Black Swift: The Worlds Howls (Album Review)

Vor diesem Album kannte ich Black Swift nur live. Ich kenne sie als Sally Grayson, Amerikanerin in Deutschland mit einem unglaublichen Charisma, fröhlichem Lachen, einem wunderbar freundlichen, mitfühlenden Wesen und entsprechend ihrer Herkunft einem manchmal seltsam-komischen Akzent. Darüber hinaus kenne ich sie als Black Swift mit Band auf der Bühne, sei es in einem kleinen Club oder einer Festival Lounge, sie steht vorn mit ihrer Gitarre, strahlt herzerfrischend ins Publikum und holt mit ihrer Musik und ihrer Art auch noch den Letzten aus seiner Ecke, um gemeinsam zu singen und zu tanzen. Zuletzt kenne ich sie als Black Swift solo bei Wohnzimmerkonzerten, in kleiner und intimer Atmosphäre, auf einer Geburtstagsparty mit Freunden, bei der man nicht so genau weiß, was einen dazu brachte, aus dem träumerisch-nachdenklichen Lauschmodus auf einmal hüpfend und rufend an einer Polonaise teilzunehmen, die sie mit ihrer Gitarre quer durch das ganze Haus anführt. Sie gehört zu den Menschen, die Stimmung machen, ohne dabei oberflächlich zu wirken. Die in allem, was sie tun, Wahrhaftigkeit und Lebendigkeit ausstrahlen.

So viel der Worte zu Black Swift als Sally Grayson… wie ihr euch denken könnt, war ich sofort dabei, als im Februar das Crowdfunding für ihr erstes großes Album „The World Howls“ begann. Damit sicherte ich mir gleich mal eine der ersten CDs und durfte nun vorab ins neue Album lauschen, um euch noch vor der offiziellen Release-Party ein Album Review bieten zu können. Die Party findet übrigens am Freitag, 11. Juli 2014, im Stuttgarter Club „Zwölfzehn“ statt.

Ich muss zugeben, dass es für mich nun – und daher auch die Vorrede – eine völlig neue Erfahrung war, auf einmal nur ihre Musik zu hören, ohne sie als Person vor mir zu sehen, allein Klang und Stimme ohne Erscheinung zu erleben. Dabei entstand die große Frage: Lässt sich ihre Ausstrahlung allein durch Stimme und Musik transponieren? Wie verändert sich das Hörerlebnis, wenn die körperliche Präsenz fehlt?

„The World Howls“ – die Welt heult auf, so der Titel. Man könnte nun meinen, das Album sei von Trauer und Schmerz durchzogen, doch schon das Cover zeigt die beiden enthaltenen Pole deutlich an: Ein Menschenkopf im Dunkeln, die Augen und Haare von bunten, leuchtenden Blumen überdeckt, mit weit aufgerissenem Mund, einer roten Blüte als Zunge und grauem Totenkopf im Mund. Es ist die Konfrontation mit Tod und Schmerz, die herauswill, und dennoch eine bunte Welt, in der wir leben, in der wir tanzen und Schönheit entdecken.

Hinsichtlich dieser Stärke und Dynamik fällt besonders das Lied „Traum Tod“ auf, das im Anschluss an ein Zitat von Marc Aurel ganz im Stil eines Aufrufs zum Leben gestaltet ist: „Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern, dass man nie beginnen wird, zu leben.“ Schmerz hingegen findet sich in „Love’s harsh winter“, einem Lied über die Liebe, die nach den Schmetterlingen und Frühlingsgefühlen den kommenden Winter nicht auszuhalten vermag: „The spring of love has gone by, now we watch the leaves fall around and die. It grieves me that committment often won’t through the winter, last to grow old in the cold till the ice storms past.“

Das Album enthält zehn Titel, die sich rein musikalisch schwer in ein bestimmtes Genre einordnen lassen. Natürlich kann man immer die Bezeichnung „Indie“ wählen, unter der man anscheinend alles sammeln kann, was auf künstlerisch-kreative Weise die unterschiedlichsten Einflüsse zu vereinen sucht… doch wenn ich beobachte, welche Bilder beim Hören der Lieder vor meinem inneren Auge auftauchen, dann trinke ich Bier aus Tonkrügen in einer Mittelalterschenke, segle wie ein Vogel über die Berge und Täler, warte sehnsüchtig in Dunkelheit & Winter auf den beginnenden Frühling und sitze mit staubigen Füßen und auf einem Grashalm kauend in der prallen Sonne auf einer Bank.

Überhaupt das Vogelmotiv: Es füllt nicht nur den Bandnamen „Black Swift“, sondern durchzieht in verschiedenen Darstellungen auch das Booklet und motivisch mehrere Lieder. So wird die Suche nach einem Zuhause im Eröffnungslied „Branches & Sticks“ auf dem Hintergrund nestbauender Vögel abgehandelt und die Sehnsucht nach Freiheit scheint das ganze Album auf ihren Schwingen zu tragen. Auf meine Frage an Sally, was ihr der Name „Black Swift“ bedeute, erzählte sie mir, dass sie an einer Serie von Ölgemälden gearbeitet habe, bei der sie Porträts ihrer Ahnen gemalt habe. Die Vögel in den Bildern stünden dabei für den Geist oder die Seelen der Menschen, die bereits „entflogen“ sind. Bei ihrer Recherche über Vögel stieß sie auch auf die schwarze Schwalbe, den schwarzen Segler: „Black Swift“.

Mein persönliches Fazit ist durchmischt: Ich liebe die Zusammenstellung von Text, Musik und der Darstellung im Booklet – es ist eine runde und inspirierende Sache. Ebenso liebe ich die Textlastigkeit in vielen Liedern – es werden keine passenden Worte nur aufgrund des Reimschemas aus dem Lied gestrichen. Minuspunkte hingegen sammelt das Album für teilweise eher schwache Refrains, während die Strophen an Druck und Dynamik zu glänzen vermögen. Insgesamt muss man es sicher mehrfach hören, um zu manchen Stücken einen Zugang zu finden und die verschiedenen Nuancen zu entdecken. Ich jedenfalls freue mich auf die morgige Live-Performance!

PS & Anspieltipp: Besonders froh bin ich, dass es „Whiskey John & Irish“ sozusagen als letztes Lied noch auf das Album geschafft hat. Es ist ein Song ganz im Sinne des Storytelling… und diese Story ist bewegend und anrührend. Der zunächst vielleicht simple anmutende Refrain „Love is love is love is love…” könnte besser nicht gewählt sein. Großes Lob!

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