#4 Spontan wegfahren I

Jeden Tag war der Gefühlspegel ein wenig mehr angestiegen. Als ob jemand eine Sanduhr aufgestellt hätte und der Sandberg im unteren Glas mit jeder Sekunde, jedem Augenblick Sandkorn für Sandkorn größer wurde, mehr Raum einnahm. Mir blieb keine Luft mehr zum Atmen. Ich saß gefangen im unteren Teil einer Sanduhr. Ein Korn rieselte über meinen Kopf, das nächste tropfte auf meine Hand, ein neues kitzelte meine Nase, sodass ich niesen musste und alle Sandkörner um mich herumwirbelten. Ich atmete sie ein, musste husten. So konnte das nicht weitergehn. Der Sandberg auf meinem Schoß wurde schwerer, stieg weiter an, erreichte fast meine Schultern. Ich musste hier raus!

Wie besessen saß ich da und nähte an meiner Hose. Zwei Tage war ich durch die Wohnung getigert, mal hierhin und mal dorthin, wie ein Tier im Käfig. Als er nach Hause kam, das Geständnis. „Ich möchte einfach nur weg.“ Ein Streicheln über meinen Kopf, eine Umarmung. „Jetzt packst du deine Sachen und dann fährst du morgen einfach los. Das wird dir gut tun.“ Ich hebe den Kopf: „Soll ich das wirklich machen?“ Dabei hatten mir die gleichen Gedanken schon tagelang im Kopf herumgespukt. Ich wollte zu ihr, zu ihm, zu niemandem. Ich wollte spontan wegfahren, ins Nirgendwo.

Dann die Erleichterung, die Vorfreude. Morgen würde ich tatsächlich wegfahren. Eine zentnerschwere Last fiel mir von den Schultern. Ich hatte gar nicht gemerkt, wieviel Kraft ich aufbringen musste, sie zu tragen. Nun ging es an die praktischen Vorbereitungen. Ich wählte meine Tshirts aus und – ich brauchte eine kurze Hose. Es war heiß, es war Sommer, es ging los auf einen Road Trip. Da durften die Shorts doch nicht fehlen. Also kurzerhand eine abgerissene Kordhose genommen, die Nähkiste ausgepackt und los ging es. Wie viele Stunden blieben mir noch bis zur Abfahrt? An Schlaf war erstmal nicht zu denken.

Weiter prasselten die Körner auf mich herab. Korn für Korn für Korn. Nur noch das Gesicht war frei, doch langsam, aber sicher wurden auch Mund und Nase vom Sand bedeckt. Der Pegel stieg unaufhaltsam an. Die Lippen fest geschlossen noch ein letzter Atemzug durch die Nase. Die Augen starren gebannt nach oben. Für einen Moment ein Zögern, Zaudern, bis ich schließlich nachgebe, mich sanft auf den Sand bette, ausruhe, entspanne. Es war vorbei.

„Passt sie so, die Hose? Ist sie nicht zu kurz?“ Endlich hatte ich es geschafft. Einen Stich nach dem anderen gesetzt, die Fäden vernäht, die Enden abgeschnitten. Ich liebe diese Hose, sie ist meine Fluchthose. Sie steht für all die Orte, an die ich fahren kann, all die Menschen, denen ich begegnen möchte. Sie steht für Freiheit.

Zufrieden legte ich mich ins Bett und dachte darüber nach, wohin es gehen sollte. In die Vergangenheit oder in die Zukunft? Beides war nicht möglich. Ich haderte mit mir selbst, wünschte mir sowohl eine letzte als auch eine erste Begegnung. Vor Aufregung konnte ich kaum schlafen. „Wenn dies der letzte Tage wäre, was würdest du tun?“ Die Entscheidung war gefallen.

Vermutlich hatte ich nur zwei Sekunden so gelegen, doch es kommt mir vor, als wären es Jahre gewesen. Die Muskeln entspannt, den Schlaf noch in den Augen blinzle ich für einen Augenblick unter einem Sandkorn hervor bis ein Rucken und Rütteln mich mitsamt all den Körnern mit sich reißt. Plötzlich sitze ich obenauf, in einem Sandmeer, auf einer Körnerfläche, die nachgibt, hinabrieselt, immer kleiner wird… Was hatte das zu bedeuten?

Als der Wecker klingelt, drücke ich erst die Snooze-Funktion und schalte ihn dann vollständig aus. Süß und selig schlummere ich unter meiner Decke. Wohlige Entspannung durchströmt mich, ich zwinkere, ist das etwa ein Sandkorn in meinem Auge? Der Gedanke verflüchtigt sich so schnell er gekommen war. Schlaf. Wohliger Schlaf. Und ein Warten auf den Liebsten, der sicher in wenigen Stunden wieder zuhause sein würde.

3 Gedanken zu „#4 Spontan wegfahren I

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