Im Mutterschoß Gottes

Ich sitze in der Andacht nach einem Tag voller Gedanken, voller Reden, Leben, Tun. Ich habe das Glück, so zu sitzen, dass ich durch das große Fenster hinausschauen kann und ich erlaube mir die Weite. Ein Platz, Menschen, Häuser, Straßen, die Baumwipfel und dahinter, darüber der Himmel. Ich betrachte die Äste und Blätter der Bäume, das Abendblau des Himmels. Es kostet nicht viel Kraft, den Himmel und die Bäume zu betrachten, ich muss nicht denken, kann einfach nur schauen, wahrnehmen, so wie es anderen vielleicht mit der Maserung des Holzes ergeht.

Ich sitze in der Andacht und bin mir bewusst: Ich sitze vor Gott. Gott ist da und durchdringt diesen Raum, durchdringt mich. Ich spüre Gottes Anwesenheit.

Der zurückliegende Tag in mir tritt hervor und ich lasse die Gedanken daran – wie weiße Wolken am Sommerhimmel – durch meinen Kopf, meinen Sinn ziehen. Ich halte sie nicht fest, aber ich scheuche sie auch nicht weg. Sie dürfen sein, ich halte sie Gott hin, halte mich selbst hin und bin so dankbar für die Begegnung.

Ich bin an Andachten von einer Stunde gewöhnt und innerlich teile ich sie in Viertel. Schon am Ende des ersten Viertels lugt ein Gedanke hervor, der Gedanke an Gott als Mutter, ich empfinde ihn nicht als ausgedacht oder als Teil meiner Gedanken, sondern als gegeben, geschenkt. Ich hänge ihm ein wenig nach, lasse ihn wirken. Ich spüre, Gott möchte mir heute als Mutter begegnen, und während mein ganzer Körper, meine Wahrnehmung, mein Erleben die Gott-Mutter einlädt, tut sich mein Kopf, voll patriarchaler Prägungen, schwer, ruft sich zur Rechtfertigung Bibelstellen von weiblichen Gottesbildern (die Henne und ihre Küken…) ins Gedächtnis, fragt sich, ob das ausreicht, oder man nicht doch systematisch-theologisch darüber nachdenken müsste – und währenddessen, ganz unbenommen von allen Kopf-Gedanken, birgt sich mein ganzes Sein im Mutterschoß Gottes. Es tankt Liebe und Wärme und eine warme, weiche, unaufdringliche Zuwendung. Gott als Mutter ist so präsent, dass ich mich ihr nicht entziehen kann – und auch nicht entziehen will. Ich glaube, Elia am Horeb hat sie auch so erlebt, in diesem Säuseln.

Meine Tag-Gedanken steigen weiter auf, bewegen sich hin und her, da höre ich plötzlich Gesang in mir, erst leise und dann immer klarer: „Ubi caritas et amor, ubi caritas – deus ibi est.“ Ein Taizélied. Ich habe keine besondere Beziehung zu Taizéliedern, ja, sie klingen schön, aber ich kann nicht so viel mit ihnen anfangen, bevorzuge normalerweise eher Paul Gerhardt und Jochen Klepper, viel Text, viel Tiefe, viel für meinen Kopf. Doch das Taizélied bleibt. Es ist ein Wiegenlied und ich finde es ein wenig verrückt, dass Gott darin sprachlich männlich ist. Das Lied passt ganz eindeutig zu meinem Bild vom Mutterschoß Gottes, es tut gut, es im Hintergrund meiner Gedanken zu hören, sie sind aufgehoben bei Gott, nun muss gar nicht mehr viel passieren, es ist alles da, alles gut, ich lasse die Gedanken weiter wandern und lausche der Musik. Ich lächle die Gott-Mutter an und sage danke.

Wenn Gott die Welt verändert, morgen schon, 2017

Predigt zur Jahreslosung 2017 für den Gottesdienst zum Altjahrabend 2016

2016
das Mittelmeer füllt sich weiter mit Leichen
ich kann es nicht anders sagen, verzeiht mir den Einstieg
aber zu Zeiten des Propheten Ezechiel sah es auch nicht gerade rosig aus
ein Haufen Menschen wurde deportiert, 598 vor Chr.,
von Jerusalem nach Babylon
und angesichts der Kolonnen an flüchtenden Menschen können wir uns diese Deportation heute wohl so bildhaft vorstellen wie nie zuvor
Ezechiel saß am Fluss Kebar in Babylon fest
So wie Ahmet und Mahmut und Ali am Neckar, der Donau oder dem Zipfelbach
weit weg von den Gerüchen der Heimat, der vertrauten Linie der Berge,
der Klänge in den Straßen, an die das Ohr so sehr gewöhnt ist
verstreut in der Fremde und in großer Ungewissheit,
ob die alte Heimat jemals wieder ein Zuhause bieten könnte.
 
2016
das politische Klima ist rauer geworden
die Mächtigen der Welt: Putin und Erdogan und bald auch Trump
mit dem Kommando über Kriegsheere und Atomwaffen
Sie kommen mir manchmal ganz schön hilflos vor
In einem Netz von Korruption, Misstrauen und Kampf um den Machterhalt
Sie haben keine Lösungen für diese Welt
 
2016
ich male euch die Kulisse unserer Welt
wendet den Blick nicht ab
von all der Angst, dem Hass, dem Leid, der Verzweiflung
wir können uns ihnen nicht entziehen
wir sind verstrickt in weltweite Ungerechtigkeiten
wir haben Wohnraum, wo andere keinen haben
wir haben Essen, wo andere hungern
wir haben Arbeit, wo andere auf der Straße stehen
wir tragen Verantwortung und ja, wir tragen Schuld,
und das alles, ohne dass wir es ändern könnten
wir sind genauso hilflos wie Ahmet und Mahmut und Erdogan und Trump
 
Doch wenn Gott die Welt verändert
morgen schon, 2017,
dann fängt er bei den Hilflosen an
bei den Verlorenen, den Verstreuten
bei denen, die faule Kompromisse gemacht haben
bei den Müden, den Verzagten
bei denen, denen das Leben in den Händen zerrinnt
und die den Glauben an gute Vorsätze schon längst aufgegeben haben.
 
Wenn Gott die Welt verändert,
morgen schon, 2017,
dann vermutlich nicht durch Trump oder Putin oder Frau Merkel,
sondern vielleicht durch Ahmet und Mahmut und Ali,
denn Gott hat schon immer das Kleinste und Geringste erwählt
er hat seine Geschichte mit dem Volk Israel geschrieben,
er hat das Volk, das jahrzehntelang in Babylon festsaß,
das zweifelte, haderte und immer wieder fremden Göttern nachlief,
er hat SEIN Volk nicht vergessen,
sondern mit ihm einen Neuanfang gewagt.
 
Wenn Gott die Welt verändert
morgen schon, 2017,
dann geschieht das von unten,
von innen
und von den Rändern
denn Angst und Hass und Leid sitzen in uns drin.
Es kann nur so gehen, dass der ganze Mensch neu wird.
 
Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun. Und ihr sollt wohnen im Lande, das ich euren Vätern gegeben habe, und sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein. (Hesekiel 36, 26-28)
 
Mit dem lebendigen Herz wird ganz sicher nicht alles leichter,
aber es wird alles wahrhaftiger.
Es ist ein echtes, lebendiges, schlagendes Herz, das Gott uns gibt:
Dir und mir.
Ein Herz, in das sein Gesetz eingeschrieben ist:
„Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen
und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
 
Ein lebendiges Herz, zum Bersten voll mit Liebe,
sodass du mitfühlst mit dem anderen
und nicht verzweifelst über dem Leid.
sodass du weiter vertraust und betest und liebst
trotz allem, was in dieser Welt geschieht.
sodass du mutig Jesus nachfolgst
mit innerem Frieden und Zuversicht.
 
Gott schenkt Dir dieses Herz
und verändert damit die Welt
morgen schon, 2017.

Amen.

#augustbreak2016 – 5 years ago

Das ist nun die Nachspielzeit zum #augustbreak2016, wie die Vorgärtnerin es so schön betitelt hat. Im Gegensatz zu Raph Elle, die gleich ihr ganzes abenteuerliches Jahr 2011 Revue passieren ließ, habe ich mir nur den Sommer 2011 vorgenommen.

Es war ein ganz gewöhnlicher Sommer: Ich fuhr Anfang August aufs Freakstock und saß danach am Schreibtisch und schrieb Hausarbeiten. Mein Mann arbeitete enorm viel und so traf ich mich abends oft mit Freunden. Ein Kommilitone lud mich zu seinem Geburtstag ein. Meine Schwägerin heiratete. Ich begann einen neuen Nebenjob und ein neues Ehrenamt. Und Ende September ging es nach Berlin.

Ein gewöhnlicher Sommer, wie es ihn selten bei mir gab. Stinknormale Semesterferien ohne Umzüge (wie in den 5 Jahren zuvor), größere Praktika/Ferienjobs (wie in den 2 Jahren danach) oder Lernen fürs Examen (die anschließenden 2 Jahre). Semesterferien, in denen es etwas zu tun gab, das aber Tag für Tag auch gut zu schaffen war.

Gleichzeitig veränderte dieser Sommer mein Leben, sodass ich es bis heute merke. Ich denke oft, es braucht diese Ruhe im Außen, damit das Innen hinterherkommt und sich entwickeln kann. Der Sommer brachte mir keine großen beruflichen Veränderungen, keinen Ortswechsel, keine abenteuerliche Reise, keinen Stempel unter meinen Studienleistungen oder meiner Beziehung – doch im Blick auf mich und mein Leben hat er mich nachhaltig verändert.

Inwiefern? Damit das Anskizzierte auch Gestalt bekommt, will ich versuchen, diese Frage zu beantworten und den Balanceakt zwischen persönlich und privat wagen.

Der Sommer brachte mir die Liebe Gottes nah, wie ich es zuvor noch nicht erlebt hatte. Dies hing mit einer einzelnen Predigt auf dem Freakstock zusammen. Wer wie ich christlich aufgewachsen ist, der kennt es vielleicht, wenn man sich bei einer besonderen Veranstaltung, einem Gottesdienst oder im Zeltlager Gott auf einmal ganz nahe fühlt, wenn man eine neue Erkenntnis oder einen geistlichen Durchbruch hat oder überhaupt gerade etwas mit Gott erlebt. Man denkt sich: Ab jetzt wird alles anders. Ab jetzt werde ich „Stille Zeit“ machen/Bibel lesen/beten/nicht mehr über meine Klassenkameraden lästern/allen von Jesus erzählen/… Danach fährt man nach Hause und ein paar euphorische Tage später hat einen der Alltag wieder. Und genau so war es bei mir in diesem Sommer nicht. Auch drei Wochen später schwebte ich noch auf Wolke 7 und der Durchbruch, den ich erlebt hatte, veränderte mein ganzes Denken. Die Botschaft: Gott liebt mich und nimmt mich an, mit allem, was ich bin/habe/denke/tue. Es war also die Erfahrung, die man „Gnade“ nennt.

Und ja, natürlich hatte ich diese Botschaft schon früher gehört, ich war Christ, seit ich denken kann, ich hatte mich bekehrt, ich lebte mein Leben mit Jesus. Aber trotzdem hatte ich – vielleicht gerade aufgrund meiner christlichen Prägung – einen bestimmten Lebensstil als richtig und Gott wohlgefällig ausgemacht und wann immer ich hinter diesem zurückblieb, hielt ich mich für vom Weg abgekommen oder einen Christen zweiter Klasse. In diesem Sommer verstand ich, dass dies allein meine eigenen Maßstäbe waren, die ich häufig von anderen Christen übernommen hatte, und dass sie nichts damit zu tun hatten, wie Gott mich sah und vor allem, wie er mich liebte. Es gibt mit Gott nicht den Plan B für das eigene Leben, sondern Gott geht jeden Weg mit mir mit. Punkt.

Diese Botschaft fiel vor fünf Jahren richtig tief in mein Herz und lässt sich auch nicht mehr herausreißen. Ich fing an, sie in allen Konsequenzen durchzubuchstabieren: Was hieß das für meine Beziehungen, Lebenentscheidungen, für meinen Umgang mit einem bestimmten verhaltensorientierten Christentum, für mein Verhältnis zu mir selbst?

Ein Beispiel dafür ist meine Perspektive auf Körper und Schönheit. Schon einmal schrieb ich in diesem Blog über Schönheitsideale und ich denke, einen wesentlichen Beitrag zu meiner Haltung lieferte mir dieser Sommer. Einige Tage nach Freakstock saß ich nämlich auf meinem Bett und beschloss, nicht mehr schlecht über meinen Körper zu sprechen. Eine einzige, klare Entscheidung ohne Wenn und Aber. Wenn Gott nicht zögert, in mir zu wohnen – mein Körper als sein Tempel, heißt es in der Bibel – wer bin ich dann, dass ich selbst Teile von mir ablehne? Gott nimmt mich an, wie ich bin, also will ich mich auch selbst annehmen. Diese körperbezogene Konsequenz war so wirkungsvoll, wie ich es kaum erwartet hätte, und hatte ganz eigene Folgen, für die ich sehr dankbar bin.

Vieles könnte ich hier noch beschreiben, aber vermutlich genügt es schon, um euch einen Eindruck von diesem lebensverändernden Sommer zu geben. Vielleicht habt ihr auch schon Ähnliches erlebt, wie sich eure Perspektive so ändert, dass es euer ganzes Leben durcheinanderwirbelt, wie ihr hinter die Veränderung nicht mehr zurück könnt und auf einmal so viel freier und glücklicher seid, ohne dass sich im Äußeren etwas verändert hätte. Mir brachte der Sommer vor fünf Jahren jedenfalls eine neue Gottesbeziehung ohne Schuld und Scham, voller Liebe, Gnade und Annahme. Und das wirkte tief in alle Bereiche meines Lebens – bis heute.

Über Wahrheit und Schönheit.

Dieser Beitrag ist ein Zwischenspiel in Verbindung mit dem Emergent Forum, in das ich letztes Wochenende hochgradig involviert war. Meine regelmäßigen Leser*innen mögen es mir nachsehen, dass ich auf Einleitung und Hinführung verzichte. Wer sich über die Veranstaltung informieren will, darf gern das Internet nutzen, aber ich möchte direkt zum Punkt kommen und mich mit einer Aussage aus Christinas Vortrag auseinandersetzen.

Hören wir doch auf, etwas falsch oder richtig zu finden.
Fangen wir wieder an, etwas schön zu finden.

Natürlich reiße ich den Satz jetzt aus seinem Kontext und gerade deshalb will ich zuerst versuchen, die Stoßrichtung aufzuzeigen, aus der ich ihn verstehe und sogar unterschreiben kann. Vor ein paar Wochen beantwortete ich eine Presseanfrage dazu, wie die Jesus Freaks sich zu anderen Religionen verhalten, ob diese als alternativer Weg ok/seligmachend/heilsversprechend/whatever seien und was wir überhaupt so von anderen religiösen Praktiken halten. In meiner Antwort machte ich deutlich, dass die meisten Jesus Freaks, die ich kenne, sich nicht sonderlich mit anderen Religionen als möglichem Heilsweg befassen, aber durchaus den Andersgläubigen mit Respekt und Wertschätzung begegnen. Ich schrieb über das Festhalten am Eigenen ohne Abwertung des anderen und zitierte dabei auch eine Mitchristin mit: „Ob es noch eine andere göttliche Wahrheit gibt, ist mir egal, ich gehe mit Jesus.“
Wenn es um den Kontakt und das Gespräch mit anderen Religionen geht, ist der Wahrheitsbegriff oft schwierig, weil „wahr“ in unserer Logik sofort sein Gegenteil „falsch“ hervorholt. Es scheint fast, als könne ich nicht über meine eigene Religion als „wahr“ sprechen, ohne gleichzeitig eine andere Religion als „falsch“ abzulehnen. Meines Erachtens muss das aber nicht so sein. Anstatt mit Aussagen wie „Unseres ist richtig, eures ist falsch.“ zu operieren, will ich vielmehr das Eigene erklären, groß machen, mit Überzeugung und Hingabe vertreten oder, wie Christina sagte, davon schwärmen. All das ist möglich, ohne das Gegenüber mit seiner Glaubenserfahrung abzuwerten.

Auf der anderen Seite jedoch löst die oben zitierte Aussage Bauchschmerzen bei mir aus. Auch dazu eine kurze Anekdote: Als ich Anfang 20 war, begegnete ich einem jungen Neonazi, wir gingen zusammen spazieren und unterhielten uns über unsere Leben und unsere Überzeugungen. Ich wollte natürlich wissen, warum er sich der rechten Szene angeschlossen hatte und auch, woran er glaube. Daraufhin erzählte er mir Geschichten aus der alten gemanischen Mythologie und zeigte mir auch seine Halskette mit einem entsprechenden Symbol. Nach einiger Zeit frage ich ihn dann: „Glaubst du denn daran?“ und er antworte: „Glauben? Nun ja, lass es mich so sagen: Ich finde es schön, einen schönen Gedanken.“
Worauf ich damit hinauswill? In der Innenperspektive meiner eigenen Religion reicht es mir nicht, einen Gedanken bloß schön zu finden. Ich will auf den Wahrheitsbegriff nicht verzichten – und sei es nur in seiner geringsten Form als subjektive, erlebte Wahrheit, als ein „Ich erlebe das als wahr, als sinnvoll, bedeutend, tragfähig für mein Leben.“ Mir reicht es nicht aus, die Auferstehung schön zu finden. „Schön“ ist mir hier zu oberflächlich, das ästhetische Empfinden zu beliebig und  – um Christina mit diesem Beitrag nun nicht Unrecht zu tun – es trifft m.E. auch nicht ihre Überzeugung. Wir haben an dem Wochenende viel über Gnade gesprochen, die von Gott kommt und zuvorkommend, mächtig, stark ist, sodass man selbst sich gar nicht entziehen kann. Eine solche existentielle Erfahrung will ich nicht nur über Schönheit artikulieren.

Ich könnte jetzt ein harmonisierendes Fazit schreiben und darüber nachdenken, für wie viele Menschen es vielleicht sinnvoll und hilfreich ist, dieses Starkmachen des Eigenen ohne Abwertung des anderen in genau diesen Worten zu hören und zu denken. Trotzdem will ich festhalten, dass Wahrheit und Schönheit nicht gegeneinander ausgespielt werden müssen, dass die geforderte Akzentverlagerung ihre Grenzen hat und dass die Dichotomie von richtig und falsch nicht in jedem Leben zu einem Schwarz-Weiß-Denken führt, sondern dass „wahr“ und „richtig“ meinen eigenen Glauben auch auf einer notwendigen, tieferen Ebene verankern können.

Heilig Abend

In meiner Jugend verlor und gewann der Heilig Abend zunehmend an Bedeutung. Natürlich gab es, wie in allen Familien, gewisse Traditionen und (dank großzügiger Großmutter) zumeist eine reiche Bescherung, doch im Vergleich zu meinen Schulfreundinnen war meine Familie ziemlich flexibel, was „festgelegte Abläufe“ und ein angestrebtes „Bilderbuch-Weihnachten“ angeht. So erinnere ich mich an ein Jahr, indem wir das Gemeindehaus mieteten und sämtliche Freunde und Familie zu einer „Jesus Birthday Party“ einluden. Jede*r brachte was zu Essen und einen kleinen oder großen Programmpunkt mit und wir feierten ein wunderbares Fest. Kein Vergleich zu dem kargen Heilig Abend, an dem ein Familienmitglied gerade aus dem Krankenhaus kam und wir bei Käsebrot und Sprudel am Esstisch saßen – einfach nur dankbar, dass die zurückliegende Operation gut überstanden war. Im einen Jahr ging ich schon nachmittags in einen freikirchlichen Gottesdienst, im anderen mit meinen Eltern abends in die Landeskirche. Mal gab es Rote Wurst vom Grill, mal eine Käseplatte und nur sehr selten ein deftig-warmes Gericht.

Unabhängig von der Form und den jeweiligen Abläufen des Tages jedoch hatte sich für mich persönlich eine Tradition etabliert: Nachdem die Großeltern gegangen waren / das Geschenkpapier verräumt war / wir wieder zuhause angekommen waren / alle anderen sich wieder in ihre Zimmer verkrochen hatten, saß ich alleine mit einem Glas  Wein auf dem Sofa und wartete darauf, dass Jesus mir begegnete. Es mag sich skurril anhören, doch genau so war es. Ich saß da und wartete auf ihn und irgendwann setzte er sich auf den Sessel gegenüber, ich flüsterte ein „Danke“ und dann schauten wir zusammen im Fernsehen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Mein Heilig Abend stand und fiel mit dieser persönlichen Begegnung. Sie konnte sich schon im Gottesdienst ereignen, beim Essen oder beim Lesen der Weihnachtsgeschichte, doch ich wollte nicht schlafen gehen, ohne zu wissen: Jesus ist da und es geht um ihn. Diesen Wunsch hat er jedes Jahr erhört, mich manchmal überrascht, aber nie im Stich gelassen.

Also ganz egal, wie ihr Heilig Abend und die Weihnachtstage verbringt: Ich wünsche euch allen einen Moment, in dem ihr Jesus begegnet. Und glaubt mir: Formen sind dabei nicht wichtig und „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“-Schauen ist er auch schon gewohnt.

Fröhliche Weihnachten!

Sehnsucht nach dem Zion. Psalm 126

3 Jahre lang Winter
Streichholzdünn sind die Wände der Hütte
Eisige Luft dringt hinein
Wir leben außerhalb der Jahreszeiten
Trotz sengender Hitze sind unsere Knochen Eiszapfen
Das Herbstlaub besteht aus Graustufen
Den kleinen Keim unter der Schneedecke haben wir schon fast vergessen
Nur die Großmutter spricht noch manchmal davon

Als Jahwe das Geschick Zions wendete,
waren wir wie Träumende
Damals wurde angefüllt mit Lachen unser Mund
und unsere Zunge mit Jubel.

Sie erzählt von einem Winter, sieben Mal so lang wie der unsrige
Von Steinen im Kochtopf und zerschlissenen Fetzen am Körper
Von Nächten, die endlos schienen
Vom Ausharren in der Kälte, von der Hoffnungslosigkeit

Und vom Moment, in dem die Farbe ins Leben zurückkam
Als die Blätter der Bäume wieder grün wurden
Die Wolken den Blick auf den blauen Himmel freigaben
Man wieder unterscheiden konnte zwischen Frühling und Sommer und Herbst

Damals sagten sie bei den Völkern:
„Großes hat Jahwe getan an diesen.“
Großes hat Jahwe Getan an uns;
Wir waren Fröhliche.

Sie hat das Blütenmeer nicht vergessen
Sie erinnert sich noch an saftige Birnen, reife Äpfel, frische Beeren
In ihren Träumen sieht sie alles vor sich
Sie tanzt darin mit leichten Beinen
Wie früher die Mädchen auf dem Dorfplatz

Wende bitte um, Jahwe, unser Geschick
Wie die Bäche im Negev!
Die säen mit Tränen,
mit Jubel werden sie ernten.

3 Jahre lang harren wir aus im Winter
Unser Tagwerk ist durchdrungen von Gebeten
Wir murmeln sie auf dem Feld,
wir rufen sie auf dem Heimweg,
wir schreien sie des Nachts im Traum
Gebete – wie Tropfen auf dem heißen Stein
Lass sie nicht sinnlos sein!

Mal um Mal geht weinend dahin,
der trägt den Saatbeutel
Doch er wird gewiss mit Jubel wiederkommen,
der trägt seine Garben.

Hinter den Augenlidern neue Bilder
von zarten Frühlingsblüten,
prallen Sommerfrüchten,
Herbstregen auf nassem Laub.
Noch erscheint es wie ein Traum
Die Tür quietscht in der Angel
Ein Windstoß hat sie erfasst
Und in der Luft liegt der Duft von Gerechtigkeit

Sein vor Gott

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Gelegentlich gehe ich zu den Quäkern. Die Quäker sind eine Religionsgemeinschaft, die sich im England des 17. Jahrhunderts gegründet hat. Sie werden auch als die „Freunde“ bezeichnet, womit gemeint ist, dass sie Freunde Jesu sind. In meiner Nähe treffen sie sich ein Mal im Monat zu einer Andacht. Das Besondere daran ist, dass die Andacht eine Stunde im Schweigen verläuft. Wer sich nach einiger Zeit inspiriert fühlt, darf etwas beitragen, einen Gedanken, einen Vers, ein Gedicht oder was auch immer er oder sie als wichtig empfindet.

Die Zeit der Stille empfinde ich sehr unterschiedlich. Wohltuend und anstrengend zugleich, hochkonzentriert und tiefenentspannt, es ist eine ganze Bandbreite an Gefühlen und Empfindungen dabei. Von der Frage „Was sitze ich jetzt hier eigentlich schon eine halbe Stunde nur herum? Das soll es jetzt sein!?“ bis hin zu der Erfahrung, dass Menschen ganz unabhängig von mir äußern, was ich selbst gerade empfunden habe, ist alles möglich.

Gestern verspürte ich gleich zu Beginn der Andacht schon große Erleichterung. Eine Stunde Nichtstun lag vor mir, eine Stunde Sein vor Gott, einfach Da sein, nichts tun müssen, einatmen, ausatmen, gut. Gerade angesichts der letzten Tage merkte ich, wie ich innerlich aufatmete. Ich bin zur Zeit sehr aktiv, meine Konzentration ist so gut wie schon lange nicht mehr, ich kaufe die Zeit aus, kriege viel geschafft. Wenn dabei mal eine halbe Stunde ohne Aufgabe, ohne festen Zweck entsteht, fühlt sich das seltsam sinnlos an. Und nun? Eine Stunde legitimiertes Nichtstun. (das nicht mal durch „Entspannung“ oder „Erholung“ verzweckt war…)

Keine Frage, dass dieses „Nichtstun“ einen Sinn hatte. Der Sinn bestand im Sein vor Gott. Im Da sein, Da sitzen vor dem Angesicht Gottes. Mehr brauchte es nicht, das genügte völlig. Ich saß da und freute mich daran und wusste, auch Gott freute sich daran. Und so kam mir der Gedanke, was denn in meinem Alltag so anders dabei sein sollte? Gott ist immer und überall. Zu jedem Zeitpunkt bin ich vor Gott. Mit dieser Perspektive ist jeder noch so kleine Moment wertvoll und sinnvoll. Jede Minute des Arbeitens oder Herumtrödelns, des Gesprächs oder des Schlafes, der Beschäftigung oder der Langeweile. Ich muss keinen Sinn durch ein bestimmtes Tun suchen, schaffen, herbeiführen.

Mein Leben ist sinnvoll in meinem Sein vor Gott.

Als ich später den anderen von meiner Erfahrung erzählte, nickten sie. Sie verstanden mich in meinem Glücksempfinden. Einer meinte: „Ja, das ist so schön, die Freude am bloßen Sein…“ Für mich ist dieser Gedanke beflügelnd und beruhigend zugleich. Er trägt mich und er zieht mich. Erneut die beiden Pole. Hoffentlich kann ich ihn mir lange erhalten und immer wieder in Erinnerung rufen.

 

PS. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig sein könnte, das, was mir gestern so einfach und leicht erschien, in einem Blogbeitrag mitzuteilen. Worte aneinanderreihen über spirituelles Erleben – was für eine Herausforderung!

Weihnachtstage

10°C, Sonne, blauer Himmel – so haben wir uns den Vortag zum Heilig Abend auch nicht vorgestellt. Es erinnert fast ein wenig an Sylvies Beschreibungen der Adventszeit in Brasilien. Wenn es diesen Winter Schnee geben sollte, kommt der sicher erst nächstes Jahr. Das stört mich aber auch nicht. Gerade eben habe ich einen wunderschönen Sonnenuntergang genossen mit einem intensiv rosa Farbenspiel. Dazu der eine schmale Mondsichel am Himmel, leuchtend und einfach fabelhaft.

Ich wünsche allen meinen Leser*innen zauberhafte Weihnachtstage! Lasst es euch gut gehen, ob mit Familie, Freunden oder allein. Weihnachten ist nicht abhängig vom Schnee und genauso wenig von sonstigen äußeren Umständen. Wie ich schon in diesem Beitrag schrieb, hat Weihnachten immer etwas Plötzliches und Unerwartetes. Für Marias Schwangerschaft hätte es wohl auch passendere Momente geben können, einen besseren Zeitpunkt als Verlobungszeit und Volkszählung. Und dennoch kam Jesus zum genau richtigen Zeitpunkt.

Darum hoffe ich sehr, dass auch du, liebe Leserin oder lieber Leser, zum genau richtigen Zeitpunkt ein persönliches Weihnachten erlebst. Weihnachten, das heißt eine Begegnung mit Gott, es bedeutet: Gott kommt uns nahe. Die Umstände mögen unpassend erscheinen, die Stimmung seltsam und die Vorbereitungen dürftig. Doch in diesem Moment, in diesem einen Moment der Gottesnähe, wirst du merken: Es ist genau richtig.

Solche Weihnachtsmomente habe ich in den letzten Jahren immer wieder erlebt und ich wünsche sie euch allen! Nach den Festtagen melde ich mich wieder, bleibt mir gesund und feiert schön!

Mathilda

Con:Fusion 2014 (Rückblick)

Wer mir auf Twitter folgt, wird schon mitbekommen haben, dass ich letztes Wochenende auf der Con:Fusion war. Ich möchte hier davon berichten und euch einen persönlichen Rückblick geben.

1. Was ist Emergent?

Con:Fusion ist ein neues Format von Emergent Deutschland. Oh Schreck, was ist denn Emergent? Der Begriff ist gar nicht so einfach zu greifen. Wikipedia sagt dazu:

Die Emerging Church (auch „Emerging Conversation“ und „Emerging Churches“) ist eine dezentrale, stark heterogene Bewegung von verschiedenen Christen, die in ihrem Umfeld und in ihrer jeweiligen Tradition auf die Herausforderungen der Postmoderne reagieren wollen. Die Emerging Church („sich entwickelnde Kirche“) überträgt aktuelle Erkenntnisse der Biologie, der Hirnforschung, der Wirtschaft und der Philosophie auf die Situation der Gemeinde.

Seit 2004 bin ich Teil der Jesus Freaks Bewegung und hatte in den letzten Jahren schon die ein oder andere Begegnung mit Emergent Deutschland bzw. auch ein paar Bücher darüber gelesen. Somit hatte ich schon eine grobe Vorstellung, was Emergent bedeutet. In meinen eigenen Worten will ich es (für die immer noch Ahnungslosen) mal so zusammenfassen, dass es darum geht, Glauben in der Postmoderne bzw. einer fluiden Moderne zu leben. Welche Gottesdienstformen brauchen wir heute? Wie kann Gemeinde für Menschen aussehen, die alle paar Jahre den Wohnort wechseln (Stichwort Flexibilität am Arbeitsmarkt). Haben die Lagerbildungen innerhalb des Christentums nicht langsam ausgedient? Wie leben wir Spiritualität?

Letzten Endes geht es also um ein Nachdenken über Gesellschaft, Theologie und Spiritualität. Emergent ist für Menschen, die Fragen stellen, Zweifel haben und einfach in Bewegung und auf der Suche sind. Bei Emergent Deutschland handelt es sich nicht um eine Gemeinde oder Kirche, sondern um ein Netzwerk von Menschen aus verschiedenen Konfessionen und Gemeindehintergründen.

2. Wie komme ich dazu?

Im Lauf des letzten Jahres wurde mir in Gesprächen über Glauben und Gemeinde von unterschiedlichen Leuten gesagt: „Kennst du Emergent? Das wäre vielleicht was für dich.“ Nachdem sich dieser Satz mehrfach wiederholte, begann ich darüber nachzudenken, ob ich mir dieses „Emergent“ nicht mal näher anschauen wollte. Immerhin verzeichne ich gerade eine Art Verlust der geistlichen Heimat. Aber nochmal von vorn: Ich bin Christ seit ich denken kann und studiere Theologie im zweistelligen Fachsemester (fragt nicht! ;-)). An Gemeindeformen und Ausdrucksweisen des Glaubens habe ich mittlerweile auch eine ziemlich breite Palette miterlebt. Mein Glaube hat sich im Lauf der letzten Jahre verändert, ich habe weniger Antworten und mehr Fragen und bin irgendwie auf der Suche nach (m)einen Platz in der weltweiten Christenheit. Dabei habe ich zur Zeit das Gefühl, dass nichts so richtig passt und weiß noch nicht, ob ich mich mit diesem Zustand abfinden möchte. Ich empfinde mich als Jesus Freak, doch selbst da ecke ich mittlerweile an. Mein Glaube ist unbequem geworden.

3. Con:Fusion 2014

Das Thema der Con:Fusion war „Exzentrisch glauben.“ und es gab drei Gesprächsgruppen, in denen wir verschiedene Themen bearbeiteten. Als ich im Vorfeld der Tagung die Titel las, hatte ich zugegebenermaßen keinen blassen Schimmer, was sich dahinter verbergen würde:

1. Ver- und Entbürgerlichung des Christentums

2. Fluide Moderne

3. Verführerische Freiheit und spiritueller Widerstand

Doch ich dachte mir einfach „Sei’s drum“, druckte mir die Texte aus und fuhr trotzdem hin. – Naja, ganz so cool wie das hier klingt, war ich nicht unbedingt. Diverse Bekannte berichteten nämlich aus ihrer eigenen Erfahrung mit solchen Emergent Treffen und meinten, das sei ein intellektuell-elitärer Club, in den man nur mit einem MacBook Pro aufgenommen würde. Das schüchterte mich schon etwas ein. (Zudem bin ich treue Thinkpad-Anhängerin.)

Nun will ich aber zu dem Treffen kommen. Simon hat die Teilnehmergruppe von ca. 35 Personen in seinem eigenen (sehr gelungenen!) Blogbeitrag treffsicher beschrieben:

Die Bandbreite reichte in diesem Tagen vom Headhunter bis zum Pastor, vom Antifa-Mitglied bis zum CDU-Wähler, vom Jesus-Freak bis zum Ordensmitglied.

Es kamen wirklich sehr unterschiedliche Menschen zusammen, doch gerade diese Verschiedenenheit empfand ich als sehr bereichernd. Die Atmosphäre war von großer Offenheit und Interesse am anderen gekennzeichnet – so habe ich mich schnell wohl gefühlt. Ich hörte zu, fragte nach, durfte ausreden (was ich sehr schätze!) und meine Gedanken einbringen. Der Tagesrhythmus war durch eine gemeinsame Morgen-, Mittags- und Abendliturgie eingeteilt, die mir gut gefallen hat. Die Vormittage in der Gesprächsgruppe waren eher theorie- und inputlastig, nachmittags ging es stärker darum, selbst etwas zu gestalten, kreativ zu sein, etwas zu produzieren, was wir dann den anderen Gruppen vorstellen konnten.

Dabei war ich für zwei Plakate mitverantwortlich, die ich zusammen mit Konstantin den anderen vorstellte:

Flaneur, Tourist, Vagabund, SpielerSAMSUNG

Wir beschäftigten uns mit einem Ansatz von Zygmunt Bauman, der in unserer Gesellschaft einen Wandel von einer soliden Moderne hin zu einer fluiden Moderne beobachtet (Plakat rechts). Das zweite Plakat (hier links) zeigt verschiedene Persönlichkeitstypen und Verhaltensmuster in der fluiden Moderne. Wir haben uns selbst in einigem wiederentdeckt! Es war ein spannendes Thema.

Bald mehr als die formalen Gesprächsgruppen haben mich jedoch die persönlichen Gespräche begeistert. Schon am Frühstückstisch voll in theologische Themen einzusteigen ist sicher nicht jedermanns Sache, doch ich habe es sehr genossen. Die Gespräche blieben nur selten beim Smalltalk stehen, so vieles gab es zu bereden und zu durchdenken! Abends mit einem Cocktail in der Hand (danke, Arne!) auf dem Sofa zu sitzen und einfach ZEIT zu haben, über das eigene Leben, die Gemeinde und welche theologischen Fragen auch immer zu reden – das war so, so schön. Am Samstag Abend durfte ich bei einem lyrisch-musikalischen Abend auch ein paar Texte von mir (Glück, Durchbruch, Nur zwei Atemzüge lang) vorlesen. Das war mir eine besondere Ehre (und ich hatte ganz schön Herzklopfen)!

4. Und jetzt?

Daniels Blick in der Abschlussrunde richtete sich schon auf das Emergent Forum 2015, welches im November in der Nähe von Frankfurt am Main mit geplant ca. 200 Personen stattfinden wird. Thematisch soll es um Gastfreundschaft gehen. Ob ich wieder dabei sein werde? Bestimmt! Was sich bis dahin noch so tut? Wir werden sehen :-)

Ich hoffe, dass ich euch mit diesem Beitrag ein wenig mit in mein verlängertes Wochenende hineinnehmen konnte! Wer noch mehr Bilder sehen will, schaut einfach mal hier bei Twitter oder hier bei Cedric. Und auf die Lauscher gibt es auch was: Hier (selbstgeschriebenes Lied der Gruppe 3).

Liebe Grüße!
Mathilda

Die Topfpflanze auf dem Fensterbrett – einige Gedanken zum Bittgebet

Angeregt durch ein Gedicht aus Jörgs Theo-Mix stellt dieser Beitrag eine teilweise lose, teilweise verknüpfe Aneinanderreihung von Gedanken und Perspektiven zum Gebet, insbesondere zum Bittgebet, dar. Es ist der Beginn einer Suche, ein Präzisieren der Frage, ein Schulen des eigenen Blicks. Was es mit der Topfpflanze auf sich hat? Einfach lesen!

psalm psalm gebet

unsere gebete sind weichgespült, herr
in denen schwebst du oben
und wir haben nur wenige bilder für dich

verhalten beten wir um gerechtigkeit
und wünsche, die tyrannen mögen staub fressen
verlaufen im sand leerer herzen

verhalten beten wir um frieden
und dass du schwerter zerbrichst
haben wir gelernt zu übersehen

herr, lass uns die weichgespülten worte verlernen
und schenke uns wieder die kraft wüster psalmen
damit unsere gebete uns wieder bewegen

denn wer dir berserkerwut andichtet
traut dir wenigstens etwas zu
und ringt mit einem unbequemen gott

Jörg Wilkesmann-Brandtner

Ich entdeckte dieses Gedicht vor nun beinah drei Wochen im Theomix von Jörg. Es ließ mich nicht los und sorgt dafür, dass ich einen neuen Anlauf nehme, um mich dem Thema Gebet zu widmen. Ein geschätzter, hochreflektierter Dozent bezeichnete das Gebet einmal als den Ernstfall bzw. Testfall der Dogmatik. Hier zeige sich, welche Dogmatik, d.h. welche Vorstellung von Gott, Mensch und Welt, wir wirklich haben. Wie beten wir? Wie bitten wir? Dank, Lob und Klage scheinen mir aktuell gar nicht so herausfordernd. Aber das Bitten macht mir Probleme. Besonders Fürbitten im Sinne von „Gott, gib uns die Einsicht, dass…“ bringen mich regelmäßig dazu, die Stirn in Falten zu legen. Hier geht es nicht mehr um das Wirken Gottes, sondern das ist reine Selbstmotivation. Und dafür brauche ich ein Gebet?

Die Schwierigkeit beim Bittgebet liegt wohl darin, dass wir uns fragen oder bezweifeln, ob Gott für sein Handeln auf unser Gebet angewiesen ist. Ist er nur dann in der Lage, zu handeln, wenn wir bitten, und weiß er etwa nicht, was wir brauchen? Ist er nicht allwissend und versorgt uns sowieso? Konkret wird dieser Gedanke für mich bei sogenannten Gebetsketten oder bei Gebetsaufrufen. Wird Gott denn eher handeln, wenn mehr Menschen für eine Sache beten, als wenn es nur ein Einzelner im stillen Kämmerlein tut? Wenn nicht, worin liegt dann der Sinn darin, andere Menschen aufzufordern, sich einem Gebet anzuschließen?

An dieser Stelle ließe sich ein Blick in Origines „De oratione“ (Vom Gebet) werfen, das die christliche Dogmatik bei diesem Thema stark geprägt hat.

Dass aber Nutzen entsteht für den, der in rechter Weise betet oder sich nach Kräften darum bemüht, das, glaube ich, trifft in vielfacher Hinsicht zu. Und zuerst hat der innerlich zum Gebet Gesammelte unbedingt einen Nutzen, wenn er gerade durch seine Gebetshaltung ausdrückt, dass er sich vor Gott hinstellt und zu ihm, dem Gegenwärtigen, redet, in der Überzeugung, dass Gott ihn sieht und hört. Denn (…) ebenso muß man überzeugt sein, dass in gleicher Weise Nutzen bringt die Erinnerung an Gott, an den man glaubt und der die Regungen in dem Innersten der Seele wahrnimmt, während diese sich in die geeignete Stimmung bringt, um […] [Gott] zu gefallen.
(…)
Dies ist in Form einer Annahme gesagt, dass wir, auch wenn sich für uns aus dem Gebete nichts anderes ergeben wird, doch durch die Erkenntnis und Anwendung der rechten Art zu beten den schönsten Gewinn haben.

Nach Origines sind Bittgebete nicht dazu da, Gott darum zu bitten, etwas zu tun, das er sonst nicht tun würde. Sie sind vielmehr eine Motivation für uns selbst, eine Meditation, eine Selbstverständigung im weitestmöglichen Horizont. So verstanden findet sich eine große Übereinstimmung zwischen einem christlichen Gebet und einer Meditation ohne Gottesansprache. Lässt sich da noch ein Unterschied bemerken? Braucht es einen und wenn ja, wozu? Was ist nun mit der Bitte?

Vielleicht hilft an dieser Stelle auch Luther weiter. In seinem Großen Katechismus von 1529 schreibt er:

Wo aber ein rechtes Gebet sein soll, da muß ein Ernst sein, daß man seine Not fühle, und solche Not, die uns zu rufen und zu schreien drücket und treibet. (…) Denn wir haben alle genug, das uns mangelt; es fehlet aber daran, daß wirs nicht fühlen noch sehen. Darum will Gott auch haben, daß Du solche Not und Anliegen klagest und anführest; nicht daß ers nicht wisse, sondern daß Du Dein Herz entzündest, desto stärker und mehr zu begehren, und nur den Mantel weit ausbreitest und auftuest, viel zu empfangen.

Ein wertvoller Gedanke: Wenn wir mit Leidenschaft beten, unsere Not und Bedürftigkeit vor ihn bringen, dann geschieht etwas mit uns. Wir werden zu Menschen, die die Gaben Gottes auch wirklich empfangen können. Nach einem solchen Gebet können wir das, was Gott uns geben will, ganz anders annehmen, nämlich als Gabe und mit Dankbarkeit. Dadurch ändert sich mein Blick auf die Welt und das ist ein Blick, den ich persönlich mir gern zu eigen mache. Ich sehe mein Leben und Dasein als ein Geschenk und ein so verstandenes Beten erinnert mich immer wieder daran.

Dennoch will ich meine Frage noch weiter treiben: Kann das alles sein? Gebet ausschließlich als Veränderung der Sichtweise des Menschen? Eine veränderte Perspektive hin zu mehr Dankbarkeit? Ohne dieser Antwort ihre Bedeutung abspreche zu wollen: Reicht mir das?

In meiner Vorlesung wurde fast nebenbei noch ein weiterer Ansatz erwähnt, der mich interessierte und den ich gerade durchzuarbeiten versuche: Vincent Brümmer: „Was tun wir, wenn wir beten?“. Er trifft ganz systematisch einige wichtige Unterscheidungen über die Voraussetzungen des erhörten Gebets (z.B. ein personales Gottesverständnis) und bringt in Kapitel 3 die hier umrissene Fragestellung auf den Punkt:

Ist es nicht irreführend zu fragen, ob das Bittgebet darauf abzielt, auf Gott oder den Beter einzuwirken – d.h. ob das Bittgebet eine wirkliche Bitte ist oder eine Art von therapeutischer Meditation? Sollten wir nicht besser sagen, dass alle Formen des Gebetes (die Bitte eingeschlossen) das Verhältnis zwischen Gott und dem Beter beeinflussen und darum eine wirkliche Auswirkung auf beide haben?

Genau das ist die Frage und wer aufmerksam liest, sieht, dass seine eigene Antwort schon in der Frage impliziert ist. Doch einige Unterkapitel später führt er sie näher aus. Sein Fokus liegt dabei auf dem personalen Verhältnis zwischen Gott und dem Beter:

Das Gebet betrifft das Verhältnis zwischen Gott und dem Bittenden. Der Bittende informiert Gott nicht über etwas, was dieser nicht weiß. Noch erinnert er sich selbst an etwas, was er zu vergessen neigt. Vielmehr erkennt er seine persönliche Abhängigkeit von Gott auf eine Weise an, die es Gott ermöglicht, ihm zu geben, was er ihm ohne diese Anerkenntnis nicht hätte geben können.

Was bedeutet das nun konkret?

Gott erfüllt die meisten unserer Bedürfnisse und Wünsche, ohne daß wir ihn darum bitten müssen. Wenn er jedoch alle unsere Bedürfnisse und Wünsche auf diese Art erfüllen würde, wären wir wie Topfpflanzen auf seinem Fensterbrett und nicht Personen, mit denen er ein personales Verhältnis hat. In diesem Sinn ist das Bittgebet, in dem wir Gottes Handlungsfreiheit anerkennen und unsere Abhängigkeit von ihm akzeptieren, eine notwendige Bedingung dafür, daß Gott uns das, was wir brauchen, im Rahmen eines personalen Verhältnisses geben kann. Ohne unsere Bitten kann Gott bewirken, was wir brauchen, aber er kann uns nichts im Sinne einer personalen Beziehung geben.

Wenn wir grundsätzlich Gebet als ein persönliches Gespräch, ein In-Kontakt-Treten mit Gott verstehen, dann erscheint es mir sinnvoll und plausibel, von dieser Warte aus auch Sinn und Unsinn des Bittgebets zu bestimmen. Auch an dieser Stelle geht es letzten Endes um die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Brümmers Ansatz einfach formuliert wäre wohl so zu verstehen: Es verändert sich weder ausschließlich Gott, noch ausschließlich der Mensch, sondern es verändert sich die Gottesbeziehung, in der der Mensch steht.

Wars das schon? Bestimmt nicht!

Persönlich bin ich auf jeden Fall froh, dass ich mir Brümmers Werk zugelegt habe. In diesem Artikel habe ich es nur oberflächlich erfasst, doch hoffe ich, dass es mich in eine gute Richtung führen wird. (Vielleicht schreib ich am Ende ja mal eine Rezension…) Was dieser systematisch-theologische Blick für die Praxis heißt, ist dabei -wie immer- noch mal eine ganz andere Kiste. Und ganz sicher gibt es auch noch weitere Blickwinkel und Gedanken, die der Aufmerksamkeit wert sind – liebe Leserinnen und Leser, Theologinnen und Nichttheologen, schont mich nicht mit Literaturhinweisen! Ich bin dankbar für Anregungen und neue Perspektiven! Ebenso freuen mich auch persönliche Erfahrungsberichte – denn das Gebet ist ja nicht nur Ernstfall der Dogmatik, sondern vielleicht auch ein Ernstfall des persönlichen Glaubenslebens!??

Ich bleibe auf der Suche.

Danke, Tobi

Da drückte er mir einen Kuss auf die Wange und sagte nur: Entscheidend ist doch, wer du in Gott bist. Wer du für Gott bist. Was er über dich denkt. Darauf kommt es an.

Ich war 18 und steckte in der bisher größten Krise meines Lebens.

In einem frommen Elternhaus aufgewachsen und nach meiner persönlichen Bekehrung gehörte ich sozusagen schon immer zu den auserwählten Christen und war im Lauf der letzten Jahre in meinem Glauben immer radikaler, missionarischer und aktiver geworden. Ich investierte viel Zeit in Bibelstudium und Gemeinde, ich wollte Gottes Willen in meinem Leben tun und erzählte jedem von Jesus, ob er es hören wollte oder auch nicht. Ich glaube nicht, dass ich dabei total unsensibel oder engstirnig war, ich hatte immer auch nichtchristliche Freunde und gehörte sicher nicht zu denen, die sich hinter christlichen Aktivitäten völlig verschanzten. Doch der Glaube an Gott war der bestimmende Faktor in meinem Leben und auch die Mitarbeit in meiner damaligen Gemeinde spielte für mich eine große Rolle.

Innerhalb eines Jahres brach alles zusammen.

Mein Freundeskreis reduzierte sich von einer Vielzahl an Bekanntschaften und Freunden auf ein Minimum. Tendenziell depressiv und völlig überfordert mit mir und der Welt drifteten mein bisheriges Glaubenssystem und die Wirklichkeit meines Lebens immer weiter auseinander. Ich hatte eine homosexuelle Beziehung, die ich als Sünde vor Gott ansah, und schaffte es dennoch nicht, mich von meiner damaligen Freundin zu trennen. Aus den Gemeindeaktivitäten zog ich mich daher immer mehr zurück, ich brauchte nicht den großen Knall, um zu wissen, dass es mit meiner Karriere als Mitarbeiterin dort vorbei sein würde, wenn mein Lebensstil bekannt wäre. Also kam ich der Gemeindeleitung zuvor.

Mein Ankerpunkt waren eine Handvoll Freunde und die Gottesdienste der Jesus Freaks. Obwohl meine Freundin auf ein „Outing“ und ein offenes Ausleben unserer Beziehung drängte, blieb ich auch hier zurückhaltend und in der Beobachterposition. Einigen wenigen erzählte ich dennoch von meinem Kummer und meiner Orientierungslosigkeit.

Ich wusste nicht, wie mein Leben mit Gott weitergehen sollte. Ich konnte mit den meisten christlichen Veranstaltungen nichts mehr anfangen. Ich fragte mich, wie lange ich die Spannung zwischen meinem eigenen Für-richtig-Halten und der mangelnden Umsetzung noch aushalten konnte. Und vor allem, wie lange Gott sie noch aushalten konnte.

Neben meinen wenigen treuen Freunden waren es einzelne, kleine Momente und Begegnungen, die mir in dieser Zeit Kraft schenkten und Mut machten. Es waren Worte und Gesten von Menschen, die sich gar nicht bewusst waren, wie viel sie mir damit gaben.

Einer dieser Menschen war Tobi. Er war relativ klein und schmal, rauchte enorm viel, war für meine Begriffe stets gut gekleidet und besaß den ängstlichsten zugelaufenen Straßenhund der Welt. Ich wusste, dass er selbst homosexuell war und schon etliche christliche Programme durchlaufen hatte, um seine Homosexualität loszuwerden. Daher zögerte ich nicht, ihm meine Situation zu schildern. Ich hoffte auf einen Rat von ihm, auf ein Wort, einen Lösungsansatz für meine Fragen.

Während ich an stundenlange Diskussionen über Homosexualität gewöhnt war – sowohl in meinem Freundeskreis als auch in jeglichem christlichen Kontext, fiel seine Antwort ziemlich karg und knapp aus und schien auch nicht so recht zu meiner Frage zu passen. Trotzdem spürte ich, dass es alles war, was er mir gerade geben konnte und dass es vermutlich ein Schatz war, den es zu heben galt.

Als ich ihn nun mit großen Augen ansah, vermutlich verheult und verzweifelt, auf jeden Fall ziemlich hilflos, da drückte er mir einen Kuss auf die Wange und sagte nur: Entscheidend ist doch, wer du in Gott bist. Wer du für Gott bist. Was er über dich denkt. Darauf kommt es an.

Danke, Tobi.

Karfreitag

Mein Gott ist wirklich gestorben.
Wieviel mehr kann ein Gott sein Menschsein zeigen?

An Weihnachten schrieb ich darüber, wie Gott Mensch wurde und heute ist der Tag, an dem wir seines Todes gedenken. In Jesus geht Gott den Weg der Sterblichkeit konsequent zu Ende. Gott weicht der Todeserfahrung nicht aus – dem Sterben, Ringen, Abschiednehmen.

Lasst uns diesen Gedanken zu Ende denken, bevor wir unseren Blick auf Ostern richten. Lasst uns die Todesstille aushalten.

Mein Gott ist wirklich gestorben.

Gott wird Mensch.

Das ist die Botschaft von Weihnachten. Gott wird Mensch.
In den letzten Jahren ist mir diese Botschaft immer wichtiger und immer lieber geworden. Nicht unbedingt das Weihnachtsfest an sich, das liegt mir mit all dem Glitzer, Glitter und Lametta nicht sonderlich, aber die Botschaft, um die es geht.
Gott, der Schöpfer des Universums, der Ewige, der Unendliche – er legt sich fest. Er tritt hinein in die Geschichte. Hinein in die Welt, an einen bestimmten Ort, zu ganz bestimmten realen Menschen. Er wird greifbar, fassbar. Er ist nicht mehr nur der verborgene Gott, der Ferne, der Unnahbare – sondern ein Gott, der sich zeigt und ganz nah an uns herankommt. Ein Gott, der ein Gesicht hat. Der eine Gestalt annimmt. Und das nicht in Form einer Lichtgestalt oder als Engel, sondern als eines seiner eigenen Geschöpfe: Gott wird Mensch.

Im Laufe des nun folgenden Menschenlebens wird sich diese Zuwendung Gottes zur Welt, seine Hingabe und Liebe für uns Menschen immer deutlicher zeigen. Gott wohnt in Jesus, er ist präsent auf der Erde. Jesus ist das klare, reine Ebenbild Gottes. Und dennnoch ist er kein Mensch 2.0, keine bessere Version des Menschseins. Wenn Gott in ihm zu einem Menschen aus Fleisch und Blut wird, dann nimmt er die menschliche Natur ganz und gar an.
Zum menschlichen Leben gehört der Tod. Aber kann Gott sterben? So erscheint mir der Moment, an dem das Leben Jesu zu Ende sein soll, wie ein Donnerschlag. Es ist der Tag, an dem Jesus verurteilt und gekreuzigt wird. Der Tag, an dem es heißt: Aus und vorbei.

Was passt in ein Menschenleben?
Liebe und Zuneigung. Freundschaften. Angst und Sorgen. Hunger. Not. Anfeindungen. Hass. Glück. Freude. Kämpfen und verlieren. Kämpfen und gewinnen. Kämpfen und müde werden. Neuen Mut gewinnen. Sich nach Gott, dem Vater, sehnen. Beten. Hoffen. Ausharren. Lieben.

Ein Menschenleben ist zu Ende. Doch Gott verabschiedet sich nicht von dieser Welt, als ob er nur zu Besuch da gewesen wäre. Er zeigt uns nicht sein Gesicht und verschwindet dann einfach wieder.
Der Tod ist nicht das Ende. Das Ende ist die Auferweckung.
Gott reißt Jesus aus dem Tod heraus ins Leben!

Weihnachten ist nicht deshalb großartig, weil Gott den Menschen in Jesus ein paar Jahre lang nahe sein wollte. Weihnachten ist großartig, weil es der Auftakt zu einer großartigen Geschichte Gottes mit dem Menschen ist:
Gott wird Mensch, um den Menschen zu erlösen.

Mit der Auferweckung begint etwas Neues. Glaube an Jesus bedeutet, zu verstehen, dass Jesus für uns in diese Welt kam. Er zeigt uns den Weg aus der Gottesferne in die Gottesnähe. Oder noch besser: Er ist der Weg. Im Glauben haben wir teil an seinem Leben, an seinem Tod – und auch an seiner Auferweckung. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden!

Ich wünsche allen Leser/innen ein frohes Weihnachtsfest!

Sonntagsgedanken*

Es ist schwierig, wieder und wieder nach ein und demselben Sachverhalt in meinem Leben beurteilt zu werden. Ich liebe einen Mann, der meine Glaubensüberzeugung nicht teilt und wohne mit ihm ohne Trauschein zusammen. Damit habe ich für viele meiner Glaubensgenossen gleich zwei Sünden mit einer Klappe geschlagen und das Gespräch auf Augenhöhe ist beendet.

Für meine nichtchristlichen Leser muss das ein denkbar schlechtes Bild vom Leben mit Gott vermitteln, was mir ausgesprochen leid tut. Ich hoffe, dass es mir gelingt, zwischen menschlichen Urteilen und einer persönlichen Beziehung zu Gott hier eine klare Linie ziehen zu können. Denn ich komme nicht umhin, diese für mich schwierigen Erfahrungen auch in meine Blogposts einzubeziehen.

Ich möchte hier nicht theologisch argumentieren, warum ich es ganz in Ordnung finde, so zu leben, wie ich es tue, und warum ich auch glaube, dass Gott sehr gut damit leben kann und weiterhin auch sehr gerne in mir lebt. (Vielleicht sollte ich das in einem Folgebeitrag mal tun…)

Heute geht es mir darum, dass mir dieser identity marker der „sexuellen Reinheit“ das Leben im Leib Christi ziemlich erschwert. Ich kann kaum zählen, wie viele Diskussionen und Predigten ich darüber gehört habe, dass man als Christ vor der Eheschließung sexuell enthaltsam leben soll. (Die Frage danach, ob man einen Nichtchristen als Partner wählen sollte, wurde – neben einem Zitieren des Verses „Zieht nicht an einem Joch mit den Ungläubigen“ – auch schnell abgearbeitet: Welcher Nichtgläubige würde sich schon auf diese Enthaltsamkeit einlassen?)

Da die Sexualität des Menschen ein Thema mit enormer Spannung, Eigendynamik und Kraft ist, ein Urthema des Menschseins und vermutlich auch einfach ein Feld, in dem man sich erst einmal zurecht finden muss und dafür seine Zeit braucht, wird in manchen Kreisen das sexuelle Verhalten eines Menschen zum Dreh- und Angelpunkt seiner gelebten Frömmigkeit. Und hier sind wir auch schon am Knackpunkt:

Ich führe Gespräche mit Christen, die mich nicht kennen, und weiß genau, dass ich meine Beziehung und Wohnsituation dabei besser ausblende. Ich merke förmlich das Zucken und Umschalten im Gehirn des Gegenübers, wenn klar wird: „wohnt mit Freund zusammen“. Nein, zur Gruppe der wahrhaft Gläubigen kann ich nun nicht mehr gehören. Eine Zeit lang habe ich mich selbst deswegen als „Christ zweiter Klasse“ wahrgenommen, bis mir Gott ganz deutlich zeigte: Das bist du nicht.

Jessica Valenti (eine Feministin, die man in christlich-konservativen Kreisen sowieso nicht lesen sollte… ok, ich spotte) zeigt in ihrem Buch „The Purity Myth“ sehr schön auf, wie schwierig es ist, überhaupt eine Definition für die angestrebte Reinheit und Jungfräulichkeit zu finden. Daran anschließend muss ich fragen: Wo ziehen wir die Grenze zwischen „rein“ und „unrein“? Sind wir uns bewusst, dass das Ideal, nach dem wir uns ausrichten, ein rein gedachtes ist, dem weder wir noch ein anderer jemals entsprechen kann? Und wenn wir dennoch daran festhalten – wollen wir tatsächlich den Grad der äußerlich sichtbaren Erfüllung zum Hop-oder-Top-Maßstab über den gelebten Glauben unseres Gegenübers erheben?

Aber es ist ja so viel einfacher, feste Kriterien zu haben. Ich weiß, wie liebend gern wir in schwarz und weiß denken. Drinnen oder draußen. Gerettet oder verdammt. Mir fällt es nur so enorm schwer, diesen Umschwung in den Gesprächen gebacken zu kriegen. Wenn ich zunächst noch als „Schwester im Herrn“ wahrgenommen werde und für die Arbeit, die ich tue, so viel Wertschätzung spüre, so viel Verbundenheit und Gemeinschaft – und meine holprigen Worte, auf Nachfrage geäußert, einen Keil hinein treiben und ich die Enttäuschung des Gegenübers, die Distanzierung förmlich riechen kann. (Nein, ich bilde mir das nicht ein!)

Wie sehr wünsche ich mir an dieser Stelle einen anderen Umgang miteinander! Einen Umgang, bei dem die Warmherzigkeit und Freundlichkeit eines Menschen beim Erwähnen seiner Lebenumstände nicht abgewertet werden. Bei dem seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit nicht von einem Moment auf den nächsten an Bedeutung verlieren. Bei dem man nicht fragt: „Warum seid ihr noch nicht verheiratet?“, sondern lieber: „Wie geht es euch in eurer Beziehung? Was schätzt ihr aneinander? Wovon träumt ihr? Wie gestaltet ihr euer Leben zu zweit?“

Ich will dich, mein Gegenüber, für genau das schätzen und akzeptieren, was du bist. Ich höre dir offen und aufmerksam zu, was du mir erzählst und aus deinem Leben mit mir teilen willst. Wer bin ich, darüber zu urteilen? – „Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Der Herr aber sieht das Herz an.“ – Und auch ich selbst möchte nicht in einer Schublade landen, aus der ich frühestens mit der Hochzeit wieder herauskomme.

*Musik dazu, jetzt mit richtigem Link: Brown Feather Sparrow: We have to Run
(Ihr Lieben, weist mich doch bitte darauf hin, wenn meine Links nicht funktionieren!)