#aprillove2015 – 10 years ago

Wenn ich für die Zeit vor 10 Jahren ein Bild finden müsste, wären darauf vermutlich Schienen zu sehen. Ich war damals viel mit der Bahn unterwegs und verbrachte Stunden in Zugabteilen, auf Bahnhöfen und mit dem Warten auf den richtigen Bus. So gondelte ich am Wochenende durch die Gegend und hatte mich an das Leben als Zugreisende angepasst. Das Schlafen im Regionalexpress hatte ich nahezu perfektioniert, ich besaß einen schwarzen Kapuzenpulli, in den ich mich einkuscheln konnte, natürlich mit obligatorischem Pali-Tuch, und einen großen grünen Parka, den außer mir alle hässlich fanden. In einer der Parkataschen trug ich immer einen kleinen Löffel mit mir herum, denn man konnte ja nie wissen, wofür man nicht einen Löffel brauchen würde. (Ich brauchte ihn so oft, dass manche Freunde immer noch davon ausgehen, dass ich einen dabei habe.) Meine No-Name-Jeans-Chucks unter die Sitzfläche gestellt, zog ich mit dicken Wollsocken an den Füßen die Beine an, klemmte mir ausreichend Stoff von Parka, Pulli und Tuch zwischen Ohr und Schulter und schloss die Augen. Ich kann nahezu überall schlafen, vielleicht hätte ich das mal bei der Frage nach meiner „superpower“ erwähnen sollen. Möglicherweise kommt diese Fähigkeit aus genau jener Zeit, denn anders hätte ich diese Phase meines Lebens wohl nicht überstanden. Zuhause schlief ich oft nur wenig, hatte Alpträume und entspannte erst am frühen Morgen. Also holte sich mein Körper die Ruhezeit zurück und ich hielt stets Ausschau nach halbwegs komfortablen Plätzen. Genauso wie im Zug schlief ich auch in Hohlstunden in einem abgelegenen Besprechungsraum, der für uns Schülerinnen eigentlich tabu war. Dort stand ein Sofa und mit meinem Parka als Decke ging es ganz prächtig, nur hatte ich keinen Wecker und mein Handy keine Weckfunktion. Also rief ich, um den nächsten Stundenbeginn nicht zu verpassen, regelmäßig meinen besten Freund an und bat ihn, mich wiederum mit einem Anruf zu wecken. Der war das schon gewohnt und immer sehr hilfsbereit und fürsorglich mit mir. Vielleicht waren die vielen Zugfahrten damals auch ganz gut für mich. Während der Fahrt hatte ich keine Verpflichtungen, es gab noch kein Smartphone, sondern nur mich, einen warmen Parka und sehr viel Zeit. Ich trank überteuerten Pfefferminztee und schrieb Gedichte. Natürlich waren diese häufig von fragwürdiger Qualität, aber es war ein Anfang. Oft hing ich auch nur meinen Gedanken nach, lauschte dem regelmäßigen Rattern der Schienen und versuchte, mit der rasanten Entwicklung, die mein Leben gerade nahm, irgendwie Schritt zu halten.

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