Filmgedanken

Man kann in meinem Tumblr immer ganz gut erkennen, wenn ich einen schönen Film gesehen oder ein gutes Buch gelesen habe. Ich suche dann nach Bildern und Zitaten, die ich rebloggen kann, und meine Favoritenliste ist schnell voll davon. Schaue ich dann über die Archivfunktion zurück, erinnere ich mich noch intensiver an die Szenen und Momente.

Im März habe ich den „Nachtzug nach Lissabon“ [1 2 3 4 5 6] gesehen, den ich ja eigentlich schon damals in diesem netten, kleinen Kino anschauen wollte. Später las ich eine Kritik dazu im Internet, die, beginnend mit „Ach, diese Lateinlehrer“, über zu viel Kitsch und die groß ausgeleuchteten Bilder, über die Klaviermusik, die Violinen und Trompeten seufzt. Der werte Kritiker hatte jedoch, wie er zugibt, auch schon seine Schwierigkeiten damit, das Buch zu Ende zu lesen, und so musste ihm der Film bestimmt als Zumutung erscheinen. Ich habe das Buch nicht gelesen, durch den Film aber große Lust darauf bekommen. So kann es auch gehen. Denn natürlich war der Film irgendwie eine Aneinanderreihung von großen Bildern und Szeneneinstellungen, in die hinein bedeutungsschwere und tiefsinnige Sätze gesagt werden, so häufig, dass man sich durchaus fragen kann, ob die Kitsch-Grenze nur gerammt oder schon durchstoßen ist. Doch die Sätze sind so fein formuliert und Szenen wie der Brillenwechsel, den der genannte Kritiker als übertrieben aufdringlich empfindet, ließen mich mit großen Augen vor dem Bildschirm sitzen und die gezeigte Welt und Wirklichkeit einfach nur aufnehmen, sodass mir die Frage nach dem Kitsch erst durch die Kritik aufgedrängt wurde. Man muss nicht immer die Bewertungsbrille aufsetzen. Nicht als ganz normaler Zuschauer an einem Freitagabend. Man kann auch einfach genießen.

Und dann „Brokeback Mountain“ [1 2 3 4]. Der Film verdient eigentlich einen ganz eigenen Post. Drei Mal habe ich ihn mir angesehen, allein im April. Er hat mich verstört und beim ersten Sehen ging die ganze Nacht und der nächste Tag drauf, dass mich die Geschichte umtrieb. Andere würden sich in einem solchen Fall wohl ablenken und neue Themen und Begegnungen suchen. Ich setzte mich am folgenden Abend gleich wieder vor den Fernseher und schaute mir das Drama nochmal an. Konfrontationstherapie oder paradoxe Intervention? Ach, ich kann auf das Etikett verzichten. Jedenfalls glaube ich, dass dieser Film 10 Jahre nach seinem Erscheinen und 7 Jahre nach Heath Ledgers Tod möglicherweise mein neuer ‚Schallplattenfilm‘ wird. Über so viele Jahre war es „Blade Runner“, den ich immer und immer wieder angesehen habe (wie man eine gute Platte auflegt), doch seit ein paar Jahren ist da nichts mehr. Und nun dieser „schwule Cowboy-Film“, eine Kategorisieriung, die zutreffend und unpassend zugleich ist. Annie Proulx sagt über Kurzgeschichten [5], dass sie eine Art höhere Form von Literatur darstellen. Sie sollen erzählen, wofür ein Roman taugen würde, und was trotzdem als Kurzgeschichte besser funktioniert. Für ihre Geschichte ist das definitiv zutreffend. Ein Wunder, dass es gelungen ist, daraus einen so intensiven und mitreißenden Film zu machen. Ich verstehe die Leute, die sich bis heute noch im zugehörigen Internetforum tummeln und Szenen diskutieren. 10 Jahre lang! Da sage noch einer, was erzählt würde, sei kein relevanter Stoff. Und nein, es geht nicht nur um Homosexualität, es geht um etwas Grundsätzliches. Um Gesellschaft, um Lebenskonzepte, um Diskriminierung, um Liebe.

So erinnere ich mich gerne an die Filme zurück und freue mich an den kleinen Bildern und Zitaten. Ein Tumblr kann schon eine schöne Sammlung sein.

Happy People – ein Jahr in der Taiga

Ich möchte euch heute auf einen Film aufmerksam machen, der mich sehr beeindruckt hat:
„Happy People – ein Jahr in der Taiga“.

Der Film ist ein Porträt des Lebens in der sibirischen Taiga und begleitet die Bewohner des Dorfes Bakhta durch ihren Alltag. Besonders im Blick steht dabei das Leben der Trapper bzw. Jäger. Ein einzelner Jäger wird durch alle vier Jahreszeiten begleitet, die Vorbereitungen für die Jagdsaison im Frühling und Sommer, die Ernte im Herbst und schließlich die Jagd im Winter, bei der er alleine auf einem Gebiet von 1500 Quadratkilometer mit seinem Hund unterwegs ist.

Das Material des Films stammt von Dmitry Vasyukov und wurde vom deutschen Regisseur Werner Herzog für diesen Film weiterverwendet. Herzog persönlich kommentiert die Bilder aus dem Off, hält sich aber auch über weite Strecken zurück, sodass man die Bilder ganz auf sich wirken lassen kann. Die Schönheit, Weite, aber auch Härte der Natur sind überwältigend. Ziemlich zu Beginn des Films sagt der Trapper:

Man sagt, man kann einem Mann alles nehmen, seinen Reichtum, seine Gesundheit und all das. Nur sein Handwerk, das kann man ihm nicht nehmen. Hat man ein Handwerk erlernt, dann beherrscht man es für den Rest seines Lebens.

Um in der rauen und ursprünglichen Natur überleben zu können, sind diese handwerklichen Fertigkeiten mehr als nötig. Die rund 300 Menschen aus Bakhta leben in völliger Abgeschiedenheit – ohne Telefon, fließendes Wasser oder medizinische Versorgung. Sie ernähren sich hauptsächlich vom Fisch, den sie im Fluss Yenisei fangen können. Die Trapper stellen ihre Fallen vor allem, um Zobel (eine Art Marder) zu fangen, die sie dann verkaufen können.

Den englischen Trailer zum Film findet ihr hier. Leider ist der Film online nicht auf deutsch verfügbar. Auf Englisch kann durch sich durch die vier Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter schauen – vielleicht seid ihr aber auch Mitglied bei Lovefilm, maxdome,… und findet den Film da in euren Paketen oder könnt ihn für 3 Euro leihen.

Ich persönlich liebe solche Dokumentationen über andere Länder und Kulturen. Gerade Sibiren hat es mir in letzter Zeit sehr angetan. Ich bewundere die Menschen, die dort leben. Sie können es nur, indem sie jeden Tag harte körperliche Arbeit verrichten und sich ganz auf den Rhythmus der Natur einlassen. Wenn ich einen Einblick in ein solches Leben bekomme, betrachte ich mein eigenes westliches Leben aus einem anderen Blickwinkel. Da ist die übliche Frage, ob wir wirklich für ein Leben mit so vielen technischen Erleichterungen und so viel Freizeit gemacht sind. Wie wir es verantwortungsvoll gestalten können. Und wo und wie und mit wem ich persönlich überhaupt leben möchte.
Wer zu diesem Thema noch weitere Gedankenanstöße wünscht, kann gern bei Frau Haessy reinschauen, die letzten Monat einen nachdenkenswerten Beirag über „Irgendwas mit Mammuts“ schrieb.

Ansonsten lasst euch einfach gefangen nehmen von der sibirischen Wildnis, von Naturgewalten und einer fremden Kultur! Ich wünsche euch viel Freude beim Schauen!

„Global Player – wo wir sind isch vorne“

In der Hoffnung auf einen angenehmen Tagesausklang in träumerisch-nachdenklicher Stimmung hatten wir uns für den „Nachtzug nach Lissabon“ entschieden und standen vor dem kleinen, schnuckligen Kino. Doch Pustekuchen: Statt Literaturverfilmung wurde der Film „Global Player – wo wir sind isch vorne“ gezeigt, in der Ankündigung als „Mischung aus Wirtschaftsdrama und Heimatkomödie“ angepriesen. In meiner eigenen Formulierung wäre ich wohl eher bei der altbewährten „Tragikomödie“ geblieben.

„Global Player – wo wir sind isch vorne“ ist trotz seiner komischen Elemente ein eher ernster Film, der sich nach Meinung meiner Begleitung nicht so recht für ein oder zwei Themen entscheiden konnte. Womit wir dann doch wieder bei dem Begriff „Mischung“ wären: Generationenkonflikt & Familie, Mittelstand & Globaliserung, Kriegserinnerungen & Aufbau Deutschlands, schwäbische Provinz & China. Vieles wird angesprochen, an-erzählt, aber nicht auserzählt.

Es geht um eine mittelständische Firma im Schwabenländle, die seit Generationen von der Familie Bogenschätz geführt wird. Die Geschicke der Firma werden nach wie vor vom Seniorchef, einem Patriarchen und typisch schwäbischen „Bruttler“, bestimmt. Aktuell befindet sich die Firma in einer Krise, was der geschäftsführende Sohn dem Vater jedoch verschweigt. Stattdessen überschreibt er heimlich sein Haus der Bank und beginnt Verhandlungen mit den – dem Vater verhassten – Chinesen. Als sich die letzten Hoffnungen auf die Rettung der Firma durch einen Großauftrag zerschlagen, lässt sich die katastrophale Situation nicht mehr verbergen und die ganze Familie muss einen gemeinsamen Weg finden, um die Zukunft der Firma und damit auch das Lebenswerk des Vaters zu sichern.

Ich muss ehrlich zugeben: Beim Verlassen des Kinos hätte ich nicht gedacht, dass ich über diesen Film einen Artikel schreiben würde. Der Film kam mir doch eher mittelmäßig vor – und ich glaube, das ist er auch. Es gibt zwar einige sehr interessante Sequenzen in den Begegnungen der Töchter mit ihrem Vater und auch die einzelnen Charaktere sind meiner Meinung nach gut ausgearbeitet und dargestellt, doch an Themen hätte es durchaus weniger sein können. In diesem Beitrag will ich mich jedoch trotzdem auf die lobenswerte Punkte konzentrieren:

In den Kritiken wird immer wieder bemängelt, dass das Dolmetschen zwischen den Deutschen und den Chinesen zu viel Zeit einnehme – diese Kritik kann ich nicht teilen. Genau diese Gespräche verlangsamen den Film sehr angenehm, ohne den Spannungsbogen zu stören. Das Mienenspiel der beteiligten Personen dabei zu betrachten, ist ein großer Genuss.

Die Erinnerungen des Vaters an den Krieg, gezeigt durch Schwarz-Weiß-Szenen, bringen dem Zuschauer die Vergangenheit eindrücklich nahe. Immer wieder gibt es Stellen, die einem den knorrigen, alten Kauz verständlich machen, sein Leben als Ganzes begreifbar werden lassen, sodass man sich trotz seines rauhen Umgangstons ein wenig in ihn hineinfühlen kann.

Den wesentlichen Sachverhalt (und vermutlich auch den Grund, warum mir der Film wider Erwarten noch tagelang nachging) formuliert der Regisseur Hannes Stöhr treffend in einem Interview: „Ja, es geht um die Globalisierung – das Regionale ist zugleich das Globale. Man lebt in Berlin und glaubt, man sei am Nabel der Welt. Und dann kommt man nach Hechingen und merkt: ­Berlin ist Provinz gegen hier. Hier läuft ­Hechingen gegen Shanghai, also David ­gegen ­Goliath ab. China ist die größte ­Herausforderung für die deutsche Wirtschaft seit dem 2. Weltkrieg, das muss man sich klarmachen.“

Unter diesem Aspekt lohnt es sich auf jeden Fall, sich den Film anzuschauen! Wer daran jedoch nicht interessiert ist, sollte sich vermutlich besser ein Kino suchen, in dem der „Nachtzug nach Lissabon“ noch läuft… ;-)

Die Eleganz der Madame Michel

So ein kluger, schöner und trauriger Film, der einen nicht mit einem Kloß im Hals, sondern mit klaren und guten Tränen zurücklässt.

Es ist nicht ganz mein Ding, hier nur auf aktuelle Filme und Bücher einzugehen. Ich liebe es, die Klassiker zu würdigen und auch Filmen von „vor ein paar Jahren“ ihren gebührenden Platz einzuräumen.

Und ja, ich glaube, ich liebe französische Filme.

Die titelgebende Figur, Madame Michel, ist die Concièrge (d. h. Empfangsdame) in einem vornehmen Pariser Wohnhaus. In diesem wohnt die 11jährige Paloma mit ihrer Familie. Paloma hat beschlossen, sich an ihrem 12. Geburtstag umzubringen und dokumentiert mit einer Videokamera ihr bisheriges Leben. Die Vorstellung, am Ende „im Goldfischglas“ zu landen wie ihre reiche Familie, ist für sie schrecklich. Lieber will sie „den Sternen folgen“. Nachdem ein reicher Nachbar gestorben ist, zieht ein Japaner ins Haus ein, der sowohl gegenüber Madame Michel als auch gegenüber Paloma sehr aufmerksam ist. Madame Michel, mit Vornamen Renée, wird von Herrn Ozu, dem Japaner, zum Essen eingeladen. Sie selbst lebt nach außen hin das Leben einer ruppigen, alten, einfältigen Concièrge, doch heimlich sitzt sie in ihrem kleinen Zimmer voller Bücher und liest und liest und isst dunkle Schokolade und trinkt Tee. Jedoch ist es ihr sehr unangenehm, vor anderen ihre Bildung oder Belesenheit zu zeigen. Paloma meint dazu: „Sie haben ein gutes Versteck gefunden.“

Ich möchte nicht mehr über die Handlung des Films verraten, falls jemand diesen noch nicht gesehen hat. Dann sage ich: „Vite, vite!“, schaut euch den Film an! Und wer das Buch – „Die Eleganz des Igels“ von Muriel Barbery – gelesen hat, der schreibe mir doch einen netten Kommentar dazu. Es interessiert mich sehr!

Im Audiokommentar zum Film erzählen die Regisseurin Mona Achache und die Produzentin Anne-Dominique Toussant nämlich, dass es gar nicht so einfach war, die literarische Vorlage umzusetzen. Während im Buch die beiden Perspektiven – innere Monologe von Madame Michel, Tagebuchaufzeichnungen von Paloma – vorherrschen, war die Frage, wie man diese im Film nun darstellen sollte? Ohne das Buch zu kennen, würde ich sagen: Mit der Videokamera und den Zeichnungen von Paloma sowie dem grandiosen Spiel von Josiane Balasko ist dies hervorragend gelungen!

Die Welt des Films wirkt einerseits märchenhaft schwebend und andererseits völlig innerhalb des Hier und Jetzt – besonders mit der Ungeschminktheit der Madame Michel, die genauso auch meine eigene kleine Nachbarin sein könnte.

Was wirklich zählt ist nicht, dass man stirbt oder in welchem Alter. Sondern das was man tut. Und zwar genau in diesem Moment.

Léon der Profi

Super alter Film, ich weiß. Zumindest für unsere schnelllebige Hollywoodzeit. Nächstes Jahr hat der Film sein 20jähriges Jubiläum und es ist schön und irritierend zu gleich, eine 12jährige Natalie Portman auf der Leinwand zu sehen (bzw. auf dem Bildschirm).

Der Film ist traurig, zuweilen komisch und ein bisschen romantisch ist er auch. Ich finde, man erkennt, dass der Film einen französischen Regisseur hatte (Luc Besson). Dazu der passende Ausspruch von „Jacks“ in „Love & other Disasters“: Nobody goes to the movies for truth except possibly the French!“

Zur Handlung:

Die 12jährige Mathilda verliert ihre Familie, die von korrupten Polizisten aus dem Drogendezernat erschossen wird. Sie hatte weder zu ihrem Vater, noch der Stiefmutter oder der Halbschwestern ein gutes Verhältnis, doch der Verlust ihres kleinen Bruders schmerzt sie sehr. In der Nachbarwohnung lebt Léon, ein Auftragskiller, der für die italienische Mafia arbeitet. Zunächst mit Widerwillen nimmt er Mathilda bei sich auf. Um Rache an den Morden zu nehmen, möchte Mathilda sich von Léon zur Killerin ausbilden lassen. Im Gegenzug bringt sie dem Analphabeten das Lesen und Schreiben bei.

Die beiden Protagonisten gemeinsam zu sehen, ist bezaubernd: den in sich gekehrten, seltsam unreifen Léon, dessen einziger „Freund“ eine Topfpflanze ist, die wie er „keine Wurzeln hat“, und das eigenwillige, tapfere Mädchen Mathilda, das bald Gefühle für ihren großen Retter entwickelt.

Der Film gipfelt in einem actionreichen Finale, in dem Mathilda und Léon erst unabhängig voneinander und schließlich gemeinsam Rache an den Mördern üben. Wie jedoch schon angedeutet, nicht ohne selbst Schaden zu nehmen: Léon wird vom Chef der Einheit erschossen und stirbt, kann jedoch diesem noch eine entsicherte Handgranate“ als „Geschenk von Mathilda“ überreichen. So wird Mathilda nun zur Hüterin der Pflanze, die sie am Ende des Films auf dem Gelände ihrer Internatsschule einpflanzt: „Hier wird es uns gut gehen, Léon.“

Ein gelungener Zusammenschnitt des Films zum Musiktitel aus dem Abspann („Shape of my Heart“ von Sting) fand sich mal hier.

Hannah Arendt (Film)

Auf diesen Film hatte ich mich schon eine ganze Weile gefreut und nun muss ich mir eingestehen, dass meine Enttäuschung auf dem Weg vom Kino bis an meinen Schreibtisch erst in Wut und dann in Frustration umschlug.

hannah arendt ticket

In meinem Studium habe ich nur ein wenig von Hannah Arendt gelesen, sodass ich mich nicht gerade als große Kennerin darstellen kann. Dass Arendt tatsächlich Englisch mit extrem ausgeprägtem deutschen Akzent sprach und demzufolge auch Sukowa in ihrer Rolle eine entsprechend irritierende Aussprache zutage brachte, musste ich mir erst anlesen.

Trotzdem kann ich hier meine Eindrücke des Filmes formulieren und mein Unverständnis gegenüber denen zum Ausdruck bringen, die in Sukowa eine brilliante Hauptdarstellerin sehen (Preis für die beste Darstellerin, Bayerischer Filmpreis). Doch erst einmal zum Positiven:

Sukowa überzeugt in den Momenten, in denen sie nur schaut und nicht spricht. Gerade das war auch ein wesentlicher Grund, dass die Regisseurin Margarethe von Trotta Sukowa unbedingt in der Rolle der Hannah Arend haben wollte, weil dass sie nämlich die Fähigkeit habe, „das Denken visuell umzusetzen„.

Für mich ist das ist aber auch das Einzige, was ich ihr wirklich abnehmen konnte. Sukowa sprechend und als Arendt im täglichen Leben, auf ihrer Israelreise Blumenfeld treffend und überschwänglich begrüßend, diese Freude habe ich ihr nicht abgekauft. Es erschien mir eher wie eine theaterspielende Gruppe von Jugendlichen – nur dass diese Frau bereits erwachsen ist und als Schauspielerin ihr Geld verdient. War es vielleicht Absicht, ihre Emotionen so wenig glaubhaft zu zeigen? In manchen Bereichen kann ich es nachvollziehen, Arendt als kühl und unzugänglich darzustellen – doch im Umgang mit ihren liebsten Freunden? Die Worte passen nicht zu den Gesten, die Gesten nicht zum Ausdruck, auf mich wirkt Sukowa wie ein Fremdkörper in einer Rolle, der sie einfach nicht entspricht.

Es gibt dennoch ein paar Dinge, die mir am Film gefallen.
Die erste Auffälligkeit ist, dass zwischen den verschiedenen Sprachen – Deutsch, Englisch, Französisch, Ivrit – hin und hergewechselt wird, wie es sich aus der Situation eben ergibt. Die entsprechenden Szenen haben dann einen deutschen Untertitel. Dies hat mir außerordentlich gut gefallen. Es macht die einzelnen Situationen greifbarer, aufrichtiger und authentischer.
Weiter wird der Eichmannprozess im Originalmaterial gezeigt, wodurch auch hier ein Höchstmaß an Authentizität erreicht wird und man als Zuschauer mit dem tatsächlichen Prozess konfrontiert ist. Die Filmaufnahmen um den Prozess herum wurden auch im Originalgebäude gedreht, wobei Film und Archivaufnahmen sehr gut ineinandergreifen.
Zuletzt gefällt mir, dass recht viel Zeit für die Abhandlungen Arendts bleibt. Arendt spricht zwei Mal ausführlich vor ihren Studenten und liest auch am Schreibtisch aus ihren Artikeln vor. So bekommt man tatsächlich einen Eindruck von den Inhalten, über die sich auf der Handlungsebene die Kontroverse ergibt.

Mein Fazit:
Ich kann nur sagen: Schade. Während inhaltlich eine wirklich interessante und lohnenswerte Thematik zur Sprache kommt, hat es der Großteil der Darsteller tatsächlich geschafft, mich eher von einer Beschäftigung mit dieser abzuhalten als sie mir nahezubringen.

PS. Ein interessantes Porträt von Hannah Arendt in mehreren Teilen findet sich hier.

Verfilmung von ‚Anna Karenina‘ (2012)

Gleichwie manche Dinge durch Worte allein nicht ausgedrückt werden können, vermag es auch die filmische Darstellung nicht, dem Beobachter stets die eigentliche Tiefe der Empfindung und des Geschehens zu offenbaren.

‚Anna Karenina‘ ist wohl nicht die erste Literaturverfilmung, bei der diese Problematik gegeben ist. Tolstojs Roman gehört für mich zu den besten und stärksten Werken, die ich je gelesen habe, sein viel zitierter Anfangssatz („Alle glücklichen Familien…“) setzte sich in meinem Gedächtnis fest und ließ in mir immer wieder die Bilder des Romans aufsteigen: die Bahnhofsszene (ja, genauso wie in dem aktuellen Film, so habe ich mir den Bahnhof vorgestellt: eine schwarze Lok, Schnee, Menschen und das Rattern der Züge), die zahlreichen Bälle und Soireen, Levin in seinem Bauernhaus,… Noch mehr aber denke ich an die miteinander verwobenen Familiengeschichten, die beschriebenen Ehen, die so hervorragend ausgearbeiteten Charaktere. Hinzu kommt eine Sprachgewalt, die selbst in der deutschen Übersetzung ihresgleichen sucht. Der Roman gehört definitiv in meine persönliche Top 10 und hat seine Liebeserklärung verdient.

Für den Besuch der Verfilmung versuchte ich also nicht nur, meine Erwartungen  deftig herunterzuschrauben, sondern gar mich ihrer völlig zu entledigen. Dennoch blieb mir ein Funke Hoffnung, doch auch vom Film nur annähernd so berührt und ergriffen zu werden wie bei die Lektüre.

Was lässt sich nun über die aktuelle Verfilmung sagen?

Auffällig ist zuerst einmal die Inszenierung im Wechselspiel zwischen Theaterkulisse und filmischer Darstellung. Immer wieder spielen Szenen in einem Theater, es finden Kulissenwechsel statt und das Theater selbst bildet einerseits den Raum für die Erzählung und wird andererseits zum Teil derselben. Diese Inszenierung empfand ich als anregend und interessant. Die Übergänge von der einen zur anderen Szene sind spannend gestaltet und mitreißend. Die Szene des ersten Tanzes von Anna Karenina und Wronskij sticht hier besonders heraus. Indem die anderen Ballgäste gleichermaßen einfrieren und schließlich nur noch Anna und Wronskij miteinander tanzen, gelingt es, dem Zuschauer ein Gefühl zu vermitteln, das sonst wohl nicht in dieser Intensität angekommen wäre: „Die Zeit steht still und es gibt nur noch sie beide.“

Tolstojs große Stärke, die Ausarbeitung der Charaktere, seine Fähigkeit, dem Leser einen Menschen in all seiner Widersprüchlichkeit nahe zu bringen, bleibt in der Verfilmung leider am deutlichsten auf der Strecke. Ich wage zu behaupten, dass ein Zuschauer – wenn nicht durch vorherige Lektüre des Romans oder durch persönliche Regungen sensibilisiert – sich nur schwerlich in den Charakter der Karenina oder einer anderen Figur hineinfinden wird. Am stärksten ist hier meiner Meinung nach noch Alexej Karenin, der von Jude Law verkörpert wird. Mit kleinen Gesten und nur geringem, aber ausdrucksstarkem Mienenspiel gelingt es ihm, die Figur des Karenin greifbar werden zu lassen. Für die Beurteilung von Keira Knightley als Anna Karenina möchte ich mich jedoch eher der Kritik von Rüdiger Suchsland anschließen: „Knightleys Karenina selbst wirkt in diesem Tableau wie ein großes unerzogenes Mädchen, unreif, gar nicht die lebenserfahrene Frau, die weiß, worauf sie sich einlässt, (…). Wenn aber Anna Karenina nicht mehr ist als ein etwas zu oberflächliches Girl, wenn sie den Zuschauer weder zur Identifikation einlädt, noch verführt, sie zu begehren und zu lieben – was bleibt dann von diesem Stoff?“

Die filmische Umsetzung erfordert immer auch die Reduktion des Stoffes. In der aktuellen Verfilmung reicht der Blick leider zu oft nur bis in die Bambi-Augen Keira Knightleys. Die Erzählstränge um Dolly & Stiwa, aber auch um Levin & Kitty bleiben deutlich zurück und werden nur durch wenige, aber durchaus anrührende Szenen dargestellt.

Mein Fazit: Woran ich mich zu Beginn des Films noch berauschen konnte, das hätte ich nach dem zweiten Drittel durchaus wieder erbrechen können. Vielleicht liegt dies jedoch nicht allein an der Verfilmung, sondern gehört notwendigerweise zu allen Geschichten um Untreue und Ehebruch?

Es wird Zeit, das Buch noch einmal zu lesen.

Berlin 2

Mal wieder blicke ich zurück auf ein paar Tage in Berlin.
Kostenfaktor: ein kleiner Urlaub. Wert: Berlin eben :-)


Hinfahrt nach Berlin kurz vor Hannover

Zum bereits 4. Mal nahm ich an den Tagen der Begegnung teil, die es jungen Menschen ermöglichen, mit Abgeordneten ins Gespräch über Glauben und Werte zu kommen. Das Programm sah dieses Mal vor allem Begegnungen mit verschiedenen Generalsekretären vor: Hermann Gröhe (CDU), Patrick Döring (FDP) und Andrea Nahles (SPD), aber auch weiteren prominenten Abgeordneten wie Renate Künast (Grüne) oder dem Schirmherrn der Veranstaltung und Bundestagspräsidenten, Prof. Dr. Norbert Lammert.

Die Gespräche waren gesprägt von einer angenehmen und aufgeschlossenen Atmosphäre, neugierigen und herausfordernden Fragen der Teilnehmer zu aktuellen politischen Themen und den Antworten der Abgeordneten, über die danach natürlich noch eifrig diskutiert wurde.


Aussicht auf dem Reichstag

Interessanter als die Begegnung mit den Abgeordneten ist für mich jedoch meist die Begegnung mit anderen Teilnehmern – je länger ich nun in regelmäßigen Abständen ins politische Berlin pilgere, umso mehr ist das der Fall. Ich freue mich, bekannte Gesichter wiederzusehen, neue Menschen kennenzulernen und mit diesen bis spät in die Nacht zusammenzusitzen, zu erzählen und Erfahrungen miteinander zu teilen.

Aussicht auf dem Reichstag II

Am Freitag Abend waren zwar die ‚Tage der Begegnung‘ zu Ende, doch das Wochenende in Berlin hatte für mich erst begonnen. Nun war Zeit für Kunst und Kultur. Ein neu gefundener Freund und ich gingen in die Reformationskirche zu einem kurzen, inspirierenden Abendgottesdienst und besuchten anschließend eine Ausstellung, die an diesem Abend eröffnet wurde.


Kunst in Berlin

Am Samstag und Sonntag erkundete ich dann noch mit meiner Freundin Berlin und  kehrte natürlich auch zu vertrauten Plätzen zurück. Abends schauten wir uns im Kino den Film „3 Zimmer/Küche/Bad“ an, den ich euch wärmstens empfehlen kann. Ich saß im Kino und… es war so realistisch! Realitätsgetreu! Echt! Hach, ich war hin und weg! Geht in diesen Film, ihr Lieben!!

Eure Mathilda