„A novel worth reading is an education of the heart. It enlarges your sense of human possibility, of what human nature is, of what happens in the world. It’s a creator of inwardness.“ (Susan Sontag)

Und so dreht sich mein Leben um die immer gleichen Themen, mein Kopf sinnt Motiven nach, mein Gefühl erträumt sich ein Behagen, alles ist Anschauung und Betrachtung. Vor meinem inneren Auge steigen Szenen aus Romanen auf, den immer gleichen Romanen, Anna Karenina ist so ein Roman, und Das Bildnis des Dorian Gray ist zu einem geworden, Sentenzen von Dichtern, und ein lieb gewordenes Romanende:

Was für eine traurige Geschichte, dachte ich lange. Nicht dass ich jetzt dächte, sie sei glücklich. Aber ich denke, dass sie stimmt und dass daneben die Frage, ob sie traurig oder glücklich ist, keinerlei Bedeutung hat. Jedenfalls denke ich das, wenn ich einfach so an sie denke. Wenn ich jedoch verletzt werde, kommen wieder die damals erfahrenen Verletzungen hoch, wenn ich mich schuldig fühle, die damaligen Schuldgefühle, und in heutiger Sehnsucht, heutigem Heimweh spüre ich Sehnsucht und Heimweh von damals. Die Schichten unseres Lebens ruhen so dicht aufeinander auf, dass uns im Späteren immer Früheres begegnet, nicht als Abgetanes und Erledigtes, sondern gegenwärtig und lebendig. Ich verstehe das. Trotzdem finde ich es manchmal schwer erträglich. Vielleicht habe ich unsere Geschichte doch geschrieben, weil ich sie loswerden will, auch wenn ich es nicht kann.

— Bernhard Schlink, Der Vorleser

Das sind mir die liebsten Begleiter. Ein Suchen und Tasten, ein Finden und Erkennen, ein Entdecken unter einem kleinen Kieselstein, im Auge des Gegenübers, im eigenen Auge im Spiegelbild. Mir schwirren alte Zeiten im Kopf herum und manchmal scheint es, als habe ich auch die Zukunft schon gelebt. So plastisch liegen die Wege vor mir, so real die Gabelungen, die zu treffenden Entscheidungen. Ich entdecke im Leben der Romanfiguren mein eigenes und in meinem eigenen Leben das ihre. Wer sagt, dass sie nicht statt meiner den nächsten Schritt tun? Wer hält sie zurück?

It is what you read when you don’t have to that determines what you will be when you can’t help it.

Oscar Wilde

Dorian Gray

Als ich die „Poesie des Fährmanns“ mit einem geeigneten Bild zu versehen suchte, war mir noch nicht bewusst, dass das schließlich gewählte – „Narcissus“ von Caravaggio – auch als Buchcover für Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ diente. Wie passend erscheint mir jetzt diese Verbindung!

Ich kam in den Genuss, „Das Bildnis des Dorian Gray“ als Hörbuch anhören zu können und erlag schon im Vorwort dem Strom der Worte Oscar Wildes. Wenn auch keine 16 mehr und ganz und gar hoffnungslos allem ästhetizistischen Gedankengut ausgeliefert, so erlaube ich es mir doch gelegentlich, mir von diesen Strömungen meinen Verstand zugleich erhellen und verdunkeln zu lassen. Und was mir früher als raues und unbändiges Meer erschien, ist heute manchmal nur noch ein kleiner Whirlpool. Oder aber ein Meer, in das ich nur noch meinen kleinen Zeh hineinstrecke. Wie dem auch sei, Oscar Wilde zog mich in seinen Bann und so hörte ich manche Passagen immer wieder an, um auch ja keinen augenblinzelnden Moment zu verpassen.

„How sad it is! I shall grow old, and horrible, and dreadful.
But this portrait will remain always young.“

Die Geschichte um Dorian Gray ist schnell erzählt und auch weithin bekannt: Dorian Gray ist ein reicher und schöner junger Mann, dem die vornehme englische Gesellschaft zu Füßen liegt. Sein Freund und Bewunderer, der Maler Basil Hallward, malt ein herausragendes Porträt von ihm. Erst im Spiegel des Porträts wird sich Dorian seiner eigenen Schönheit und Jugend bewusst und spricht den stillen und wirkungsvollen Wunsch aus, das Porträt möge statt seiner altern und er selbst ewig jung bleiben.

Dorian gerät unter den Einfluss Lord Henry Wottons, der ihn zu einem neuen Hedonismus verführt. Bald führt Dorian ein ausschweifendes Leben und wird in seiner Selbstentfaltung immer maßloser und grausamer. Während er äußerlich schön und jung bleibt, schreiben sich die Spuren seiner Sünden in das Porträt ein und stellen ihm so sein wahres Ich, seine Seele, wie einen Spiegel vor Augen.

Basil und Lord Henry sind Gegenpole, die beide mit Dorian befreundet sind und ihn beeinflussen. Während das Herz Dorians zunächst noch stärker dem gutmütigen Basil zugeneigt ist, ist er vom ersten Moment an gebannt von den Reden Lord Henrys und gerät zunehmend unter dessen Einfluss.

„I hate the way you talk about your married life, Harry,“ said Basil Hallward, strolling towards the door that led into the garden. „I believe that you are really a very good husband, but that you are thoroughly ashamed of your own virtues. You are an extraordinary fellow. You never say a moral thing, and you never do a wrong thing. Your cynicism is simply a pose.“
„Being natural is simply a pose, and the most irritating pose I know,“ cried Lord Henry, laughing.

“The only way to get rid of a temptation is to yield to it. Resist it, and your soul grows sick with longing for the things it has forbidden to itself, with desire for what its monstrous laws have made monstrous and unlawful.” (Lord Henry)

The only difference between a caprice and a lifelong passion is that the caprice lasts a little longer.“ (Lord Henry)

Interessanterweise sagt Wilde über die drei Figuren:

“Basil Hallward is what I think I am: Lord Henry what the world thinks me: Dorian what I would like to be- in other ages, perhaps.”

Wer im Original reinlesen möchte, kann das hier tun.

Verfilmung von ‚Anna Karenina‘ (2012)

Gleichwie manche Dinge durch Worte allein nicht ausgedrückt werden können, vermag es auch die filmische Darstellung nicht, dem Beobachter stets die eigentliche Tiefe der Empfindung und des Geschehens zu offenbaren.

‚Anna Karenina‘ ist wohl nicht die erste Literaturverfilmung, bei der diese Problematik gegeben ist. Tolstojs Roman gehört für mich zu den besten und stärksten Werken, die ich je gelesen habe, sein viel zitierter Anfangssatz („Alle glücklichen Familien…“) setzte sich in meinem Gedächtnis fest und ließ in mir immer wieder die Bilder des Romans aufsteigen: die Bahnhofsszene (ja, genauso wie in dem aktuellen Film, so habe ich mir den Bahnhof vorgestellt: eine schwarze Lok, Schnee, Menschen und das Rattern der Züge), die zahlreichen Bälle und Soireen, Levin in seinem Bauernhaus,… Noch mehr aber denke ich an die miteinander verwobenen Familiengeschichten, die beschriebenen Ehen, die so hervorragend ausgearbeiteten Charaktere. Hinzu kommt eine Sprachgewalt, die selbst in der deutschen Übersetzung ihresgleichen sucht. Der Roman gehört definitiv in meine persönliche Top 10 und hat seine Liebeserklärung verdient.

Für den Besuch der Verfilmung versuchte ich also nicht nur, meine Erwartungen  deftig herunterzuschrauben, sondern gar mich ihrer völlig zu entledigen. Dennoch blieb mir ein Funke Hoffnung, doch auch vom Film nur annähernd so berührt und ergriffen zu werden wie bei die Lektüre.

Was lässt sich nun über die aktuelle Verfilmung sagen?

Auffällig ist zuerst einmal die Inszenierung im Wechselspiel zwischen Theaterkulisse und filmischer Darstellung. Immer wieder spielen Szenen in einem Theater, es finden Kulissenwechsel statt und das Theater selbst bildet einerseits den Raum für die Erzählung und wird andererseits zum Teil derselben. Diese Inszenierung empfand ich als anregend und interessant. Die Übergänge von der einen zur anderen Szene sind spannend gestaltet und mitreißend. Die Szene des ersten Tanzes von Anna Karenina und Wronskij sticht hier besonders heraus. Indem die anderen Ballgäste gleichermaßen einfrieren und schließlich nur noch Anna und Wronskij miteinander tanzen, gelingt es, dem Zuschauer ein Gefühl zu vermitteln, das sonst wohl nicht in dieser Intensität angekommen wäre: „Die Zeit steht still und es gibt nur noch sie beide.“

Tolstojs große Stärke, die Ausarbeitung der Charaktere, seine Fähigkeit, dem Leser einen Menschen in all seiner Widersprüchlichkeit nahe zu bringen, bleibt in der Verfilmung leider am deutlichsten auf der Strecke. Ich wage zu behaupten, dass ein Zuschauer – wenn nicht durch vorherige Lektüre des Romans oder durch persönliche Regungen sensibilisiert – sich nur schwerlich in den Charakter der Karenina oder einer anderen Figur hineinfinden wird. Am stärksten ist hier meiner Meinung nach noch Alexej Karenin, der von Jude Law verkörpert wird. Mit kleinen Gesten und nur geringem, aber ausdrucksstarkem Mienenspiel gelingt es ihm, die Figur des Karenin greifbar werden zu lassen. Für die Beurteilung von Keira Knightley als Anna Karenina möchte ich mich jedoch eher der Kritik von Rüdiger Suchsland anschließen: „Knightleys Karenina selbst wirkt in diesem Tableau wie ein großes unerzogenes Mädchen, unreif, gar nicht die lebenserfahrene Frau, die weiß, worauf sie sich einlässt, (…). Wenn aber Anna Karenina nicht mehr ist als ein etwas zu oberflächliches Girl, wenn sie den Zuschauer weder zur Identifikation einlädt, noch verführt, sie zu begehren und zu lieben – was bleibt dann von diesem Stoff?“

Die filmische Umsetzung erfordert immer auch die Reduktion des Stoffes. In der aktuellen Verfilmung reicht der Blick leider zu oft nur bis in die Bambi-Augen Keira Knightleys. Die Erzählstränge um Dolly & Stiwa, aber auch um Levin & Kitty bleiben deutlich zurück und werden nur durch wenige, aber durchaus anrührende Szenen dargestellt.

Mein Fazit: Woran ich mich zu Beginn des Films noch berauschen konnte, das hätte ich nach dem zweiten Drittel durchaus wieder erbrechen können. Vielleicht liegt dies jedoch nicht allein an der Verfilmung, sondern gehört notwendigerweise zu allen Geschichten um Untreue und Ehebruch?

Es wird Zeit, das Buch noch einmal zu lesen.

Marlen Haushofer: Die Wand

Knapp über zwei Wochen habe ich euch mit Beiträgen hängen lassen, dennoch viel an diesen Blog gedacht und überlegt, was es sich als Nächstes zu posten lohnt. Es ist gar nicht so leicht, zuverlässig ein Blog zu schreiben.

Meine Zeit in Frankfurt ist diese Woche zu Ende gegangen und bestand vor allem aus viel Arbeit – und noch mehr Wertschätzung für eben diese Arbeit. Da ich an einem Tag unter starken Zahnschmerzen litt und daher zum Zahnarzt musste, kam ich am Ende tatsächlich auch mal früher nach Hause und konnte den Herbstnachmittag ein wenig genießen.


Das Buch, das ihr auf dem Bild seht, ist ‚Die Wand‘ von Marlen Haushofer. In Berlin habe ich die Verfilmung im Kino gesehen und war sehr fasziniert davon.

Es ist schon ein wenig älter, nämlich aus dem Jahr 1963, und geht darin um eine Frau, die vom Rest der Menschheit völlig abgeschnitten wird und alleine (über-)leben muss. Die Frau fuhr mit einem befreundeten Ehepaar auf eine Jagdhütte in den Bergen. Das Ehepaar ging abends in das nah gelegene Dorf und kam nicht mehr zurück. So macht sich die Erzählerin auf die Suche nach ihnen und stößt auf einmal auf eine unsichtbare Wand, die ihr den Weg nach außen abschneidet. Sie erblickt hinter der Wand erstarrte Menschen und Tiere und ist gefangen auf einem (dennoch recht großräumigen) Gebiet um die Jagdhütte. Warum die Wand da ist, bleibt unklar – im Buch geht es darum, wie sich die Erzählerin in ihrer Situation einrichtet und wie sie selbst diese erlebt.

Sie lebt in der Jagdhütte zusammen mit ihrem Hund ‚Luchs‘, der Kuh  ‚Bella‘ und einer Katze. Mit der Zeit gewöhnt sie sich an das Leben in und mit der Natur und muss viele Fertigkeiten neu erlernen, zum Beispiel einen Acker zu bewirtschaften oder auf die Jagd zu gehen. Immer wieder schildert sie die Gedanken, die sie in ihrer Situation beschäftigen und denkt über ihr Leben nach.

Durch die Wand wurde ich gezwungen, ein ganz neues Leben zu beginnen, aber was mich wirklich berührt, ist immer noch das gleiche wie früher: Geburt, Tod, die Jahreszeiten, Wachstum und Verfall. (S. 137)

Ihre Gedanken erscheinen mir sehr wertvoll und machen auch mich nachdenklich. Ihr Umgang mit der Einsamkeit und dem Alleinsein hat mich sehr berührt. Die Erzählerin wirkt nicht übermenschlich, sondern sehr ehrlich und gerade in ihrer Schwäche auch wieder stark. Sie wächst an den Rückschlägen, die sie erleidet, und findet ihren eigenen Rhythmus in ihrem Alltag.

Ich arbeitete bis Ende August mit dem Holz. Meine Hände gewöhnten sich schließlich daran. Sie staken immer voll Splitter, die ich jeden Abend mit der Pinzette entfernte. Früher hatte ich mit dieser Pinzette meine Brauen gezupft. Jetzt ließ ich sie wachsen, und sie wurden dicht und viel dunkler als mein Haar und gaben mir einen düsteren Blick. (S. 90f.)

Der Herbst war mir immer die liebste Jahreszeit, wenn ich mich auch körperlich nie sehr wohl fühlte. Bei Tag war ich müde und doch überwach, und nachts lag ich stundenlang in einem unruhigen Halbschlaf und träumte wirr und lebhafter als sonst. Die Herbstkrankheit verschonte mich auch im Wald nicht, aber da ich sie mir kaum erlauben konnte, trat sie gemildert auf. Vielleicht hatte ich auch nicht die Zeit, sie besonders zu beachten. Luchs war sehr aufgekratzt und munter, aber ein Fremder hätte wahrscheinlich keinen Unterschied bemerkt. Er war ja fast immer munter. Ich habe ihn nie länger als drei Minuten mürrisch gesehen. Er konnte einfach der Aufforderung, fröhlich zu sein, nicht widerstehen. Und das Leben im Wald war eine ständige Verlockung für ihn. Sonne, Schnee, Wind, Regen, alles war ein Anlaß zur Begeisterung. Ich konnte neben Luchs nie lange traurig bleiben. Es war fast beschämend, daß es ihn so glücklich machte, mit mir zusammen zu sein. (…) Vielleicht verdankt der Mensch seinen Größenwahn dem Hund. Sogar ich bildete mir manchmal ein, es müßte an mir etwas Besonderes sein, wenn Luchs sich bei meinem Anblick vor Freude fast überschlug. Natürlich war nie etwas Besonderes an mir, Luchs war, wie alle Hunde, einfach menschensüchtig. (S. 106f.)

Es ist kein aufregendes oder lustiges Buch, aber ein sehr intensives für den, der es versteht, sich auf leise Töne einzulassen.

Auch den Film kann ich nur empfehlen, er läuft aktuell im Kino. Hier findet ihr den Trailer. Hervorragend geeignet für einen inspirierenden Herbstnachmittag.

Zitate aus: Marlen Haushofer, Die Wand, dtv, 2. Aufl., Januar 2000.

„Du aber liebe mich, auch wenn ich schmutzig bin; denn wenn ich weiß gewaschen wäre, liebten mich ja alle.“

Fjodor M. Dostojewski

Habe mal wieder Lust auf lesen und nachdenken und sich treiben lassen. Manchmal gibt es solche wunderbaren Abende. Oder auch ganze Tage. Ich erinnere mich noch gut, als ich ‚Anna Karenina‘ von Tolstoj verschlang. Ich bin richtig in diese Welt abgetaucht und wenn ich an das Buch denke, sehe ich mich noch auf dem Sofa sitzen oder an anderen Orten, wie ich es lese, und spüre erneut die Gefühle, die ich mit diesem Buch verbinde, und wie ich mir danach den Schreibstil Tolstojs kurzzeitig ein wenig aneignete. Ich konnte einfach nicht mehr abschalten.

Mit mehreren Büchern ging es mir schon so und es ist ein einzigartiges Erlebnis. Ich überlege gerade, einige dieser Bücher hier mal genauer vorzustellen. Vielleicht müsste ich sie dazu aber erneut lesen und ob es mir ein zweites Mal auch so ginge? Vermutlich eher nicht. Oft bleibt mir nur das Gefühl zurück und der Inhalt geht verloren. Aber vielleicht probiere ich es aber auch einfach aus.

Vor ein paar Tagen musste ich an obiges Zitat denken, das mich auch lange begleitet hat. Ich habe leider kein Bild gefunden, das gut dazu gepasst hätte. Darum heute Abend nur das Zitat und ein wenig Gedanken über das Lesen. Könnte ja fast eine Liebeserklärung sein.