Intimität

Die Wirklichkeit eines anderen Menschen liegt nicht darin,
was er dir offenbart, sondern in dem, was er dir nicht offenbaren kann.
Wenn du ihn daher verstehen willst, höre nicht auf das, was er dir sagt,
sondern vielmehr auf das, was er dir verschweigt.
— Khalil Gibran

Intimität – schon eine ganze Weile lässt mich der Begriff nicht los, hat sich an mich gehängt und taucht immer wieder in Gedanken und Zitaten auf. Auf meinem Tumblr habe ich einige Kommentare gesammelt, die zum Ausdruck bringen, wie wenig Intimität mit Partnerschaft, Körperlichkeit und Sex zu tun hat. Intimität bedeutet, sich selbst zu zeigen. Es bedeutet, einen anderen Menschen ins eigene Innen blicken zu lassen, sich verwundbar zu machen und doch auch Vertrauen zu haben, dass das Gegenüber mit wohlwollenden und liebenden Augen auf einen schaut. Es geht nicht um eine Nacktheit des Körpers, sondern vielmehr um eine Nacktheit der Person. Einen anderen Menschen an seinen Ängsten, Träumen, Sehnsüchten teilhaben lassen, das erfordert Mut und Vertrauen. Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig, es kann ein Blick sein, ein Nebensatz, eine leise Berührung, ein unausgesprochenes Wort, dessen Bedeutung der andere erkennt. Ein leichtes Nicken, ich habe dich gesehen, verstanden, ich fühle mit dir. Ich weiß, wer du bist.

You can talk with someone for years, everyday, and still, it won’t mean as much as what you can have when you sit in front of someone, not saying a word, yet you feel that person with your heart, you feel like you have known the person for forever…. connections are made with the heart, not the tongue.
― C. JoyBell C.

Eine intime Begegnung braucht nicht einmal viel Zeit. Es ist mehr so, dass beide Menschen im selben Moment darauf eingestellt sind. Wenn die entscheidende Geste getan, die Worte gesagt und der Moment als solcher erkannt wurde, braucht es nicht mehr. Jedes Geschwätz ist unnötig, wir können uns fallen lassen in diesen Moment hinein, solange wir es aushalten können, und dann stehen wir da und schauen uns an oder nicken uns zu und alles ist gesagt und getan.

Der Mensch, dem wir begegnen, er ist nicht Sehnsuchtserfüller, obwohl wir in dem Moment unsere Sehnsucht so intensiv spüren mögen wie nie zuvor. Er ist kein Lückenbüßer für unsere einsamen Nächte oder Seelenstreichler für unsere Minderwertigkeitskomplexe. Er ist wahrhaft ein eigenes Gegenüber, das wir nicht brauchen, das uns aber doch geschenkt ist.

Intimität bewegt sich zwischen Bindung und Autonomie. Es geht nicht um Verschmelzung, sondern darum, als eigenständiger Mensch wahrgenommen zu werden und gleichzeitig doch mit jemandem verbunden zu sein. Die Balance zwischen diesen beiden grundlegenden Bedürfnissen zu wahren, kann einem wie ein Drahtseilakt vorkommen und doch gibt es Augenblicke, in denen uns dieser Seiltanz mit Leichtigkeit gelingt.

So trifft man im Leben immer wieder Menschen, mit denen alles ganz klar ist. Ja, da ist ein Weg, den man gemeinsam gehen wird. Da ist eine Ebene, die es uns leicht macht. Es sind nicht nur die Menschen, bei denen man nach Jahren anruft und es ist, als hätte man sich erst gestern getroffen. Diese Freundschaften gibt es und sie sind schön und besonders, und doch es gibt noch mehr als das. Es sind die Menschen, die man nach Jahren wiedersieht und mit einem Blick kennt man die Wahrheit. Die Menschen, mit denen man sich jede Woche trifft und zwischen Abwasch, Küchenschürze und Nachmittagstee die großen Träume sieht. Es sind Augenblicke am Telefon, wenn man aufhört zu plaudern und nur eine Frage stellt.

Es sind die Menschen, die das Ungesagte verstehen.
Für sie lohnt es sich, gelegentlich die eigene Deckung aufzugeben und sich auf Intimität einzulassen.

9 Gedanken zu „Intimität

  1. Ich war mal auf so einer wir-geben-uns-ganz-hin-Konferenz und da wurde Intimacy so übersetzt:
    „into me see“, also guck in mich rein.
    Sprachlich sperrig, inhaltlich vermutlich recht treffend.

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