Über Wahrheit und Schönheit.

Dieser Beitrag ist ein Zwischenspiel in Verbindung mit dem Emergent Forum, in das ich letztes Wochenende hochgradig involviert war. Meine regelmäßigen Leser*innen mögen es mir nachsehen, dass ich auf Einleitung und Hinführung verzichte. Wer sich über die Veranstaltung informieren will, darf gern das Internet nutzen, aber ich möchte direkt zum Punkt kommen und mich mit einer Aussage aus Christinas Vortrag auseinandersetzen.

Hören wir doch auf, etwas falsch oder richtig zu finden.
Fangen wir wieder an, etwas schön zu finden.

Natürlich reiße ich den Satz jetzt aus seinem Kontext und gerade deshalb will ich zuerst versuchen, die Stoßrichtung aufzuzeigen, aus der ich ihn verstehe und sogar unterschreiben kann. Vor ein paar Wochen beantwortete ich eine Presseanfrage dazu, wie die Jesus Freaks sich zu anderen Religionen verhalten, ob diese als alternativer Weg ok/seligmachend/heilsversprechend/whatever seien und was wir überhaupt so von anderen religiösen Praktiken halten. In meiner Antwort machte ich deutlich, dass die meisten Jesus Freaks, die ich kenne, sich nicht sonderlich mit anderen Religionen als möglichem Heilsweg befassen, aber durchaus den Andersgläubigen mit Respekt und Wertschätzung begegnen. Ich schrieb über das Festhalten am Eigenen ohne Abwertung des anderen und zitierte dabei auch eine Mitchristin mit: „Ob es noch eine andere göttliche Wahrheit gibt, ist mir egal, ich gehe mit Jesus.“
Wenn es um den Kontakt und das Gespräch mit anderen Religionen geht, ist der Wahrheitsbegriff oft schwierig, weil „wahr“ in unserer Logik sofort sein Gegenteil „falsch“ hervorholt. Es scheint fast, als könne ich nicht über meine eigene Religion als „wahr“ sprechen, ohne gleichzeitig eine andere Religion als „falsch“ abzulehnen. Meines Erachtens muss das aber nicht so sein. Anstatt mit Aussagen wie „Unseres ist richtig, eures ist falsch.“ zu operieren, will ich vielmehr das Eigene erklären, groß machen, mit Überzeugung und Hingabe vertreten oder, wie Christina sagte, davon schwärmen. All das ist möglich, ohne das Gegenüber mit seiner Glaubenserfahrung abzuwerten.

Auf der anderen Seite jedoch löst die oben zitierte Aussage Bauchschmerzen bei mir aus. Auch dazu eine kurze Anekdote: Als ich Anfang 20 war, begegnete ich einem jungen Neonazi, wir gingen zusammen spazieren und unterhielten uns über unsere Leben und unsere Überzeugungen. Ich wollte natürlich wissen, warum er sich der rechten Szene angeschlossen hatte und auch, woran er glaube. Daraufhin erzählte er mir Geschichten aus der alten gemanischen Mythologie und zeigte mir auch seine Halskette mit einem entsprechenden Symbol. Nach einiger Zeit frage ich ihn dann: „Glaubst du denn daran?“ und er antworte: „Glauben? Nun ja, lass es mich so sagen: Ich finde es schön, einen schönen Gedanken.“
Worauf ich damit hinauswill? In der Innenperspektive meiner eigenen Religion reicht es mir nicht, einen Gedanken bloß schön zu finden. Ich will auf den Wahrheitsbegriff nicht verzichten – und sei es nur in seiner geringsten Form als subjektive, erlebte Wahrheit, als ein „Ich erlebe das als wahr, als sinnvoll, bedeutend, tragfähig für mein Leben.“ Mir reicht es nicht aus, die Auferstehung schön zu finden. „Schön“ ist mir hier zu oberflächlich, das ästhetische Empfinden zu beliebig und  – um Christina mit diesem Beitrag nun nicht Unrecht zu tun – es trifft m.E. auch nicht ihre Überzeugung. Wir haben an dem Wochenende viel über Gnade gesprochen, die von Gott kommt und zuvorkommend, mächtig, stark ist, sodass man selbst sich gar nicht entziehen kann. Eine solche existentielle Erfahrung will ich nicht nur über Schönheit artikulieren.

Ich könnte jetzt ein harmonisierendes Fazit schreiben und darüber nachdenken, für wie viele Menschen es vielleicht sinnvoll und hilfreich ist, dieses Starkmachen des Eigenen ohne Abwertung des anderen in genau diesen Worten zu hören und zu denken. Trotzdem will ich festhalten, dass Wahrheit und Schönheit nicht gegeneinander ausgespielt werden müssen, dass die geforderte Akzentverlagerung ihre Grenzen hat und dass die Dichotomie von richtig und falsch nicht in jedem Leben zu einem Schwarz-Weiß-Denken führt, sondern dass „wahr“ und „richtig“ meinen eigenen Glauben auch auf einer notwendigen, tieferen Ebene verankern können.

7 Gedanken zu „Über Wahrheit und Schönheit.

  1. Danke, ich sehe das Ähnlich. Da wurden zu viele falsche Alternativen aufgemacht: „Biographie stärker als Theologie“, „Liebe und nicht Wahrheit“ (wirklich? Ich meine jetzt: ist das wirklich das worauf es hinausläuft: unwahre Liebe oder lieblose Wahrheit???). Ich finde das Beispiel mit dem Neonazi wunderbar, weil es zeigt: wir sollten uns die Ausflucht ins Numinose und irgendwie vage, inhaltlsleere ersparen. Andersherum wird ein Schuh draus: wenn man nicht die Gegenüberstellung wahr-falsch nimmt (dann geht es ja um bloße Faktizität, das wäre für einen biblischen Wahrheitsbegriff entschieden zu wenig) dann gilt die Gegenüberstellung wahr-unwahr. Und Nadia hat doch so viel davon erzählt wie man die Konfrontation mit der Wahrheit seiner Person durch die Wahrheit Jesu Christi benötigt, um überhaupt mit Integrität lieben zu können. Ich werde, nach einem allgemeinen Fazit auch noch einmal in die Richtung was schreiben.

    • Hallo Arne, danke für deinen schnellen Kommentar. Die Aussage ging mir wirklich sehr nach und ich musste erst die positive Seite daran finden, bevor ich den Beitrag schreiben konnte. Ein Freund hat mich auch nochmal an einen Satz von Nadia zu den Wundern erinnert: „Sind es Fakten? Keine Ahnung. Sind sie wahr? Auf jeden Fall!“, der ja auch nochmal auf die mythische Dimension von Wahrheit – oder zumindest auf eine andere Dimension von Wahrheit jenseits der Faktizität verweist.
      Ich bin gespannt auf deinen Beitrag! Liebe Grüße!

  2. Pingback: Emergent Forum – sound/bites | Zwischenraum

  3. Pingback: Zwischen den Zeilen (Jahresrückblick 2016) | Preach it, Baby!

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