Der Anfang vom Ende

Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell über dich hinwegkommen würde. Ein paar Monate und etwas Abstand und das war’s dann auch schon. Angesichts dieser großen, unglücklichen Liebe erscheint es mir selbst wenig glaubwürdig, doch was soll ich sagen? Manchmal scheint sich die Zeit eben besonders viel Mühe bei der Wundheilung zu geben.

Klar, ich kann nicht leugnen, dass es ein Schlag für mich war, als du mir sagtest, dass es zwischen uns vorbei ist. Es war hart und es zog mir für einen Moment den Boden unter den Füßen weg. Du habest jemanden kennengelernt, sagtest du, und es sei etwas Ernstes. So ernst, dass es nicht reichen würde, die Benefits aus unserer Freundschaft zu streichen, sondern dass eine klare Linie gezogen werden müsse, und diese Linie, so dein Plan, verlief nun einmal zwischen dir und mir. Du schautest mich dabei an, als habest du gerade den Wetterbericht vorgelesen. Ich schluckte erst, dann nickte ich und brachte sogar noch einige verständnisvolle Sätze über die Lippen – nur um einige Tage später Zeter und Mordio zu rufen. Zum ersten Mal in unserer Freundschaft machte ich dir Vorwürfe. Unnötige Vorwürfe, denke ich heute, doch damals mussten sie raus. Du hattest dich verabschiedet, es war dein gutes Recht, und doch hattest du allein entschieden.

Du hast immer allein entschieden, auch in all diesen Unglücksjahren mit mir. In diesen überglücklichen Unglücksjahren. Schon als ich dich kennenlernte, bestimmtest du den Kurs, bestimmtest das Tempo und hattest stets das passende Label für unseren Freundschaftsstatus parat. Ich will mich hier nicht zum Opfer stilisieren, ich trage genauso die Schuld an diesem ungünstigen Verlauf und die wenigen Fäden, die ich hatte, hielt ich umso sicherer in meiner Hand. Mit feinen Antennen erkannte ich bald die Augenblicke der Unachtsamkeit, ich entwickelte eine Ahnung für deine schwachen Momente und wusste sie für mich auszunutzen. Deine Prinzipien waren dir heilig und doch schob ich mich immer wieder an ihnen vorbei, hinter das hart gesetzte Label, hinein in deine unwillkürliche Umarmung. Sie war ein geradezu unbewusster Akt der Zuneigung, du dachtest nicht nach in diesen Situationen und das kam mir zugute.

Für „Friends with Benefits“ sah dein Plan vor, dass Übernachtungen und Benefits sich ausschließen würden; wer zu Gast war, musste also irgendwann nach Hause gehen, auch wenn das bedeutete, um drei Uhr morgens noch unter Restalkohol seine Sachen zu packen. Mit einer Übernachtung wäre die Grenze zum Pärchen für dich nicht mehr erkennbar, meintest du, und ich schluckte erst, dann nickte ich und selbstverständlich fand ich ein paar verständnisvolle Worte. Übernachtungen bei Freunden seien hingegen okay, da spreche nichts dagegen, es sei selbstverständlich, Freunden nach einer partyreichen Nacht einen Platz auf der Couch anzubieten – oder auf der eigenen, 1,40m-breiten Matratze, wenn es denn zwischen den Beteiligten passte.

Natürlich passte es bei uns, wir hatten uns über die Jahre aneinander gewöhnt, hatten einen gemeinsamen, selbstverständlich rein freundschaftlichen, Rhythmus gefunden und ich schlief gerne bei dir im Bett. Wenn ich neben dir lag, streckte ich immer meine Zehen von dir weg, sodass sie unter der Bettdecke hervorlugten, und schob meinen Rücken noch ein paar Zentimeter näher zu dir hin. Eine komische Schlafhaltung, meintest du, wie eine Mondsichel, und obgleich ich zuhause nicht sonderlich mondsichelförmig schlief, schien es mir hier bei dir passend – so passend, dass ich auf die Schnelle nie eine plausible Antwort auf deine Bemerkung gefunden hätte. Tatsache war, ich fühlte mich viel zu wohl damit, fühlte mich so wohl in deiner Nähe auf diesen 140 gemeinsamen Zentimetern, genoss die nicht einmal anderthalb Meter für zwei Menschen, die jenseits aller Labels ein Herz und eine Seele waren. Ein glückliches Herz und eine traurige Seele, wohlgemerkt.

Sommerabend, schmerzfrei

„Also dann, mach’s gut, bis bald!“
– „Danke, wir sehen uns, tschüß!“

Unsere Verabschiedung ist freundlich und unaufgeregt. Schon in wenigen Tagen werden wir uns wiedersehen. Ich ziehe die Tür hinter mir zu und sie fällt sanft ins Schloss. Tief atme ich die kühle Nachtluft ein. „Hier bin ich“, flüstere ich in Gedanken. „Schmerz, mein alter Freund, wo bleibst du?“

Er ist wirklich zum Freund geworden in den letzten Jahren. Zumindest ebenso zuverlässig und vertraut, wie ich Freunde gern habe. Meist erscheint er schon beim Aufstehen vom Tisch, beim „Tschüß“-Sagen, beim Zuziehen der Tür. Spätestens aber begrüßt er mich im Auto auf der Heimfahrt. Hier haben wir uns kennengelernt, der Schmerz und ich. Ein Stechen in der Brust und ein bleischweres Herz. Er wurde mir vertraut, noch ehe ich wusste, woher er kam. Jahrelang fuhr er mit mir mit, ohne sich zu erklären, und eher durch Zufall fand ich eines Tages heraus, was es mit ihm auf sich hatte. „Hallo, Schmerz“, flüstere ich in die Nacht. „Wo bleibst du denn? Mein Herz ist noch so leicht und warm.“

Den Schlüssel in der Hand gehe ich zum Auto. Die Grillen zirpen, der Kies knirscht unter meinen Füßen. Die Behaglichkeit bleibt. Ich packe meine Tasche auf den Beifahrersitz und schalte das Radio an. Ein 80er-Jahre-Lied, sehnsuchtsvoll, doch selbst das verfehlt seine Wirkung. Mein Schmerz lässt mich alleine, das Herz bleibt leicht und zum ersten Mal fahre ich frei wie ein Vogel in die Nacht hinein.

Abschiedsgruß

Und dann, eines Tages, höre ich auf, für dich zu schreiben. Ich entlasse dich in dein eigenes Leben. Der Spalt zwischen dir und meinem fiktiven Du ist zu groß geworden, als dass ich noch einfach so hinüberspringen könnte. Lange Zeit hatte ich Angst davor, dass sich dieser Moment wie ein Verlust anfühlen würde, dass mir damit quasi die andere Hälfte der Welt verloren ginge. Doch nun stehe ich da, mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen, und ohne Angst vor dem Abgrund, der sich vor mir auftut. Denn hinter mir liegt ein großes, weites Land, das es zu entdecken und zu bebauen gilt. Mein eigenes Land.

Ahnung III

Wir werden niemals darüber sprechen.
Ich mag dich zu sehr, als dass ich dir sagen könnte, wie sehr ich dich mag.

Diese Erkenntnis ist der Knotenpunkt, an den ich immer wieder zurückkehre.
Sie ist der sichere Hafen für meine unruhigen Gedanken, der Ausgang aus dem Labyrinth der Ahnungen, das Licht am Ende des Tunnels.

Ich saß zu lange auf der Wartebank.
Ich muss sie endlich, endlich verlassen.

[Ahnung IV]

How to be alone

Das folgende Video hat mich durch das Jahr 2014 begleitet, mich immer wieder getröstet und mir ein Lächeln geschenkt. Daher möchte ich es hier mit euch teilen:

Insbesondere die letzten Verse haben es mir angetan:

…take silence and respect it. if you have an art that needs a practice, stop neglecting it.
if your family doesn’t get you, or religious sect is not meant for you, don’t obsess about it.
– you could be in an instant surrounded if you needed it
If your heart is bleeding make the best of it
There is heat in freezing, be a testament.

Freundschaft

 

Durch die Speicherung gewisser sensorischer Eingangsmuster werden meine mentalen Nervenbahnen an sie gewöhnt. Die Muster werden erwartet oder sogar vermisst, wenn sie fehlen.
(Data über Freundschaft, Star Trek TNG)

Die letzte Begegnung liegt schon einige Wochen zurück. Wir sprachen nicht über deine Reise, sagten nicht „Leb wohl!“. Es sollte nicht wie ein Abschied aussehen. Als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, fühlte es sich an, als würde ich nur ein paar Tage später wieder kommen. Oder du würdest mich gleich übermorgen besuchen, wir würden zusammen kochen und wie so oft stundenlang über Gott und die Welt philosophieren. Stattdessen bist du nun unterwegs, gehst einen Weg ohne Telefon und Internet, bist draußen in der Welt, unerreichbar mittendrin. Ungewohnt war die erste Woche für mich, ich dachte oft an dich und fragte mich, wie es dir wohl ergehen würde. Du bist stark und tapfer. Wenn jemand für eine solche Reise geeignet war, dann du. In der zweiten Woche hatte ich mich schon fast an deine Abwesenheit gewöhnt. Es hatte bereits früher Zeiten der Ruhe zwischen uns gegeben. Dennoch ging mein Griff schon bald immer wieder zum Telefon als hätte ich vergessen, dass ich dich so nicht erreichen konnte. Ich begann mich abzulenken, versuchte, nicht mehr so viel an dich zu denken, bis ich schließlich aus Zufall mit einer Freundin an deinem Haus vorüberging und die Sehnsucht mich überkam wie ein stechender Schmerz. Ein inneres Loch, es fehlte etwas. Ich war zu sehr an dich gewöhnt.
An diesem Tag begannen die Träume. Nun erscheinst du mir des Nachts, ich sehe dich wandern, ich sehe dich reden und lachen und vor allem sehe ich dich zurückkehren. Du stehst vor mir, siehst mich an und ich versinke ganz in deinem Blick. Wir umarmen uns so lang bis der Wecker klingelt. Bis ich aufstehen muss, deinen Geruch noch in meiner Nase, deine starken Arme noch um meine Schultern. Je länger du weg bist, desto intensiver werden diese Träume.
Du fehlst mir, doch du gehst mir nicht verloren.

#4 Spontan wegfahren I

Jeden Tag war der Gefühlspegel ein wenig mehr angestiegen. Als ob jemand eine Sanduhr aufgestellt hätte und der Sandberg im unteren Glas mit jeder Sekunde, jedem Augenblick Sandkorn für Sandkorn größer wurde, mehr Raum einnahm. Mir blieb keine Luft mehr zum Atmen. Ich saß gefangen im unteren Teil einer Sanduhr. Ein Korn rieselte über meinen Kopf, das nächste tropfte auf meine Hand, ein neues kitzelte meine Nase, sodass ich niesen musste und alle Sandkörner um mich herumwirbelten. Ich atmete sie ein, musste husten. So konnte das nicht weitergehn. Der Sandberg auf meinem Schoß wurde schwerer, stieg weiter an, erreichte fast meine Schultern. Ich musste hier raus!

Wie besessen saß ich da und nähte an meiner Hose. Zwei Tage war ich durch die Wohnung getigert, mal hierhin und mal dorthin, wie ein Tier im Käfig. Als er nach Hause kam, das Geständnis. „Ich möchte einfach nur weg.“ Ein Streicheln über meinen Kopf, eine Umarmung. „Jetzt packst du deine Sachen und dann fährst du morgen einfach los. Das wird dir gut tun.“ Ich hebe den Kopf: „Soll ich das wirklich machen?“ Dabei hatten mir die gleichen Gedanken schon tagelang im Kopf herumgespukt. Ich wollte zu ihr, zu ihm, zu niemandem. Ich wollte spontan wegfahren, ins Nirgendwo.

Dann die Erleichterung, die Vorfreude. Morgen würde ich tatsächlich wegfahren. Eine zentnerschwere Last fiel mir von den Schultern. Ich hatte gar nicht gemerkt, wieviel Kraft ich aufbringen musste, sie zu tragen. Nun ging es an die praktischen Vorbereitungen. Ich wählte meine Tshirts aus und – ich brauchte eine kurze Hose. Es war heiß, es war Sommer, es ging los auf einen Road Trip. Da durften die Shorts doch nicht fehlen. Also kurzerhand eine abgerissene Kordhose genommen, die Nähkiste ausgepackt und los ging es. Wie viele Stunden blieben mir noch bis zur Abfahrt? An Schlaf war erstmal nicht zu denken.

Weiter prasselten die Körner auf mich herab. Korn für Korn für Korn. Nur noch das Gesicht war frei, doch langsam, aber sicher wurden auch Mund und Nase vom Sand bedeckt. Der Pegel stieg unaufhaltsam an. Die Lippen fest geschlossen noch ein letzter Atemzug durch die Nase. Die Augen starren gebannt nach oben. Für einen Moment ein Zögern, Zaudern, bis ich schließlich nachgebe, mich sanft auf den Sand bette, ausruhe, entspanne. Es war vorbei.

„Passt sie so, die Hose? Ist sie nicht zu kurz?“ Endlich hatte ich es geschafft. Einen Stich nach dem anderen gesetzt, die Fäden vernäht, die Enden abgeschnitten. Ich liebe diese Hose, sie ist meine Fluchthose. Sie steht für all die Orte, an die ich fahren kann, all die Menschen, denen ich begegnen möchte. Sie steht für Freiheit.

Zufrieden legte ich mich ins Bett und dachte darüber nach, wohin es gehen sollte. In die Vergangenheit oder in die Zukunft? Beides war nicht möglich. Ich haderte mit mir selbst, wünschte mir sowohl eine letzte als auch eine erste Begegnung. Vor Aufregung konnte ich kaum schlafen. „Wenn dies der letzte Tage wäre, was würdest du tun?“ Die Entscheidung war gefallen.

Vermutlich hatte ich nur zwei Sekunden so gelegen, doch es kommt mir vor, als wären es Jahre gewesen. Die Muskeln entspannt, den Schlaf noch in den Augen blinzle ich für einen Augenblick unter einem Sandkorn hervor bis ein Rucken und Rütteln mich mitsamt all den Körnern mit sich reißt. Plötzlich sitze ich obenauf, in einem Sandmeer, auf einer Körnerfläche, die nachgibt, hinabrieselt, immer kleiner wird… Was hatte das zu bedeuten?

Als der Wecker klingelt, drücke ich erst die Snooze-Funktion und schalte ihn dann vollständig aus. Süß und selig schlummere ich unter meiner Decke. Wohlige Entspannung durchströmt mich, ich zwinkere, ist das etwa ein Sandkorn in meinem Auge? Der Gedanke verflüchtigt sich so schnell er gekommen war. Schlaf. Wohliger Schlaf. Und ein Warten auf den Liebsten, der sicher in wenigen Stunden wieder zuhause sein würde.

Abschied V: „Abschiedsworte müssen kurz sein wie Liebeserklärungen.“

So schön und prägnant sich Herr Fontane da ausdrückt, weiß ich doch nicht, ob ich ihm Recht geben soll. Drum will ich zum Abschluss dieser Reihe zwei Plädoyers halten – eins für die Kürze der Abschiedsworte und eines für deren Unendlichkeit.

[Plädoyer für die Kürze]
Ich habe anlässlich verschiedenster Umzüge so manche Abschiedsbriefe bekommen und Abschiedsworte gesprochen und gerade in ihrer Kürze haben mich bestimmte Worte sehr berührt und ich trage sie bis heute mit mir. Ein einfaches „Ich schätze dich.“ oder „Du wirst mir fehlen.“, gesprochen im richtigen Moment oder gekritzelt auf eine abgerissene Postkarte, wanderte so direkt in mein Herz – und hoffentlich auch in das manch alter Freunde, von denen ich mich eigentlich gar nicht trennen wollte.
Einige Monate lang teilte ich mir das Büro mit einer Kollegin, die zur Gruppe der Menschen gehörte, bei deren Erzählungen man leicht den Eindruck gewinnen konnte, sie müssten bereits zwei oder drei Leben gelebt haben. Sie hatte die halbe Welt bereist, mit den unterschiedlichsten Menschen in den verschiedensten Konstellationen zusammengearbeitet, sie hatte Menschen in kurzer Zeit sehr intensiv kennengelernt und genauso schnell wieder aus den Augen verloren. An manche war die Erinnerung geblieben, aber zahllose waren einfach an ihr vorbeigegangen.
Meine Kollegin mochte keine Abschiede – ich weiß nicht, ob sie sich davor fürchtete, aber ich glaube eher, dass sie die Wahrheit sprach, wenn sie sagte, dass sie Abschiedsworte absolut überflüssig fand. Sie verabscheute jede Form von Heuchelei und so war es ihre Philosophie, dass im Moment des Abschiedes bereits alles gesagt war, was es zu sagen gab, und man somit genau wisse, was man am anderen hatte oder möglicherweise auch verlieren würde. Ich mochte ihre Einstellung, denn ich sah sie in ihr selbst mit Leben gefüllt. Während ich aus den entlegendsten Ecken des Unternehmens an meinem letzten Arbeitstag Sympathiebekundungen zu hören und zu lesen bekam, verließ sie das Büro ganz einfach mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen alles Gute. Mehr gibt es nicht zu sagen, denn alles andere wissen sie.“
Ja, so gibt es diese Art der kurzen und dennoch inhaltsreichen Abschiedsworte, welche die vorangegangene gemeinsame Zeit in sich tragen, die schönen Momente schmecken lassen und der Beziehung nichts Neues hinzfügen, aber doch das bereits Gesagte und Gefühlte auf den Punkt zu bringen imstande sind.

[Plädoyer für die Unendlichkeit]
Doch manchmal braucht es auch einen Roman.
Nicht immer einen Geschriebenen, es reicht auch ein Gedachter oder einer, der sich in vielen kleinen Anekdoten ansammelt, die man mit einem Lächeln auf den Lippen und Zwinkern in den Augen oder aber auch tränenüberströmt vor Trauer dem besten Freund anvertraut. Das sind die Abschiede, zu denen man gezwungen wird. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist es kein beiderseitiges Abschiednehmen, wie ich es oben beschrieben habe. Um diesen Abschied zu vollziehen, muss ich mir in der Trauer die Reaktion und Antwort des anderen erst vorstellen und das kann Zeit und Kraft kosten. Vielleicht kann ich in einer Todesanzeige den Abschied in wenige Worte fassen, doch wenn anschließend nicht mehr der Mensch selbst, sondern nur noch die Erinnerung an ihn mich begleitet, dann stelle ich doch fest, dass Abschiednehmen nichts Punktuelles, sondern vielmehr etwas immer Wiederkehrendes ist. Gerade dann, wenn ich weiß, dass mich dieser Mensch in Gedanken niemals verlassen wird, füge ich mit jedem Erinnern und jedem Dank den Abschiedsworten eine Silbe hinzu.
Eine Trilogie dieser Abschiedsworte, über die ich auf verschiedenen Blogs gestolpert bin, habe ich hier zusammengestellt:

1 Jahr – In der Perlenwelt wird Theresa vermisst.
3 JahreEllen schreibt im Andenken an ihre Oma.
8 Jahre Susannah denkt an die Liebe ihres Lebens.

Vielleicht aber sind das dann auch schon keine Abschiedsworte mehr.

In diesem Sinne, auf bald!
Mathilda

Abschied IV: Curriculum vitae

Ich lebe mein Leben am liebsten von innen nach außen.

Vom ersten Moment der Geburt an, stürmen in dieser Welt viele Dinge auf einen ein, viele Eindrücke, Meinungen, Erfahrungen anderer Menschen, man sieht und schaut und ist heillos überflutet von allem, was es da draußen so gibt. Während man aufwächst, geben die Eltern, die Familie, die Schule einem einen Rahmen, an dem man sich entlanghangeln kann, sich festhalten, sich orientieren.

Und doch wird man sich schließlich lösen von den Vorgaben der Eltern, vielleicht auch irgendwann von ihren Erwartungen, sich lösen von dem, was die eigene Alterskohorte so macht und sich seinen eigenen Weg suchen.

Diese Entwicklung wird in der Jugendzeit und als junger Erwachsener von außen durchaus positiv bewertet. Einem Jugendlichen werden eine ganze Reihe an Experimenten und an Ausprobieren zugestanden. Auch die regulative Gruppe der Gleichaltrigen, der Schulfreunde und Nachbarskinder hat, trotz mancherlei Neid und Angriffen, meist Respekt davor, wenn jemand „sein eigenes Ding“ macht und sich traut, einen neuen Weg zu gehen.

Und so fühlt man sich gut auf dem selbstgewählten Weg, ein wenig stolz, ein wenig erhaben, auf jeden Fall stark in der eigenen Entscheidung. Das Umfeld ist nachsichtig und großzügig mit einem, man kann sich manchen Fehltritt erlauben, manch unvernünftigen und naiven Schritt tun. Es beobachtet einen, es gibt einem die Zeit.

Doch langsam und schleichend, man hat kaum damit gerechnet, tritt es mit all den tot geglaubten Erwartungen, den jemals in einen gesetzten Vorstellungen und Vorgaben wieder an einen heran. Vielleicht geschieht dies plötzlich und konfrontativ, oder aber man spürt es nur in den Nebensätzen, in den Blicken oder den schwindenden oder sich intensivierenden Kontaktbemühungen.

Bei einigen Menschen konnte ich diesen Vorgang aus der Ferne beobachten, ohne je in Erwägung zu ziehen, dass es mich genauso treffen würde. Viele haben sich angepasst, manche haben sich dem Einfluss entzogen, wenige stehen noch immer verwirrt und erschrocken da, gleich einem verängstigten Reh im Lichtkegel, von voll widerstreitenden Stimmen in ihrem Innern, und wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen.

Und ich?

Ich stelle fest, dass ich zu alt geworden bin, um mich herauszureden.
Zu sehr ich selbst, um noch zu beschwichtigen.
Ich habe zu viel hinterfragt, zu viel dekonstruiert, um an dein Luftschloss noch glauben zu können, oder vorzugeben, dass ich es mit dir teilen würde.
Vor weniger als einem Augenblick stand ich noch in einem Raum mit zehntausend offenen Türen. Doch jetzt und heute sehe ich, ich bin längst durch meine eigene Tür hindurchgegangen.
Und ich gehe nicht zurück.

Abschied III: Da wird mir das Herz schwer (und Verlosung)

Schon weit im Voraus zu wissen, wohin einen der nächste Ortswechsel führen wird, hat – wie die meisten Dinge im Leben (was für eine herrlich pauschale Einleitung ;-)) – seine angenehmen und weniger angenehmen Seiten. Anfangs beflügelte mich die Euphorie: Was würden wir nicht für eine schöne, neue Wohnung finden, endlich wieder bei diesen und jenen Freunden sein, ein neuer Arbeitsplatz sollte auch noch her, aber egal: Das wird schon und es wird großartig! Dass ein Neubeginn in einer anderen Stadt auch Abschied vom bisherigen Heim bedeutet, kam mir an dieser Stelle noch nicht in den Sinn…

Ein halbes Jahr später ging es dann jedoch los mit der Wehmut und Traurigkeit. Was veranlasst einen denn, einen Ort zu verlassen, an dem man alles hat? Freunde, mit denen man sich spontan zu einem Kaffee, zum Lernen, zum Herumhängen, zum Einkaufen,… zu einfach ALLEM verabreden kann. Eine Wohnung, die man nach mehreren Jahren endlich so eingerichtet hat, dass man sich richtig wohl fühlt. Eine Stadt mit Charme, unterschiedliche Ecken mit den verschiedenen Erinnerungen der letzten Jahre verbunden. Dazu einen Studienplatz an einer der besten Fakultäten, bei Dozenten, unter denen man schließlich und mit Mühen die angenehmen und kompetenten identifiziert hat.

All dieses LEBEN, das ich mir langsam und stetig aufgebaut hatte, nun so aus heiterem Himmel zurückzulassen… für eine ungewisse Zukunft an einem anderen Ort – das konnte mein Verstand kaum mehr begreifen und mein Herz wollte es nicht verstehen. Der Abschiedsschmerz überrollte mich und mir blieb nichts anderes übrig als: ihn aushalten.

Die tatsächliche Abschiedszeit dann bestand größtenteils aus Ablenkung. So vieles galt es zu organisieren, zu planen, der Terminkalender war gefüllt. Nach harter, aber schlussendlich erfolgreicher Wohnungssuche wurden Kartons gepackt, Dinge aussortiert, eine Abschiedsfete auf die Beine gestellt und Umzugshelfer gefunden.

Noch einmal alle Freunde beisammen zu haben und bei bestem Wetter eine wunderbare Zeit zu verbringen, hat mich sehr glücklich gemacht.

Abschied

…und ganz am Ende, nach dem Umzug, sitze ich in der neuen und schönen Wohnung und natürlich – wie sollte es auch anders sein? – kommen mir die Worte in den Sinn:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne
der uns beschützt und der uns hilft zu leben

Soweit zu meinen Umzugserfahrungen… nun aber noch zur ausstehenden Verlosung. Statt Zufallsgenerator aus dem Internet, befragte ich eine Person, die sich zufällig in der Nähe aufhielt: „1, 2 oder 3?“ und nachdem die Antwort „Natürlich die 1!“ lautete, kann ich sagen:

Liebe Anne, du hast gewonnen :-)
Bitte schreib mir doch, welchen Gewinn du bevorzugst und wohin dieser geschickt werden soll!

An die beiden anderen: Danke auch euch für eure Kommentare! Ich drücke euch im nächsten Jahr die Daumen ;-)

Liebe Grüße!

Mathilda

Abschied II: Zitate aus dem „Glasperlenspiel“ (Hesse)

Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich hier mal Hesse zitieren würde, doch zwei Stellen zum Thema Abschied haben mich sehr angesprochen und ich möchte sie gerne mit euch teilen.

Nachdem der Meister den Brief gelesen hatte, in welchem die Behörde sein Gesucht abschlägig beschied, spürte er ein leises Schaudern, ein Morgengefühl von Kühle und Nüchternheit, dass ihm anzeigte, die Stunde sei gekommen, und es gebe nun kein Zögern und Verweilen mehr. Dies eigene Gefühl, das er „Erwachen“ nannte, war ihm von den entscheidenden Augenblicken seines Lebens her bekannt, es war ein belebendes und zugleich schmerzliches, eine Mischung von Abschied und Aufbruch, tief im Unbewußten rüttelnd wie ein Frühlingssturm.

– – –

Fröhlich verließ er die Zelle, unterwegs in den nächtlich leeren Gängen und Höfen der Siedlung kam der Ernst ihm wieder, der Ernst des Abschieds. Abschiednehmen weckt stets Erinnerungsbilder, und ihn suchte auf diesem Gange die Erinnerung an jenes erste Mal heim, da er, noch ein Knabe, als neu eingerückter Waldzeller Schüler seinen ersten ahnungs- und hoffnungsvollen Gang durch Waldzell und den Vicus Lusorum getan hatte, und nun erst, inmitten der nachtkühlen schweigenden Bäume und Gebäude, spürte er durchdringend und schmerzlich, daß er dies alles nun zum letztenmal vor Augen habe, zum letztenmal dem Stillwerden und Einschlummern der tagsüber so belebten Siedlung lausche, zum letztenmal das kleine Licht überm Pförtnerhaus sich im Brunnenbecken spiegeln, zum letztenmal das Nachtgewölk über die Bäume seines Magistergartens ziehen sehe.

Abschied I: Wie Falschgeld

In ihrem neuen Zimmer (oder besser: neuem Leben?)
packt sie einige Sachen
will sich mit ihren Freundinnen treffen

Wie Falschgeld stehe ich herum und lasse
meinen Blick über die neue Einrichtung schweifen,
die mit Achtsamkeit ausgewählten Gegenstände
manch Überbleibsel aus ihrem alten Zimmer (oder besser: altem L….?),
dessen Geschichte mir wohl vertraut

Weiße Schnörkel, eine
beerenfarbene Wand
selbstgestaltete Collage
über Marie Antoinette
übers Frau sein und
Mädchen werden

ein halbes Leben habe ich mit ihr geteilt
mitgefühlt, gelacht, geweint

ein Zimmer für Mädchenherzen
das mir fremd geworden ist

ich muss die Mauern noch höher ziehen,
um mein Herz zu schützen

noch ein Blick

Sorgsam aufgestellte
Parfümflaschen stehen
auf einem kleinen Tisch
ein Flakon fällt mir ins Auge
er trägt eine kleine Rose als Verschluss

Gedankenverloren
sprühe ich den Duft auf mein
Handgelenk und rieche –

Wir müssen los
„Schön war es, dich zu treffen“ (zu mehr reichen die Worte nicht)
Ich reiche ihr die Tasche
„Bis dann“ (was soll man schon sagen)
und steige in mein Auto –

Der Duft umfängt mich
noch
rieche ich die Rose
während ich in die Nacht hinein fahre
Sie haftet mir an

Oh Rose, so stolz und so schön
du bist
dein Duft trägt mich,
umhüllt sanft die harten Mauern, die du nicht siehst
und schon lange nicht mehr überwindest,
und berührt mein Herz
ein letztes Mal.

denn ich stand in einem Zimmer für Mädchenherzen
doch für mein Mädchenherz war kein Platz mehr.

„Abschied ist die innigste Form menschlichen Zusammenseins.“

Hans Kudszus

Dieses Zitat soll der Start in eine thematische Reihe sein, der ich die folgenden Beiträge widmen möchte. Das Thema ist Abschied… Abschied von einer Freundschaft, Partnerschaft, von der neu gewonnenen Heimat oder von als Illusion erkannten Selbstbildern. Ich bin noch nicht sicher, was mir dazu noch alles so einfallen wird.

Aufgrund vieler Umzüge und Umbrüche habe ich in meinem Leben schon einige Abschiede hinter mich gebracht… auch Abschiede für immer oder zumindest für ein: bis in den Himmel. Manches Mal gab es aber auch unverhoffte Wiedersehen oder ein Wieder-Zusammenfinden mit einer verloren geglaubten Person.

Der Abschied von einem Menschen, den man lieb gewonnen hat, steht meist in der Spannung zwischen Freude und Dankbarkeit für die gemeinsam verbrachte Zeit und Traurigkeit über die bevorstehende Trennung. Gustave Flaubert schreibt dazu: „Beim Abschiednehmen kommt ein Augenblick, in dem man die Trauer so stark vorausfühlt, dass der geliebte Mensch schon nicht mehr bei einem ist.“

Ich bin gespannt, wohin mich dieses Thema in den nächsten Wochen so treiben wird! Seid gerne ein Teil davon und schreibt mir eure Meinung oder Geschichte.

Eure Mathilda

PS. … und nicht die Verlosung vergessen! :-)