Wintergrillen

 
Das Wintergrillen hat Tradition. Es gehört in die wohl ehrlichste Freundschaft, die ich habe. Zu einem Freund, der mich seit 2003 begleitet und mit dem sich von Anfang an feste Rituale etabliert haben. Eines davon ist ein gemeinsames Mittagessen Ende Dezember. Erst viele Jahre bei ihm zuhause, doch seit er sein kleines Grundstück hat, dort oben. Schon 2014 zeigte ich euch einige Bilder, da lag noch mehr Schnee als dieses Mal.

Das Wintergrillen passt zu unserer Freundschaft. Es ist rau, echt und ohne viel Schnick Schnack. Nicht jeder hätte den Nerv dazu, in der Kälte dort hochzustapfen, und nicht jeder hat den Nerv dazu, es mit ihm und mir auszuhalten. Wir packen uns niemals gegenseitig in Watte und doch steht hinter jedem Wort und jeder Geste unbedingte Treue. Wir reden innerhalb von drei Sätzen über den Tod, Sex und die Salatbar im Rewe. Wir telefonieren jede Woche zu einer verabredeten Zeit, ganz egal, ob wir gerade in Gesprächslaune sind oder nicht.

Er ist ein Mensch, vor dem ich nichts verberge. Ich sehe keinen Sinn darin. Täuschungen und Spielereien sind ihm fremd oder einfach nur zu mühsam. Ich glaube manchmal, er kann gar nicht anders als aufrichtig. Im letzten Jahr sorgte irgendeine Betreuerin dafür, dass er einen Stempel mit GdB 80 bekam. Wir feierten daraufhin erstmal die zusätzlichen fünf Tage Urlaub. Kurz darauf pachtete er noch ein zweites kleines Grundstück. Mehr Zeit für die Arbeit dort oben.

Es ist ein gutes Gefühl
Zu sagen, wir kennen uns noch in zehn Jahren

(Tomte: „Was den Himmel erhellt“)

Zwischen den Zeilen (Jahresrückblick 2016)

Zwischen all den Zeilen hier ist viel passiert. Immer mehr Menschen kennen mein Gesicht und die Pseudonymität hat sich langsam, aber sicher überlebt. Größtenteils fühlt sich das gut an, doch manchmal hebt es auch die Hürde für Beiträge und ich spüre die neugierigen Blicke auf meiner selbstgestrickten Wortkleidung.

2016-tumblr

Mein Blog hat sich im letzten Jahr verändert, mit dem #augustbreak2016 von Susannah Conway und dem #lovember der Vorgärtnerin habe ich mir zwei Mal Stichworte ins Haus geholt, an denen ich entlang schreiben konnte. Dabei waren die Fremdvorgaben nicht Last, sondern vielmehr Entlastung: Ich konnte etwas von mir zeigen, ohne selbst den Titel setzen zu müssen.

Alle weiteren Texte waren rar gesäht:

Meinem Beitrag „Es sind immer die kleinen Dinge“ wurde dank Christinas Verlinkung besondere Aufmerksamkeit zuteil, was mich sehr gefreut hat. Die Arbeit an meinem Ahnungen-Zyklus in den drei Monaten intensivster Examensvorbereitung hat mich einiges an Kraft und Nerven gekostet, sodass ich den Zyklus anschließend in meinem Beitrag „Die Perspektive einer Sätzeschieberin“ reflektiert habe. Viel leichter war es da, schöne Draußenbilder zusammenzustellen, gerade weil diese Beiträge für mich meinen textlastigen Blog immer wieder ein wenig auflockern. Im Anschluss an das Emergent Forum habe ich kurz Über Wahrheit und Schönheit. nachgedacht und nun zum Jahreswechsel auch mal eine Predigt von mir eingestellt. Mit meinem Prosatext „Abschiedsgruß“ habe ich wohl einige Leser*innen verschreckt, die mutmaßten, das wäre das Ende meines Blogs. Aber nein, ich habe nicht vor aufzuhören –

Ich habe nur das Gefühl, nicht mehr bloß langsam zu sein, sondern in einem Meer an Ungesagtem zu ertrinken. Zu viele Texte haben es nicht auf diesen Blog geschafft, obwohl sie fertig in der Schublade liegen oder sogar im Print bereits veröffentlicht wurden. Und noch mehr Texte haben es nicht einmal aufs Papier geschafft, blieben irgendwo zwischen Kopf und Herz und Fingerspitzen hängen oder manifestierten sich ausschließlich in meinen berühmten „ein Drittel Gedicht und fünf Schlusssätze“.

Schreiben ist mein Medium. Wenn ich nicht schreibe, dann kann ich nicht loslassen und wenn ich nicht loslasse, dann ertrinke ich (gerade so, wie es Erin in ihrem Gedicht schreibt). Natürlich muss nicht alles auf dem Blog landen, ganz sicher nicht, doch mir scheint, als hätte mich mit dem Durchsichtigwerden meines Alter Ego auch ein wenig ihr Mut verlassen. Und dem will ich 2017 entgegensteuern. Die selbstgesteckten Grenzen überschreiten, die Schere im Kopf zurück in die Schublade legen und Fiktionales ohne Angst vor realen Fragen veröffentlichen. Denn zwischen all den Zeilen hier ist viel passiert.

Auf ein Neues!

Wenn Gott die Welt verändert, morgen schon, 2017

Predigt zur Jahreslosung 2017 für den Gottesdienst zum Altjahrabend 2016

2016
das Mittelmeer füllt sich weiter mit Leichen
ich kann es nicht anders sagen, verzeiht mir den Einstieg
aber zu Zeiten des Propheten Ezechiel sah es auch nicht gerade rosig aus
ein Haufen Menschen wurde deportiert, 598 vor Chr.,
von Jerusalem nach Babylon
und angesichts der Kolonnen an flüchtenden Menschen können wir uns diese Deportation heute wohl so bildhaft vorstellen wie nie zuvor
Ezechiel saß am Fluss Kebar in Babylon fest
So wie Ahmet und Mahmut und Ali am Neckar, der Donau oder dem Zipfelbach
weit weg von den Gerüchen der Heimat, der vertrauten Linie der Berge,
der Klänge in den Straßen, an die das Ohr so sehr gewöhnt ist
verstreut in der Fremde und in großer Ungewissheit,
ob die alte Heimat jemals wieder ein Zuhause bieten könnte.
 
2016
das politische Klima ist rauer geworden
die Mächtigen der Welt: Putin und Erdogan und bald auch Trump
mit dem Kommando über Kriegsheere und Atomwaffen
Sie kommen mir manchmal ganz schön hilflos vor
In einem Netz von Korruption, Misstrauen und Kampf um den Machterhalt
Sie haben keine Lösungen für diese Welt
 
2016
ich male euch die Kulisse unserer Welt
wendet den Blick nicht ab
von all der Angst, dem Hass, dem Leid, der Verzweiflung
wir können uns ihnen nicht entziehen
wir sind verstrickt in weltweite Ungerechtigkeiten
wir haben Wohnraum, wo andere keinen haben
wir haben Essen, wo andere hungern
wir haben Arbeit, wo andere auf der Straße stehen
wir tragen Verantwortung und ja, wir tragen Schuld,
und das alles, ohne dass wir es ändern könnten
wir sind genauso hilflos wie Ahmet und Mahmut und Erdogan und Trump
 
Doch wenn Gott die Welt verändert
morgen schon, 2017,
dann fängt er bei den Hilflosen an
bei den Verlorenen, den Verstreuten
bei denen, die faule Kompromisse gemacht haben
bei den Müden, den Verzagten
bei denen, denen das Leben in den Händen zerrinnt
und die den Glauben an gute Vorsätze schon längst aufgegeben haben.
 
Wenn Gott die Welt verändert,
morgen schon, 2017,
dann vermutlich nicht durch Trump oder Putin oder Frau Merkel,
sondern vielleicht durch Ahmet und Mahmut und Ali,
denn Gott hat schon immer das Kleinste und Geringste erwählt
er hat seine Geschichte mit dem Volk Israel geschrieben,
er hat das Volk, das jahrzehntelang in Babylon festsaß,
das zweifelte, haderte und immer wieder fremden Göttern nachlief,
er hat SEIN Volk nicht vergessen,
sondern mit ihm einen Neuanfang gewagt.
 
Wenn Gott die Welt verändert
morgen schon, 2017,
dann geschieht das von unten,
von innen
und von den Rändern
denn Angst und Hass und Leid sitzen in uns drin.
Es kann nur so gehen, dass der ganze Mensch neu wird.
 
Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun. Und ihr sollt wohnen im Lande, das ich euren Vätern gegeben habe, und sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein. (Hesekiel 36, 26-28)
 
Mit dem lebendigen Herz wird ganz sicher nicht alles leichter,
aber es wird alles wahrhaftiger.
Es ist ein echtes, lebendiges, schlagendes Herz, das Gott uns gibt:
Dir und mir.
Ein Herz, in das sein Gesetz eingeschrieben ist:
„Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen
und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
 
Ein lebendiges Herz, zum Bersten voll mit Liebe,
sodass du mitfühlst mit dem anderen
und nicht verzweifelst über dem Leid.
sodass du weiter vertraust und betest und liebst
trotz allem, was in dieser Welt geschieht.
sodass du mutig Jesus nachfolgst
mit innerem Frieden und Zuversicht.
 
Gott schenkt Dir dieses Herz
und verändert damit die Welt
morgen schon, 2017.

Amen.

Sommerabend, schmerzfrei

„Also dann, mach’s gut, bis bald!“
– „Danke, wir sehen uns, tschüß!“

Unsere Verabschiedung ist freundlich und unaufgeregt. Schon in wenigen Tagen werden wir uns wiedersehen. Ich ziehe die Tür hinter mir zu und sie fällt sanft ins Schloss. Tief atme ich die kühle Nachtluft ein. „Hier bin ich“, flüstere ich in Gedanken. „Schmerz, mein alter Freund, wo bleibst du?“

Er ist wirklich zum Freund geworden in den letzten Jahren. Zumindest ebenso zuverlässig und vertraut, wie ich Freunde gern habe. Meist erscheint er schon beim Aufstehen vom Tisch, beim „Tschüß“-Sagen, beim Zuziehen der Tür. Spätestens aber begrüßt er mich im Auto auf der Heimfahrt. Hier haben wir uns kennengelernt, der Schmerz und ich. Ein Stechen in der Brust und ein bleischweres Herz. Er wurde mir vertraut, noch ehe ich wusste, woher er kam. Jahrelang fuhr er mit mir mit, ohne sich zu erklären, und eher durch Zufall fand ich eines Tages heraus, was es mit ihm auf sich hatte. „Hallo, Schmerz“, flüstere ich in die Nacht. „Wo bleibst du denn? Mein Herz ist noch so leicht und warm.“

Den Schlüssel in der Hand gehe ich zum Auto. Die Grillen zirpen, der Kies knirscht unter meinen Füßen. Die Behaglichkeit bleibt. Ich packe meine Tasche auf den Beifahrersitz und schalte das Radio an. Ein 80er-Jahre-Lied, sehnsuchtsvoll, doch selbst das verfehlt seine Wirkung. Mein Schmerz lässt mich alleine, das Herz bleibt leicht und zum ersten Mal fahre ich frei wie ein Vogel in die Nacht hinein.

#LOVEmber – Eines Tages, wenn ich groß bin …

Glücklicherweise habe ich der Vorgärtnerin schon von Anfang an gesagt, dass ich nur sporadisch beim LOVEmber mitmachen werde. Dabei gefällt mir der Untertitel „Ode an den vernachlässigten Monat“ ausgesprochen gut, was vermutlich weniger daran liegt, dass der November bei mir ein vernachlässigter Monat ist, als vielmehr daran, dass ich Oden liebe. Ja, eines Tages, wenn ich groß bin, schreibe ich vielleicht noch eine weitere Abschlussarbeit, Diplomarbeit oder Doktorarbeit und dann über poetologische Oden, denn ich habe, wie auch die geneigte Leserin schon feststellen durfte, sowohl einen Hang zur Poetologie – nach Juli Zeh also zu dem Metier, dem sich Schriftsteller zuwenden, um sich vorm Schreiben zu drücken – als auch zur Ode, die sich schon im dritten Semester leise in mein Herz geschlichen hat. Ein Herzensthema also und vielleicht finde ich eines Tages, wenn ich groß bin, auch ein größeres Zeitfenster, mich diesem Thema zu widmen. (Oder ich fange heimlich, still und leise einfach jetzt schon damit an.)

Lyrik an sich ist für mich die schönste Kleinigkeit der Welt, es ist Wortmusik, und ich wünsche mir, dass auch eines Tages, wenn ich groß bin, immer noch ein Gedichtband auf meinem Nachttisch liegt oder sich zerfleddert in meiner Handtasche befindet. „FÜR MEHR GEDICHTE IM ALLTAG“, so könnte eine Initiative heißen, die ich eines Tages, wenn ich groß bin, einmal gründen würde; Gedichte nicht nur in der U-Bahn, sondern auch sonst im öffentlichen Raum, auf der Rückseite der Wartenummerzettel beim Finanzamt zum Beispiel oder auf den Papiertüten der Bäckerei am Eck. Ich könnte jetzt schon anfangen, Gedichte zu verbreiten, nicht nur virtuell, sondern analog, Lyrik zum Anfassen, die ich auf Papier drucke und dann mitnehme,…

…vielleicht sogar auf die Weltreise, die ich eines Tages, wenn ich groß bin, machen möchte und die sich in meinem Kopf bereits auf ein paar einzelne Ziele sowie eine Reise mit der Transsib verkürzt hat. Ich möchte durch die Mongolei reisen und durch Sibirien, und eines Tages, wenn ich groß bin, werde ich Russisch lernen – mit ein paar Worten habe ich schon angefangen -, dann bin ich besser gewappnet für die Transsib. Ich werde Zeit brauchen für meine Reise, Wochen oder Monate, und ich hoffe so sehr, dass ich sie mir eines Tages, wenn ich groß bin, auch nehmen werde, dass ich meine Herzenswünsche nicht ein ums andere Mal zurückstelle, sondern mein inneres Navigationsgerät mich langfristige Vorbereitungen treffen lässt und ich schließlich mit Kopf und Herz und Bauch den Kairos ergreifen kann.

#LOVEmber – Was mich satt macht

Kürbissuppe. Marzipankartoffeln. Eine Umarmung. Gottes Liebe. Leckeres Essen mit der passenden Weinfolge. Freundschaft. Zuspruch. Guter Sex. Zimtschnecken. Luftschlösser. Viel Grün. Die Abendsonne. Poesie. Zuverlässigkeit. Ein Spaziergang durch den Park. Musik. Tea. Earl Grey. Hot. Zugfahrten. Küssen. Ein Händedruck. Schöne Erinnerungen. Zeit haben. Wenn du immer noch ein Lächeln für mich hast.

#augustbreak2016 – Little

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Da saßen wir auf den Felsen und sahen die Sonne im Meer versinken. Sie hatte unseren ganzen Tag erleuchtet und war nun ein goldener Feuerball am Horizont. Ich musste an eine Stelle aus dem „Kleinen Prinzen“ denken, der ja auch die Sonnenuntergänge liebt, und auf seinem kleinen Planeten nicht so lang auf den nächsten warten muss. Im Gegenteil, er konnte immer seinen Stuhl ein paar Meter weiterschieben, um erneut das Spektakel am Abendhimmel zu betrachten.

»Eines Tages sah ich den Sonnenuntergang dreiundvierzig Mal!«

»Du weißt doch, wenn man sehr traurig ist, hat man Sonnenuntergänge besonders gern …«

Aber wir waren nicht traurig, wir genossen das Gefühl, selbst auf einem kleinen Planeten zu sitzen, der uns in dem Moment, als die Sonne unterging, groß und klein zugleich erschien. In solchen Augenblicken fallen mir immer wieder die Verhältnismäßigkeiten auf, mit denen wir uns durchs Universum bewegen: eine kleine Erde, eine große Sonne und ein noch viel größeres Bezugssystem.

IMG_20160829_175522Unfassbar für den Geist, beeindruckend für die Seele.

Abschiedsgruß

Und dann, eines Tages, höre ich auf, für dich zu schreiben. Ich entlasse dich in dein eigenes Leben. Der Spalt zwischen dir und meinem fiktiven Du ist zu groß geworden, als dass ich noch einfach so hinüberspringen könnte. Lange Zeit hatte ich Angst davor, dass sich dieser Moment wie ein Verlust anfühlen würde, dass mir damit quasi die andere Hälfte der Welt verloren ginge. Doch nun stehe ich da, mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen, und ohne Angst vor dem Abgrund, der sich vor mir auftut. Denn hinter mir liegt ein großes, weites Land, das es zu entdecken und zu bebauen gilt. Mein eigenes Land.

#augustbreak2016 – 5 years ago

Das ist nun die Nachspielzeit zum #augustbreak2016, wie die Vorgärtnerin es so schön betitelt hat. Im Gegensatz zu Raph Elle, die gleich ihr ganzes abenteuerliches Jahr 2011 Revue passieren ließ, habe ich mir nur den Sommer 2011 vorgenommen.

Es war ein ganz gewöhnlicher Sommer: Ich fuhr Anfang August aufs Freakstock und saß danach am Schreibtisch und schrieb Hausarbeiten. Mein Mann arbeitete enorm viel und so traf ich mich abends oft mit Freunden. Ein Kommilitone lud mich zu seinem Geburtstag ein. Meine Schwägerin heiratete. Ich begann einen neuen Nebenjob und ein neues Ehrenamt. Und Ende September ging es nach Berlin.

Ein gewöhnlicher Sommer, wie es ihn selten bei mir gab. Stinknormale Semesterferien ohne Umzüge (wie in den 5 Jahren zuvor), größere Praktika/Ferienjobs (wie in den 2 Jahren danach) oder Lernen fürs Examen (die anschließenden 2 Jahre). Semesterferien, in denen es etwas zu tun gab, das aber Tag für Tag auch gut zu schaffen war.

Gleichzeitig veränderte dieser Sommer mein Leben, sodass ich es bis heute merke. Ich denke oft, es braucht diese Ruhe im Außen, damit das Innen hinterherkommt und sich entwickeln kann. Der Sommer brachte mir keine großen beruflichen Veränderungen, keinen Ortswechsel, keine abenteuerliche Reise, keinen Stempel unter meinen Studienleistungen oder meiner Beziehung – doch im Blick auf mich und mein Leben hat er mich nachhaltig verändert.

Inwiefern? Damit das Anskizzierte auch Gestalt bekommt, will ich versuchen, diese Frage zu beantworten und den Balanceakt zwischen persönlich und privat wagen.

Der Sommer brachte mir die Liebe Gottes nah, wie ich es zuvor noch nicht erlebt hatte. Dies hing mit einer einzelnen Predigt auf dem Freakstock zusammen. Wer wie ich christlich aufgewachsen ist, der kennt es vielleicht, wenn man sich bei einer besonderen Veranstaltung, einem Gottesdienst oder im Zeltlager Gott auf einmal ganz nahe fühlt, wenn man eine neue Erkenntnis oder einen geistlichen Durchbruch hat oder überhaupt gerade etwas mit Gott erlebt. Man denkt sich: Ab jetzt wird alles anders. Ab jetzt werde ich „Stille Zeit“ machen/Bibel lesen/beten/nicht mehr über meine Klassenkameraden lästern/allen von Jesus erzählen/… Danach fährt man nach Hause und ein paar euphorische Tage später hat einen der Alltag wieder. Und genau so war es bei mir in diesem Sommer nicht. Auch drei Wochen später schwebte ich noch auf Wolke 7 und der Durchbruch, den ich erlebt hatte, veränderte mein ganzes Denken. Die Botschaft: Gott liebt mich und nimmt mich an, mit allem, was ich bin/habe/denke/tue. Es war also die Erfahrung, die man „Gnade“ nennt.

Und ja, natürlich hatte ich diese Botschaft schon früher gehört, ich war Christ, seit ich denken kann, ich hatte mich bekehrt, ich lebte mein Leben mit Jesus. Aber trotzdem hatte ich – vielleicht gerade aufgrund meiner christlichen Prägung – einen bestimmten Lebensstil als richtig und Gott wohlgefällig ausgemacht und wann immer ich hinter diesem zurückblieb, hielt ich mich für vom Weg abgekommen oder einen Christen zweiter Klasse. In diesem Sommer verstand ich, dass dies allein meine eigenen Maßstäbe waren, die ich häufig von anderen Christen übernommen hatte, und dass sie nichts damit zu tun hatten, wie Gott mich sah und vor allem, wie er mich liebte. Es gibt mit Gott nicht den Plan B für das eigene Leben, sondern Gott geht jeden Weg mit mir mit. Punkt.

Diese Botschaft fiel vor fünf Jahren richtig tief in mein Herz und lässt sich auch nicht mehr herausreißen. Ich fing an, sie in allen Konsequenzen durchzubuchstabieren: Was hieß das für meine Beziehungen, Lebenentscheidungen, für meinen Umgang mit einem bestimmten verhaltensorientierten Christentum, für mein Verhältnis zu mir selbst?

Ein Beispiel dafür ist meine Perspektive auf Körper und Schönheit. Schon einmal schrieb ich in diesem Blog über Schönheitsideale und ich denke, einen wesentlichen Beitrag zu meiner Haltung lieferte mir dieser Sommer. Einige Tage nach Freakstock saß ich nämlich auf meinem Bett und beschloss, nicht mehr schlecht über meinen Körper zu sprechen. Eine einzige, klare Entscheidung ohne Wenn und Aber. Wenn Gott nicht zögert, in mir zu wohnen – mein Körper als sein Tempel, heißt es in der Bibel – wer bin ich dann, dass ich selbst Teile von mir ablehne? Gott nimmt mich an, wie ich bin, also will ich mich auch selbst annehmen. Diese körperbezogene Konsequenz war so wirkungsvoll, wie ich es kaum erwartet hätte, und hatte ganz eigene Folgen, für die ich sehr dankbar bin.

Vieles könnte ich hier noch beschreiben, aber vermutlich genügt es schon, um euch einen Eindruck von diesem lebensverändernden Sommer zu geben. Vielleicht habt ihr auch schon Ähnliches erlebt, wie sich eure Perspektive so ändert, dass es euer ganzes Leben durcheinanderwirbelt, wie ihr hinter die Veränderung nicht mehr zurück könnt und auf einmal so viel freier und glücklicher seid, ohne dass sich im Äußeren etwas verändert hätte. Mir brachte der Sommer vor fünf Jahren jedenfalls eine neue Gottesbeziehung ohne Schuld und Scham, voller Liebe, Gnade und Annahme. Und das wirkte tief in alle Bereiche meines Lebens – bis heute.

Das ist nicht Sommer mehr

Das ist nicht Sommer mehr, das ist September…Herbst;
diese großen weichen Wolken am Himmel,
diese feinen weißen Spinnwebschleier in der Ferne
und hinter den Gärten mit den Sonnenblumen
der ringelnde Rauch aufglimmender Krautfeuer
und diese süße weiche Müdigkeit und diese
frohe ruhige Stille überall und trotzdem wieder
diese frische, satte, erntefreudige, herbe Kraft…
das ist nicht Sommer…das ist Herbst.

Cäsar Otto Hugo Flaischlen

Über Wahrheit und Schönheit.

Dieser Beitrag ist ein Zwischenspiel in Verbindung mit dem Emergent Forum, in das ich letztes Wochenende hochgradig involviert war. Meine regelmäßigen Leser*innen mögen es mir nachsehen, dass ich auf Einleitung und Hinführung verzichte. Wer sich über die Veranstaltung informieren will, darf gern das Internet nutzen, aber ich möchte direkt zum Punkt kommen und mich mit einer Aussage aus Christinas Vortrag auseinandersetzen.

Hören wir doch auf, etwas falsch oder richtig zu finden.
Fangen wir wieder an, etwas schön zu finden.

Natürlich reiße ich den Satz jetzt aus seinem Kontext und gerade deshalb will ich zuerst versuchen, die Stoßrichtung aufzuzeigen, aus der ich ihn verstehe und sogar unterschreiben kann. Vor ein paar Wochen beantwortete ich eine Presseanfrage dazu, wie die Jesus Freaks sich zu anderen Religionen verhalten, ob diese als alternativer Weg ok/seligmachend/heilsversprechend/whatever seien und was wir überhaupt so von anderen religiösen Praktiken halten. In meiner Antwort machte ich deutlich, dass die meisten Jesus Freaks, die ich kenne, sich nicht sonderlich mit anderen Religionen als möglichem Heilsweg befassen, aber durchaus den Andersgläubigen mit Respekt und Wertschätzung begegnen. Ich schrieb über das Festhalten am Eigenen ohne Abwertung des anderen und zitierte dabei auch eine Mitchristin mit: „Ob es noch eine andere göttliche Wahrheit gibt, ist mir egal, ich gehe mit Jesus.“
Wenn es um den Kontakt und das Gespräch mit anderen Religionen geht, ist der Wahrheitsbegriff oft schwierig, weil „wahr“ in unserer Logik sofort sein Gegenteil „falsch“ hervorholt. Es scheint fast, als könne ich nicht über meine eigene Religion als „wahr“ sprechen, ohne gleichzeitig eine andere Religion als „falsch“ abzulehnen. Meines Erachtens muss das aber nicht so sein. Anstatt mit Aussagen wie „Unseres ist richtig, eures ist falsch.“ zu operieren, will ich vielmehr das Eigene erklären, groß machen, mit Überzeugung und Hingabe vertreten oder, wie Christina sagte, davon schwärmen. All das ist möglich, ohne das Gegenüber mit seiner Glaubenserfahrung abzuwerten.

Auf der anderen Seite jedoch löst die oben zitierte Aussage Bauchschmerzen bei mir aus. Auch dazu eine kurze Anekdote: Als ich Anfang 20 war, begegnete ich einem jungen Neonazi, wir gingen zusammen spazieren und unterhielten uns über unsere Leben und unsere Überzeugungen. Ich wollte natürlich wissen, warum er sich der rechten Szene angeschlossen hatte und auch, woran er glaube. Daraufhin erzählte er mir Geschichten aus der alten gemanischen Mythologie und zeigte mir auch seine Halskette mit einem entsprechenden Symbol. Nach einiger Zeit frage ich ihn dann: „Glaubst du denn daran?“ und er antworte: „Glauben? Nun ja, lass es mich so sagen: Ich finde es schön, einen schönen Gedanken.“
Worauf ich damit hinauswill? In der Innenperspektive meiner eigenen Religion reicht es mir nicht, einen Gedanken bloß schön zu finden. Ich will auf den Wahrheitsbegriff nicht verzichten – und sei es nur in seiner geringsten Form als subjektive, erlebte Wahrheit, als ein „Ich erlebe das als wahr, als sinnvoll, bedeutend, tragfähig für mein Leben.“ Mir reicht es nicht aus, die Auferstehung schön zu finden. „Schön“ ist mir hier zu oberflächlich, das ästhetische Empfinden zu beliebig und  – um Christina mit diesem Beitrag nun nicht Unrecht zu tun – es trifft m.E. auch nicht ihre Überzeugung. Wir haben an dem Wochenende viel über Gnade gesprochen, die von Gott kommt und zuvorkommend, mächtig, stark ist, sodass man selbst sich gar nicht entziehen kann. Eine solche existentielle Erfahrung will ich nicht nur über Schönheit artikulieren.

Ich könnte jetzt ein harmonisierendes Fazit schreiben und darüber nachdenken, für wie viele Menschen es vielleicht sinnvoll und hilfreich ist, dieses Starkmachen des Eigenen ohne Abwertung des anderen in genau diesen Worten zu hören und zu denken. Trotzdem will ich festhalten, dass Wahrheit und Schönheit nicht gegeneinander ausgespielt werden müssen, dass die geforderte Akzentverlagerung ihre Grenzen hat und dass die Dichotomie von richtig und falsch nicht in jedem Leben zu einem Schwarz-Weiß-Denken führt, sondern dass „wahr“ und „richtig“ meinen eigenen Glauben auch auf einer notwendigen, tieferen Ebene verankern können.

#augustbreak2016 – August was…


Ich blicke zurück auf einen wahren Sommermonat.
In der ersten Monatshälfte gab es einiges für mich zu tun, denn ich musste vorarbeiten für die Urlaubszeit und natürlich auch manche Vorbereitungen treffen. Trotzdem blieb Zeit, um Freunde zu besuchen oder in den Park zu gehen. Auch wenn ich dabei schon den Herbst in der Luft erschnuppern konnte, war mir dank zweiwöchigem Urlaub im Süden noch viel Sonne mit Strand, Meer und blauem Himmel beschert. Mein persönlicher Höhepunkt ist der Nachmittag, an dem wir auf unserer Fahrt an die Westküste in eine Art Jahrmarkt hineingerieten, der mit singenden Männern, Landfrauenverein und dem Verkauf von so ziemlich allem, was man sich vorstellen kann, ein wirklich einmaliges Erlebnis war. Aber auch die Pool-, Strand- und Städtetage sind natürlich nicht zu verachten ;)
So lautet mein Fazit: Der August war wunderschön!