Wettlauf

Wenn das Leben so schnell rennt, dass du nicht mehr mithalten kannst: Der Asphalt unter den Füßen, die quietschenden Schuhe, der Mensch im Trikot vor dir. Keuchend läufst du hinterher und siehst irgendwann nur noch Staub, als deine Beine dir den Dienst verweigern. Völlig aus der Puste hältst du dich an der Straßenlaterne fest. Dein Herz klopft dir bis zum Hals und kleine Schweißtropen fließen über deine Stirn. Du atmest tief ein, ziehst den Sauerstoff durch Mund und Nase und hörst dem Herzklopfen zu. Das Leben pocht in dir und so hast den Blick längst von deiner Laufstrecke abgewandt. Soll sie doch ohne dich rennen, diese verrückte Welt. Soll sie dich in ihrem Um-sich-selbst-Kreisen mittragen, denkst du plötzlich, und drückst die Hände auf den Boden.

Jugendliebe

Ich wäre gern deine Jugendfreundin gewesen. 

Diese Beziehung mit 15 oder 16, die lang genug dauert, dass man den anderen wirklich versteht, und die früh genug endet, dass man nach einem Haufen Herzschmerz mit 20 schon wieder sacht befreundet sein kann. Diese jugendliche Liebe, bei der jedem Außenstehenden auf den ersten Blick klar ist, dass sie nicht ewig hält, und bei der dennoch alle die Klappe halten, weil du ja noch so jung bist.

Wem man mit 15 ins Herz geblickt hat, den versteht man ein ganzes Leben.

Sommerabend, schmerzfrei

„Also dann, mach’s gut, bis bald!“
– „Danke, wir sehen uns, tschüß!“

Unsere Verabschiedung ist freundlich und unaufgeregt. Schon in wenigen Tagen werden wir uns wiedersehen. Ich ziehe die Tür hinter mir zu und sie fällt sanft ins Schloss. Tief atme ich die kühle Nachtluft ein. „Hier bin ich“, flüstere ich in Gedanken. „Schmerz, mein alter Freund, wo bleibst du?“

Er ist wirklich zum Freund geworden in den letzten Jahren. Zumindest ebenso zuverlässig und vertraut, wie ich Freunde gern habe. Meist erscheint er schon beim Aufstehen vom Tisch, beim „Tschüß“-Sagen, beim Zuziehen der Tür. Spätestens aber begrüßt er mich im Auto auf der Heimfahrt. Hier haben wir uns kennengelernt, der Schmerz und ich. Ein Stechen in der Brust und ein bleischweres Herz. Er wurde mir vertraut, noch ehe ich wusste, woher er kam. Jahrelang fuhr er mit mir mit, ohne sich zu erklären, und eher durch Zufall fand ich eines Tages heraus, was es mit ihm auf sich hatte. „Hallo, Schmerz“, flüstere ich in die Nacht. „Wo bleibst du denn? Mein Herz ist noch so leicht und warm.“

Den Schlüssel in der Hand gehe ich zum Auto. Die Grillen zirpen, der Kies knirscht unter meinen Füßen. Die Behaglichkeit bleibt. Ich packe meine Tasche auf den Beifahrersitz und schalte das Radio an. Ein 80er-Jahre-Lied, sehnsuchtsvoll, doch selbst das verfehlt seine Wirkung. Mein Schmerz lässt mich alleine, das Herz bleibt leicht und zum ersten Mal fahre ich frei wie ein Vogel in die Nacht hinein.

Du & ich

Überrascht bemerke ich, dass ich dir gegenüber bald mehr Loyalität entwickelt habe als gegenüber dem alten Freund, der uns damals vorgestellt hat. Es liegt wohl daran, dass ich dir in unseren Gesprächen so zugeneigt bin, mich so auf dich einlasse und dich zu verstehen suche. Natürlich sind das nur einzelne Momente, beinahe losgelöst von Zeit und Alltag, ohne Anbindung und doch im Netz des Lebens verwoben. Ich bin dankbar für die Begegnung mit dir, den warmen Blick und die Ruhe zwischen uns. Andere Menschen mögen mir über dich erzählen, was sie wollen, es berührt mich nicht einmal.

Ahnung III

Wir werden niemals darüber sprechen.
Ich mag dich zu sehr, als dass ich dir sagen könnte, wie sehr ich dich mag.

Diese Erkenntnis ist der Knotenpunkt, an den ich immer wieder zurückkehre.
Sie ist der sichere Hafen für meine unruhigen Gedanken, der Ausgang aus dem Labyrinth der Ahnungen, das Licht am Ende des Tunnels.

Ich saß zu lange auf der Wartebank.
Ich muss sie endlich, endlich verlassen.

[Ahnung IV]

Ahnung I

Irgendwann wird wohl doch ein Gespräch zwischen uns vonnöten sein. Ich ahne es voraus, rieche es in der Luft, spüre es unter den Fingern. Ich sehe uns beide, wie wir spazieren gehen und ich dir erzähle, was all die Jahre in mir vorging. Wir sind noch nie zu zweit spazieren gegangen. In manchen Häusern bedeutet spazieren gehen fast schon heiraten. Einen Anschein, den du dir nicht geben willst und den ich mir nicht mehr zu geben brauche. Der Kloß in meinem Hals wehrt sich gegen meine Versuche, ihn hinunterzuschlucken. Warum habe ich dir nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt? Aber ach ja, da war etwas – und so gebe ich dir die Schuld an meinem Schweigen, wohl wissend, dass auch du nur ein Opfer deiner eigenen verworrenen Geschichte bist …

[Ahnung II]

Anleitung zur Lüge

Es gibt Dinge, die man nicht einmal dem eigenen Tagebuch anvertraut. Um etwas vor der Welt verborgen zu halten, darf man sich nicht daran erinnern. Man muss sich gleichermaßen selbst den Weg abschneiden. Anstatt einen Moment festzuhalten und seiner Bedeutung nachzuspüren, entzieht man den Gedankenpflanzen den Nährboden, wirft die Erinnerungsfäden ins Feuer und versenkt das, was noch übrigbleibt, im Meer der Bedeutungslosigkeit.

Wer andere erfolgreich belügen will, fängt am besten bei sich selbst an.

Wortliste für ein Herbstgedicht, alphabetisch

Als ob! ein Astloch. / Blätter. Birke. bleischwere Glieder und der Duft von / Chrysanthemen in der / Dämmerung. Dunkelheit. dankbar für die / Ernte. / Fülle. Fell unter den Fingerspitzen. feuchte Füße. / Genuss. Garten. goldener / Herbst. Heimat. hoffen (immer noch). einge- / Igel-t und mit Wollsocken an den Füßen. / Jahreszeitkarussell und Jahrmarkt. / Kastanienmeer. Kürbissuppe. Kostbarkeiten. kühle,  klare / Luft einatmen. Laub bewundern. Leichtigkeit. leise. leuchten. Lebenskraft. / Moment mal! Müdigkeit. morgengraue / Nebelschwaden. Neue Wege. Neverendingstory. / Oktobertage. / Pilze. Pfützen. Paradies. / Querfeldein ins Sonnenblumenfeld. / Raureif. Regen. rascheln. rein. / Sonnenstrahlen sammeln. Stille. sterben? Schönheit. / Trotzdem! traumhaft. Auch trübe Tage haben ihren Reiz. / Uferschwalbe, Fischadler und Kranich (sagen Au revoir). / Vergänglichkeit. Vorübergehen. / Wald und Feld und Wiese. Weite. Wilder Wein. / XY / Zinien. Zweige. Ja, es ist Zeit.

Es muss nicht perfekt sein, 2

Manchmal denke ich, dass wir uns alle in einer „Mini-Playback-Show“ befinden. Wir haben eine Idee davon, wie wir sein wollen, wie wir aussehen wollen, uns bewegen und auf andere Menschen wirken. Wir ziehen uns passende Kleidchen an, einen Hauch Glitzer auf den Augenlidern und dann treten wir vor das Publikum. Wir wissen, unser Vorbild ist da, es ist immer präsent, die Idee lässt uns nicht los und zuhause vor dem Spiegel haben wir lang genug geübt. Doch so wie der kindliche Körper nicht die Bewegungen einer jungen Frau mit der gleichen Eleganz und Leichtigkeit ausführen kann, so wird jeder sehen, dass das nicht wir sind. Es ist nur die Idee, die wir von uns haben. Und dennoch klatschen wir Beifall bei der Vorstellung des Kindes, wir sind nachsichtig, wir sehen die Absicht und das Bemühen, wir lieben das Kind für seine Unbefangenheit und sind entzückt von seinem naiven Charme. Es ist nicht die Überheblichkeit des Erwachsenen, die uns klatschen lässt, es ist das beschämte Erkennen, genauso zu sein wie das Kind, nicht auf der Bühne einer Fernsehsendung, sondern Tag für Tag im eigenen Leben. Wenn ich das Kind im anderen erkenne, muss ich lächeln. Erwischt, denke ich, ich bin nicht anders.

Es muss nicht perfekt sein, 1

An anderen Menschen mag ich das Unperfekte. Die kleinen Fehler und Schwächen, die Stellen, die gern verborgen werden, aber sich doch klammheimlich immer wieder an die Oberfläche schleichen. Ich kann gut damit leben, wenn ein Text oder ein Gedicht an einer Stelle holpert, das Ende nicht ganz perfekt ist oder das Versmaß einmal nicht stimmt. Ich sehe den Gedanken, den die Schreiberin dabei hatte und ja, ich mag diesen Gedanken. Ich halte ihn in der Hand wie eine warme Brezel und atme seinen Duft ein. Die Verse schon fast vergessen entführt mich das Wort, das aus der Reihe tanzt, in seine Welt. Es ist die Welt dieses Gedankens, hier gehört er hin und passt ganz perfekt und natürlich hinein.