Sein vor Gott

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Gelegentlich gehe ich zu den Quäkern. Die Quäker sind eine Religionsgemeinschaft, die sich im England des 17. Jahrhunderts gegründet hat. Sie werden auch als die „Freunde“ bezeichnet, womit gemeint ist, dass sie Freunde Jesu sind. In meiner Nähe treffen sie sich ein Mal im Monat zu einer Andacht. Das Besondere daran ist, dass die Andacht eine Stunde im Schweigen verläuft. Wer sich nach einiger Zeit inspiriert fühlt, darf etwas beitragen, einen Gedanken, einen Vers, ein Gedicht oder was auch immer er oder sie als wichtig empfindet.

Die Zeit der Stille empfinde ich sehr unterschiedlich. Wohltuend und anstrengend zugleich, hochkonzentriert und tiefenentspannt, es ist eine ganze Bandbreite an Gefühlen und Empfindungen dabei. Von der Frage „Was sitze ich jetzt hier eigentlich schon eine halbe Stunde nur herum? Das soll es jetzt sein!?“ bis hin zu der Erfahrung, dass Menschen ganz unabhängig von mir äußern, was ich selbst gerade empfunden habe, ist alles möglich.

Gestern verspürte ich gleich zu Beginn der Andacht schon große Erleichterung. Eine Stunde Nichtstun lag vor mir, eine Stunde Sein vor Gott, einfach Da sein, nichts tun müssen, einatmen, ausatmen, gut. Gerade angesichts der letzten Tage merkte ich, wie ich innerlich aufatmete. Ich bin zur Zeit sehr aktiv, meine Konzentration ist so gut wie schon lange nicht mehr, ich kaufe die Zeit aus, kriege viel geschafft. Wenn dabei mal eine halbe Stunde ohne Aufgabe, ohne festen Zweck entsteht, fühlt sich das seltsam sinnlos an. Und nun? Eine Stunde legitimiertes Nichtstun. (das nicht mal durch „Entspannung“ oder „Erholung“ verzweckt war…)

Keine Frage, dass dieses „Nichtstun“ einen Sinn hatte. Der Sinn bestand im Sein vor Gott. Im Da sein, Da sitzen vor dem Angesicht Gottes. Mehr brauchte es nicht, das genügte völlig. Ich saß da und freute mich daran und wusste, auch Gott freute sich daran. Und so kam mir der Gedanke, was denn in meinem Alltag so anders dabei sein sollte? Gott ist immer und überall. Zu jedem Zeitpunkt bin ich vor Gott. Mit dieser Perspektive ist jeder noch so kleine Moment wertvoll und sinnvoll. Jede Minute des Arbeitens oder Herumtrödelns, des Gesprächs oder des Schlafes, der Beschäftigung oder der Langeweile. Ich muss keinen Sinn durch ein bestimmtes Tun suchen, schaffen, herbeiführen.

Mein Leben ist sinnvoll in meinem Sein vor Gott.

Als ich später den anderen von meiner Erfahrung erzählte, nickten sie. Sie verstanden mich in meinem Glücksempfinden. Einer meinte: „Ja, das ist so schön, die Freude am bloßen Sein…“ Für mich ist dieser Gedanke beflügelnd und beruhigend zugleich. Er trägt mich und er zieht mich. Erneut die beiden Pole. Hoffentlich kann ich ihn mir lange erhalten und immer wieder in Erinnerung rufen.

 

PS. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig sein könnte, das, was mir gestern so einfach und leicht erschien, in einem Blogbeitrag mitzuteilen. Worte aneinanderreihen über spirituelles Erleben – was für eine Herausforderung!

8 Gedanken zu „Sein vor Gott

  1. Ich schließe mich Frau Vorgarten an. :)
    Schön, dass du die Freunde in der Nähe hast. Ich mag sie sehr. auf dem Kirchentag in Dresden hatte ich ein wunderbares Gespräch mit einem Quäker, es war ungeplant ein Höhepunkt der Tage dort..

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