Unausgesprochen

Der König ist tot, lang lebe der König!

Du bist der Erste, den ich sehe, als ich den Garten betrete. Über ein Jahr ist unsere letzte Begegnung her und doch finden meine Augen dich sofort inmitten der Menge. Anders siehst du aus: Dein Drei-Tage-Bart wich einer Glattrasur, du trägst wieder Piercings und der Alkohol hat dich aufgehen lassen wie einen Hefekloß. Es hat dich Kraft gekostet, herzukommen, doch nun sitzt du ins Gespräch vertieft auf einer Bank und unterhältst dich mit deinem Sitznachbar angeregt über Musik. Dies alles registriere ich im Bruchteil einer Sekunde, bevor ich mir einen allgemeinen Überblick über die Gesellschaft verschaffe. Ich nicke freundlich nach links und nach rechts und suche einen Ankerpunkt, an den ich mich halten kann. Einige Freundinnen begrüßen mich, so plaudere ich ein wenig mit ihnen und um danach nicht weiter unentschlossen herumzustehen, setze ich mich zu einer kleinen Gruppe an einen der Tische.

Ich traue mich nicht, dir nahe zu kommen, an deinen Tisch heranzutreten oder dich zu begrüßen. In deiner Gegenwart habe ich mich schon immer wie ein heimlich verliebter Teenager gefühlt. Dieses Gefühl, alle Energie darauf richten zu müssen, den Anschein von Normalität zu wahren und gerade dadurch unsicher zu wirken. Auch heute ist es mir etwas peinlich, innerlich immer noch so nervös und unruhig zu sein. Ich versuche, meine Gefühle gleichzeitig anzunehmen und abzuschütteln, und in dich, mich und den Abend zu vertrauen.

Als du mich siehst, begrüßt du mich mit einem freundlichen Lächeln. Immer näher komme ich dir im Lauf des Nachmittags. Es kommt mir vor wie im Film, wenn man nur noch zwei Menschen sieht und sich ihre Umgebung im Zeitraffer um sie herum bewegt. So leuchten wir beide aus der Menge und obgleich wir uns hier und da anderen zuwenden, ziehen wir uns an wie zwei Magnete – bis wir Stunden später nur noch zu zweit am Tisch sitzen und reden und reden und reden, als ob es das letzte Jahr und unsere verhängnisvolle Begegnung nie gegeben hätte. Langsam findet mein Herz wieder seinen Rhythmus, schlägt ruhig und gelassen und versucht die Flügelschläge der letzten Schmetterlinge nicht weiter zu beachten. Dieses Mal will ich stark sein.

Als die meisten Gäste aufbrechen, verabschiede auch ich mich, will mein Glück des Nachmittags nicht überstrapazieren. Doch während ich noch meine Sachen zusammensuche, rufen mich Freunde zu sich ans Lagerfeuer und drängen mich, noch zu bleiben. Etwas zögerlich gebe ich nach und schraube innerlich schon meine Erwartung nach unten. Mein Glück hängt am seidenen Faden, die unsichere Freude des Nachmittags ist brüchig und noch immer befürchte ich den großen Knall, die unbedachte Bemerkung eines Freundes oder einen Satz, mit dem du dich wieder von mir distanzierst. Länger als geplant bleibe ich auf dem Fest, achte nicht mehr auf die sich verabschiedenden Gäste, sitze auf der Bank vor dem knisternden Feuer und beobachte dich hin und wieder aus dem Augenwinkel.

Wir sind die letzten Gäste, die das Fest verlassen. Gemeinsam gehen wir zu meinem Auto, ich schließe auf, du steigst ein und mit einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht, bringe ich dich nach Hause.

Begegnung

Und wieder bist du da
In meinen Träumen
Warum immer nur
In meinen Träumen

Mit einer Hand voll Leuten
bin ich unterwegs
Durch die Stadt
Uns entgegen kommt einer,
den wir kennen
Und du,
den nur ich kenne
Ein Erkennen und Zunicken
Von allen Seiten
Nur nicht von uns beiden
Soll ich so tun, als kennte ich dich nicht?
Wir gehen aneinander
vorbei
meine Gruppe scherzt schon wieder
und wendet sich neuen Themen zu
Ich gehe mit
Schaue nicht zurück
Setze einen Fuß vor den anderen
Doch
Ich schaue zurück und drehe meinen Kopf
Du gehst mit dem Rücken zu mir
Du wendest dich nicht um
Du bist weitergegangen
Noch einmal
Ich schaue und drehe meinen Kopf
Du stehst mit dem Rücken zu mir
Du wendest dich nicht um
Und unwillkürlich bin auch ich stehen geblieben
Die anderen gehen weiter
Dein Gesprächspartner ist schon fünf Schritte entfernt
Du stehst da, aber du drehst dich nicht um
Jetzt sind es sieben
Ich schaue
Ich gehe auf dich zu
Du wendest dich um und
Siehst mich an
Wir lösen den Blick nicht mehr voneinander
Bis ich bei dir bin
Erst im letzten Moment
kommst du mir vorsichtig
zwei Schritte entgegen
Mit offenen Armen
Behutsam halte ich mein Gesicht neben das deine
Spüre deine Wange an meiner
Deinen Körper durch die dicke Jacke hindurch
Deine Hand, die meine sucht
und findet
Wir halten uns fest
mit Fingern, die sich umschließen.

Ein Moment, der viel zu schnell schon vorbei geht
Denn ohne zu reden
Legst du den Arm um mich
Und wir gehen los
Als ob niemals etwas gewesen wäre

„Preach it, Baby!“ mit Tonspur

Spätestens beim Vorlesen auf der Con:Fusion hatte ich den Gedanken, dass ich zu manchen meiner Texte gerne eine Tonspur anbieten würde. Natürlich nicht zu allen und auch nicht stattdessen, denn mein Medium sind immer noch die Buchstaben, schwarz auf weiß, schreiben und lesen. Doch bei manchen Gedanken und Rohdiamanten mag ich lieber das Ohr als Eingangstor anstelle des kritischen Auges. Daher habe ich mir ein einfaches Programm zum Aufnehmen von Texten heruntergeladen, mein Mikrofon ist ganz bestimmt auch nicht das Beste, aber ich will weiterhin experimentierfreudig sein und schauen, ob sich durch die Stimme nicht noch mehr von meiner Vorstellungswelt transportieren lässt.

Ich werde also in nächster Zeit und solange ich lustig bin, alte Texte vorlesen und aufnehmen und die Tonspur bei den jeweiligen Beiträgen einfügen. Dazu gibt es (unter „Willkommen“) noch eine neue Kategorie „Mit Tonspur“, unter der ihr dann alle bereits vorgelesenen Beiträge finden könnt. Um auf die jeweils neuen Tonspuren hinzuweisen, werde ich kurze Hinweisbeiträge mit Links schalten, die ich nach einer Woche aber auch wieder löschen werde, damit mein Blog am Ende nicht davon überschwemmt ist. Ich will euch informieren, aber nicht zuspamen, eine Gradwanderung, die mir hoffentlich gelingt. Wenn nicht, meldet euch!

Neue Beiträge bekommen die Tonspur natürlich gleich anbei. Ich bin ganz schön aufgeregt, gespannt und vorfreudig…. Ich hoffe, ihr seid es auch!

PS. Es ist so schön, ich erzählte am Wochenende einem Freund von meinem Vorhaben und der lieh mir daraufhin doch gleich sein richtig gutes Mikrofon aus. Wie sich die Dinge zusammenfügen – ich freue mich riesig und sage danke!

Herbstzeit

ein Spaziergang im Herbst, Schritt für Schritt raschelt das Laub unter den Füßen, kleine Äste knacken, die Luft ist rein und frisch. Die Hände schon tief in den Taschen, die erste Kastanie fest umschließend setzt du einen Fuß vor den andern. Herbst – Zeit der Ernte, Zeit der Fülle, Zeit der bunten Blätter. Sich nicht satt sehen können, alles aufnehmen wollen, die Augen weit offen, die Wangen gerötet, der Wind bläst um die Ohren, weht über das Gesicht und durch die Haare, ganz als wolle er sagen: Der Sommer ist vorbei, lass ihn gehn, lass los, keine Zeit für Traurigkeit, es kommt auch etwas Neues. Wie gut das tut, den Kopf einmal so richtig frei zu bekommen!

und dann zuhause, du trittst ein, bringst Herbstkälte mit, sie beißt nicht so wie die des Winters, sie macht die Herzen weit und dankbar für die Wärme des Sommers, die Süße der reifen Früchte, die wohlige Wärme des Ofens. In der Hand schon eine heiße Tasse Tee, der Gewürzkuchen duftet aus dem Ofen, du sammelst ein, sammelst deine Schätze, hütest sie wie deinen Augapfel, die Erfahrungen eines weiteren Jahres, das du erleben und auskosten durftest, Erntedank, dankbar für alles und was dich traurig und dein Herz schwer macht, das trägt der Wind hinfort.

Freundschaft

 

Durch die Speicherung gewisser sensorischer Eingangsmuster werden meine mentalen Nervenbahnen an sie gewöhnt. Die Muster werden erwartet oder sogar vermisst, wenn sie fehlen.
(Data über Freundschaft, Star Trek TNG)

Die letzte Begegnung liegt schon einige Wochen zurück. Wir sprachen nicht über deine Reise, sagten nicht „Leb wohl!“. Es sollte nicht wie ein Abschied aussehen. Als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, fühlte es sich an, als würde ich nur ein paar Tage später wieder kommen. Oder du würdest mich gleich übermorgen besuchen, wir würden zusammen kochen und wie so oft stundenlang über Gott und die Welt philosophieren. Stattdessen bist du nun unterwegs, gehst einen Weg ohne Telefon und Internet, bist draußen in der Welt, unerreichbar mittendrin. Ungewohnt war die erste Woche für mich, ich dachte oft an dich und fragte mich, wie es dir wohl ergehen würde. Du bist stark und tapfer. Wenn jemand für eine solche Reise geeignet war, dann du. In der zweiten Woche hatte ich mich schon fast an deine Abwesenheit gewöhnt. Es hatte bereits früher Zeiten der Ruhe zwischen uns gegeben. Dennoch ging mein Griff schon bald immer wieder zum Telefon als hätte ich vergessen, dass ich dich so nicht erreichen konnte. Ich begann mich abzulenken, versuchte, nicht mehr so viel an dich zu denken, bis ich schließlich aus Zufall mit einer Freundin an deinem Haus vorüberging und die Sehnsucht mich überkam wie ein stechender Schmerz. Ein inneres Loch, es fehlte etwas. Ich war zu sehr an dich gewöhnt.
An diesem Tag begannen die Träume. Nun erscheinst du mir des Nachts, ich sehe dich wandern, ich sehe dich reden und lachen und vor allem sehe ich dich zurückkehren. Du stehst vor mir, siehst mich an und ich versinke ganz in deinem Blick. Wir umarmen uns so lang bis der Wecker klingelt. Bis ich aufstehen muss, deinen Geruch noch in meiner Nase, deine starken Arme noch um meine Schultern. Je länger du weg bist, desto intensiver werden diese Träume.
Du fehlst mir, doch du gehst mir nicht verloren.

Nacht.

Und wenn der Abend mich dann alleine lässt
Ich nicht mehr gebe noch nehme
Stille sich sammelt
Dann reift sich ein waches Ohr
Bereit zu hören
Hoffnung und Sehnsucht
Leid und Schuld.
Ganz ruhig ist es um mich herum
ich rühre mich nicht
warte.
Betrachte die Gedankenpflanzen ganz still für mich.
Sie wachsen und gedeihen noch immer.

100 Leben

Und ich lebe hundert Leben.
In meinem Kopf. In meinen Gefühlen.
Wenn ich die Augen schließe, dann bin ich alles.
Und wenn ich sie öffne, noch mehr.

Wer sagte jemals, man habe nur ein Leben?
Wenn dieses Leben so unendlich ist, dann ist es genug.

Ich bin
Denkerin. Träumerin.
Liebste, Geliebte.
sehnsüchtig erfüllt
barmherzig und herzlos.

verwurzelte Reisende
bestimmend und untertan
ledig, gebunden
dienend und frei.

zweifelnde Glaubende
glaubende Zweiflerin

der Zeit voraus und ihr hinterher
Ich töte die Zukunft nicht mehr.

Verzicht (oder: „Bin ich ein Biertrinker?“)

 

Was ich besonders an ihm liebe, ist sein Verzicht auf Sätze, die mit „Ich bin so ein Mensch, der..“ beginnen.
Schon als wir uns kennenlernten, übte diese Eigenart eine ausgesprochene Faszination auf mich aus. Keine Aussagen über das eigene Ich. Kein Mitteilen, kein Erklären der eigenen Geschichte. Warum man so ist, wie man sich gerade präsentieren möchte. Und das in einer Zeit, in der andere (auch ich) jede Minute eine neue Identitätsbestimmung vornahmen – und diese natürlich auch jede Minute neu mitteilen mussten.
Es war nicht so leicht, etwas über ihn zu erfahren und auch auf meine direkten Fragen bekam ich selten eine eindeutige Antwort. Wollte er nicht antworten, fand er die Frage nicht wichtig oder kannte er sich selbst nicht? Es schien, als sei es ihm egal, wie er selbst war oder bei anderen ankam.  Er legte keinen Wert darauf, sich in Schubladen stecken zu lassen oder sich selbst ein bestimmtes Etikett aufzukleben. Diese Eigenart gab ihm die Freiheit, zu sein – eine Freiheit, deren Vorgeschmack mich mit so viel Sehnsucht erfüllte.
Ich wollte mir die Etiketten abgewöhnen. Noch heute beiße ich mir immer wieder auf die Zunge. Dabei habe ich bereits gelernt, wie einfach es sein kann, dass Menschen mich kennenlernen, ohne dass ich ihnen je etwas über meine Vergangenheit oder bisher vorgenommene Selbstreflektionen mitteile. Und ich lerne immer weiter, mich im Verzicht zu üben.
Lasst uns doch die Freiheit genießen, mit jemandem ein Bier trinken zu gehen, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob man nun ein „Biertrinker“ ist oder wie gut das zur eigenen Identität als „Hobby-Sommelier“ passt. Es entspannt ungemein, jemanden anzuquatschen, ohne ihm gleichzeitig mitteilen zu müssen, dass man ja eigentlich sehr schüchtern ist. (Das wird er im Zweifelsfall nämlich gleich selbst mitkriegen, wenn man die Zähne nicht mehr auseinander bekommt.) Oder einfach pünktlich zu einem Treffen zu erscheinen, weil man ja „so ein Mensch ist, der Verspätungen nicht leiden kann“. So wie er zum Beispiel.