#2 Morgens um 4 oder 5 Uhr aufstehen und ein Gedicht schreiben

Dieser Vorsatz stand ganz oben und war mein schwierigster in diesem Jahr. Manchmal frage ich mich selbst, was ich mir dabei eigentlich gedacht habe. Doch im Grunde weiß ich es ganz gut: Das Gedichte schreiben ist nicht das Problem, doch frühes Aufstehen eine Herausforderung. Anfang des Jahres dachte ich daran, wie schön es wäre, regelmäßig noch vor Tagesanbruch auf den Beinen zu sein. Dann, wenn die Stadt noch schläft oder wenn sie langsam aufwacht, den ansteigenden Autolärm von der Straße wahrnehmen, die Vögel von gegenüber, die aufgehende Sonne, eine Tasse Tee oder Kaffee in der Hand und im Winter dicke Socken an den Füßen. Früh an den Schreibtisch sitzen und fleißig sein, damit ich nachmittags auch zeitig Feierabend machen kann. Meine morgendliche Konzentrationsphase voll ausnutzen. Morgens tut das allein sein noch nicht so weh.

So viel zu den guten Vorsätzen, meine Realität sah leider anders aus. Statt früher aufzustehen ging ich dieses Jahr später ins Bett. Zeitweise verschob sich mein Rhythmus so, dass 2 Uhr 30 eine normale Uhrzeit für das Schlafengehen war. Wie will man da um 4 oder 5 Uhr aufstehen? An vielen Tagen war ich schlaflos, irrte nachts umher, spielte Handyspiele und schaute Serien, klickte mich durch Forenthreads oder saß einfach nur still auf dem Sofa. Gelegentlich ereilten mich dabei Anfälle von Kreativität. Ich tippte bereits im Bett liegend an meiner Diplomarbeit, hob Rohdiamanten auf und bastelte gedanklich an meinem zukünftigen Arbeitsplatz (man könnte auch sagen, ich dachte über meine Berufung nach).

Den Sonnenaufgang erlebte ich trotzdem mit, zuletzt auf der Fahrt nach Tübingen, die Vögel zwitschern den ganzen Tag, Tee trinken kann man auch noch um 10 und im Winter trage ich sowieso Wollsocken. Was morgens mit mir liegen blieb, war die Arbeit, die ich dann natürlich schwerpunktmäßig am Nachmittag zu erledigen hatte (drei Mal dürft ihr raten, was mein Vorsatz für 2015 ist…).

Das Schicksal meinte es jedoch gut mit mir und weckte mich im Dezember um 5 Uhr früh. Genauergesagt war es mein Mann, der im Prinzip immer zwischen halb 5 und 5 aus dem Haus geht und normalerweise nur weniger Lärm dabei macht. Also war ich wach und dachte an meinen Punkt #2. Ein langes Gedicht würde mir wohl nicht gelingen, da fielen mir die Elfchen ein, die ich doch so gerne lese und höre. Ein Wort oder Thema als Überschrift genügt, dann dichtet man einfach los, erst zwei Wörter, dann drei, dann vier und zum Schluss noch etwas Summarisches. Ich probierte mich mit ein paar Überschriften, manche Elfchen blieben schon im zweiten Vers stecken, manchen fehlte der lange vierte Vers, doch eines war fast vollständig, das teile ich nun hier mit euch.

Vater
Kleiner Junge
Von siebenundfünfzig Jahren
Verschmitzt funkeln die Augen
Erwischt

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