gott jeden tag neu führen und lenken zu lassen und mir von ihm auch die Punkte aufzeigen zu lassen, wo ich nicht nach seinem Willen handle. Hinweise finde ich dazu auch in seinem Wort und manchmal auch (auf liebevolle Weise) durch andere Menschen. Diese Korrektur ist aber keine Einengung, sondern möchte das Beste für mich. Wenn es dir in deiner Beziehung gut geht und du mit Gott im Reinen darüber bist, ist doch alles in Ordnung. Soweit in Kürze…
    Liebe Grüße, Sonja

    • Hey Sonja, auch hier: Danke für deinen Kommentar und deine Gedanken! Leider erlebe ich dieses „Abgestempelt“-werden immer wieder und es ist kein schönes Gefühl. Ich möchte selbst keinem Menschen so begegnen und hoffe auch, dass keiner sich in meiner Gegenwart so fühlt. Was meine Beziehung angeht, bin ich sehr glücklich und auch mit Gott darüber im Reinen. Das war nicht immer so, ich habe es in meinem Beitrag oben bereits angedeutet. Daher genieße ich das Gefühl innerer Ruhe nun umso mehr. Liebe Grüße! Mathilda

  5. Ich wundere mich immer wieder darüber, dass gerade Sex in manchen christlichen Kreisen das entscheidende Kriterium ist. Wo genau in der Bibel steht denn das? Die Frage nach Reichtum und Armut, die absolute Solidarität Gottes mit den Fremden, den Witwen und Waisen ist für alle biblischen Autor_innen ein wesentlich größeres Thema. Ich aber bin noch nie danach gefragt worden, ob ich es mit meinem Glauben vereinbaren kann, ein großes Haus allein zu bewohnen und mir ein Auto einfach so kaufen zu können.

    • Hallo Frau Auge, danke für den Gegenbesuch auf meinem Blog und für den Kommentar! Meine Vermutung ist, dass es (rein bezogen auf die Bibel) hier vor allem auf 1Kor 6,13ff zurückgeht. Gemeinde als Leib Christi. Der eigene Leib, die eigene Sexualität, im Gegensatz zum Thema Essen/Speisegebote, mit der Möglichkeit versehen, Auswirkungen auf die ganze Gemeinde/den gesamten Leib Christi zu haben. Dieses ist das bisher einzige Bild in der Bibel, bei dem ich irgendwie einen Zusammenhang zwischen eigenem Sexualverhalten und Gemeinde sehen/konstruieren kann. Generell wage ich jedoch zu bezweifeln, dass uns hier an erster Stelle tatsächlich biblische Gedanken leiten… Liebe Grüße! Mathilda

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