Meine Werte: Großzügigkeit – #7 Für eine andere Person das Essen bezahlen, die nicht damit rechnet

Großzügigkeit hat mich schon immer beeindruckt und gehört zu den Dingen, die ich an anderen Menschen besonders schätze. Dabei geht es nicht darum, besonders teure Geschenke zu machen oder viel Geld für jemanden auszugeben. Großzügigkeit ist an allererster Stelle eine Haltung, mit der man anderen Menschen begegnet. An vielen Stellen kann man sie auch mit dem Begriff der „Freigiebigkeit“ beschreiben. Gerne zu geben, nicht krampfhaft am Eigenen festzuhalten, sondern es loslassen zu können, ohne darüber nachzudenken, was im Gegenzug für einen selbst dabei rausspringt.

Meiner Beobachtung nach hängt Großzügigkeit ganz stark davon ab, ob ich selbst das Gefühl habe, viel oder wenig zu haben. Vielleicht denkt sich hier der ein oder andere: „Na, ist doch logisch! Wer viel hat, kann auch viel geben!“, doch genau dem möchte ich widersprechen. Es geht nicht darum, wie viel man tatsächlich hat, sondern ob man das Gefühl hat, genug oder zu wenig zu haben. Du kannst in einem Penthouse mit einem prall gefüllten Ankleidezimmer wohnen und trotzdem das Gefühl haben, dass es dir nicht reicht. Ebenso kannst du mit 3 Hosen und 8 Tshirts von 500 Euro im Monat leben und ganz ähnliche Gedanken haben. Der Verstand sagt beim einen Fall: „Wie bitte?“ und beim andern Fall „Zu Recht!“. Aber bei einer Haltung der Großzügigkeit geht es nicht darum, was der Verstand sagt.

Ich habe mich mit dem Großzügigsein nicht immer leicht getan. Vielleicht habe ich es mir deshalb auch für 2014 mit meinem #7 auf die Liste gesetzt. Es ist eine Richtung, die ich einschlagen will, einen Weg, für den ich mich vor einiger Zeit entschieden habe. Ich erinnere mich gut daran, wie ich vor ungefähr zwei Jahren mit einer Freundin in einem Lokal saß und sie zu dem Thema „Umgang mit Geld“ befragte. Sie hat so eine unkomplizierte Einstellung dazu, dass ich von ihr lernen wollte und wissen wollte, wie sie darüber denkt. Sie erklärte mir, dass sie aus ihrem Glauben heraus alle Dinge, die sie besitzt, als „vorrübergehend anvertraut“ ansieht. Das Geld, das sie hat, gehöre ihr nicht, sondern sie habe es eben jetzt gerade, um damit zu wirtschaften und etwas Gutes anzustellen. Dieser Gedanke hat mich noch eine ganze Weile beschäftigt.

Wie ich jedoch schon andeutete, geht es mir beim Punkt Großzügigkeit nicht vorrangig um Geld, auch wenn das in unserer kapitalistischen Gesellschaft natürlich schnell ins Auge springt. Ich möchte daher als Anregung drei Dinge nennen, mit denen man großzügig sein kann:

1. Zeit: Lass uns einen übervollen Terminkalender vermeiden, um spontan Zeit für andere Menschen zu haben! Lass uns gelegentlich auf eine Stunde Schlaf verzichten, um eine Freundin am Telefon zu trösten! Lass uns Verabredungen nicht irgendwo dazwischenquetschen, sondern ihnen ausreichend Zeit zugestehen (siehe auch mein Beitrag zur Verbindlichkeit).

2. gute, aufmunternde Worte: Lass uns großzügig mit Lob und Komplimenten sein! Großzügig bedeutet nicht beliebig und genauso wenig bedeutet es, alles an anderen gut zu finden. Es geht vielmehr darum, Kleinigkeiten wahrzunehmen und auch zu benennen. Es gibt so viele Situationen, in denen ich mich über andere freue – warum dieser Freude nicht Ausdruck verleihen?

3. sich selbst: Von dieser Möglichkeit der Großzügigkeit hat mir Saphira bei der Con:Fusion erzählt, als wir uns über das Predigen in der Gemeinde unterhielten. Sie meinte dabei, sie habe keine großartige theologische Ausbildung oder besondere Fähigkeiten, um die Bibel zu erklären. Was sie aber habe, sei sie selbst als Person und es falle ihr leicht, mit ihrem eigenen Leben freigiebig zu sein: von sich zu erzählen, Erfahrungen mitzuteilen, auch Tiefpunkte und Krisen nicht zu verschweigen. Das ist für mich auch Großzügigkeit. Lass uns großzügig mit uns & unseren Geschichten sein!

Zuletzt will ich auf meinen Vorsatz zurückkommen: #7 Für eine andere Person das Essen bezahlen, die nicht damit rechnet. Dieser Punkt hat mich das ganze Jahr hindurch begleitet und dafür gesorgt, dass ich immer wieder die Augen offen gehalten und nach dem passenden Moment gesucht habe. Ich hatte wenig Gelegenheit dazu, für andere Menschen das Essen zu bezahlen, doch schließlich gab es einen guten Zeitpunkt. Endlich!

Das Beobachten und Nachdenken über meinen Umgang mit Geld hat mich jedoch  verändert. Besonders das oben erwähnte Gespräch mit meiner Freundin hat dabei meine Denkweise geprägt, sodass es auch anderen auffiel. Ich habe mir nämlich (anfangs ohne es selbst zu merken) angewöhnt, zu verleihen ohne zurückzufordern. Wenn jemand tatsächlich etwas braucht: ein paar Euro für ein Getränk oder die Zugfahrkarte, dann ist das doch die beste Gelegenheit, um großzügig zu sein. Gedanklich verbuche ich das Geld in dem Moment als Geschenk und wenn es zurückkommt, freue ich mich daran. Mein Gefühl sagt mir, dass ich dabei auch bisher alles zurückbekommen habe (wobei ich mir da natürlich nicht sicher sein kann ;-))

Ich schreibe das nun nicht, um zu zeigen, wie toll ich diese Tugend schon verinnerlicht habe, sondern um deutlich zu machen, dass Großzügigkeit etwas sehr Individuelles ist. Für mich passt es gerade ganz gut, großzügig beim Verleihen zu sein, weil ich glaube, es mir leisten zu können. An dieser Stelle muss ich über das Geben nicht nachdenken. Vielleicht geht es dir bei einem ganz anderen Punkt genauso oder dich haben einzelne Punkte in meinem Beitrag angesprochen, weil sie dir leicht fallen. Ich denke, an diesen Stellen kann man anfangen. Wann und womit man großzügig ist, kann ganz verschieden sein. Mir ist es wichtig, mich selbst zwar immer wieder herauszufordern, aber nicht zu etwas zu zwingen. Es geht mir nirgends um ein „Du musst…“, sondern immer darum, Möglichkeiten aufzuzeigen.

Was denkst du zum Thema Großzügigkeit? Wo fällt es dir leicht, wo schwer? Hast du noch weitere Ideen, wann und wie man großzügig sein kann?
Ich freue mich auf deinen Kommentar!

PS. Beim Thema Geldverleih hat Ben noch einen Hinweis für diejenigen, die vielleicht eher in der Situation ist, jeden Euro dreimal rumzudrehen zu müssen und zwar gern verleihen, aber auch darauf angewiesen sind, das Geld wieder zurückzubekommen: Schuldscheine schreiben. Kleine Zettel im Geldbeutel, auf die man gemeinsam Zeitpunkt und Betrag einträgt, sodass beide Beteiligten die Rückgabe nicht vergessen. So kann man großzügig verleihen, ohne um die eigene Grundversorgung bangen zu müssen.

6 Gedanken zu „Meine Werte: Großzügigkeit – #7 Für eine andere Person das Essen bezahlen, die nicht damit rechnet

  1. Schöne Gedanken!

    Ich habs ja so ein bisschen mit dem „mich benachteiligt fühlen“. Warum genau weiss ich auch nicht genau. Es fällt mir unglaublich schwer zu beurteilen, ob ich gerade übervorteilt werde, oder ob es sich um eine der üblichen Asymmetrien handelt, wie sie nun mal üblich sind. Ich versuche, meiner Intuition zu vertrauen, aber anscheinend komme ich dann auch oft als kleingeistig rüber, weil ich mich über Details nerve. Beispiel: Mein (jetzt glücklicherweise Ex-) Mitbewohner, der sich an meinen Teevorräten bedient hat – natürlich nur an den etwas teureren, die Geschenke waren, und die ich selber nur selten, und mit freudigen Gedanken an den Schenker trank. Natürlich hat er selber höchstens mal einen Billig-Beuteltee beigesteuert, wenn überhaupt. Und komplett aufgehört Tee zu trinken, nachdem ich diese Tees in meinen privaten Schrank gestellt habe. Ich kriege jetzt noch Schnappatmung, wenn ich daran denke. Wegen Tee. Wegen vielleicht 5 Franken „Verlust“.

    Bei anderen Personen hingegen verzichte ich gerne auf meinen Anteil, damit sie nicht zu kurz kommen. Ich freue mich, wenn sie das, was ich gebe, annehmen können, und kann so aus dem Geben und Verzichten so viel positive Gefühle gewinnen, dass es fast an Egoismus grenzt ;) Vielleicht ist es die Anerkennung. Vielleicht ist es auch die Freiwilligkeit, der bewusste Akt. Vielleicht einfach Sympathie (die ja aber auch nicht unbegründet ist). Ich bin auch oft denen dankbar, die etwas einfach annehmen können, weil sie mir das Geben ja erst ermöglichen.

    Das sind alles Gefühle, Beweggründe die mir selber etwas fadenscheinig erscheinen. Ich würde ja gerne bedingungslos geben können, so wie mir oft schon bedingungslos gegeben wurde. Oft funktioniert das ganz gut. Aber manchmal stellt sich einfach etwas quer.

    (Noch ein paar Monate, dann hör ich auf mit den Mitbewohnerrants xD)

    • Danke für deinen Kommentar! Was du über den (Ex-)Mitbewohner beschreibst, der sich an deinen Teevorräten bedient, hat für mich mit Großzügigkeit nichts zu tun. Großzügigkeit bedeutet nämlich nicht sich ausnutzen zu lassen und das Schmarotzertum der anderen ohne mit der Wimper zu zucken zu akzeptieren. Großzügigsein geht von dir aus, nicht von einem anderen, der sich die Dinge einfach nimmt. Da geht es auch nicht um die 5 Franken Verlust, sondern darum, dass keine Wertschätzung für das besteht, was du zu geben hast – selbst wenn ich mal davon ausgehen würde, dass du ihm den Tee gern gegeben hättest.
      Zum Thema Egoismus: Wenn ich so drüber nachdenke, hat Schenken tatsächlich ein egoistisches Moment, nämlich dass man sich wünscht, dass der/die Beschenkte das Geschenk auch zu schätzen weiß (zumindest die Geste). Aber ich schenke doch nicht, damit der andere mich dann mit Freude und Dankbarkeit überhäuft, weil das so toll von mir ist, zu schenken. Sondern ich schenke, weil ich wirklich schenken will. Ein „Danke“ ist schön, doch wenn der andere danach richtig Freude an dem Geschenk hat, übertrifft das alles, was er mir hätte entgegenbringen können. Und das empfinde ich wiederum nicht als negativ-egoistisch.

  2. Ich lebe immer nach dem Motto, was man gibt , das bekommt man auch irgendwann wieder. Und gerade wenn es um Geld geht, habe ich die Erfahrung gemacht, dass Freunde die dir verbunden sind, sich immer revangieren, vielleicht in Momenten wo man garnicht damit rechnet . Was man nicht tun sollte, ist zu geben um etwas wieder zu bekommen. Ich schenke sehr gerne, ich nehme mir gerne Zeit , weil mich dass auch einfach glücklich macht. Ich wurde für meinen Teil noch nicht mit dieser Haltung enttäuscht;) LG

    • Danke für deinen Kommentar, vivmaria! Das ist auch ein schöner Gedanke: Was man gibt , das bekommt man auch irgendwann wieder. Das hab ich auch schon öfter erlebt! Schön, dass du auch solche Freude am Schenken hast. Liebe Grüße!

  3. Pingback: #aprillove2015 – What nourishes me | Preach it, Baby!

  4. Mein Besitz ist fließend, ich gebe ständig und bekomme und das obwohl ich nie viel hatte und es ist häufig so das es von wo ganz anders kommt. Hinzu kommt das ich kaum Geld für Besitztümer ausgebe …viel ist gebraucht oder irgendwer brauchte es nicht mehr…manchmal kamen schon ärgerliche Gedanken hoch man würde seinen Vorteil aus mir ziehen, aber immer nur kurz bis mir einfällt das alles zurückkommt egal auf welche weise egal woher. Am Ende nehmen wir eh nichts mit =) und Dinge die wirklich glücklich machen gibt es zu hauf und das Gratis =) geteilte Freude ist doppelte Freude <3

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