Der Anfang vom Ende

Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell über dich hinwegkommen würde. Ein paar Monate und etwas Abstand und das war’s dann auch schon. Angesichts dieser großen, unglücklichen Liebe erscheint es mir selbst wenig glaubwürdig, doch was soll ich sagen? Manchmal scheint sich die Zeit eben besonders viel Mühe bei der Wundheilung zu geben.

Klar, ich kann nicht leugnen, dass es ein Schlag für mich war, als du mir sagtest, dass es zwischen uns vorbei ist. Es war hart und es zog mir für einen Moment den Boden unter den Füßen weg. Du habest jemanden kennengelernt, sagtest du, und es sei etwas Ernstes. So ernst, dass es nicht reichen würde, die Benefits aus unserer Freundschaft zu streichen, sondern dass eine klare Linie gezogen werden müsse, und diese Linie, so dein Plan, verlief nun einmal zwischen dir und mir. Du schautest mich dabei an, als habest du gerade den Wetterbericht vorgelesen. Ich schluckte erst, dann nickte ich und brachte sogar noch einige verständnisvolle Sätze über die Lippen – nur um einige Tage später Zeter und Mordio zu rufen. Zum ersten Mal in unserer Freundschaft machte ich dir Vorwürfe. Unnötige Vorwürfe, denke ich heute, doch damals mussten sie raus. Du hattest dich verabschiedet, es war dein gutes Recht, und doch hattest du allein entschieden.

Du hast immer allein entschieden, auch in all diesen Unglücksjahren mit mir. In diesen überglücklichen Unglücksjahren. Schon als ich dich kennenlernte, bestimmtest du den Kurs, bestimmtest das Tempo und hattest stets das passende Label für unseren Freundschaftsstatus parat. Ich will mich hier nicht zum Opfer stilisieren, ich trage genauso die Schuld an diesem ungünstigen Verlauf und die wenigen Fäden, die ich hatte, hielt ich umso sicherer in meiner Hand. Mit feinen Antennen erkannte ich bald die Augenblicke der Unachtsamkeit, ich entwickelte eine Ahnung für deine schwachen Momente und wusste sie für mich auszunutzen. Deine Prinzipien waren dir heilig und doch schob ich mich immer wieder an ihnen vorbei, hinter das hart gesetzte Label, hinein in deine unwillkürliche Umarmung. Sie war ein geradezu unbewusster Akt der Zuneigung, du dachtest nicht nach in diesen Situationen und das kam mir zugute.

Für „Friends with Benefits“ sah dein Plan vor, dass Übernachtungen und Benefits sich ausschließen würden; wer zu Gast war, musste also irgendwann nach Hause gehen, auch wenn das bedeutete, um drei Uhr morgens noch unter Restalkohol seine Sachen zu packen. Mit einer Übernachtung wäre die Grenze zum Pärchen für dich nicht mehr erkennbar, meintest du, und ich schluckte erst, dann nickte ich und selbstverständlich fand ich ein paar verständnisvolle Worte. Übernachtungen bei Freunden seien hingegen okay, da spreche nichts dagegen, es sei selbstverständlich, Freunden nach einer partyreichen Nacht einen Platz auf der Couch anzubieten – oder auf der eigenen, 1,40m-breiten Matratze, wenn es denn zwischen den Beteiligten passte.

Natürlich passte es bei uns, wir hatten uns über die Jahre aneinander gewöhnt, hatten einen gemeinsamen, selbstverständlich rein freundschaftlichen, Rhythmus gefunden und ich schlief gerne bei dir im Bett. Wenn ich neben dir lag, streckte ich immer meine Zehen von dir weg, sodass sie unter der Bettdecke hervorlugten, und schob meinen Rücken noch ein paar Zentimeter näher zu dir hin. Eine komische Schlafhaltung, meintest du, wie eine Mondsichel, und obgleich ich zuhause nicht sonderlich mondsichelförmig schlief, schien es mir hier bei dir passend – so passend, dass ich auf die Schnelle nie eine plausible Antwort auf deine Bemerkung gefunden hätte. Tatsache war, ich fühlte mich viel zu wohl damit, fühlte mich so wohl in deiner Nähe auf diesen 140 gemeinsamen Zentimetern, genoss die nicht einmal anderthalb Meter für zwei Menschen, die jenseits aller Labels ein Herz und eine Seele waren. Ein glückliches Herz und eine traurige Seele, wohlgemerkt.

8 Gedanken zu „Der Anfang vom Ende

  1. Traurig…. :( Friends mit Benefits kann ich nicht. Wer dazu in der Lage ist, dem würde ich nie moralische Vorhaltungen machen. Ich hab es die wenigen Male immer so erlebt, dass sich irgendwann doch ein Teil verliebt und das ist dann der Teil mit der Arschkarte…falls das deine eigenen Erlebnisse sind: Baldige vollständige Besserung…

    • Danke für deinen Kommentar! Der Text ist (glücklicherweise) fiktiv. Ich glaube auch, dass es sehr hart sein kann, wenn sich ein Teil verliebt… Ich werde mich dem Thema durch das Schreiben evtl. auch noch weiter nähern. Der Text ist ohne viel Zutun einfach aus mir rausgeströmt, vielleicht ist da ja eine Quelle ;) Liebe Grüße!

  2. Da bin ich aber froh, dass dieses traurichte Kapitel endlich abgeschlossen ist, Frau Fiktion!!
    Auf zu neuen Ufern! Neuen Typ erfinden und mit dem glücklicher werden, ganzheitlich!!

  3. Ein schöner Text und ein schwerer zugleich. Gerade die Beschreibung des mondsicherlförmigen Schlafens ist ganz wunderbar. Sie macht klarer als andere Elemente des Textes, was sie so viele Jahre von diesem Regelsetzer wollte: nämlich einfach nur Daseindürfen und Nahedranliegen. Das ist ja nicht wenig, und das, finde ich, transportiert Dein Text auch sehr gut. Auch dieses Hin und Her zwischen „ich will ja nur ganz wenig, also kannst du mich niederschwellig lieb haben“ und „du Schwein, warum liebst du mich (doch) nicht“ ist zart angedeutet. Traurig und schön.

    • Danke für diesen schönen Kommentar! Es ist immer besonders schön zu lesen, wenn andere etwas im eigenen Text entdecken, was man selbst gar nicht bewusst hineingelegt hat und was aber einfach genau so ist und stimmt. Liebe Grüße!

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