„Global Player – wo wir sind isch vorne“

In der Hoffnung auf einen angenehmen Tagesausklang in träumerisch-nachdenklicher Stimmung hatten wir uns für den „Nachtzug nach Lissabon“ entschieden und standen vor dem kleinen, schnuckligen Kino. Doch Pustekuchen: Statt Literaturverfilmung wurde der Film „Global Player – wo wir sind isch vorne“ gezeigt, in der Ankündigung als „Mischung aus Wirtschaftsdrama und Heimatkomödie“ angepriesen. In meiner eigenen Formulierung wäre ich wohl eher bei der altbewährten „Tragikomödie“ geblieben.

„Global Player – wo wir sind isch vorne“ ist trotz seiner komischen Elemente ein eher ernster Film, der sich nach Meinung meiner Begleitung nicht so recht für ein oder zwei Themen entscheiden konnte. Womit wir dann doch wieder bei dem Begriff „Mischung“ wären: Generationenkonflikt & Familie, Mittelstand & Globaliserung, Kriegserinnerungen & Aufbau Deutschlands, schwäbische Provinz & China. Vieles wird angesprochen, an-erzählt, aber nicht auserzählt.

Es geht um eine mittelständische Firma im Schwabenländle, die seit Generationen von der Familie Bogenschätz geführt wird. Die Geschicke der Firma werden nach wie vor vom Seniorchef, einem Patriarchen und typisch schwäbischen „Bruttler“, bestimmt. Aktuell befindet sich die Firma in einer Krise, was der geschäftsführende Sohn dem Vater jedoch verschweigt. Stattdessen überschreibt er heimlich sein Haus der Bank und beginnt Verhandlungen mit den – dem Vater verhassten – Chinesen. Als sich die letzten Hoffnungen auf die Rettung der Firma durch einen Großauftrag zerschlagen, lässt sich die katastrophale Situation nicht mehr verbergen und die ganze Familie muss einen gemeinsamen Weg finden, um die Zukunft der Firma und damit auch das Lebenswerk des Vaters zu sichern.

Ich muss ehrlich zugeben: Beim Verlassen des Kinos hätte ich nicht gedacht, dass ich über diesen Film einen Artikel schreiben würde. Der Film kam mir doch eher mittelmäßig vor – und ich glaube, das ist er auch. Es gibt zwar einige sehr interessante Sequenzen in den Begegnungen der Töchter mit ihrem Vater und auch die einzelnen Charaktere sind meiner Meinung nach gut ausgearbeitet und dargestellt, doch an Themen hätte es durchaus weniger sein können. In diesem Beitrag will ich mich jedoch trotzdem auf die lobenswerte Punkte konzentrieren:

In den Kritiken wird immer wieder bemängelt, dass das Dolmetschen zwischen den Deutschen und den Chinesen zu viel Zeit einnehme – diese Kritik kann ich nicht teilen. Genau diese Gespräche verlangsamen den Film sehr angenehm, ohne den Spannungsbogen zu stören. Das Mienenspiel der beteiligten Personen dabei zu betrachten, ist ein großer Genuss.

Die Erinnerungen des Vaters an den Krieg, gezeigt durch Schwarz-Weiß-Szenen, bringen dem Zuschauer die Vergangenheit eindrücklich nahe. Immer wieder gibt es Stellen, die einem den knorrigen, alten Kauz verständlich machen, sein Leben als Ganzes begreifbar werden lassen, sodass man sich trotz seines rauhen Umgangstons ein wenig in ihn hineinfühlen kann.

Den wesentlichen Sachverhalt (und vermutlich auch den Grund, warum mir der Film wider Erwarten noch tagelang nachging) formuliert der Regisseur Hannes Stöhr treffend in einem Interview: „Ja, es geht um die Globalisierung – das Regionale ist zugleich das Globale. Man lebt in Berlin und glaubt, man sei am Nabel der Welt. Und dann kommt man nach Hechingen und merkt: ­Berlin ist Provinz gegen hier. Hier läuft ­Hechingen gegen Shanghai, also David ­gegen ­Goliath ab. China ist die größte ­Herausforderung für die deutsche Wirtschaft seit dem 2. Weltkrieg, das muss man sich klarmachen.“

Unter diesem Aspekt lohnt es sich auf jeden Fall, sich den Film anzuschauen! Wer daran jedoch nicht interessiert ist, sollte sich vermutlich besser ein Kino suchen, in dem der „Nachtzug nach Lissabon“ noch läuft… ;-)

9 Gedanken zu „„Global Player – wo wir sind isch vorne“

  1. Bei dem Beitragtitel dachte ich noch: „Waaaas`!“ :D Ich bin überhaupt kein Fan von deutschen Filmen, da ich mich an keinen gesehenen erinnern kann, den ich gut fand. Über „Nachtzug nach Lissabon“ könnte ich nachdenken, in unseren Kinos wird aber weder der eine noch der andere Film gespielt. Somit ist die Sache geklärt :D

  2. Ich war gestern zu müde für den Kommentar. Daher gibt es den heute erst.

    Deutsche Filme sind durchaus spannend und oft besser als ihr Ruf. Wir schauen uns an und zu auch die normal-seichte Berieselung an. Ich habe mir den Trailer angehen. Yuki ist ja mehr oder weniger Schwäbin :D Sie hat den Dialekt aber nie angenommen. Aber sie versteht ihn deutlich besser als ich. Wenn der Film im Fernsehen läuft werden wir uns den anschauen. Wobei der Nachtzug deutlich spannender klingt!

    • Bei den deutschen Filmen stört mich, dass die schauspielerische Leistung mir zu sehr theatralisch ist. Es scheint wohl an der deutschen Schauspielausbildung zu liegen, die mehr auf Theater basiert. Die Dialoge und die Gestik ist meist unnatürlich und Tick zu übertrieben und es wirkt dadurch unecht. Es lässt sich schwer beschreiben.
      Vielleicht liegt es daran, dass ich oft ins Kino gehe und viele Filme gesehen hab, vielleicht dadurch fällt es mir mehr auf. Wenn man oft deutsche Filme schaut, dann fällt das nicht mehr so auf. Ich nenne es Dailysoap-Effekt. Schaut man es täglich, fällt es nicht auf, dass die Akustik dumpf ist und die Dialoge und Handlung schlecht sind – weil man sich längst daran gewöhnt hat.
      Die Franzosen oder die Belgier bekommen dagegen sehr gute Filme hin, die habe ich für mich entteckt.

      • Hast du schon mal asiatische Filme gesehen? Egal, ob nun aus China, Korea oder Japan? Das ist mein Metier. Da wird geweint und gestikuliert, bis das kleine Herz ach so schmerzt *seufzt* ;-)

        Filme aus Frankreich wirken auf mich oft hektisch. Deutsche zugegeben manchmal komisch. Aber sie sind Abwechslung. Und Filme aus dem hohen Norden der Welt oft alles andere als kalt.

      • Nicht alle Filme sind hektisch, diese mag ich auch nicht so. Zuletzt hat mir der Film „The Broken Circle“ sehr gut gefallen – belgischer Film. Gute Schauspieler, authentisch.

        Asiatische Filme sind nicht so mein Fall. Japanische sind etwas überdreht. Mein Mann schaut schon gerne welche, aber eher koreanische. „Bin jep“ fand er z. B. sehr gut (südkoreanisch).

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