Filmgedanken

Man kann in meinem Tumblr immer ganz gut erkennen, wenn ich einen schönen Film gesehen oder ein gutes Buch gelesen habe. Ich suche dann nach Bildern und Zitaten, die ich rebloggen kann, und meine Favoritenliste ist schnell voll davon. Schaue ich dann über die Archivfunktion zurück, erinnere ich mich noch intensiver an die Szenen und Momente.

Im März habe ich den „Nachtzug nach Lissabon“ [1 2 3 4 5 6] gesehen, den ich ja eigentlich schon damals in diesem netten, kleinen Kino anschauen wollte. Später las ich eine Kritik dazu im Internet, die, beginnend mit „Ach, diese Lateinlehrer“, über zu viel Kitsch und die groß ausgeleuchteten Bilder, über die Klaviermusik, die Violinen und Trompeten seufzt. Der werte Kritiker hatte jedoch, wie er zugibt, auch schon seine Schwierigkeiten damit, das Buch zu Ende zu lesen, und so musste ihm der Film bestimmt als Zumutung erscheinen. Ich habe das Buch nicht gelesen, durch den Film aber große Lust darauf bekommen. So kann es auch gehen. Denn natürlich war der Film irgendwie eine Aneinanderreihung von großen Bildern und Szeneneinstellungen, in die hinein bedeutungsschwere und tiefsinnige Sätze gesagt werden, so häufig, dass man sich durchaus fragen kann, ob die Kitsch-Grenze nur gerammt oder schon durchstoßen ist. Doch die Sätze sind so fein formuliert und Szenen wie der Brillenwechsel, den der genannte Kritiker als übertrieben aufdringlich empfindet, ließen mich mit großen Augen vor dem Bildschirm sitzen und die gezeigte Welt und Wirklichkeit einfach nur aufnehmen, sodass mir die Frage nach dem Kitsch erst durch die Kritik aufgedrängt wurde. Man muss nicht immer die Bewertungsbrille aufsetzen. Nicht als ganz normaler Zuschauer an einem Freitagabend. Man kann auch einfach genießen.

Und dann „Brokeback Mountain“ [1 2 3 4]. Der Film verdient eigentlich einen ganz eigenen Post. Drei Mal habe ich ihn mir angesehen, allein im April. Er hat mich verstört und beim ersten Sehen ging die ganze Nacht und der nächste Tag drauf, dass mich die Geschichte umtrieb. Andere würden sich in einem solchen Fall wohl ablenken und neue Themen und Begegnungen suchen. Ich setzte mich am folgenden Abend gleich wieder vor den Fernseher und schaute mir das Drama nochmal an. Konfrontationstherapie oder paradoxe Intervention? Ach, ich kann auf das Etikett verzichten. Jedenfalls glaube ich, dass dieser Film 10 Jahre nach seinem Erscheinen und 7 Jahre nach Heath Ledgers Tod möglicherweise mein neuer ‚Schallplattenfilm‘ wird. Über so viele Jahre war es „Blade Runner“, den ich immer und immer wieder angesehen habe (wie man eine gute Platte auflegt), doch seit ein paar Jahren ist da nichts mehr. Und nun dieser „schwule Cowboy-Film“, eine Kategorisieriung, die zutreffend und unpassend zugleich ist. Annie Proulx sagt über Kurzgeschichten [5], dass sie eine Art höhere Form von Literatur darstellen. Sie sollen erzählen, wofür ein Roman taugen würde, und was trotzdem als Kurzgeschichte besser funktioniert. Für ihre Geschichte ist das definitiv zutreffend. Ein Wunder, dass es gelungen ist, daraus einen so intensiven und mitreißenden Film zu machen. Ich verstehe die Leute, die sich bis heute noch im zugehörigen Internetforum tummeln und Szenen diskutieren. 10 Jahre lang! Da sage noch einer, was erzählt würde, sei kein relevanter Stoff. Und nein, es geht nicht nur um Homosexualität, es geht um etwas Grundsätzliches. Um Gesellschaft, um Lebenskonzepte, um Diskriminierung, um Liebe.

So erinnere ich mich gerne an die Filme zurück und freue mich an den kleinen Bildern und Zitaten. Ein Tumblr kann schon eine schöne Sammlung sein.

7 Gedanken zu „Filmgedanken

  1. den Nachtzug habe ich bisher nur gelesen, ich wusste nicht, dass die Geschichte verfilmt wurde.
    Und ja, Brokeback Mountain habe ich ebenfalls gesehen und war wie du verzückt.
    Wobei er natürlich auch durch die starken großformatigen Naturbilder gewinnt. In einer Großstadt hätte der Film nicht funktioniert.
    find ich. :-)

      • und gleich nachdem ich das geschrieben hatte, fiel es mir ein, dass ich dir dringend diesen Film hier empfehle: Freier Fall
        https://de.wikipedia.org/wiki/Freier_Fall_%28Film%29
        und der Trailer bei Eutjubs: https://www.youtube.com/watch?v=RDbvu7Mu1sE
        Ich hab ihn dreimal hintereinander geguckt, als er in der ard-Mediathek war … dann war leider die Woche rum und der Film weg.
        Sehr intensiv erzählt.
        Er wird gehandelt als „deutsche Antwort auf Brokeback Mountain“ (bzw wars so, als er neu war), jetzt soll ja ein zweiter Teil entstehen. Da kann man gespannt sein. Die Messlatte liegt hoch.

      • Danke für den Hinweis. Im ersten Moment dachte ich noch, den hab ich doch schon gesehen, aber nein, hab ich noch nicht. Kommt bestimmt noch!

      • und rate, was ich recht bald nach dem dreimal gucken geschrieben hab?
        Frittenbude.

      • nein, das da oben stimmt nicht. (hab gerade noch mal im Blog geguckt.)
        Ich hab nicht den Film geguckt und dann „Frittenbude“ geschrieben. Das hatte einen anderen Auslöser.

  2. eigentlich eine tolle idee, filme so zu reflektieren um sich besser zu erinnern. vielleicht schaffe ich das auch mal?
    brokeback mountain hab ich nur einmal gesehen. ich fand es sehr berührend, aber überhaupt nicht skandalös. und heath ledger – was für ein verlust :(

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