Es muss nicht perfekt sein, 2

Manchmal denke ich, dass wir uns alle in einer „Mini-Playback-Show“ befinden. Wir haben eine Idee davon, wie wir sein wollen, wie wir aussehen wollen, uns bewegen und auf andere Menschen wirken. Wir ziehen uns passende Kleidchen an, einen Hauch Glitzer auf den Augenlidern und dann treten wir vor das Publikum. Wir wissen, unser Vorbild ist da, es ist immer präsent, die Idee lässt uns nicht los und zuhause vor dem Spiegel haben wir lang genug geübt. Doch so wie der kindliche Körper nicht die Bewegungen einer jungen Frau mit der gleichen Eleganz und Leichtigkeit ausführen kann, so wird jeder sehen, dass das nicht wir sind. Es ist nur die Idee, die wir von uns haben. Und dennoch klatschen wir Beifall bei der Vorstellung des Kindes, wir sind nachsichtig, wir sehen die Absicht und das Bemühen, wir lieben das Kind für seine Unbefangenheit und sind entzückt von seinem naiven Charme. Es ist nicht die Überheblichkeit des Erwachsenen, die uns klatschen lässt, es ist das beschämte Erkennen, genauso zu sein wie das Kind, nicht auf der Bühne einer Fernsehsendung, sondern Tag für Tag im eigenen Leben. Wenn ich das Kind im anderen erkenne, muss ich lächeln. Erwischt, denke ich, ich bin nicht anders.

2 Gedanken zu „Es muss nicht perfekt sein, 2

  1. Ein Zitat dazu vom Pädagogen Roland Reichenbach, der explizit gegen all das Reden von „Kompetenz“ den Begriff des „Dilettantismus“ ins Spiel bringt:

    „Wie das demokratische Gemeinwesen ist auch das Selbst deshalb „konstitutiv unvollständig“, eine ewige „Baustelle“, auf welcher – zum Glück – niemals etwas Ganzes, Einheitlich-Schönes entstehen wird. Daß man dennoch ernsthaft weiterbaut, weil man kaum eine andere Wahl hat, darin besteht das Ethos und die Ironie der spätmodernen Gesellschaft und des spätmodernen Selbst. Das schöne Selbst und die schöne Gesellschaft wird es nie geben – Schönheit gibt es allein in der Artikulation der damit implizierten Inkompetenz.

    Nur als Dilettanten sind wir frei, weil wir uns nur dank unserer Inkompetenz versuchen oder wagen können. Und freilich haben wir die „Pflicht“, dabei in einem gewissen Sinne zu scheitern, sonst werden aus Aufklärungs- und Identitätsnostalikern nur Aufklärungs- und Identitätsdemagogen, deren Selbstsicherheit ein Übel ist, weil sie notorisch ihre Selbstirritationspflicht vernachlässigen und mit einer erstickend homogenen Ästhetik auch den nobelsten Gedanken zu eindeutig, zu geschliffen vortragen, ohne jede Ironie, als ob das Gesagte auch schon das Ganze und das Wahre wäre.“

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