Gemeinsam einsam

Der Himmel ist blau und leuchtet.

Ich lerne, dass meine Isolationsgefühle völlig normal sind. Das Gefühl, am Ende allein zu sein, ist weder neu noch erschreckend (auch wenn es mich umhauen, lähmen und stundenlang betrunken auf dem Sofa zurücklassen kann). Im Gegenteil, das Gefühl ist vertraut und bekannt, und ich kenne diese spätmoderne Gesellschaft viel zu gut, als dass ich noch Angst davor hätte, es in einem Gespräch messerscharf zu benennen. Vielleicht kenne ich auch nur die Literatur, die Frage hat ihre Berechtigung, doch in jedem Fall wurde ich noch nie enttäuscht, es folgten stets ein Nicken und ein verständnisvoller Blick. Ich studiere Literatur- und Kulturtheorie im Master, zu irgendwas muss dieser Studiengang ja gut sein, denke ich gerade.

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Anfang des Monats starb Zygmunt Bauman – gedanklicher Gefährte, persönlicher Hausphilosoph, Lehrer, Vorbild und Inspiration. In seinem Werk „Flüchtige Moderne“ schrieb er über Individualisierung als einen Prozess, dem sich das moderne Subjekt nicht mehr entziehen kann. (Flüchtige Moderne, S. 45f.) Individualisierung als Schicksal und Identität nicht mehr als Vorgabe, sondern als Aufgabe – von Juli Zeh prägnant als der alles beherrschende Imperativ des 21. Jahrhunderts bezeichnet: „Erfinde dich und sei du selbst!“ (Treideln, S. 176)

Unter dem Damoklesschwert der Selbstverantwortlichkeit wird „Lebensführung zur biographischen Auflösung von Systemwidersprüchen“ (Beck, Risikogesellschaft, S. 219), der Einzelne sucht den Grund für Erfolg und Scheitern allein bei sich. Wenn das nun wahlweise zu gnadenloser Selbstüberschätzung oder bodenlosen Depressionen führt, wer sollte noch überrascht sein? In Hashtags wie #systemkrank entdecke ich kleine Gegenbestrebungen, winzige Erkenntnismomente in dem Versuch, statt auf eine bloße Ähnlichkeit der Probleme der Einzelnen auf deren Wurzel im System, d.h. auf die soziale Produktion der Risiken und Nebenwirkungen, hinzuweisen. Ist dies ein Zeichen für das Wiedererstarken des Bürgers, welcher (als Baumans Gegenbild zum Individuum) sein Wohlergehen an das Wohlergehen der Stadt knüpft, oder nur ein flüchtiger wechselseitiger Trost, ein Treibholz, an das sich die unweigerlich Sinkenden noch einige Minuten oder Stunden lang zu klammern versuchen?

Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, S. 47

Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, S. 47

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