Reflektion.

Lange glaubte ich, irgendwas sei bei mir wohl falsch gelaufen. Wenn ich ehrlich bin, kann ich diesen Gedanken auch jetzt nicht so leicht abschütteln. Während bei anderen das Netz an Antworten immer größer und dichter wird, vergrößert sich bei mir nur das Meer an Fragen. An Fragen, Hinterfragen, Zweifeln. Da steckt man mich bzw. da stecke ich mich selbst in ein Studium, in der Überzeugung, diesem Studium als Subjekt gegenüberzustehen und auch – gegenüberstehen zu bleiben. Hier das Studium auf der einen Seite, da das Ich auf der anderen Seite, ein wunderbares Eins-zu-eins. Und das ist ja auch ganz richtig: Lehrinhalte hinterfragen, nicht alles einfach so schlucken, sich seine Veranstaltungen bewusst auswählen, auch nicht jede Methodik gleich übernehmen…. Ja, es gibt dieses Gegenüber: Das Studium dort, ich hier. Dennoch ist es auch genau diese kritische und reflektierende Haltung, in der mich die Jahre an der Universität geschult haben und immer noch schulen. Als Tutorin ermuntere ich Studienanfänger dazu, erst einmal die zu bearbeitende Fragestellung zu hinterfragen bevor sie darauf antworten. Gut, ich mache das nicht aktiv, doch wenn mir ein solches Hinterfragen auffällt, registriere und lobe ich es. Hat das jemand auch bei mir so gemacht? Wer hat mir den Reflektionszwang ins Ohr gesetzt? Und mich damit – zumindest gefühlt – untauglich für die Wirklichkeit gemacht? Ich weiß, ihr werdet mir widersprechen. Es ist das Lob, das ich am häufigsten höre: Ich sei so unglaublich reflektiert. Wie das nur ginge und ob ich einen Rat hätte. Dabei sehe ich selbst noch so viel Luft nach oben. Ich sehe Menschen, die einen Grad an Reflektion haben, der mein Vorstellungsvermögen beinahe übersteigt, Menschen, die Fragen haben, so wie ich, doch denen es scheinbar mühelos gelingt, ihre Fragen so zu formulieren, dass sie als Antworten erscheinen. Ich will das auch. Ich will das ganz unbedingt. Werde ich diesen Punkt jemals erreichen? Zurückblicken können auf meine Verwirrung und Unsicherheit? Vermutlich liegt der Fehler auch hier schon in der Frage. Diesen Punkt gibt es nicht. Er existiert nicht als Punkt, als Aha-Erlebnis, Bekehrung, als dieser eine Moment, ab dem alles anders war. Ein Kommilitone riet mir, mit dem Zustand des Unfertigseins, des dauerhaften Prozesses und des vielen, vielen Fragens Frieden zu schließen. Immer auf der Suche bleiben, neue Fährten aufnehmen und noch mehr Fragen entdecken. Aber dennoch im Reinen mit mir selbst, Akzeptanz, es ist so, und es wird sich – ich wage es kaum auszusprechen – mein Leben lang wohl nicht mehr ändern.

6 Gedanken zu „Reflektion.

  1. Das Leben ist ein endloser Lernprozess. Lass mich dir ein Beispiel aus dem Kampfsport geben. Der Schwarze Gürtel, der Kuro·obi, ist das erstrebenswerte Ziel aller Schüler. Aber was ist er wirklich? Du bist kein Meister, wenn du diesen Gürtel hast. Du hast lediglich einige Stufen auf dem Weg zur Vollkommenheit gemeistert. An dem Tag, an dem der Schüler den Kuro·obi bekommt, an diesem Tag fängt das eigentlich Lernen erst an. Der Weg zur Perfektion, auf dem Weg zum wahren Meister.

    Im Leben bist du immer auf der Suche nach Vollkommenheit. Aber Leben heißt nicht unvollkommen sein. Du bist was du bist und das ist alles was du bist. Was willst du noch mehr sein? Ein Buddha? ;-) Ich glaube dafür sind wir nicht geschaffen. Aber Dinge zu hinterfragen ist nie verkehrt. Ich zweifele selten an mir, dazu bin ich zu selbstbewusst. Und Fehler? Fehler machen nur dier anderen, wir nicht.

    Eine buddistische Weisheit sagt: „Jeder von uns ist ein Gott. Jeder von uns ist allwissend. Wir müssen lediglich unser Bewusstsein öffnen, um unserer eigenen Weisheit zu lauschen.“

    Hör dir zu!

    LG

  2. Ein wunderschöner Text! Ich glaube es ist auch etwas typisches für uns Deutsche, dieses Hinterfragen und ein gewisses Mißtrauen zu hegen wenn etwas zu glänzend und glatt scheint. Einerseits finde ich es gut und auch bereichernd. Aber man will ja nicht immer nur kritisch bewertend daneben stehen sondern sich auch mal hineinwerfen in etwas, sich hingeben, lieben, kämpfen, um etwas weinen… all das geht weit über das reflektierte Leben hinaus- aber eben auch weit über die Gemütlichkeit der „richtigen Antworten“. Wenn ich deine Pläne für`s neue Jahr sehe, dann glaube ich du bist weit davon entfernt nur „kritisch – reflektiert“ zu sein :-).
    Auf das Leben – mit all den wunderbaren Fragen und vielen losen Enden!!!
    Liebste Grüße und hofffentlich bis bald! Christina

  3. Ich weiß es nicht bestimmt, aber ich hätte da so eine Idee, wer dir diese Flause in den Kopf gesetzt haben könnte :D
    Eine Frage habe ich aber an dich: Wäre es nicht langweilig, wenn dir jede Frage, wie eine Antwort erschiene? Wenn du nicht weiter streben würdest, in dem Wissen, dass es vielleicht doch klappen könnte? Manche Menschen können das, ich gehöre da auch dazu. Aber für andere, für dich und Aurora, ist das, denke ich, nichts. Oder zumindest nichts von Dauer.
    Im Übrigen finde ich es noch immer lustig, dass du mich deswegen extra anrufen wolltest :D

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  6. Ja manchmal frage ich mich wirklich, welch ein Unfall muss passiert sein, was müssen unsere Eltern falsch gemacht haben, was muss schief gelaufen sein, dass man zu jemanden wird, der nachdenkt. Viele finden das ja toll, aber die wissen nicht, dass das etwas zwanghaftes hat. Das es einen manchmal aufhält und einen die Unbeschwertheit nimmt: Kohelet 12,12.
    Aber manchmal will man auch sein ratterndes Bewusstsein unterbrechen, nicht mehr ständig interpretieren wollen, nicht in allem eine Tiefe sehen. Einfach mal Sinnlichkeit ohne Sinn. Und dafür gibts bei mir das Tanzen.

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