Warten auf die Erinnerung

Da ist ein Zustand zwischen Erleben und Erinnerung.

Wenn ein Ereignis zu Ende geht, einen Abschluss findet, tritt die Erinnerung noch nicht sofort ein. Nein, sie muss erst wachsen und reifen, ehe sie sich mir zeigen kann.

Wenn ich mich verabschiede, weiß ich noch nicht, was von der Begegnung sich in der Erinnerung festsetzen wird. Sicher gibt es Augenblicke, die sich schon im Moment des Erlebens fest einprägen und bei denen man weiß, dass man sie nie vergessen wird.

Doch die Erinnerung ist eine ganz eigene Größe.
In ihr werden diese Momente neu zusammengesetzt. Sie werden verbunden mit Gefühlen, zu einem Teppich gewebt, dessen Rückseite ein einziges Wirrwarr zu sein scheint. Warum blieb mir diese Geste im Sinn? Wozu dieses Wort?

Das Unbewusste webt an seinem Meisterstück.
Noch kann ich nicht danach greifen, ich muss warten und ausharren, bis die Erinnerung an etwas vorhanden ist und bereit ist, von mir aufgenommen zu werden.

Dann blicke ich auf diesen Teppich, gefangen im alten Gefühl, die Linien betrachtend, das Kunstwerk vorsichtig entdeckend. Vielleicht bin ich überrascht, möglicherweise schockiert. Vielleicht nicke ich auch zufrieden mit dem Kopf oder ich schüttele ihn ungläubig. Das also habe ich erlebt? So war sie nun, diese Begegnung?

Während ich die Gedanken in meinem Sinn bewege, erkenne ich:
Ich kann die Erinnerung nur annehmen. Das Erleben ist vergangen. Wie es war, werde ich nie mehr wissen.

9 Gedanken zu „Warten auf die Erinnerung

  1. Fast möchte man sich darauf freuen, das nächste Mal, wenn Erleben zu Erinnern wird, zu entdecken, welche Gestalt die Erinnerung hat. Vielleicht kann man es als Überraschung betrachten, wenn man akzeptiert, dass sich nicht alles festhalten lässt?

  2. oh, wie wahr, deine worte!
    kann ich gerade zu hundertprozent unterschreiben.
    es ist höchst spannend, wie sich das wirkliche erleben als erinnerung manifestiert. wie wenig einfluss wir darauf haben. denn, eines ist für mich zumindest auch sicher, die erinnerung wird immer mit eigenem gefärbt sein, so dass das erleben als solches wohl gar nicht mehr nachvollziehbar sein wird. was aber nicht schlimm ist, sondern vielleicht das erlebte noch intensiviert?
    hab diesen beitrag sehr gern gelesen und werde wohl noch länger drüber nachdenken müssen.
    danke!

    • Es freut mich, wenn mein Beitrag dich inspiriert! Danke für deinen Kommentar!
      Ich empfinde es als wirklich seltsam, dass wir wohl wirklich so wenig Einfluss darauf haben, wie unsere Erinnerung aussehen wird. Gleichzeitig haben wir natürlich den allergrößten Einfluss darauf. Nur eben nicht im Bewusstsein. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber ärgern, daran verzweifeln oder dankbar darüber sein soll. Ich glaube aber, ich nehme es einfach an und freue mich des Erlebens und der Erinnerungen gleichermaßen.
      Liebe Grüße!

      • ja, ich glaube, das muss man so hin- oder annehmen. unser unterbewusstsein weiß schon, was es tut … ;) liebe grüße auch dir!

  3. Pingback: #12 Eine Freundschaft beenden, wenn es nötig ist | Preach it, Baby!

  4. Pingback: “Preach it, Baby!” macht Sommerferien | Preach it, Baby!

  5. Pingback: “And the moral of the story is that you don’t remember what happened. What you remember becomes what happened.” | Preach it, Baby!

  6. Pingback: Anleitung zur Lüge | Preach it, Baby!

Platz für deinen Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s