Spätsommer I

Drei Jahre sind seit dem Fest vergangen, vier sind es seit dem Moment, der mir zum Verhängnis wurde. Warum müssen wir uns immer in Gegenwart so vieler anderer Menschen wiedersehen? Erneut ist es ein Fest, an dem wir uns begegnen, noch dazu kein Beliebiges, sondern eines, bei dem ich alle Hände voll zu tun habe. Immerhin bin ich Trauzeugin, beste Freundin der Braut und habe monatelang mit ihr auf diesen Tag hingefiebert, geplant, und vorbereitet.

So kann ich mich kaum noch an den Moment erinnern, als ich deinen Namen auf der Gästeliste sah. Hinter dem Basteln der Einladungen, der vierten Anprobe des Kleides und dem Falten der Tischdeko ging mir der Gedanke an dich unerwartet verloren. Selbst gestern Abend war es die Aufgabe eines anderen, die Tischkärtchen aufzustellen, sodass ich beim Verteilen der Kerzen und kleinen Marmeladengläser gar nicht mehr auf die Namen geachtet habe. Ich weiß, wo ich sitze, und ich weiß auch, was ich heute zu tun habe.

Dieses Mal erwischt mich kein Magnetblick. Ich sehe dich erst, als wir von der Kirche schon zur Location gefahren sind, habe nicht einmal wahrgenommen, wann oder mit wem du gekommen bist. Im Flur stoßen wir fast zusammen, was vermutlich auch nötig ist, damit ich dich wiedererkenne. Gesund siehst du aus, hast dir die alte, athletische Statur zurückerobert, die Piercings wieder abgelegt und dich für den Festtag herausgeputzt. Doch nicht die Äußerlichkeiten sind es, an denen ich hängen bleibe, nicht das Hemd oder die schicken Schuhe. Dein ganzes Auftreten hat sich verändert und die Souveränität, mit der du dich bewegst, nimmt mich auf der Stelle für dich ein.

So stolpere ich dir beinahe in die Arme, eine Schrecksekunde, und dann erwidere ich dein breites Grinsen: „Ah, du bist ja auch hier!“ Du nickst und musterst mich unbekümmert von Kopf bis Fuß. Ich habe keine Zeit für Nervositäten und lächle dich an. „Ich muss weiter. Wir sehen uns!“, sage ich und du rufst mir ein „Bis später!“ hinterher. Zielstrebig gehe ich zu meiner Freundin, die schon nach mir Ausschau gehalten hat, weiche gekonnt Tischen, Stühlen und der Verwandtschaft aus – und doch wird mir bereits beim fünften Schritt bewusst, dass mich etwas zurückhält. Dieser fröhliche und holprige Moment eben, wohin wird er uns dieses Mal führen? Im Grunde stehe ich immer noch im Flur und auch wenn ich es nicht wage, mich noch einmal umzudrehen, könnte ich schwören, dass du mir gerade hinterhersiehst.

Ein Morgen

Kühl und blau fällt das Licht
Schneefarbener Schimmer
Ein Schnurren auf meiner Brust
Ich vergrabe meine Hände in Fell
Meine Gedanken wandern die Bücherwand entlang
Ein Gedicht, ein Klang, ein Morgen

Abschiedsgruß

Und dann, eines Tages, höre ich auf, für dich zu schreiben. Ich entlasse dich in dein eigenes Leben. Der Spalt zwischen dir und meinem fiktiven Du ist zu groß geworden, als dass ich noch einfach so hinüberspringen könnte. Lange Zeit hatte ich Angst davor, dass sich dieser Moment wie ein Verlust anfühlen würde, dass mir damit quasi die andere Hälfte der Welt verloren ginge. Doch nun stehe ich da, mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen, und ohne Angst vor dem Abgrund, der sich vor mir auftut. Denn hinter mir liegt ein großes, weites Land, das es zu entdecken und zu bebauen gilt. Mein eigenes Land.

Worte wie Luftballons

Luftballons3Viel zu oft schreibe ich für dich.
Ich sehe Bilder und lese Zitate und setze sie wie ein Mosaik für dich zusammen. Ich bilde ein Kunstwerk vor deinen Augen, es ist mein Werk und natürlich nicht meines allein, es gehört auch ihm und ihr und dem Mädchen, das ich neulich im Bus sah. Dennoch blitzt immer wieder etwas darin auf, das nur für dich ist, ich reiche dir die Hand in meinem Schreiben, unsichtbar strecke ich sie aus, meine Fingerspitzen berühren dich beinahe, ein Bild, ein Wort, der Wind trägt es mit sich in eine andere Welt, und dann ist der Zauber auch schon wieder vorbei, verflogen, bis ich irgendwann neue Wörter und Leerzeichen wie Luftballons in den Himmel aufsteigen lasse. Direkt vor deinen Augen fliegen sie los und auch wenn du die angehängten Karten niemals findest, sind sie doch allein für dich bestimmt.

Ahnung V

[Beginn: Ahnung I]

Irgendwann wird es wohl keine Erklärung mehr zwischen uns brauchen. Wir werden immer wortkarger mit den Jahren, der Hauch der Ahnung ist verflogen, weich legt sie sich auf das Loch in meinem Herzen und mildert das Pochen ein wenig ab. Der Spaziergang zu zweit war uns verwehrt, ich habe geschwiegen und du bist deinen eigenen Weg gegangen. Mein Mantra hat mich durch die Jahre getragen, hat mich das Lächeln deiner Augen aushalten lassen und mir eine dünne Decke über die nackte, bloße Sehnsucht gezogen. Ich lächle immer noch zurück, ich lächle dich an, wie wir nun mit gealterten Körpern voreinander stehen, immer noch den gleichen Menschen sehen, immer noch die besten Freunde sind. Uns genügt ein Blick, ein Händedruck, eine stets geöffnete Wohnungstür – und ich vermag kaum zu glauben, dass du das so offensichtlich Verborgene nie gesehen hast.

Ahnung IV

Lars hat Geburtstag. Die Party beginnt zwar erst um sieben, doch als beste Freundin habe ich angeboten zu helfen und stehe nun vollbepackt mit Tüten und Taschen vor der Tür. In der linken Hand habe ich ein Tablett mit Donauwelle, in der rechten einen Sixpack Bier und in meiner Brust ein klopfendes Herz. Also klingle ich mit dem Ellenbogen und höre glücklicherweise kurz darauf den Summer. Marcel ist auch schon da und sprintet die Treppen herunter. Er nimmt mir die Donauwelle und meine Umhängetasche mit Wein und Knabberzeug ab und zusammen gehen wir nach oben.
Kaum habe ich meine Sachen halbwegs verstaut und Tim begrüßt, sehe ich auch schon Lars mit dem Rücken zu uns am Herd stehen. Er trägt das gleiche Tshirt wie vor drei Jahren bei der Faschingsparty. Wann wird mir so etwas wohl nicht mehr auffallen? In geübter Manier schiebe ich den Gedanken zur Seite. „Hey, Geburtstagskind!“, rufe ich. „Willst du nicht deinen Lieblingsgast begrüßen?“ Lars lacht und streckt den Kopf zur Küchentür raus. Ich breite die Arme aus und drücke ihn kurz an mich. „Alles Gute!“ Seine Augen lächeln mich wie immer an. „Danke!“, sagt er und zieht mich mit sich in die Küche. „Du kommst gerade rechtzeitig zum Gemüse schneiden! Ich brate schon das Hackfleisch an.“
Wie von selbst greifen meine Hände zum Schneidbrett, ziehen das passende Messer aus dem Messerblock und ehe ich mich recht versehe, befindet sich eine köstlich duftende Gemüselasagne neben ihrer Fleischvariante im Backofen. Einmal mehr stelle ich fest, wie zuhause ich mich hier fühle. Ich kenne diese Küche bald genauso gut wie meine eigene, ich weiß, welche Töpfe in welchem Schrank stehen, welches Messer am besten schneidet und wo sich die selten gebrauchten Backutensilien befinden. In den letzten Jahren habe ich so viel Zeit bei Lars und Tim verbracht, dass es geradezu an ein Wunder grenzt, dass ich noch keinen Wohnungsschlüssel besitze. Dennoch blieb mir kurz die Luft weg, als voriges Jahr einer von Tims Freunden davon ausging, dass Lars und ich ein Paar seien. Mittlerweile habe ich mir auf derlei Vermutungen ein kopfschüttelndes Grinsen angewöhnt und atme einigermaßen gleichmäßig weiter.
Als schließlich die große Meute eintrifft, haben die drei Jungs und ich schon einige Küchenbier intus. Sophie begrüßt mich mit einem dicken Schmatzer auf die Backe und wie gewöhnlich lasse ich mich von ihr zu einer Runde Sekt überreden. Lars sitzt bereits inmitten seiner Freunde im Wohnzimmer und freut sich wie ein Schneekönig über ein neues Brettspiel und eine Box mit Tabletop Miniaturen. Von Sophie und mir gibt’s ein Cards against humanity-Set, das sich – nachdem die Lasagne vertilgt und das Kuchenbuffet geplündert ist – noch zum Hit des Abends entwickelt. Und während Marcel mit den witzigsten Antworten brilliert und Laura schon einen dicken Stapel gewonnener Karten vor sich hat, während Tim zum hundertsten Mal die Miniaturen bewundert und Sophie zum zweihundertsten Mal die Augen darüber verdreht, während Lars und ich uns ein Wortgefecht nach dem anderen liefern, bis wir schließlich lachend unter dem Tisch liegen, zwingt mein Verstand die innere Unruhe nieder, versteckt meinen Schmerz hinter kecken Worten, ignoriert das Stechen in der Brust und den Kloß im Hals und wiederholt ununterbrochen: Hör auf, zu schreien, Herz, hör auf, zu schreien.

[Ahnung V]

Ahnung III

Wir werden niemals darüber sprechen.
Ich mag dich zu sehr, als dass ich dir sagen könnte, wie sehr ich dich mag.

Diese Erkenntnis ist der Knotenpunkt, an den ich immer wieder zurückkehre.
Sie ist der sichere Hafen für meine unruhigen Gedanken, der Ausgang aus dem Labyrinth der Ahnungen, das Licht am Ende des Tunnels.

Ich saß zu lange auf der Wartebank.
Ich muss sie endlich, endlich verlassen.

[Ahnung IV]

Ahnung II

Nach dem Kinderfasching am Nachmittag sind nun die Erwachsenen dran. Marcel hat zu einer seiner berühmt-berüchtigten Partys eingeladen und langsam, aber sicher erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt. Ich stolpere über ein Wirrwarr an Luftschlangen und Schuhen in die Küche, um eine weitere Flasche Sekt aus dem Kühlschrank zu fischen. Sophie ist mir zuvorgekommen: „Wer will noch ein Glas?“, ruft sie in die Runde und natürlich strecke ich ihr meines entgegen. In Pluderhosen steckend und mit verschmierter Clownsschminke beugt sie sich vor und schenkt mir ein. „Zum Wohl!“ Auch Tim und Lars lassen sich kurzzeitig von ihrer Diskussion über irgendein Fantasy-Rollenspiel abbringen und stoßen mit ihren Bierflaschen mit uns an. „Eure Kostüme sind ja auch nicht sonderlich kreativ gewählt!“, spottet Sophie beim Anblick der schwarzen Tshirts. Die Jungs zucken nachlässig mit den Schultern, doch Sophie hat die Antwort nicht mal abgewartet und bezwingt bereits das Chaos im Flur. Noch etwas unschlüssig stehe ich vor der Balkontür, die Wohnung singt und summt und surrt aus allen Räumen und ich trete für einen kurzen Moment hinaus, atme tief ein und genieße die frische Nachtluft. Lars ist immer noch ins Gespräch vertieft, vorhin hatte ich noch mit ihm gescherzt, dass er und Tim sicher wieder auf dem Fantasy-Thema würden hängenbleiben. Ja, ich kenne meine Pappenheimer, doch die beiden haben Spaß und das ist die Hauptsache. Der Sekt verschafft mir ein wohlig-warmes Gefühl, mein Kopf fühlt sich nach Watte an und ich schließe die Augen. Alles ist gut, die Welt ist in Ordnung, das Leben ist schön. Heute ist kein Platz für Sehnsüchte und Löcher im Herzen, heute habe ich Spaß mit den Jungs, mit Sophie, mit Lars. Wie ein Mantra wiederhole ich, woran ich mich schon im letzten Jahr festhielt: Die Situation lässt sich nicht ändern. Es eilt nicht. Lars und ich werden schon noch eine Gelegenheit in unserem lieben, langen Leben haben, um eines Tages darüber zu sprechen.
Als ich durchs Fenster nach innen blicke, verspüre ich ein wohlvertrautes, feines Stechen in der Magengegend. Noch bevor sich Lars’ und mein Blick treffen, kippe ich den Sekt auf Ex weg, betrete zeitglich mit Laura und Margret die Küche und gemeinsam kapern wir die Küchentischdiskussion. Heute ist Party angesagt.

[Ahnung III]

Ahnung I

Irgendwann wird wohl doch ein Gespräch zwischen uns vonnöten sein. Ich ahne es voraus, rieche es in der Luft, spüre es unter den Fingern. Ich sehe uns beide, wie wir spazieren gehen und ich dir erzähle, was all die Jahre in mir vorging. Wir sind noch nie zu zweit spazieren gegangen. In manchen Häusern bedeutet spazieren gehen fast schon heiraten. Einen Anschein, den du dir nicht geben willst und den ich mir nicht mehr zu geben brauche. Der Kloß in meinem Hals wehrt sich gegen meine Versuche, ihn hinunterzuschlucken. Warum habe ich dir nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt? Aber ach ja, da war etwas – und so gebe ich dir die Schuld an meinem Schweigen, wohl wissend, dass auch du nur ein Opfer deiner eigenen verworrenen Geschichte bist …

[Ahnung II]

Es sind immer die kleinen Dinge.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, auf die es ankommt. Nicht die großen Gesten, die theatralischen Auftritte, die beeindruckenden, lange geplanten und überall beworbenen Wichtigkeiten. Natürlich setzen sich diese Momente in unserem Kopf fest. Wir können all den Jubiläen und Rückblenden sowieso nicht aus dem Weg gehen und spätestens beim Durchblättern der Fotoalben werden wir wieder an sie erinnert. Doch hinter den vielen inszenierten, zelebrierten, durchstudierten Großauftritten sind es am Ende doch die Augenblicke am Rande derselben, die uns verändern. Noch heute spüren wir die tröstende Hand auf der Schulter in der Garderobe des Schulballs, blicken in frisch verliebte Augen, während unser Herz einen kleinen Hüpfer macht, fühlen den aufmunternden Blick eines Freundes auf uns ruhen, wenn wir das Wort ergreifen, denken an Worte wie „Danke“ und „Das war schön“ und an krakelig geschriebene Sätze auf abgegriffenem Papier. Wir erinnern uns nicht an die feierliche Zeugnisübergabe, sondern daran, wie wir danach auf dem sonnenwarmen Feldweg lagen, wir können kaum mehr sagen, wer bei diesem runden Geburtstag dabei war, aber wissen noch gut, wie ein paar Blicke genügten, um einem lange nicht gesehenen Bekannten die Ausweglosigkeit einer bevorstehenden Trennung zu vermitteln. Wir haben längst vergessen, wie ein Mensch aussah oder welch lang ausgewähltes Kleidungsstück er trug, wenn wir daran zurückdenken, wieviel uns seine Einladung oder sein Wohlwollen damals bedeutete. Es sind die wenigen Momente, in denen wir zuließen, dass so etwas wie Intimität entstand. Momente der stillen Übereinkunft, des unausgesprochenen Verständnisses, der unbedachten und doch alles offenbarenden Geste. Sie können nicht hergestellt oder erzeugt werden. Sie sind nicht planbar. Sie entstehen neben und im Verzicht auf alle Inszenierung. Wer sie erschaffen will, wird scheitern – und während des Versuchs vielleicht doch unverhofft und unerwartet mit ihnen beschenkt.

Wartebank

Ich schlief im Flur, auf der Bank, auf der die Leute normalerweise sitzen, wenn sie sich die Schuhe anziehen. Man könnte auch Vorraum sagen, da es nur diesen kleinen Raum gab, der die Zimmer miteinander verband. Entscheidend war, dass gerade einmal einen Meter entfernt – wenn ich den Arm ausstreckte, konnten meine Fingerspitzen sie beinahe berühren – deine Zimmertür lag, sich nach innen öffnend, und dahinter dein Raum. Dein Raum. In dem du schliefst, last, arbeitetest. In dem du atmetest und zwischen eng gestelltem Bett und Schrank und Tisch deine Gedanken sich ihre Wege suchten. Ich lag mit meinem Schlafsack auf dieser Bank, du wusstest es nicht, nur dein Mitbewohner hatte mich, als er spät nach Hause kam, bemerkt. Er war bemüht, sich einen Anschein von Erstaunen zu geben, doch ich hatte gut gespürt, dass es auch ihm nur natürlich schien, dass ich da war. Es war der Ort, an dem sich meine Seele schon viel zu lange aufhielt. Ich saß auf der Wartebank, der Ankunfts- und Abschiedsbank, der Bank, von der ich deine Tür aus niemals erreichen würde, sie war unüberwindbar verschlossen und ich – solltest du jemals den Kopf herausstrecken – wohl unsichtbar für dich; ein Geist, der auf einer Bank lag, im Schlafsack, die Knie angezogen und bemüht, nicht aufzufallen. Wie lange ich mich schon darum bemühte, ich hatte die Unsichtbarkeit geradezu perfektioniert, und wie lange wohl dein Mitbewohner in einem versteckten Eck seines Bewusstseins schon ahnte, dass dies mein Ort war. Mein Platz, den ich bereits vor Jahren eingenommen hatte, oder vielmehr, der mich eingenommen hatte. Der mich zwang, da zu bleiben, auszuharren, hinzusehen, gleich welchen Schmerz, gleich welche abweisenden Gesten und unbeabsichtigt harten Worte ich auch ertragen musste. Ich konnte hier nicht weg. Dieser Ort war mir Fluch und Segen zugleich. So lag ich wartend in meinem Schlafsack auf der Bank. Mein Herz schlug ruhig und regelmäßig, durch eine Haarsträhne hindurch blickte ich auf deine Zimmertür, den Türgriff nicht aus den Augen lassend, er blieb unbewegt und die Türe, wie auch sonst, verschlossen.

Wortliste für ein Herbstgedicht, alphabetisch

Als ob! ein Astloch. / Blätter. Birke. bleischwere Glieder und der Duft von / Chrysanthemen in der / Dämmerung. Dunkelheit. dankbar für die / Ernte. / Fülle. Fell unter den Fingerspitzen. feuchte Füße. / Genuss. Garten. goldener / Herbst. Heimat. hoffen (immer noch). einge- / Igel-t und mit Wollsocken an den Füßen. / Jahreszeitkarussell und Jahrmarkt. / Kastanienmeer. Kürbissuppe. Kostbarkeiten. kühle,  klare / Luft einatmen. Laub bewundern. Leichtigkeit. leise. leuchten. Lebenskraft. / Moment mal! Müdigkeit. morgengraue / Nebelschwaden. Neue Wege. Neverendingstory. / Oktobertage. / Pilze. Pfützen. Paradies. / Querfeldein ins Sonnenblumenfeld. / Raureif. Regen. rascheln. rein. / Sonnenstrahlen sammeln. Stille. sterben? Schönheit. / Trotzdem! traumhaft. Auch trübe Tage haben ihren Reiz. / Uferschwalbe, Fischadler und Kranich (sagen Au revoir). / Vergänglichkeit. Vorübergehen. / Wald und Feld und Wiese. Weite. Wilder Wein. / XY / Zinien. Zweige. Ja, es ist Zeit.

Cyberrealitäten

Dein Umzug nach Pankow war das Letzte, was mein gewohnheitsmäßiges Stalken zutage brachte. Erst stalkte ich dich aus Gefühlsduselei, dann aus Neugier, schließlich aus Gewohnheit. Und auf einmal habe ich es ganz vergessen, deinen Namen in das Suchfeld einzugeben. So verpasste ich deine Sommerausflüge nach Potsdam, Köln, Düsseldorf und Hessen ebenso wie dein neuerliches soziales Engagement samt Mitgliedschaft in einem entsprechenden Männerclub. Doch ich erkenne gut, dass du deinen Latte Macchiato zum Start in den Tag aus der gleichen Perspektive fotografiert hast wie deine Morgen- äh Abendlatte. Und es entgeht mir auch nicht, dass du immer noch liest und hin und wieder Nietzsche zitierst. Der große Nietzsche. Und nach wie vor sind da Fotos, bei denen ich das Zucken in deinem Mundwinkel erahnen kann: Belustigung ob der steigenden Konsumgeilheit der Menschen und Amüsement über deren übermäßigen Alkoholkonsum. Ein lachendes und ein weinendes Auge. Dazu ein schöner Musikgeschmack, von dem ich bisher nichts wusste. Und Kunst, die ich dir ohne Zögern zugeordnet hätte. Der Fernsehturm ist und bleibt dein Lieblingsmotiv. Auf persönliche Fragen von Fremden reagierst du freundlich und ausweichend. Dein Glaube an die Berliner StartUp-Szene scheint unerschütterlich. Ein Jahressymposium hast du auch besucht. Das Foto zeigt Vortragsutensilien und Anschauungsmaterial. Daneben liegt dein Kugelschreiber und ich denke an Sex.

Sehnsucht nach dem Zion. Psalm 126

3 Jahre lang Winter
Streichholzdünn sind die Wände der Hütte
Eisige Luft dringt hinein
Wir leben außerhalb der Jahreszeiten
Trotz sengender Hitze sind unsere Knochen Eiszapfen
Das Herbstlaub besteht aus Graustufen
Den kleinen Keim unter der Schneedecke haben wir schon fast vergessen
Nur die Großmutter spricht noch manchmal davon

Als Jahwe das Geschick Zions wendete,
waren wir wie Träumende
Damals wurde angefüllt mit Lachen unser Mund
und unsere Zunge mit Jubel.

Sie erzählt von einem Winter, sieben Mal so lang wie der unsrige
Von Steinen im Kochtopf und zerschlissenen Fetzen am Körper
Von Nächten, die endlos schienen
Vom Ausharren in der Kälte, von der Hoffnungslosigkeit

Und vom Moment, in dem die Farbe ins Leben zurückkam
Als die Blätter der Bäume wieder grün wurden
Die Wolken den Blick auf den blauen Himmel freigaben
Man wieder unterscheiden konnte zwischen Frühling und Sommer und Herbst

Damals sagten sie bei den Völkern:
„Großes hat Jahwe getan an diesen.“
Großes hat Jahwe Getan an uns;
Wir waren Fröhliche.

Sie hat das Blütenmeer nicht vergessen
Sie erinnert sich noch an saftige Birnen, reife Äpfel, frische Beeren
In ihren Träumen sieht sie alles vor sich
Sie tanzt darin mit leichten Beinen
Wie früher die Mädchen auf dem Dorfplatz

Wende bitte um, Jahwe, unser Geschick
Wie die Bäche im Negev!
Die säen mit Tränen,
mit Jubel werden sie ernten.

3 Jahre lang harren wir aus im Winter
Unser Tagwerk ist durchdrungen von Gebeten
Wir murmeln sie auf dem Feld,
wir rufen sie auf dem Heimweg,
wir schreien sie des Nachts im Traum
Gebete – wie Tropfen auf dem heißen Stein
Lass sie nicht sinnlos sein!

Mal um Mal geht weinend dahin,
der trägt den Saatbeutel
Doch er wird gewiss mit Jubel wiederkommen,
der trägt seine Garben.

Hinter den Augenlidern neue Bilder
von zarten Frühlingsblüten,
prallen Sommerfrüchten,
Herbstregen auf nassem Laub.
Noch erscheint es wie ein Traum
Die Tür quietscht in der Angel
Ein Windstoß hat sie erfasst
Und in der Luft liegt der Duft von Gerechtigkeit

Unausgesprochen

Der König ist tot, lang lebe der König!

Du bist der Erste, den ich sehe, als ich den Garten betrete. Über ein Jahr ist unsere letzte Begegnung her und doch finden meine Augen dich sofort inmitten der Menge. Anders siehst du aus: Dein Drei-Tage-Bart wich einer Glattrasur, du trägst wieder Piercings und der Alkohol hat dich aufgehen lassen wie einen Hefekloß. Es hat dich Kraft gekostet, herzukommen, doch nun sitzt du ins Gespräch vertieft auf einer Bank und unterhältst dich mit deinem Sitznachbar angeregt über Musik. Dies alles registriere ich im Bruchteil einer Sekunde, bevor ich mir einen allgemeinen Überblick über die Gesellschaft verschaffe. Ich nicke freundlich nach links und nach rechts und suche einen Ankerpunkt, an den ich mich halten kann. Einige Freundinnen begrüßen mich, so plaudere ich ein wenig mit ihnen und um danach nicht weiter unentschlossen herumzustehen, setze ich mich zu einer kleinen Gruppe an einen der Tische.

Ich traue mich nicht, dir nahe zu kommen, an deinen Tisch heranzutreten oder dich zu begrüßen. In deiner Gegenwart habe ich mich schon immer wie ein heimlich verliebter Teenager gefühlt. Dieses Gefühl, alle Energie darauf richten zu müssen, den Anschein von Normalität zu wahren und gerade dadurch unsicher zu wirken. Auch heute ist es mir etwas peinlich, innerlich immer noch so nervös und unruhig zu sein. Ich versuche, meine Gefühle gleichzeitig anzunehmen und abzuschütteln, und in dich, mich und den Abend zu vertrauen.

Als du mich siehst, begrüßt du mich mit einem freundlichen Lächeln. Immer näher komme ich dir im Lauf des Nachmittags. Es kommt mir vor wie im Film, wenn man nur noch zwei Menschen sieht und sich ihre Umgebung im Zeitraffer um sie herum bewegt. So leuchten wir beide aus der Menge und obgleich wir uns hier und da anderen zuwenden, ziehen wir uns an wie zwei Magnete – bis wir Stunden später nur noch zu zweit am Tisch sitzen und reden und reden und reden, als ob es das letzte Jahr und unsere verhängnisvolle Begegnung nie gegeben hätte. Langsam findet mein Herz wieder seinen Rhythmus, schlägt ruhig und gelassen und versucht die Flügelschläge der letzten Schmetterlinge nicht weiter zu beachten. Dieses Mal will ich stark sein.

Als die meisten Gäste aufbrechen, verabschiede auch ich mich, will mein Glück des Nachmittags nicht überstrapazieren. Doch während ich noch meine Sachen zusammensuche, rufen mich Freunde zu sich ans Lagerfeuer und drängen mich, noch zu bleiben. Etwas zögerlich gebe ich nach und schraube innerlich schon meine Erwartung nach unten. Mein Glück hängt am seidenen Faden, die unsichere Freude des Nachmittags ist brüchig und noch immer befürchte ich den großen Knall, die unbedachte Bemerkung eines Freundes oder einen Satz, mit dem du dich wieder von mir distanzierst. Länger als geplant bleibe ich auf dem Fest, achte nicht mehr auf die sich verabschiedenden Gäste, sitze auf der Bank vor dem knisternden Feuer und beobachte dich hin und wieder aus dem Augenwinkel.

Wir sind die letzten Gäste, die das Fest verlassen. Gemeinsam gehen wir zu meinem Auto, ich schließe auf, du steigst ein und mit einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht, bringe ich dich nach Hause.