Danke, Tobi

Da drückte er mir einen Kuss auf die Wange und sagte nur: Entscheidend ist doch, wer du in Gott bist. Wer du für Gott bist. Was er über dich denkt. Darauf kommt es an.

Ich war 18 und steckte in der bisher größten Krise meines Lebens.

In einem frommen Elternhaus aufgewachsen und nach meiner persönlichen Bekehrung gehörte ich sozusagen schon immer zu den auserwählten Christen und war im Lauf der letzten Jahre in meinem Glauben immer radikaler, missionarischer und aktiver geworden. Ich investierte viel Zeit in Bibelstudium und Gemeinde, ich wollte Gottes Willen in meinem Leben tun und erzählte jedem von Jesus, ob er es hören wollte oder auch nicht. Ich glaube nicht, dass ich dabei total unsensibel oder engstirnig war, ich hatte immer auch nichtchristliche Freunde und gehörte sicher nicht zu denen, die sich hinter christlichen Aktivitäten völlig verschanzten. Doch der Glaube an Gott war der bestimmende Faktor in meinem Leben und auch die Mitarbeit in meiner damaligen Gemeinde spielte für mich eine große Rolle.

Innerhalb eines Jahres brach alles zusammen.

Mein Freundeskreis reduzierte sich von einer Vielzahl an Bekanntschaften und Freunden auf ein Minimum. Tendenziell depressiv und völlig überfordert mit mir und der Welt drifteten mein bisheriges Glaubenssystem und die Wirklichkeit meines Lebens immer weiter auseinander. Ich hatte eine homosexuelle Beziehung, die ich als Sünde vor Gott ansah, und schaffte es dennoch nicht, mich von meiner damaligen Freundin zu trennen. Aus den Gemeindeaktivitäten zog ich mich daher immer mehr zurück, ich brauchte nicht den großen Knall, um zu wissen, dass es mit meiner Karriere als Mitarbeiterin dort vorbei sein würde, wenn mein Lebensstil bekannt wäre. Also kam ich der Gemeindeleitung zuvor.

Mein Ankerpunkt waren eine Handvoll Freunde und die Gottesdienste der Jesus Freaks. Obwohl meine Freundin auf ein „Outing“ und ein offenes Ausleben unserer Beziehung drängte, blieb ich auch hier zurückhaltend und in der Beobachterposition. Einigen wenigen erzählte ich dennoch von meinem Kummer und meiner Orientierungslosigkeit.

Ich wusste nicht, wie mein Leben mit Gott weitergehen sollte. Ich konnte mit den meisten christlichen Veranstaltungen nichts mehr anfangen. Ich fragte mich, wie lange ich die Spannung zwischen meinem eigenen Für-richtig-Halten und der mangelnden Umsetzung noch aushalten konnte. Und vor allem, wie lange Gott sie noch aushalten konnte.

Neben meinen wenigen treuen Freunden waren es einzelne, kleine Momente und Begegnungen, die mir in dieser Zeit Kraft schenkten und Mut machten. Es waren Worte und Gesten von Menschen, die sich gar nicht bewusst waren, wie viel sie mir damit gaben.

Einer dieser Menschen war Tobi. Er war relativ klein und schmal, rauchte enorm viel, war für meine Begriffe stets gut gekleidet und besaß den ängstlichsten zugelaufenen Straßenhund der Welt. Ich wusste, dass er selbst homosexuell war und schon etliche christliche Programme durchlaufen hatte, um seine Homosexualität loszuwerden. Daher zögerte ich nicht, ihm meine Situation zu schildern. Ich hoffte auf einen Rat von ihm, auf ein Wort, einen Lösungsansatz für meine Fragen.

Während ich an stundenlange Diskussionen über Homosexualität gewöhnt war – sowohl in meinem Freundeskreis als auch in jeglichem christlichen Kontext, fiel seine Antwort ziemlich karg und knapp aus und schien auch nicht so recht zu meiner Frage zu passen. Trotzdem spürte ich, dass es alles war, was er mir gerade geben konnte und dass es vermutlich ein Schatz war, den es zu heben galt.

Als ich ihn nun mit großen Augen ansah, vermutlich verheult und verzweifelt, auf jeden Fall ziemlich hilflos, da drückte er mir einen Kuss auf die Wange und sagte nur: Entscheidend ist doch, wer du in Gott bist. Wer du für Gott bist. Was er über dich denkt. Darauf kommt es an.

Danke, Tobi.

4 Gedanken zu „Danke, Tobi

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