Wartebank

Ich schlief im Flur, auf der Bank, auf der die Leute normalerweise sitzen, wenn sie sich die Schuhe anziehen. Man könnte auch Vorraum sagen, da es nur diesen kleinen Raum gab, der die Zimmer miteinander verband. Entscheidend war, dass gerade einmal einen Meter entfernt – wenn ich den Arm ausstreckte, konnten meine Fingerspitzen sie beinahe berühren – deine Zimmertür lag, sich nach innen öffnend, und dahinter dein Raum. Dein Raum. In dem du schliefst, last, arbeitetest. In dem du atmetest und zwischen eng gestelltem Bett und Schrank und Tisch deine Gedanken sich ihre Wege suchten. Ich lag mit meinem Schlafsack auf dieser Bank, du wusstest es nicht, nur dein Mitbewohner hatte mich, als er spät nach Hause kam, bemerkt. Er war bemüht, sich einen Anschein von Erstaunen zu geben, doch ich hatte gut gespürt, dass es auch ihm nur natürlich schien, dass ich da war. Es war der Ort, an dem sich meine Seele schon viel zu lange aufhielt. Ich saß auf der Wartebank, der Ankunfts- und Abschiedsbank, der Bank, von der ich deine Tür aus niemals erreichen würde, sie war unüberwindbar verschlossen und ich – solltest du jemals den Kopf herausstrecken – wohl unsichtbar für dich; ein Geist, der auf einer Bank lag, im Schlafsack, die Knie angezogen und bemüht, nicht aufzufallen. Wie lange ich mich schon darum bemühte, ich hatte die Unsichtbarkeit geradezu perfektioniert, und wie lange wohl dein Mitbewohner in einem versteckten Eck seines Bewusstseins schon ahnte, dass dies mein Ort war. Mein Platz, den ich bereits vor Jahren eingenommen hatte, oder vielmehr, der mich eingenommen hatte. Der mich zwang, da zu bleiben, auszuharren, hinzusehen, gleich welchen Schmerz, gleich welche abweisenden Gesten und unbeabsichtigt harten Worte ich auch ertragen musste. Ich konnte hier nicht weg. Dieser Ort war mir Fluch und Segen zugleich. So lag ich wartend in meinem Schlafsack auf der Bank. Mein Herz schlug ruhig und regelmäßig, durch eine Haarsträhne hindurch blickte ich auf deine Zimmertür, den Türgriff nicht aus den Augen lassend, er blieb unbewegt und die Türe, wie auch sonst, verschlossen.

5 Gedanken zu „Wartebank

  1. Es gibt tatsächlich Wartebänke, die man nicht einfach so verlassen kann. Von vielen steht man ja irgendwann auf, weil sich das Warten nicht lohnt. Aber diese Art Wartebänke hält einen. Danke für diesen Text!

  2. Pingback: Ahnung III | Preach it, Baby!

Platz für deinen Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s