Das ist nicht Sommer mehr

Das ist nicht Sommer mehr, das ist September…Herbst;
diese großen weichen Wolken am Himmel,
diese feinen weißen Spinnwebschleier in der Ferne
und hinter den Gärten mit den Sonnenblumen
der ringelnde Rauch aufglimmender Krautfeuer
und diese süße weiche Müdigkeit und diese
frohe ruhige Stille überall und trotzdem wieder
diese frische, satte, erntefreudige, herbe Kraft…
das ist nicht Sommer…das ist Herbst.

Cäsar Otto Hugo Flaischlen

Wie bewegt sich Freude?

Manchmal schleicht sich die Freude ganz langsam in mein Herz, um dort dann Kreise zu ziehen und schlängelt sich so nach und nach in mein Inneres um alle Räume einzunehmen. Sie breitet sich flächenmäßig gleichzeitig aus, so wie wenn etwas zerläuft, und dringt in jede Zelle. – nach oben und nach unten.

Dann hüpft sie dort, springt, dreht sich um sich selbst, dass alles vibriert und mein Gesicht gar nicht anders kann, als zu strahlen. Mein Mund lächelt oder lacht, weil die Freude meine Lippen kitzelt.

Und manchmal kommt die Freude auf einen Sprung in mich hinein, wie ein Betonklotz, der vom Himmel fällt. Schnell, mächtig, gewaltig, groß.

Einfach toll, diese Freude!

Clara

Noch ein Text, der zwar nicht in Heidelberg, aber doch im Anschluss an die synästhetischen Fragen der Schreibwerkstatt entstanden ist.
Liebe Clara
, vielen Dank, dass ich ihn hier veröffentlichen darf!

Welche Farbe hat die Stille?

Was ist die Farbe der Stille?

Für andere Farben ist schnell die Antwort gefunden:
Blau – Farbe, die in sich hinein zieht: Himmel, Wasser, der Mantel der Madonna…
Rot – Farbe der Liebe: Herzblut, Rosenblatt, funkelnder Wein…
Gold – Königsfarbe, Trompetenfanfaren aus Bachs Weihnachtsoratorium, eine Weise, zu schenken…
Grün – Hoffnungsfarbe, wachsende Saat, dem Rot komplementär.

Doch: Welche Farbe hat die Stille?

Grau? Wie der unbelebte Granit in den Bergen? Wie der Kiesel am Strand?
Wie sieht Stille aus?
Grau-Braun? – Kryptamauern im Dom …
Rot-Braun? – Engelschor in Michaelis …

Stille ist hoch und tief zugleich,
Stille ist rechts und links neben mir –
Stille ist vor und hinter mir –
Stille ist überall,
wenn wir Menschen sie nicht zudecken mit unseren Wort-Farben-Teppichen und den heftigen Geräuschkulissen.

Welche Farbe hat die Stille?
Sie hat Sphärenfarbe.
Sie hat Engelsfarbe –
die ist da – und doch wieder nicht.
die ist sichtbar und unsichtbar.

Stille hat die Farbe der Engel.

Andrea Wauer-Höflich

Dieser Text entstand im Rahmen der Schreibwerkstatt bei „Wer Augen hat zu sehen …“ Ästhetik. Glaube. Ein Tag Emergent. am 28.11.2015 in Heidelberg. Danke, Andrea, dass ich ihn hier zeigen darf!

#aprillove2015 – When I was small

Puppenstube

Die Zeit rast.
Sie stoppt weder an roten Ampeln,
noch an meiner Unfähigkeit
Barbies Traumhaus wegzuwerfen.
Und ich,
wünsche mich zurück in eine Zeit,
als ich mit offenen Knien auf dem Boden saß
und die Welt ein kleiner Ort war.
Gerade mal so groß wie mein Herz.
Nachts träumte ich von geflügelten Pferden
und bei Tag war ich es, die über Wolken flog.
Meine Gedanken waren gemalte Bilder,
jedes Spiel eine Realität
und meine Hoffnung glich rosa Zuckerperlen…
einfach furchtbar,
einfach das Beste, das es geben konnte.
Ich hatte Lust
auf jeden Tag, jede Reise, jeden Traum…
auf mich,
auf mich in zehn Jahren…

Und heute,
habe ich Lust
noch einmal auf die Knie zu gehen.
Mit offener Haut
und Farbe im Herzen.
Ich spiele weiter,
auf großen Wiesen
einer kleinen Welt.

(c) Milla

Weitere Texte von Milla gibt es hier und hier.

Ausgewähltes 1

Mein Blog ist mein Baby. Fast jeden Tag sitze ich an neuen Blogposts, sammle Zitate, tippe und überlege, wie sich meine Erfahrungen und Gedanken vermitteln lassen.

Zur Zeit geht es langsam auf „Preach it, Baby!“. Das ist gerade ganz passend für mich, ich schreibe, wann immer ich Zeit finde und die Beiträge sind fertig, wann immer sie fertig sind. Einmal tief durchatmen, du musst die Welt nicht retten, kannst in deinem eigenen Tempo schreiben und denken und leben.

Andere schreiben auch noch. Andere retten auch noch die Welt, indem sie ganz anders als ich schreiben und denken und leben und wir uns irgendwo trotzdem begegnen. Ihr Schreiben berührt mich, die Worte hallen noch lange nach, obgleich beim Lesen nur in Gedanken ausgesprochen, aber wer sagt, dass das weniger eindrücklich wäre als der Klang, die Worte reißen mich erst aus meinem Tag heraus und dann gehen sie mir nach, begleiten sie mich auf einem neuen Weg des Schreibens und Denkens und Lebens.

So mache ich heute mal etwas, das ich noch nie gemacht habe, ich schreibe diesen Beitrag nur, um auf andere Beiträge hinzuweisen, auf den wirklich grandiosen Post von Sarah Riedeberger nämlich: „Carpe diem, fuck you“, ein Text in drei Teilen, ja, er ist lang, aber er lohnt sich und spätestens beim dritten Teil habe ich dann einen dicken Kloß im Hals. Der Beitrag ist ja eigentlich ein Geburtstagspost, zum 25., und ich finde ihn so stark, dass ich euch jetzt einfach mal rüber zu Sarah schicke und hoffe, dass euch ebenso die Luft wegbleibt wie mir. (Nur im Guten natürlich, ihr dürft dann schon wieder weiteratmen…)

Hinzu kommt ein weiterer Text, den ich erst heute gelesen habe und der mich berührt und wirklich froh gemacht hat. Er wurde getippt und gesprochen von Frau Auge, getippt vermutlich in ihrer Wohnung oben in der Hochhaussiedlung und gesprochen von der Kanzel in einer Kirche, wenn sie denn da auf einer Kanzel steht und nicht vorn auf den Altarstufen sitzt, wer weiß. Ich glaube, wenn der Text nicht diesen doofen Titel „Predigt“ hätte und noch dazu die „10 Jungfrauen“ und das „Gleichnis“ in der Überschrift, dann hätten sicher schon mehr Leute geklickt, aber ihr wisst ja jetzt Bescheid, es lohnt sich.

Aller guten Dinge sind drei, und was bliebe nun außer der Lyrik (wie immer), ich bin eingenommen für die Lyrik, trage Gedichte in meiner Tasche und in meinem Herzen und auf die Verssprünge von Diana habe ich euch schon einmal aufmerksam gemacht. Immer wieder gelingt es Diana, mich mit ihren Worten zu erreichen, wenige Worte nur, klein und vorsichtig aneinandergesetzt und doch schon ein ganzer Gedanke, etwas kleines Großes, diesmal ein Gedicht im Zyklus „meer gedanken“, das es mir besonders angetan hat, in seiner Leichtigkeit und Weite.

Das passt nun zum Abschluss meines ungewöhnlichen Beitrags und ich hoffe, ihr nehmt es mir nicht krumm, dass ich heute einen Schritt zurücktrete und das Aneinanderreihen von Worten anderen überlasse, drei Künstlerinnen ganz im Sinne meines Bloguntertitels, die es verstehen, die Bühne des Schreibens und Denkens und Lebens mit ihren Worten zu füllen.

Habt eine gute Woche!

Die Topfpflanze auf dem Fensterbrett – einige Gedanken zum Bittgebet

Angeregt durch ein Gedicht aus Jörgs Theo-Mix stellt dieser Beitrag eine teilweise lose, teilweise verknüpfe Aneinanderreihung von Gedanken und Perspektiven zum Gebet, insbesondere zum Bittgebet, dar. Es ist der Beginn einer Suche, ein Präzisieren der Frage, ein Schulen des eigenen Blicks. Was es mit der Topfpflanze auf sich hat? Einfach lesen!

psalm psalm gebet

unsere gebete sind weichgespült, herr
in denen schwebst du oben
und wir haben nur wenige bilder für dich

verhalten beten wir um gerechtigkeit
und wünsche, die tyrannen mögen staub fressen
verlaufen im sand leerer herzen

verhalten beten wir um frieden
und dass du schwerter zerbrichst
haben wir gelernt zu übersehen

herr, lass uns die weichgespülten worte verlernen
und schenke uns wieder die kraft wüster psalmen
damit unsere gebete uns wieder bewegen

denn wer dir berserkerwut andichtet
traut dir wenigstens etwas zu
und ringt mit einem unbequemen gott

Jörg Wilkesmann-Brandtner

Ich entdeckte dieses Gedicht vor nun beinah drei Wochen im Theomix von Jörg. Es ließ mich nicht los und sorgt dafür, dass ich einen neuen Anlauf nehme, um mich dem Thema Gebet zu widmen. Ein geschätzter, hochreflektierter Dozent bezeichnete das Gebet einmal als den Ernstfall bzw. Testfall der Dogmatik. Hier zeige sich, welche Dogmatik, d.h. welche Vorstellung von Gott, Mensch und Welt, wir wirklich haben. Wie beten wir? Wie bitten wir? Dank, Lob und Klage scheinen mir aktuell gar nicht so herausfordernd. Aber das Bitten macht mir Probleme. Besonders Fürbitten im Sinne von „Gott, gib uns die Einsicht, dass…“ bringen mich regelmäßig dazu, die Stirn in Falten zu legen. Hier geht es nicht mehr um das Wirken Gottes, sondern das ist reine Selbstmotivation. Und dafür brauche ich ein Gebet?

Die Schwierigkeit beim Bittgebet liegt wohl darin, dass wir uns fragen oder bezweifeln, ob Gott für sein Handeln auf unser Gebet angewiesen ist. Ist er nur dann in der Lage, zu handeln, wenn wir bitten, und weiß er etwa nicht, was wir brauchen? Ist er nicht allwissend und versorgt uns sowieso? Konkret wird dieser Gedanke für mich bei sogenannten Gebetsketten oder bei Gebetsaufrufen. Wird Gott denn eher handeln, wenn mehr Menschen für eine Sache beten, als wenn es nur ein Einzelner im stillen Kämmerlein tut? Wenn nicht, worin liegt dann der Sinn darin, andere Menschen aufzufordern, sich einem Gebet anzuschließen?

An dieser Stelle ließe sich ein Blick in Origines „De oratione“ (Vom Gebet) werfen, das die christliche Dogmatik bei diesem Thema stark geprägt hat.

Dass aber Nutzen entsteht für den, der in rechter Weise betet oder sich nach Kräften darum bemüht, das, glaube ich, trifft in vielfacher Hinsicht zu. Und zuerst hat der innerlich zum Gebet Gesammelte unbedingt einen Nutzen, wenn er gerade durch seine Gebetshaltung ausdrückt, dass er sich vor Gott hinstellt und zu ihm, dem Gegenwärtigen, redet, in der Überzeugung, dass Gott ihn sieht und hört. Denn (…) ebenso muß man überzeugt sein, dass in gleicher Weise Nutzen bringt die Erinnerung an Gott, an den man glaubt und der die Regungen in dem Innersten der Seele wahrnimmt, während diese sich in die geeignete Stimmung bringt, um […] [Gott] zu gefallen.
(…)
Dies ist in Form einer Annahme gesagt, dass wir, auch wenn sich für uns aus dem Gebete nichts anderes ergeben wird, doch durch die Erkenntnis und Anwendung der rechten Art zu beten den schönsten Gewinn haben.

Nach Origines sind Bittgebete nicht dazu da, Gott darum zu bitten, etwas zu tun, das er sonst nicht tun würde. Sie sind vielmehr eine Motivation für uns selbst, eine Meditation, eine Selbstverständigung im weitestmöglichen Horizont. So verstanden findet sich eine große Übereinstimmung zwischen einem christlichen Gebet und einer Meditation ohne Gottesansprache. Lässt sich da noch ein Unterschied bemerken? Braucht es einen und wenn ja, wozu? Was ist nun mit der Bitte?

Vielleicht hilft an dieser Stelle auch Luther weiter. In seinem Großen Katechismus von 1529 schreibt er:

Wo aber ein rechtes Gebet sein soll, da muß ein Ernst sein, daß man seine Not fühle, und solche Not, die uns zu rufen und zu schreien drücket und treibet. (…) Denn wir haben alle genug, das uns mangelt; es fehlet aber daran, daß wirs nicht fühlen noch sehen. Darum will Gott auch haben, daß Du solche Not und Anliegen klagest und anführest; nicht daß ers nicht wisse, sondern daß Du Dein Herz entzündest, desto stärker und mehr zu begehren, und nur den Mantel weit ausbreitest und auftuest, viel zu empfangen.

Ein wertvoller Gedanke: Wenn wir mit Leidenschaft beten, unsere Not und Bedürftigkeit vor ihn bringen, dann geschieht etwas mit uns. Wir werden zu Menschen, die die Gaben Gottes auch wirklich empfangen können. Nach einem solchen Gebet können wir das, was Gott uns geben will, ganz anders annehmen, nämlich als Gabe und mit Dankbarkeit. Dadurch ändert sich mein Blick auf die Welt und das ist ein Blick, den ich persönlich mir gern zu eigen mache. Ich sehe mein Leben und Dasein als ein Geschenk und ein so verstandenes Beten erinnert mich immer wieder daran.

Dennoch will ich meine Frage noch weiter treiben: Kann das alles sein? Gebet ausschließlich als Veränderung der Sichtweise des Menschen? Eine veränderte Perspektive hin zu mehr Dankbarkeit? Ohne dieser Antwort ihre Bedeutung abspreche zu wollen: Reicht mir das?

In meiner Vorlesung wurde fast nebenbei noch ein weiterer Ansatz erwähnt, der mich interessierte und den ich gerade durchzuarbeiten versuche: Vincent Brümmer: „Was tun wir, wenn wir beten?“. Er trifft ganz systematisch einige wichtige Unterscheidungen über die Voraussetzungen des erhörten Gebets (z.B. ein personales Gottesverständnis) und bringt in Kapitel 3 die hier umrissene Fragestellung auf den Punkt:

Ist es nicht irreführend zu fragen, ob das Bittgebet darauf abzielt, auf Gott oder den Beter einzuwirken – d.h. ob das Bittgebet eine wirkliche Bitte ist oder eine Art von therapeutischer Meditation? Sollten wir nicht besser sagen, dass alle Formen des Gebetes (die Bitte eingeschlossen) das Verhältnis zwischen Gott und dem Beter beeinflussen und darum eine wirkliche Auswirkung auf beide haben?

Genau das ist die Frage und wer aufmerksam liest, sieht, dass seine eigene Antwort schon in der Frage impliziert ist. Doch einige Unterkapitel später führt er sie näher aus. Sein Fokus liegt dabei auf dem personalen Verhältnis zwischen Gott und dem Beter:

Das Gebet betrifft das Verhältnis zwischen Gott und dem Bittenden. Der Bittende informiert Gott nicht über etwas, was dieser nicht weiß. Noch erinnert er sich selbst an etwas, was er zu vergessen neigt. Vielmehr erkennt er seine persönliche Abhängigkeit von Gott auf eine Weise an, die es Gott ermöglicht, ihm zu geben, was er ihm ohne diese Anerkenntnis nicht hätte geben können.

Was bedeutet das nun konkret?

Gott erfüllt die meisten unserer Bedürfnisse und Wünsche, ohne daß wir ihn darum bitten müssen. Wenn er jedoch alle unsere Bedürfnisse und Wünsche auf diese Art erfüllen würde, wären wir wie Topfpflanzen auf seinem Fensterbrett und nicht Personen, mit denen er ein personales Verhältnis hat. In diesem Sinn ist das Bittgebet, in dem wir Gottes Handlungsfreiheit anerkennen und unsere Abhängigkeit von ihm akzeptieren, eine notwendige Bedingung dafür, daß Gott uns das, was wir brauchen, im Rahmen eines personalen Verhältnisses geben kann. Ohne unsere Bitten kann Gott bewirken, was wir brauchen, aber er kann uns nichts im Sinne einer personalen Beziehung geben.

Wenn wir grundsätzlich Gebet als ein persönliches Gespräch, ein In-Kontakt-Treten mit Gott verstehen, dann erscheint es mir sinnvoll und plausibel, von dieser Warte aus auch Sinn und Unsinn des Bittgebets zu bestimmen. Auch an dieser Stelle geht es letzten Endes um die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Brümmers Ansatz einfach formuliert wäre wohl so zu verstehen: Es verändert sich weder ausschließlich Gott, noch ausschließlich der Mensch, sondern es verändert sich die Gottesbeziehung, in der der Mensch steht.

Wars das schon? Bestimmt nicht!

Persönlich bin ich auf jeden Fall froh, dass ich mir Brümmers Werk zugelegt habe. In diesem Artikel habe ich es nur oberflächlich erfasst, doch hoffe ich, dass es mich in eine gute Richtung führen wird. (Vielleicht schreib ich am Ende ja mal eine Rezension…) Was dieser systematisch-theologische Blick für die Praxis heißt, ist dabei -wie immer- noch mal eine ganz andere Kiste. Und ganz sicher gibt es auch noch weitere Blickwinkel und Gedanken, die der Aufmerksamkeit wert sind – liebe Leserinnen und Leser, Theologinnen und Nichttheologen, schont mich nicht mit Literaturhinweisen! Ich bin dankbar für Anregungen und neue Perspektiven! Ebenso freuen mich auch persönliche Erfahrungsberichte – denn das Gebet ist ja nicht nur Ernstfall der Dogmatik, sondern vielleicht auch ein Ernstfall des persönlichen Glaubenslebens!??

Ich bleibe auf der Suche.

Kinder des Morgenrots

Wir waren Kinder des Morgenrots
schälten uns aus rauchigen Kleidern
legten die Nacht ab,
indem wir eine letzte Zigarette rauchten
unter Sternen

Wir waren Kinder des Morgenrots
tanzten über ungeteerte Straßen
Dreck klebte an unseren Sohlen
und das erste Tageslicht
erhellte tiefe Augenringe

Wir waren Kinder des Morgenrots
sprachen über Gott und tranken Bier
berauschten uns an Küssen
die abgestanden schmeckten
und nach denen, die wir im Herzen trugen

Wir waren Kinder des Morgenrots
lauschten den Singvögeln
dem Soundtrack
zu all den Geschichten
durch die wir uns lebendig fühlten

Wir waren Kinder des Morgenrots
wir waren niemals cool,
wir waren glücklich.

(c) Milla
Mal wieder ein Fremdtext von Milla, der Künstlerin aus dem Untertitel dieses Blogs. Hier findet ihr den ersten Text, den ich von ihr veröffentlicht habe.

„Der Gedanke, dass Forschung nur gedeihen kann, wenn sie nicht weisungsgebunden ist, scheint zu weit von der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen entfernt zu sein, um auf Verständnis zu stoßen.“

„Aus Sicht der Bevölkerung bemisst sich der Wert von Forschung weniger nach dem Erkenntnisgewinn als nach dem unmittelbar erwarteten Nutzen. Dies zeigt sich an den Antworten auf eine im Oktober 2006 gestellte Frage [des Instituts für Demoskopie Allensbach], bei der zwei Meinungen über die Aufgaben von Wissenschaftlern zu Auswahl gestellt wurden.

Die erste Meinung lautete:
„Ich finde, die Aufgabe eines Wissenschaftlers ist es, Ergebnisse zu liefern, die nützlich für die Menschheit sind. Die Menschen müssen sich die Themen danach wählen, wo Erkenntnisse am dringendsten gebraucht werden.“

Die Gegenposition war: „Ich finde, die wichtigste Aufgabe eines Wissenschaftlers ist es, auf wissenschaftliches Neuland vorzudringen und sich dabei selbst die Ziele zu setzen und zu entscheiden, welche Probleme er bearbeiten will. Das ist gemeint mit ‚Freiheit der Forschung‘ in unserem Grundgesetz. Wenn etwas neu ist, kann man doch nicht vorher schon wissen, ob es nützlich sein wird.“

49 Prozent der Befragten stimmten der ersten Meinung zu, nur 34 Prozent der zweiten. Der Gedanke, dass Forschung nur gedeihen kann, wenn sie nicht weisungsgebunden ist, scheint zu weit von der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen entfernt zu sein, um auf Verständnis zu stoßen.“

Quelle: Thomas Petersen: Der ferne Planet Wissenschaft. Warum die Verständigung zwischen Forschern und der Bevölkerung so schwierig ist.
In: Die politische Meinung, Nr. 519, März/April 2013, 58. Jahrgang, S. 10-15.

Herzenstausch und Tagelied

Vor ein paar Tagen brachte mir ein Freund ein Seminar in Erinnerung, das ich in den ersten Semestern meines Studiums besucht hatte. Wir lasen in dem Seminar mittelhochdeutsche Tagelieder und ich hatte wirklich meine Freude daran.

Was ist ein Tagelied?

Die meisten kennen vermutlich Shakespeares Tragödie “Romeo und Julia”. Da gibt es eine Szene im dritten Akt, die den Morgen nach der gemeinsamen Nacht beschreibt. Die Liebenden müssen sich trennen und Julia versucht erst noch, Romeo etwas länger bei sich zu behalten („Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche.“).

Ein geheimes Zusammensein zweier Liebender und der Abschied am Morgen nach der gemeinsam verbrachten Nacht – darum geht es im Tagelied. In der mittelalterlichen Lyrik ist das Tagelied eine eigene Gattung, die sich auf diese Situation bezieht.

Ich will euch hier ein Tagelied Ulrichs von Winterstetten zeigen und füge auch meine (ziemlich wörtliche) Übersetzung bei. In einem folgenden Blogpost veröffentliche ich dann ein „Modernes Tagelied“, das ich im Anschluss an dieses hier geschrieben habe.

Bî liebe lac   ein ritter tougenlîche
die naht biz an den tac.
der minne pflac   mit im diu minneclîche.
die minne er widerwac,
biz daz der wahter sanc ‚ez tagt‘.
daz von in beiden wart geklagt.
‚ach herzeliebiu frouwe mîn‘,
sô sprach der ritter wolgemuot
‚ich waene ez müeze ein scheiden sîn.‘

Ez wart niht lanc   daz dâ mit nâhem smucke
ergie ein umbevanc
mit armen blanc   und herzeclîchem drucke,
der liep gen liebe twanc.
diu frouwe sprach „mîn sender lîp
und ich vil siufteberndez wîp
bin iemer mê an fröiden frî,
sol ich dir, herre, niemer mê
geligen alse nâhe bî.“

Owê und ach!   der jâmerbaeren scheiden
ir beider herze brach,
daz dâ geschach   von den gelieben beiden:
daz schuof in ungemach.
der ritter sprach ‚gehabe dich wol!
dîn lîp ist manger tugende vol:
mîn herze dir belîbet hie.‘
si sprach „sô füer mîn herze hin!“
der wehsel dâ mit kusse ergie.

Bei seiner Geliebten lag heimlich ein Ritter
die Nacht lang bis zum Tag.
Der Liebe diente mit ihm zusammen die Liebreizende
Die Liebe gab er ihr zurück
bis der Wächter sang: „Der Tag bricht an.“
Darüber wurde von ihnen beiden geklagt.
„Ach meine herzliebste Dame“,
so sprach der edle Ritter,
„Ich ahne, es muss eine Trennung sein.“

Es dauerte nicht lang bis da in engem Anschmiegen
eine Umarmung stattfand
mit nackten Armen und innigem Drücken,
das den Geliebten an die Geliebte drängte.
Die Dame sprach: „Mein sehnsuchtsvoller Körper
und ich sehr beklagenswerte Frau
werde von nun an ohne jede Freude sein,
wenn ich niemals mehr bei dir, Herr,
so nahe liegen darf.“

Oh weh und ach! Die Trennung der Herzeleid Tragenden
brach ihrer beider Herzen,
die da von den Liebenden stattfand:
Das bereitete ihnen Kummer.
Der Ritter sprach: „Halte dich aufrecht“
Du bist reich an vielfachen Tugenden:
Mein Herz bleibt hier bei dir.
Sie sprach: „So nimm du mein Herz mit dir!“
Der Tausch wurde darauf durch einen Kuss besiegelt.

Quelle: Das Tagelied Ulrichs von Winterstetten findet sich in Carl von Kraus‘ Edition „Deutsche Liederdichter des 13. Jahrhunderts“. Es hat die Bezeichnung KLD XXVIII.

Poesie des Fährmanns

Und Narziss schaute ins Wasser und sah nur sich selbst,
ich schaute in das Leben und sah nur mich,
ich erkannte nichts, niemanden und nur Dunkelheit.
Die Welt versank im Kitsch, im Rausch….
Jedes Wort diente der Selbstrechtfertigung,
und es gab niemanden und niemanden,
überall Verrat und Hinterlistigkeit…
Ich lernte niemandem zu trauen,
wo ich vertraute wurde ich betrogen,
wer mir vertraute, den begann ich zu betrügen…
Rausch oder Schmerz – jene Zustände des Menschen
in denen sie sich selbst finden – oder verlieren….
sie fliehen von eins ins andere ….
Die Dunkelheit ist stärker als das Licht….
Verloren, verloren – du hast keine Verantwortung und keine Schuld
– im Nichts bleibt weder ich noch du …
Die Geißel in uns selbst, schlägt und zerreißt,
und die Gedanken fliehen vor sich selbst,
…. stirb Gewissen, stirb Moral ….
stirb du elendes Bewusstsein,
leben ist brennen und verbrennen,
ins Wasser springen und ertrinken.
Elend und Schmach für den der sich nicht traut,
zu springen und auszulöschen das Leben…
Dein Richter ist die Zeit, es klagt dich an das Leben
wenn du es nicht vernichtest.
Worauf wartest du denn noch?

(c) V. M.

Heimat.

Mit jedem kleinen Chaos
Treibt es davon

Wer wird ins Wasser gehen
Für ein Herz

Mit jeder Emotion
Werden Mauern eingerissen

Wer wird eine Brücke bauen
über einem Abgrund aus Sternen

Finde deine Heimat
einen Ort
An dem es lohnt zu bleiben
Schlag für Schlag

(c) Milla van der Vaart

Bevor ich mich mal wieder nach Berlin verabschiede, lasse ich euch einen Fremdtext da. Er stammt von meiner Freundin Milla, der Künstlerin, die schon im Untertitel dieses Blogs Erwähnung gefunden hat. Danke für deine Inspiration!

25

Hier sind wir nun
Gestrandet
In der Welt der Erwachsenen
Knie aufgeschlagen
Am Boden der Realität
Für diese Kratzer
Reicht ein Trostpflaster nicht aus
Die Zukunft, die so strahlend schien
Wird fleckig, wenn man nach ihr greift

Die Welt, die wir
Erobern wollten
War doch viel zäher als geplant
Haben uns verhoben
An unsrer scheinbar leichten Last
Fetzen von zerplatzten Träumen
Weh’n wie Fahnen in der Luft
Dieses Leben ist uns viel zu groß
Und keiner sagt, da wachsen wir noch rein

(c) Stefanie Seibel

Mich begleitet dieses Gedicht schon seit einigen Jahren. Ich habe Stefanie Seibel auf der Seite webstories entdeckt und es ist schade, dass sie dort schon so lange nichts mehr veröffentlicht hat. Im Emailkontakt schrieb sie mir aber, dass es sicher spannend wäre, nun ein Gedicht mit dem Titel „30“ zu schreiben.. Das denke ich auch und es würde mich sehr interessieren!

Vielleicht fühlt sich ja aber auch ein Leser hierzu berufen? ;-)

Gebelsches Prinzip*

*Dies ist der erste Text in einer Reihe, die ich hier gerne beginnen möchte:  „Fremdtexte“. Um zu kennzeichnen, dass die Inhalte nicht von mir sind, verwende ich die gleichnamige Kategorie und gebe natürlich den Verfasser an, mit dem ich die Veröffentlichung abgesprochen habe.

Gebelsches Prinzip

Wenn das Leben Mathematik wäre
würde ich deinen Namen aufschreiben,
würde dich umarmen statt dich fortgehen zu lassen
und dir sagen dass du fehlst,
denn es gäbe nur true und false.

Wenn das Leben Mathematik wäre
würde ich nicht mit einem Fremden an die Bar gehen
um zu hoffen dass du der Typ bist der da sitzt
ihn genau zu mustern, zu ihm zu laufen
und in ein fremdes Gesicht zu blicken.

Wenn das Leben Mathematik wäre
würde ich mich nicht einsperren lassen
sondern den nächsten Zug nehmen
oder ans andere Ende der Welt tanzen
um dich wieder zu sehen.

Wenn das Leben Mathematik wäre
würde ich nicht weinend durch Parks laufen
sondern nach logischen Prinzipien Entscheidungen fällen
und sie als richtig akzeptieren
weil es nur schwarz und weiß gäbe.

Aber das Leben ist nicht logisch
das Gebelsche Prinzip gilt nur in der Algebra
das Wünschen funktioniert nicht immer
dich sehr zu mögen reicht nicht
ich schweige und du fehlst.

(c) Virus 4. März 2011

Virus ist eine liebe Freundin von mir, deren Blog leider ziemlich brach liegt. Als ich jedoch dieses Gedicht von ihr entdeckte, musste ich sie sofort fragen, ob ich es weiter publizieren darf. Danke, Virus!