Die Perspektive einer Sätzeschieberin

„Überhaupt wandelt das Wortlose in einem Gedicht umher wie in Homers Schlachten die nur von wenigen gesehenen Götter.“ (Klopstock)

Mit diesem Beitrag will ich ein paar Anmerkungen zum Zyklus „Ahnungen“ und daran anschließende Gedanken über das Schreiben an sich loswerden. Im Prinzip ist es eine Reflexion meines eigenen Schreibprozesses.

Alles begann mit „Ahnung I„. Ich hatte einen Gedanken, eine Empfindung im Gemüt und der Titel kam eher daher, dass ich die „Ahnung“ hatte, dass es nicht bei diesem einen Text bleiben würde. Der Titel referierte also sowohl auf meinen antizipierten Schreibprozess als auch auf die inhaltliche Ebene: Mein Ich „ahnte“, dass es einmal ein Gespräch mit dem Du führen würde. (Es ahnte jedoch nicht, dass die eigentlich Überschrift für den Zyklus „Nicht heute. Nicht jetzt.“ hätte lauten müssen…)

Schließlich küsste mich die Muse und „Ahnung II“ entstand. Eigentlich hätte ich in der Unibib einen langen wissenschaftlichen Aufsatz lesen sollen, doch stattdessen griff ich in die Wörterkiste und versuchte, einen ganz bestimmten Moment aufs Papier zu bringen. Ahnung II ist in Ich-Er-Perspektive verfasst, und mit dem Verzicht auf das Du eröffneten sich mir auf einmal ungeahnte Möglichkeiten. Wer meine Texte kennt, weiß, dass ich die Ich-Du-Perspektive liebe, ich mag es nicht, wenn Menschen sich hinter einem „Er“ oder einer „Sie“ mehr schlecht als recht verstecken, da habe ich doch lieber den Mut zu einem erzählenden Ich, lasse eine Facette meiner eigenen Persönlichkeit erzählen oder verstecke mich hinter dem geliebten Alter Ego. Mit der unmittelbaren Anrede an das Du kann ich Dinge extrem präzise formulieren und habe ein direktes Gegenüber, was mir das Erzählen erleichtert. Jedoch ist der Ich-Du-Kanal auch recht eng, ich stelle mich als Schreiberin auf ein festes Gegenüber ein und kann nicht beliebig Charaktere hin- und herschieben. Nun also: Neue Freiheit und Weite! Es machte Spaß, mit die Charaktere auszudenken und mir zu jeder Person eine eigene kleine Geschichte zu überlegen.

Als „Ahnung II“ fertig war, war mir auch klar, dass das Ganze ein Zyklus werden würde. Ich nenne es Zyklus, weil es sich im Kreis dreht. Der Gedanke passt auch dazu, dass Ahnungen an sich wohl nicht zählbar, abgrenzbar sind, dass sie im Grunde zu einer einzigen Ahnung verschwimmen. Die Ahnung dreht sich um sich selbst, in dem Versuch, sich einer Mitte anzunähern. Ich habe fünf Teile geschrieben, von denen „Ahnung III“ das Zentrum, den Dreh- und Angelpunkt bildet. Dementsprechend ist es die Achse, an der sich sowohl Ahnung I und Ahnung V als auch Ahnung II und Ahnung IV spiegeln. Damit hatte ich die symmetrische Struktur im Kopf und war nun gespannt darauf, wie es wohl sein würde, an etwas im Voraus Konzipierten entlang zu schreiben.

Einen Höhepunkt – „Ahnung III“ – zu schreiben ist leicht und schwer zugleich. Man muss einfach nur die Kernaussage dessen, was man sagen will, geballt in Worte fassen. Die eigentliche Arbeit bestand darin, alle unnötigen Sätze wegzustreichen. Dazu konnte ich nun entscheiden, ob mein Ich und mein Du tatsächlich einmal miteinander sprechen würden oder ob es nur darum ging, dem Ich mit Hilfe seines Mantras „Nicht heute. Nicht jetzt.“ einen Entwicklungsschritt – heraus aus der wartenden, hoffenden Haltung – zu ermöglichen. Ich entschied mich, wie ihr selbst lesen könnt, für Letzteres. Damit war dann auch die Katze aus dem Sack, aber die Geschichte noch nicht auserzählt.

Für „Ahnung IV“ durfte ich wieder meine fiktiven Charaktere aktivieren. Als Szene wollte wieder eine Party, doch etwas Zeit verstreichen lassen. Außerdem war es mir wichtig, einen direkten Bezug zu „Ahnung II“ herzustellen, um diese beiden Texte noch mehr zu verbinden. Die Situation, in der sich das Ich befindet, sollte sich nicht wesentliche verändert haben, im Innen intensiviert, im Außen diszplinierter.

Für „Ahnung V“ brauchte ich am längsten, was sich auch am Datum erkennen lässt. Schon ab „Ahnung II“ war ich nach dem Schreiben der Texte jedesmal regelrecht erschöpft, obwohl (weil?) die Texte nicht lang sind, kosteten sie mich enorm viel Kraft, das Finden von Wörtern, das Herumkauen und Herumschieben von Sätzen, das Ans-Licht-Zerren von Empfindungen,… Nun hatte ich studiumsbedingt Prüfungsvorbereitung und wollte mir diese Schreibarbeit nicht unbedingt zumuten. Gleichzeitig musste der Text noch vor meiner Prüfung fertig werden, ich wollte es nicht riskieren, dass mir das Gefühl für den Zyklus abhanden kam. Von „Ahnung V“ existieren mehrere Fassungen, was wohl daran liegt, dass meine Vorstellungen sehr konkret waren: Jeder der vorherigen Texte sollte aufgenommen werden, die Parallele zu „Ahnung I“ musste besonders herausgearbeitet werden, nach meiner Kernaussage aus „Ahnung III“ durfte nichts Neues gesagt werden, und doch: der Text sollte die Gesamterzählung nochmal auf eine neue Ebene heben. Ein hoher Anspruch, den ich da an ein paar Zeilen voll Buchstaben hatte. Doch ich die Muse hatte ein Nachsehen oder mich einfach gern. Bestimmte Sätze flossen einfach aus mir heraus und ich bin froh, dass sie das viele Denken unbeschadet überstanden haben. (An dieser Stelle auch ein Dank an Nimue, die mit mir eine ganze Stunde lang die Vor- und Nachteile eines bestimmten, einzelnen Substantivs erörterte!)

Als „Ahnung V“ publiziert war, schrie ich jedenfalls erstmal laut und befreit auf. Dieser Zyklus war geschafft.

Und ich merke: Ich liebe das Schreiben ungemein. Einmal angefangen, ist es wie ein Zwang für mich und ich lege ein regelrecht obsessives Verhalten an den Tag, was einzelne Wörter und die Struktur von Sätzen angeht. Vermutlich ist das das Auge einer perfektionistischen Leserin. Nun ja, als Jugendliche gehörte ich noch zu denen, die glauben, der erste Entwurf sei der „richtige“ und dürfe nicht verändert werden, da alles andere nicht mehr authentisch und „aus dem Herzen gesprochen“ sei. Heute denke ich, mit einer Anspielung an den Film „Love and other disasters“: „Dein Kunstwerk ist dein Baby – Töte dein Baby!“ Streich die unnötigen Füllwörter, belass es bei einer Andeutung und verlier nie den unsichtbaren roten Faden. Somit suche ich weiterhin zwei Gewichte auszubalancieren: die Überzeugung von der Notwendigkeit des unbarmherzigen Rotstifts und das Wissen, dass die besten Sätze die sind, die einfach passieren.

3 Gedanken zu „Die Perspektive einer Sätzeschieberin

  1. Zu dem letzten Absatz Beifall und ein euphorisches Klatschen und Kichern :D – mir ging es genauso. Ich muss für meine Dozenten und mein Umfeld sehr anstrengend und unverbesserlich gewesen sein, als ich vom Abi an die Uni kam. Erste Lektion zu einem korrigierten Text war erstmal: Keine Schachtelsätze, kurz fassen. Und ich habe Texte nicht verändert – sie waren quasi gott-eingegeben. :o Naja, ich bin froh, dass es heute anders ist und es macht total Spaß. Viel Freude noch bei deinem Schreiben! Lg, Anne

  2. Pingback: Zwischen den Zeilen (Jahresrückblick 2016) | Preach it, Baby!

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