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Mittagsmüdigkeit

Die Mittagszeit ist mir gerade die liebste Zeit des Tages. Der Gedanke, dass sich am anderen Ende der Welt ein Mensch gerade im Tiefschlaf befindet, den Kopf auf dem Kissen ruhend und die Decke bestimmt bis an die Nasenspitze hochgezogen, beruhigt mich ungemein. Wo andere über das Mittagstief jammern, genieße ich den kleinen Moment der Müdigkeit in diesem Schlaf-Wach-Rhythmus, der sich Leben nennt.

„Ach du Schande, gibt es heute Abendmahl!“

Beobachtungen im Festgottesdienst zum Reformationstag in der evangelischen Kirche Walddorf (Walddorfhäslach)

Meine schwäbische Freundin singt im Chor und lud mich zum Gottesdienst in ihre evangelische Kirchengemeinde ein. Da ich die Gottesdienstberichte des Liturgiefuchs‘ im Sommer sehr gern gelesen habe, möchte ich im folgenden Text einmal beschreiben, wie ich den Gottesdienst in Walddorfhäslach erlebt habe.

Vorerkundungen

Der Gottesdienstbeginn war für 10.15 Uhr angesagt – soweit die Information meiner Freundin, aber auch die Website der Gemeinde, die ich mir im Vorfeld des Gottesdienstbesuches kurz anschaute. Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass viele dörflichen Kirchengemeinden keine Adresse ihres Kirchengebäudes auf die Website setzen, weil man davon ausgeht, dass die ansässige Gemeinde ja eh weiß, wo im Dorf die Kirche steht. Für Besucher*innen von außerhalb kann es gerade in Gemeindeverbünden von mehreren kleinen Ortschaften manchmal knifflig sein, die richtige Kirche zu finden. Die evangelische Kirche Waldorfhäslach hat jedoch sowohl Fotos ihrer Kirchengebäude online gestellt als auch im Footer der Website eine Postadresse angegeben. Dies wissend machte ich einfach mal auf den Weg und gab in mein Navi erstmal nur „Ortszentrum“ ein.

Ankunft

Bei der Einfahrt nach Walddorf entdeckte ich sofort den Kirchtum. Nun galt es, diesen auch zu erreichen – meine Freundin hatte mich schon bezüglich einer Baustelle vorgewarnt, um die ich erstmal großzügig herumkurvte. Schließlich parkte ich mein Auto und beobachte dabei ein Paar, das zügig in die „Kirchgasse“ einbog und die ich für mögliche Gottesdienstbesucher hielt. Ich lief ihnen nach und war beim Blick auf die Kirche mit ihrem Kreuz auf dem Kirchturm kurz verunsichert, ob es sich wirklich um die evangelische Kirche vom Foto handelte oder ich nicht doch etwas verwechselt hatte, da das Kreuz ja traditionell auf katholischen Kirchen prangt. Auf der Höhe des Paares angekommen, entdeckte ich das evangelische Gesangbuch in der Hand der Frau, sagte freundlich „Guten Morgen“ und wechselte auch gleich ein paar Worte mit den beiden, wobei ich erwähnte, dass ich heute Morgen zu Besuch war.

Erste Eindrücke

Gegen 9.45 Uhr betrat ich die Kirche und war überrascht, wie wenig Gottesdienstbesucher*innen schon da waren. Von einigen Festgottesdiensten bin ich es gewohnt, dass man durchaus eine halbe Stunde früher dran sein muss, um sich noch einen guten Platz zu sichern. Beim Betreten der Kirche fiel mir ein Stapel mit gefalteten Blättern ins Auge, auf die das Altarbild einer Kirche gedruckt war. Dadurch hielt ich es nicht für das Liedblatt zum Gottesdienst, sondern eher für ein Informationsblatt für Führungen durch die Kirche. Ich griff also hinter der letzten Reihe zum Gesangbuch und suchte mir einen Platz weiter vorn.

Die evangelische Kirche in Walddorf hat die Kanzel in der Mitte der Kirche. Es gibt einen L-förmigen, oberen Rang, auf dem sich auch die Orgel befindet. Im unteren Bereich jedoch schaut sich die Gemeinde gegenseitig an und hat eine Freifläche vor Kanzel und Altar in der Mitte, auf der sich der Posaunenchor positioniert hatte. Die Architektur der Kirche empfand ich als angenehm und gemeinschaftsfördernd. Hier versammelt man sich richtig um den Altar und die Predigt.

Ich hatte also noch Zeit, in meiner Bank zu sitzen, die Lesezeichen des Gesangbuchs in die angeschlagenen Lieder zu legen und den letzten Proben der drei Chöre zuzuhören. Dabei fiel mir auf, wie gewohnt und sicher ich mich in dieser evangelischen Gottesdienstkultur bewege. Das freundliche Gespräch mit dem Paar auf dem Weg zur Kirche, der Griff zum Gesangbuch am Eingang, der kurze Moment der Stille in der Bank, das vorbereitende Heraussuchen der Lieder (natürlich mit farblich passendem Lesezeichen bei den Psalmen) – all das ist mir so vertraut und ich bewege mich so sicher darin, dass ich zwar vielleicht als Besucherin, aber nicht als Fremdkörper auffalle.

Viele christlich sozialisierte Menschen finden in einem bestimmten, einzelnen Frömmigkeitsstil ihre Heimat – so wie Hanna neulich in ihrer Kolumne schrieb, dass ihr die evangelische Kirche einfach am nächsten und vertrautesten ist. Meine christliche Heimat hingegen ist ein Flickenteppich an Traditionen und Formen: Von der pietistischen Gemeinschaftsstunde über den landeskirchlichen Gottesdienst bis hin zur katholischen Messe und zu pfingstlerisch-charismatischen Gottesdiensten ist einiges dabei. Jede Form hat einen Abschnitt oder Teil meiner Kindheit und Jugend so geprägt, dass ich mich darin wiederfinden kann. Ich kann nicht sagen, dass ich mich in der evangelischen Kirche so richtig „zuhause“ fühle – das kann ich aber auch über keinen anderen Frömmigkeitsstil sagen. Manche sind mir vertrauter als andere, manche sind liebgewonnene Fremde, manche machen es mir leicht. In den meisten Fällen geht es mir wie gestern in Walddorf: Ich schlüpfe einfach hinein.

Gottesdienstbesucher

Bald nahm neben mir in der Bank eine Frau Platz und auch sonst füllte sich der Gottesdienstraum langsam, aber stetig. Die meisten Gemeindemitglieder kamen so zwischen 10 Uhr und 10.15 Uhr. Ein Mann ging durch die Reihen und verteilte die Liedblätter – es waren tatsächlich die Blätter mit dem Altarbild, die ich am Eingang schon erspäht hatte. Er forderte mich und meine Nebensitzerin auf, gemeinsam in das Liedblatt zu schauen. Ich überließ es ihr und sie studierte das Bild. Anschließend zeigte sie es mir und wir schauten es uns gemeinsam an, rätselten dabei über manche Szene oder Figur und ich laß ihr den oben aufgedruckten Bibelvers vor, da sie keine Brille dabei hatte. Hinter mir in der Reihe fiel einer Frau auf, dass auf dem Altar das Abendmahl vorbereitet war. Sie kommentierte dies mit „Ach du Schande, gibt es heute auch noch Abendmahl!“, was mich ein wenig zum Schmunzeln brachte. Ja, drei Chöre und Abendmahl, das erschien auch mir durchaus ambitioniert, aber wann, wenn nicht am Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum ist der Rahmen dafür auch da?

Gottesdienst

Nun begann der Gottesdienst mit Musik und der Begrüßung des Pfarrers, der auch besonders die drei anwesenden Chöre erwähnte, die den Gottesdienst mitgestalten würden. Wir sangen anschließend auch das erste Lied, das im Gesangbuch das Kapitel „Rechtfertigung und Zuversicht“ eröffnete: „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ – ich fand, es war nicht ganz einfach zu singen und auch meine Nachbarin tat sich schwer.

Anschließend sprach der Pfarrer das erste Gebet – für mich seit Jahren ein Schlüsselmoment für jeden Gottesdienst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man am ersten Gebet des Pfarrers meist sehr gut die theologische Richtung und den Stil erkennen kann, den der Gottesdienst nehmen wird und habe für mich verschiedene Kategorien an Gebeten ausgemacht. Das Gebet war ein „Lehr- und Erklärgebet“, das sich meiner Wahrnehmung nach mehr an die Gemeinde richtete, Dinge erklärte und die gegenwärtige Situation beschrieb. Ich persönlich finde solche Gebete immer ein wenig ‚hinterrücks‘ – ich möchte mich doch in einem Gebet gemeinsam an Gott richten und nicht die Wirklichkeitsdeutung des Betenden meditieren. Nun ja, ich habe schon ausdrücklichere Lehrgebete erlebt und versuchte, mich darauf einzulassen. Darüberhinaus war meine Erwartung für die Predigt nun gesetzt: Ich rechnete mit einer Lehr- und Erklärpredigt (und sollte auch nicht enttäuscht werden).

Die Chöre

Die drei Chöre Posaunenchor, Kirchenchor und Kinderchor trugen sowohl einzeln als in Kombination Lieder vor, bei denen man aufgrund des Liedblatts auch teilweise mitsingen konnte. Das war total schön und man merkte richtig, wie es eine gegenseitige Bereicherung war, aufeinander zu hören und miteinander zu singen und zu musizieren. Die Kindergruppe – ich weiß nicht, ob es eine Jungschar war, jedoch wurde ein Zeltlager erwähnt – sang eine Variation von „Ein feste Burg ist unser Gott“ auf die Melodie von „Atemlos“.

Schriftlesung

Vor der Schriftlesung wartete der Pfarrer kurz ab, bis auch die Chormitglieder jeweils wieder ihre Plätze gefunden hatten – das fand ich sehr angenehm, da es zeigte, dass wir trotz vollem Gottesdienstprogramm ausreichend Zeit haben, um aufeinander zu warten. Es folgte nun ein Überraschungsmoment: Der Pfarrer las die Stelle aus dem dritten Kapitel des Römerbriefs komplett auf Latein. Aufgrund seiner Lesegeschwindigkeit kam ich inhaltlich somit nicht vollständig mit – allerdings war dieses Experiment ja auch nicht für Lateinkundige gedacht, sondern sollte die Bedeutung der Bibelübersetzung verdeutlichen. Die Gemeinde saß verblüfft in den Reihen und der Aha-Effekt war groß. Dies war aus meiner Sicht eine gelungene Intervention. Allein fand ich es schade, dass der Pfarrer anschließend erwähnte, dass auch er selbst den lateinischen Text nicht verstehen würde. Das ist mir dann doch ein Rätsel.

Eine Frau aus der Gemeinde las nun erneut den Text auf Deutsch. Sie las gut betont vor und hatte eine sehr freundliche und warme Ausstrahlung, sodass ich ihr gern zuhörte und den doch sehr kompakten Bibeltext auch gut aufnehmen konnte.

Predigt

Zur Predigt stieg der Pfarrer auf die Kanzel, sodass er genau in der Mitte des Gottesdienstraumes war. Er begann mit einer Beschreibung und Erläuterung des Altarbildes, das wir auf unseren Liedzetteln aufgedruckt hatten. Dabei erwähnte er viele kleine Details, die leider aufgrund des Schwarz-Weiß-Druckes, der Größe und eher mittelmäßigen Qualität des Drucks nicht so gut zu erkennen waren. Meine Banknachbarin und ich beugten uns jedenfalls sehr dicht über das Blatt und mussten uns zwischendrin beraten, um herauszufinden, was genau gemeint war. Die historische Einordnung des Altars samt der Erläuterung zu den dargestellten Personen gab einem einen guten Überblick in die Zeit der Reformation. Das inhaltliche Ergebnis der Altarbildbesprechung war die Bedeutung von Sakramenten und Evangelium als wesentliches, kennzeichnendes Merkmal von Kirche – dazu zitierte der Pfarrer zwei Mal aus der Confessio Augustana und fasste den Inhalt auch gut zusammen. Die dargestellten Sakramente auf dem Bild waren Taufe, Abendmahl und Beichte. Im Blick auf das Abendmahl erwähnte der Pfarrer, dass es nach lutherischem Verständnis „eigentlich“ auch eine Realpräsenz Christi in Brot und Wein gibt und dass in der evangelischen Kirche „eigentlich“ jede*r das Abendmahl reichen dürfe – es aber „der Ordnung halber“ an bestimmte Personen delegiert würde. Dabei sind mir beide „eigentlich“s nach wie vor nicht klar. Entweder man sagt, dass man selbst etwas glaubt oder man beschreibt, dass ein anderer (Luther) etwas glaubt, aber es ist doch seltsam zu sagen, dass „wir eigentlich auch an die Realpräsenz glauben“. Genauso ergibt sich aus dem Priestertum aller Gläubigen entweder, dass jede*r das Abendmahl austeilen darf, oder man hat ein bestimmtes Verständnis von Amtskirche, nach dem das nicht möglich ist, aber es ist doch genauso irritierend, mitzuteilen, dass „eigentlich jeder das Abendmahl austeilen darf“. Ich halte das „eigentlich“ jedenfalls für überflüssig. Da ich gerade erst die Reformationsrede von Erik Flügge gelesen habe, sei noch erwähnt, dass Bonhoeffer ebenfalls zitiert wurde.

Solus Christus

Überhaupt stand die Reformation in diesem Festgottesdienst natürlich im Mittelpunkt. Gut fand ich, dass dabei deutlich wurde, dass es nicht um eine bloße Feier der Vergangenheit oder um ein Heldengedenken an Luther ging (ich bin gerade nicht sicher, ob das in der Begrüßung des Pfarres oder im Anfangsgebet enthalten war), sondern um die Kirche im Hier und Heute – mehrfach wurde auch „die Zukunft der Kirche“ erwähnt, doch leider wurde es dabei wenig konkret.

Schließlich sang der Chor meiner Freundin das von Rouven Genz gedichtete Lied „Solus Christus“, das mir sehr gut gefiel und mir auch noch eine Weile im Ohr blieb.

Höchst irritierend: Das Abendmahl Als Extra-Veranstaltung

Die Ankündigungen und Hinweise machten deutlich, dass der Gottesdienst nun gleich zu Ende war. Dabei wurde mitgeteilt, dass im Anschluss an den Gottesdienst das Abendmahl gefeiert wurde. Ich saß in meiner Bank und konnte es kaum glauben. Der Pfarrer sprach den Segen, es gab ein Lied zum Auszug, der Posaunenchor brach auf und etwa die Hälfte der Leute verließ die Kirche. Ja, der Gottesdienst hatte bereits 1,5 Stunden gedauert, aber warum sollten wir auf das Abendmahl verzichten? Meine Freundin nahm bei mir in der Bank Platz und wir beschlossen, unsere Irritation zur Seite zu legen und uns einfach darauf einzulassen. Der Pfarrer begrüßte nun erneut die anwesende Gemeinde – dabei hatten wir doch gerade schon eineinanhalb Stunden zusammen verbracht!? Wir sangen ein Lied aus dem Liederbuch, anschließend folgen Sündenbekenntnis und Vergebungszuspruch. Im Gebet des Pfarrers wurde das Sündenbekenntis mit dem Begriff der „anklagenden Gedanken“ eingeführt, das dann auch zum „in sich verkrümmten Menschen“ (homo incurvatus in se ipse) führte, später wurde ein Impuls für das Miteinander gegeben, nämlich anderen Menschen zu helfen, ihnen eine Stunde Zeit oder ein paar Cent aus dem Geldbeutel zu schenken, wenn sie einen darum bitten. Die Gemeinde konnte mit „Ja“ einstimmen, wenn sie das Sündenbekenntnis teilte und um Vergebung bitten wollte. Daraufhin folgte der Vergebungszuspruch. Außerdem gab es vor dem Abendmahl einen Moment, sich gegenseitig mit dem Friedensgruß die Hände zu schütteln.

Nach den Einsetzungworten traten wir in vier Gruppen in den Mittelraum, um dort das Abendmahl zu empfangen. Die Helfer*innen waren sehr gut organisiert, sodass alles zügig, aber nicht hektisch vonstatten ging. Es gab richtiges Brot sowie Wein im großen Kelch und Traubensaft in kleinen Einzelkelchen. Anschließend fassten sich alle in der jeweiligen Gruppe an den Händen und hörten auf ein Segenswort des Pfarrers, bei meiner Gruppe war dies das Wort aus Exodus 33: „So spricht der Herr: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“

Das Schlusslied sangen wir aus einem anderen, moderneren Liederbuch, es war „Herr, im Glanz deiner Majestät“. Das Orgelnachspiel zum Auszug schließlich nahm wieder Bezug auf den Kinderchor, sodass die Melodie von „Atemlos“ erklang (und mich auch noch die nächste Stunde verfolgte).

Fazit

Es ist mir ein großes Rätsel, wie man eine Predigt über eine sich aus Evangelium und Sakramenten konstituierende Kirche halten kann, das Abendmahl samt Sündenbekenntnis und Vergebungszuspruch (Verbindung zur Beichte) aber als Extra-Veranstaltung im Anschluss an den Gottesdienst feiert. Auch wenn die Predigt ein anderes Thema gehabt hätte, hätte ich es gleichermaßen deplaziert gefunden, so jedoch bin ich tatsächlich fassungslos. Ich habe insgesamt 2,5 Stunden in dieser Kirche verbracht, eine halbe Stunde vor Beginn, dann 1,5 Stunden Gottesdienst und schließlich eine halbe Stunde Abendmahlsfeier. Das ist in der Tat für einen evangelischen Gottesdienst recht lang, aber die Länge kann doch nicht über den Inhalt entscheiden. Aus meiner Sicht hätte man vielleicht am Orgelvor- und -nachspiel bei den Gemeindeliedern kürzen können bzw. die Gemeinde einfach noch mehr zum Mitsingen bei den Chorliedern ermutigen können, sodass gesonderte Gemeindelieder weniger wichtig gewesen wären. Darüberhinaus haben natürlich auch die „Lehrgebete“ die Tendenz, eher länger auszufallen. Jedoch ist es auch nur eine Vermutung von mir, dass die Ausgrenzung des Abendmahls vom Gottesdienst aus Zeitgründen vorgenommen wurde. Ich persönlich habe kein Problem damit, an einem zweistündigen Gottesdienst teilzunehmen, aus freikirchlichen Traditionen bin ich da anderes gewohnt. Ich finde es jedenfalls enorm schade, dass es direkt so eine Aufbruchsstimmung nach dem Segen gab. Ein wirksames Zeichen wäre es vielleicht gewesen, wenn die ganze Gemeinde einfach sitzen geblieben wäre.

Insgesamt freue ich mich aber, diesen Gottesdienst mitgefeiert zu haben. Es war schön, in einer so großen und bunten Gemeinschaft mit jungen und alten Menschen zu singen und zu beten. Sicherlich bewegten wir uns in einem ganz klar bürgerlichen Milieu, es fanden sich aber glücklicherweise auch einige wenige Menschen „von den Rändern“: Vor mir ein Mann im schlecht sitzenden Hemd mit verknittertem Kragen, der ganz eindeutig nach Mensch roch, und auch Einzelne, bei denen mir schnell klar wurde, dass sie beim Auszug nicht aus Knausrigkeit nichts in das Opferkästchen warfen, sondern weil sie wohl einfach selbst nichts hatten. Die große Masse natürlich war dörflich-bürgerlich, sodass die erklärende Predigt des Pfarres meiner Wahrnehmung nach auch auf ein (Wissens-)Interesse stoß. Der Kinderchor war mit Freude und Bewegung dabei und ergänzte sich in Klang und Erscheinung hervorragend mit den traditionellen Posaunen.

Das Wort Gottes für mich ganz persönlich fand ich in diesem Gottesdienst ganz klar im unmittelbaren Bibelwort. Im Gegensatz zu manchen erklärenden Worten des Pfarrers, in denen ich ein wenig mitschwamm und mich erstmal zurechtfinden musste (und vor allem auf kognitiver Ebene angesprochen wurde), war der Segenszuspruch nach dem Abendmahl so kompakt und deutlich, dass ich ihn als Zusage Gottes für mich annehmen konnte. Er lässt mich weiter auf die Gnade Gottes vertrauen – etwas, das ich in meinem Leben immer und ganz dringend brauche.

Herbstlicht am Abend

Und während die Sonne noch scheint, hör ich schon die Tropfen. Gleich verschwindet sie hinter der Häuserwand, ein letzter Schimmer auf meinen Armen, dem Tisch. Sie sinkt hinein in das Rauschen der Straße wie in die Wogen des Meeres und gleich sanften Wellen rollt der Donner heran. Ich tauche meine Hände in gelbwarmes Herbstlicht und atme die frischfeuchte Luft. Der Regen tränkt die weiche Erde und stillt mehr als nur ihren Durst.

Sommerabschied und Herbstliebe

Bis zum Schluss hatte ich noch auf ein paar unbeschwerte Tage und ein luftig-leichtes Sommergefühl gehofft. Mein Sommer war hart, tragisch und voller Momente, in denen mich die Zimmerdecke zu erdrücken drohte. Dennoch fiel es mir unerwartet schwer, ihn schließlich gehen zu lassen – wie damals in Frankfurt wollte ich ihn noch einen Moment lang festhalten, noch einen kleinen Sommeraugenblick für mich erhaschen. Ein, zwei Tage hatte es gegeben, mitten im Chaos zwischen den Sorgen aus dem alten Leben und den gerade neu ankommenden, da hatte ich meine Schwimmsachen eingepackt, die Sonnenbrille aufgesetzt und war mit klopfendem Herzen an den See gefahren. Es war der Versuch gewesen, im Wasser kurz Luft zu holen, das Alte abzuschütteln, loszulassen und Kraft für einen Neuanfang zu tanken, dessen Dimension mir in diesen Momenten noch gar nicht klar war. Schließlich jedoch nahm ich mit einer leisen Melodie im Ohr Abschied. Es würde einen anderen Sommer für mich geben, mit Erdbeeren, Sonnenschein und blauem Himmel. Mit Flirren in der Luft, nackten Beinen und Festivalschweiß auf der Haut …

In diesem Zustand traf der Herbst mich an und zog angesichts der Wehmut in meiner Brust ein wenig skeptisch die Augenbraue hoch. „Du? Ein Sommerkind? Seit wann denn das?“, schien sein Blick zu fragen, bevor er mich überschwänglich in seine bunten und raschelnden Arme nahm. Erst zaghaft, dann immer gieriger atmete ich die Herbstluft ein, es gab Luft im Übermaß, sie füllte meine Lungen und machte Kopf und Herz ein wenig leichter.

Wie hatte ich diese Liebe nur vergessen können!

#augustbreak2017 – Stone


Es gibt Plätze, die sich in ihrer Substanz nicht verändern. Natürlich gibt es immer mal eine andere Eisdiele nebenan, neue Reklame oder die Veränderung einer Ladenzeile. Und auch die Mode derer, die über angelegten Wege zwischen den Grünflächen flanieren, wechselt von Saison zu Saison. Mal ertönt Electro aus den mitgebrachten Bluetooth-Boxen, mal orientalische Musik aus den Lautsprechern beim Stadtfest. Doch all das findet auf ein und demselben Platz statt, der heute noch genauso aussieht wie in meiner Kindheit oder der Kindheit meiner Großeltern. Stein ist beständig.

#augustbreak2017 – Lavender

Lavendel ist der Duft meiner Großmutter. Sie roch immer nach teuren, reichhaltigen Cremes, hatte Lavendel in ihren Vorgarten gepflanzt und kleine Säckchen mit getrockneten lila Blüten in ihrem Kleiderschrank. Auf ihrer Fensterbank pflegte sie hinter dicken, gehäkelten Vorhängen ihre Orchideen und ansonsten saß sie mit Vorliebe in einem übergroßen Sessel, klappte mit einem Griff die Beinstütze hoch und streckte die Füße aus. In Mühle und Halma war sie nahezu unschlagbar und bei „Stadt, Land, Fluß“ wusste sie im Schlaf für jeden Buchstaben eine passende Antwort. Obgleich sie selbst lieber noch ein Schinkenbrot als ein Dessert aß, versorgte sie mich kübelweise mit Eis und schubladenweise mit Süßkram. In einer winzigen Küche kochte sie Unmengen an Hausmannskost und der Geschmack ihres Sauerbratens liegt mir bis heute auf der Zunge.

#augustbreak2017 – Where I live

Ein seltener Moment der Entspannung, als das Flugzeug die Wolkendecke durchbricht. Die Welt von oben sehen. Abstand nehmen. Unterwegs nach ganz weit weg. Das eigene Leben für einen Moment hinter sich zurücklassen, bis man sich daran erinnert, dass es ja doch in einem steckt. Man nimmt sich selbst überallhin mit, das wusste schon Seneca. Und doch, das sichere Gleiten des Flugzeugs beruhigt und für einen winzigen Augenblick fühle auch ich mich ein wenig leichter. Ein Moment, um darin zu leben.

#augustbreak2017 – Gold

Golden der Ehering meiner Urgroßmutter. Ich bekam ihn nach ihrem Tod zusammen mit den wenigen anderen Gegenständen, die ihr wirklich etwas bedeuteten. Das Bild, das sie sich, als sie aus ihrem Haus vertrieben wurde, noch unter den Arm geklemmt hatte. Die kleine goldene Uhr an der Kette, die sie immer in ihrer Westentasche getragen hatte. Und eben der Ehering, der nun an einer schmalen Goldkette in meiner Schatzkiste liegt. Es wäre seltsam, ihn am Finger zu tragen, aber noch seltsamer, ihn wegzuwerfen oder zu vergessen.

#augustbreak2017 – Morning

Eines der ersten Dinge, die ich zur Zeit am Morgen mache, ist ein Selfie. Ja, ein Selfie. Ich mag Selfies nicht. Ich finde es seltsam, auf Instagram seitenweise Bilder derselben Person anzuschauen. Ich finde all die „duckfaces“ irritierend und verstehe auch nicht, wieso Menschen Kurse besuchen, um mit dem Handy „the best angle“ von sich zu knipsen, die Schokoladenseite, wodurch alle Bilder gleichermaßen vorteilhaft und vor allem gleichermaßen gleich aussehen. Doch vor wenigen Wochen tat es einen ziemlichen Schlag in meinem Leben. Und nun ist eine meiner ersten Handlungen am Morgen der Griff nach dem Smartphone. Ein Doppelklick. Ein Bild. Der Versuch, den Phoenix aus der Asche zu dokumentieren.

#augustbreak2017

Ja, ich versuche es. Nicht jeden Tag und sicher nicht so fleißig wie beim #augustbreak2016, eher als Teil dieses großen Lernprozesses, meinen Anspruch an mich selbst etwas herunterzuschrauben. Susannah hat wie jedes Jahr Stichwörter vorgegeben und sollte mir etwas zu ihnen einfallen, werde ich hier ein paar Zeilen schreiben. Mal sehen, wohin die Reise geht!

Wettlauf

Wenn das Leben so schnell rennt, dass du nicht mehr mithalten kannst: Der Asphalt unter den Füßen, die quietschenden Schuhe, der Mensch im Trikot vor dir. Keuchend läufst du hinterher und siehst irgendwann nur noch Staub, als deine Beine dir den Dienst verweigern. Völlig aus der Puste hältst du dich an der Straßenlaterne fest. Dein Herz klopft dir bis zum Hals und kleine Schweißtropen fließen über deine Stirn. Du atmest tief ein, ziehst den Sauerstoff durch Mund und Nase und hörst dem Herzklopfen zu. Das Leben pocht in dir und so hast den Blick längst von deiner Laufstrecke abgewandt. Soll sie doch ohne dich rennen, diese verrückte Welt. Soll sie dich in ihrem Um-sich-selbst-Kreisen mittragen, denkst du plötzlich, und drückst die Hände auf den Boden.