#aprillove2015 – An inspiring person

an inspiring person

Das Bild zeigt meine bereits verstorbene und sehr geliebte Uroma, die vor nur drei Tagen ihren 104. Geburtstag gefeiert hätte. Sie konnte riesige Eisbecher in nullkommanix verdrücken und der Erbeerbecher auf dem Bild war sicher eine ihrer leichtesten Übungen. Ich weiß nicht genau, wann das Bild entstanden ist, ob ich schon auf der Welt war oder nicht. Ich hatte vor einigen Jahren, als sie noch lebte, das kühne Vorhaben, ein Buch über sie zu schreiben. Leider bin ich nicht allzu weit gekommen, dachte mir aber, dass ich doch zumindest den Prolog und den Beginn des ersten Kapitels für den heutigen Beitrag herauskramen könne (auch wenn es ein wenig abrupt endet und ich heute stilistisch einiges anders machen würde). Vielleicht bekommt ihr dadurch eine kleine Ahnung, wieso ich sie als inspirierende Person auswählt habe.


Prolog

Einige Menschen sterben mit sechzig, manche mit vierzig, andere mit hundert. Sie hatte am Tag meiner Geburt genau fünfundsiebzig Jahre, dreißig Wochen und fünf Tage ohne Nabelschnur auf dieser Welt verbracht.

Sie war in Hirschberg im Riesengebirge geboren worden, blieb ihr Leben lang Schlesierin, war einige Zeit zur Schule gegangen (in Orthographie und Mathematik eine Leuchte, in Geographie eine Niete), hatte auf dem Bauernhof ihrer Eltern gearbeitet (ein Bild des Hofs hing heute noch in ihrer Stube), hatte ihr ganzes Leben lang gearbeitet.

Sie war zweimal verheiratet gewesen und zweimal verwitwet. Sie hatte drei Schwestern gehabt, die ihre körperliche Existenz auf der Erde bereits abgeschlossen hatten. Sie hatte ihre Tochter durchgebracht, war mit dieser und ihrem Mann nach dem Krieg von ihrem Gut vertrieben worden, sie hatte gearbeitet und gebetet, hatte ihr ganzes Leben lang gearbeitet und gebetet.

Sie hatte sich bis nach Süddeutschland durchgeschlagen, wo sie heute noch lebte, hatte ums Überleben gekämpft und nie aufgegeben. Sie war durch ihre zweite Ehe Stiefmutter geworden, sie war Schwiegermutter und Großmutter geworden und mit genau fünfundsiebzig Jahren, dreißig Wochen und fünf Tagen wurde sie Urgroßmutter.

Und so sehr ich mit dem Tag meiner Geburt einig bin, so sehr wünschte ich manches Mal, mich doch schon früher für ein Dasein auf der Erde entschieden zu haben, um mehr Jahre mit ihr verbracht zu haben. Doch dann wäre unsere Verbindung wohl nicht die gewesen, die sie heute ist. Seelen brauchen Zeit um zu reifen, müssen zuerst ihre eigenen Wege gehen, um die Begegnung mit anderen als so wertvoll ansehen zu können wie ich heute die Begegnung mit meiner Urgroßmutter ansehe.

Kapitel 1

Kinder nehmen die Welt um sie herum einfach an. Sie nehmen ihre Eltern an, ihre Geschwister, ihr Herkunftsland, die Zeit, in die sie hineingeboren werden. Sie staunen, wenn sie etwas Neues entdecken, doch was sie lange genug umgibt, wird für sie selbstverständlich. All das tun sie mit einer Natürlichkeit, die ihresgleichen sucht.

In dieser Art und Weise lernte ich meine Urgroßmutter kennen. Besser gesagt hieß sie bei mir nicht Urgroßmutter oder Uroma wie in manchen anderen Familien, in denen den Kindern noch das Glück oder Unglück beschert ist, die dritte Generation vor ihnen kennen zu lernen, sondern sie hieß Muttel.

Ebenso wie meine Eltern, meine Großeltern und mein Bruder war Muttel ein fester Bestandteil meiner Familie und meines Lebens. Sie war immer schon alt, jedoch trotzdem fit, sie konnte arbeiten wie kaum ein anderer, sie schenkte jedem in unserer Familie zum Geburtstag sowie zu Weihnachten hundert Mark in einem Umschlag und zumeist fünf Mark, wenn man sie besuchen kam. Muttel erzählte keine Geschichten vom Krieg oder vom Tod, sie erzählte Geschichten von ihrer Heimat, Geschichten von ihrer Familie und ihrem verstorbenen ersten Mann, Geschichten von Hunden und Pferden, Geschichten vom Arbeiten, vom Beten und vom Kämpfen.

Sie wanderte sehr gerne und „rannte nur“, ging donnerstags schwimmen und machte regelmäßig Busreisen. Jeden Morgen machte sie Kniebeugen und Gymnastik – solange, bis ihr Körper es ihr irgendwann versagte.

Als mein Bruder und ich noch kleiner waren, las sie uns stundenlang vor oder puzzelte mit uns. Von ihr weiß ich, dass man beim Puzzeln am besten mit dem Rand beginnt und sich so langsam voranarbeitet. Von ihr weiß ich auch, wie man in einem Kreuzworträtsellexikon nach der richtigen Lösung sucht, denn Muttel liebte Kreuzworträtsel heiß und innig. Sie zu lösen, war ihrer eigenen Aussage nach ihre Art, sich geistig nicht gehen zu lassen. Mittageweise saßen wir zusammen und rätselten und als ich in der Schule Englisch lernte, fand manches Rätsel um einiges schneller zu seiner Lösung…


Muttel ist für mich bis heute ein großes Vorbild. Sie war stark und emanzipiert, ehrlich und direkt in dem, was sie sagte und tat. Sie ließ sich von niemandem einschüchtern und sie konnte Menschen verzeihen.
Es gibt diesen Satz, dass man zwei Mal stirbt: einmal wenn man aufhört zu atmen und einmal, wenn jemand zum letzten Mal den eigenen Namen sagt. Unter dieser Voraussetzung wird sie wohl frühestens dann sterben, wenn auch ich nicht mehr atme.
Ich bin sehr dankbar für die Zeit, die wir zusammen haben durften.

5 Gedanken zu „#aprillove2015 – An inspiring person

  1. Ein wunderschöner Beitrag! Viele alte Menschen sprechen nicht über Krieg, was eigentlich schade ist, denn viele Geschichten werden dadurch nicht weitergegeben. Meine Großeltern, zumindest mein Opa erzählte viel darüber. Eine Oma von mir war für mich auch ein besonderer Mensch, genauso wie mein Oma. Ein tolles Paar, wundervolle Menschen, die auch sehr viel durchgemacht haben und dennoch immer eine positive Einstellung zum Leben hatten.. Leider leben beide lange nicht mehr. Ich bewundere sie und denke heute noch oft an beide.
    LG, Emma

    • Es ist wirklich ein Geschenk, wenn man solche besonderen Menschen kennenlernen und mit ihnen Zeit verbringen darf. Meine Uroma sprach wirklich nicht vom Krieg, meine Großeltern dafür schon, so habe ich einiges erfahren. Liebe Grüße!

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