Sollen wir den Mond aussperren?

Es war ein Geschenk gewesen, dich noch einmal bei mir zu haben. Mich von deinem Atem durch die Nacht tragen zu lassen. Du warst mein Anker in dieser Nacht; meine Hoffnung, dass es auch für mich ein neues Leben geben würde. Während ich mich schlaflos und unruhig von einer Seite auf die andere wälzte, keine Ruhe findend, angestrengt und hilflos, lagst du einfach neben mir und schliefst deinen sanften, leichten Schlaf. Ich kämpfte gegen die wachsende Verzweiflung angesichts der Schlaflosigkeit, aber ich wollte mich von ihr nicht überrumpeln lassen. Leise flüstertest du mir zu: „Sollen wir den Mond aussperren?“ Doch ich schüttelte bloß den Kopf. Das Mondlicht hatte mich noch nie gestört. Als Kind hatte ich mich, wenn ich nicht schlafen konnte, manchmal verkehrt herum ins Bett gelegt. Daran erinnerte ich mich nun und rollte mich schließlich am Fußende des Bettes zusammen, lag als menschliches Knäuel zu deinen Füßen und fand zunächst etwas Erholung in einem tiefen Gähnen bis mir endlich die Augen zufielen. Es waren nur wenige Stunden bis zum Morgen, irgendwann fiel ich wie üblich in ein Alptraumloch und fand den Weg nicht mehr hinaus. Meine Hand hielt das Kissen fest umfasst, sie war zur Faust geballt und schmerzte beim Aufwachen. Du ahntest nichts von meinem Unheil, zogst mich einfach nur an dich heran und deine Wärme und Zärtlichkeit bahnten mir sacht einen Weg in den Tag.

Kein Arm, der sich um dich legt

Kein Arm, der sich um dich legt
Nachts
Kein sanfter Herzschlag
Neben dir
Kein zweiter Atem, der dich trägt
Ruhig und tief

Keine Hand auf deiner Brust
Keine Brust unter deiner Hand

eines Menschen, der dich warm hält,
eines Menschen, den du warm hältst
(und über dessen Schlaf du wachst,
wenn du selbst nicht schlafen kannst)

Alleine atmen
Wachen
Schweigen und
nur dem eigenen Herzschlag lauschen

Nächste Woche dann.

Wir stehen uns gegenüber und es sieht ganz nach Smalltalk aus. Unverbindliches Geplauder zweier Menschen, die sich erst seit ein paar Minuten kennen. Doch wir wissen beide ganz genau, wohin diese Kiste läuft. Wäre ich noch 20, hätte ich wohl Schmetterlinge im Bauch und weiche Knie. So genieße ich die Spannung zwischen uns, wir brauchen keine tiefen Blicke, keine zufälligen Berührungen, wir sind uns fremd und verstehen uns auch so.

Noch ein paar Sicherheitschecks, banale Fragen, die das Bild komplettieren, Fragen, um sich selbst zu bestätigen, dass die Einschätzung stimmt. Für andere muss das nun erst recht den Eindruck von Smalltalk erwecken.  „Wie alt bist du?“, frage ich. „28“, sagt er. Er sieht so jung aus. So nach gerade erst von zuhause ausgezogen, nach Studentenbude. „Wie lange wohnst du schon hier?“, fragt er. „Seit 2 Jahren“, sage ich. Ich war nur selten in diesem Teil der Stadt. Unsere Fragen beschränken sich auf das Nötigste, wozu das Gespräch künstlich in die Länge ziehen? Nächste Woche dann. Wir sehen uns.

Da rückt er plötzlich noch heraus mit einer Ansage, bewusst gewählte und mit Nachdruck vorgetragene Worte. Drei Sätze sind es nur, zum Thema Ehrlichkeit und nicht verarscht werden wollen. Während er sie spricht, sehe ich eine Verletzlichkeit, die ihn jünger und reifer zugleich erscheinen lässt. Ich nicke und antworte schneller als ich es selbst erwartet hätte. „Ich bin…“ mein Mund bringt das Wort nicht heraus, ich zögere. „…verheiratet“, beendet er meinen Satz. Woher hat er das gewusst? Sehe ich so vergeben aus, so alt, hat er in der Kürze der Zeit meinen Ring bemerkt? Recht hat er allemal. „Ja“, sage ich. „Das heißt, wenn du etwas Ernsthaftes suchst, eine Beziehung, etwas Längerfristiges, dann bin ich nicht die Richtige für dich. Dann wird das hier nichts.“ Ich sage das ohne Augenzwinkern oder Schäkern, ernsthaft und ruhig, wie du mir, so ich dir.

Sein Gesicht verrät mir keine Enttäuschung, keine Gefühlsregung, der Kerl ist gut. Wir verabschieden uns und er nickt mir zu. Nächste Woche dann. Wir sehen uns.

Spuren einer Nacht

cause everywhere we’ve been

der Kontoauszug mit der Abhebung am falschen Tag zur falschen Zeit

we have been leaving traces

eine verlorene Rückfahrkarte, die Tage später auf einmal im Flur auf dem Boden liegt

they won’t ever dissappear

der kopierte Text im Zwischenspeicher des Handys

we were here

die Menge an Bargeld im Geldbeutel, so viel Münzen hast du doch sonst nie

we were here

feuchte Schuhsohlen im Schrank, obgleich die Straßen schon wieder trocken sind

we were truly here


[BOY: We were here]

Unter deiner Hand

Du sitzt auf meinem Brustkorb und legst mir sanft und bestimmt die Hand über die Augen. Deine Finger sind zu einer glatten Fläche geschlossen, die sich langsam über die obere Hälfte meines Gesichts schiebt. Fast zärtlich streicht dein Daumen über meine Wange und Dunkelheit umhüllt mich als warme, weiche Berührung. Ich fühle mich so sicher unter deiner Hand.

Spätsommer II

[Spätsommer I]

„Puh, wie gut, dass die Meute nun unterwegs ist!“, seufze ich und lasse mich in einen der gemütlichen Korbsessel auf der Terrasse fallen. Abgesehen von ein paar Großeltern und Großtanten ist der Saal nahezu leergefegt, einige Helferinnen räumen noch die Kuchenreste in die Küche und das Brautpaar genießt mit seinen Gästen einen Spaziergang durch den weitläufigen Park. Ich beschließe, den Moment für eine kurze Verschnaufpause zu nutzen, gleich geht es weiter, die Luftballons müssen noch aufgeblasen werden, doch dafür brauche ich die Hilfe der Küchenmädels und so schließe ich noch für ein paar Sekunden meine Augen und strecke mein Gesicht der Sonne entgegen. Die Wärme hüllt mich ein, es ist ein perfekter Spätsommertag, mit dem großen Zeh schiebe ich mir die Schuhe von den Füßen und lege meine Beine auf den nächstbesten Sessel.

Innerhalb von Minuten erfasst mich eine wohlige Trägheit und Entspannung. Ich greife nach dem Wasserglas und trinke einen großen Schluck. Als ich es zurück auf den Tisch stelle, höre ich jemanden aus dem Saal treten. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass du es bist. Mein Herz schlägt alarmierend laut in meiner Brust. Ich lege den Kopf ein wenig schief und schmunzle über mich selbst. Die Alarmfrequenz funktioniert also noch. „Na, auch noch da?“, höre ich dich fragen und kurz darauf sitzt du auch schon im Korbsessel neben mir. Eine Kinnbewegung und ein Lächeln müssen als Antwort reichen. Du lächelst zurück und beim Anblick deiner Grübchen muss ich breit grinsen: „Wolltest du nicht mit spazieren gehen?“ Die Frage verlangt keine Antwort. Schweigend sitzen wir nebeneinander und schauen in den sommergrünen Park. Endlich einmal Ruhe und Zeit zu zweit, denke ich, der Augenblick hätte nicht besser gewählt sein können, um die Funken an Emotion und Erinnerung in Balance zu bringen.

Als die anderen Mädels schließlich schwatzend auf die Terrasse treten und mir das Signal geben, dass wir mit den Luftballons anfangen können, haben wir kaum drei Worte miteinander gewechselt. Dennoch kommt es mir wie das Aufwachen aus einem tiefen Gespräch vor. Beinah etwas benommen schlüpfe ich in meine Schuhe und spüre deinen Arm an meinem, als du fast zeitgleich mit mir aufstehst. Ein Blick in deine Augen genügt, um zu sehen, dass die Berührung für dich ebenso elektrisierend ist. Hellwach schauen wir uns an, ich atme tief ein und keiner von uns will seinen Blick zuerst abwenden. Die Mädels rufen noch einmal nach mir. „Geh schon“, sagst du und nickst mir zu. Doch als ich mich umdrehen will, hält deine Hand mich fest. Für einen kurzen Moment schiebe ich meine Wange an deine und flüstere dir ein „Bis später“ ins Ohr. Leichtfüßig hüpfe ich die Treppen zum Saal hinauf.

Spätsommer I

Drei Jahre sind seit dem Fest vergangen, vier sind es seit dem Moment, der mir zum Verhängnis wurde. Warum müssen wir uns immer in Gegenwart so vieler anderer Menschen wiedersehen? Erneut ist es ein Fest, an dem wir uns begegnen, noch dazu kein Beliebiges, sondern eines, bei dem ich alle Hände voll zu tun habe. Immerhin bin ich Trauzeugin, beste Freundin der Braut und habe monatelang mit ihr auf diesen Tag hingefiebert, geplant, und vorbereitet.

So kann ich mich kaum noch an den Moment erinnern, als ich deinen Namen auf der Gästeliste sah. Hinter dem Basteln der Einladungen, der vierten Anprobe des Kleides und dem Falten der Tischdeko ging mir der Gedanke an dich unerwartet verloren. Selbst gestern Abend war es die Aufgabe eines anderen, die Tischkärtchen aufzustellen, sodass ich beim Verteilen der Kerzen und kleinen Marmeladengläser gar nicht mehr auf die Namen geachtet habe. Ich weiß, wo ich sitze, und ich weiß auch, was ich heute zu tun habe.

Dieses Mal erwischt mich kein Magnetblick. Ich sehe dich erst, als wir von der Kirche schon zur Location gefahren sind, habe nicht einmal wahrgenommen, wann oder mit wem du gekommen bist. Im Flur stoßen wir fast zusammen, was vermutlich auch nötig ist, damit ich dich wiedererkenne. Gesund siehst du aus, hast dir die alte, athletische Statur zurückerobert, die Piercings wieder abgelegt und dich für den Festtag herausgeputzt. Doch nicht die Äußerlichkeiten sind es, an denen ich hängen bleibe, nicht das Hemd oder die schicken Schuhe. Dein ganzes Auftreten hat sich verändert und die Souveränität, mit der du dich bewegst, nimmt mich auf der Stelle für dich ein.

So stolpere ich dir beinahe in die Arme, eine Schrecksekunde, und dann erwidere ich dein breites Grinsen: „Ah, du bist ja auch hier!“ Du nickst und musterst mich unbekümmert von Kopf bis Fuß. Ich habe keine Zeit für Nervositäten und lächle dich an. „Ich muss weiter. Wir sehen uns!“, sage ich und du rufst mir ein „Bis später!“ hinterher. Zielstrebig gehe ich zu meiner Freundin, die schon nach mir Ausschau gehalten hat, weiche gekonnt Tischen, Stühlen und der Verwandtschaft aus – und doch wird mir bereits beim fünften Schritt bewusst, dass mich etwas zurückhält. Dieser fröhliche und holprige Moment eben, wohin wird er uns dieses Mal führen? Im Grunde stehe ich immer noch im Flur und auch wenn ich es nicht wage, mich noch einmal umzudrehen, könnte ich schwören, dass du mir gerade hinterhersiehst.

[Spätsommer II]

Jugendliebe

Ich wäre gern deine Jugendfreundin gewesen. 

Diese Beziehung mit 15 oder 16, die lang genug dauert, dass man den anderen wirklich versteht, und die früh genug endet, dass man nach einem Haufen Herzschmerz mit 20 schon wieder sacht befreundet sein kann. Diese jugendliche Liebe, bei der jedem Außenstehenden auf den ersten Blick klar ist, dass sie nicht ewig hält, und bei der dennoch alle die Klappe halten, weil du ja noch so jung bist.

Wem man mit 15 ins Herz geblickt hat, den versteht man ein ganzes Leben.

Sommerabend, schmerzfrei

„Also dann, mach’s gut, bis bald!“
– „Danke, wir sehen uns, tschüß!“

Unsere Verabschiedung ist freundlich und unaufgeregt. Schon in wenigen Tagen werden wir uns wiedersehen. Ich ziehe die Tür hinter mir zu und sie fällt sanft ins Schloss. Tief atme ich die kühle Nachtluft ein. „Hier bin ich“, flüstere ich in Gedanken. „Schmerz, mein alter Freund, wo bleibst du?“

Er ist wirklich zum Freund geworden in den letzten Jahren. Zumindest ebenso zuverlässig und vertraut, wie ich Freunde gern habe. Meist erscheint er schon beim Aufstehen vom Tisch, beim „Tschüß“-Sagen, beim Zuziehen der Tür. Spätestens aber begrüßt er mich im Auto auf der Heimfahrt. Hier haben wir uns kennengelernt, der Schmerz und ich. Ein Stechen in der Brust und ein bleischweres Herz. Er wurde mir vertraut, noch ehe ich wusste, woher er kam. Jahrelang fuhr er mit mir mit, ohne sich zu erklären, und eher durch Zufall fand ich eines Tages heraus, was es mit ihm auf sich hatte. „Hallo, Schmerz“, flüstere ich in die Nacht. „Wo bleibst du denn? Mein Herz ist noch so leicht und warm.“

Den Schlüssel in der Hand gehe ich zum Auto. Die Grillen zirpen, der Kies knirscht unter meinen Füßen. Die Behaglichkeit bleibt. Ich packe meine Tasche auf den Beifahrersitz und schalte das Radio an. Ein 80er-Jahre-Lied, sehnsuchtsvoll, doch selbst das verfehlt seine Wirkung. Mein Schmerz lässt mich alleine, das Herz bleibt leicht und zum ersten Mal fahre ich frei wie ein Vogel in die Nacht hinein.

Abschiedsgruß

Und dann, eines Tages, höre ich auf, für dich zu schreiben. Ich entlasse dich in dein eigenes Leben. Der Spalt zwischen dir und meinem fiktiven Du ist zu groß geworden, als dass ich noch einfach so hinüberspringen könnte. Lange Zeit hatte ich Angst davor, dass sich dieser Moment wie ein Verlust anfühlen würde, dass mir damit quasi die andere Hälfte der Welt verloren ginge. Doch nun stehe ich da, mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen, und ohne Angst vor dem Abgrund, der sich vor mir auftut. Denn hinter mir liegt ein großes, weites Land, das es zu entdecken und zu bebauen gilt. Mein eigenes Land.

Du & ich

Überrascht bemerke ich, dass ich dir gegenüber bald mehr Loyalität entwickelt habe als gegenüber dem alten Freund, der uns damals vorgestellt hat. Es liegt wohl daran, dass ich dir in unseren Gesprächen so zugeneigt bin, mich so auf dich einlasse und dich zu verstehen suche. Natürlich sind das nur einzelne Momente, beinahe losgelöst von Zeit und Alltag, ohne Anbindung und doch im Netz des Lebens verwoben. Ich bin dankbar für die Begegnung mit dir, den warmen Blick und die Ruhe zwischen uns. Andere Menschen mögen mir über dich erzählen, was sie wollen, es berührt mich nicht einmal.

Ahnung V

[Beginn: Ahnung I]

Irgendwann wird es wohl keine Erklärung mehr zwischen uns brauchen. Wir werden immer wortkarger mit den Jahren, der Hauch der Ahnung ist verflogen, weich legt sie sich auf das Loch in meinem Herzen und mildert das Pochen ein wenig ab. Der Spaziergang zu zweit war uns verwehrt, ich habe geschwiegen und du bist deinen eigenen Weg gegangen. Mein Mantra hat mich durch die Jahre getragen, hat mich das Lächeln deiner Augen aushalten lassen und mir eine dünne Decke über die nackte, bloße Sehnsucht gezogen. Ich lächle immer noch zurück, ich lächle dich an, wie wir nun mit gealterten Körpern voreinander stehen, immer noch den gleichen Menschen sehen, immer noch die besten Freunde sind. Uns genügt ein Blick, ein Händedruck, eine stets geöffnete Wohnungstür – und ich vermag kaum zu glauben, dass du das so offensichtlich Verborgene nie gesehen hast.

Ahnung IV

Lars hat Geburtstag. Die Party beginnt zwar erst um sieben, doch als beste Freundin habe ich angeboten zu helfen und stehe nun vollbepackt mit Tüten und Taschen vor der Tür. In der linken Hand habe ich ein Tablett mit Donauwelle, in der rechten einen Sixpack Bier und in meiner Brust ein klopfendes Herz. Also klingle ich mit dem Ellenbogen und höre glücklicherweise kurz darauf den Summer. Marcel ist auch schon da und sprintet die Treppen herunter. Er nimmt mir die Donauwelle und meine Umhängetasche mit Wein und Knabberzeug ab und zusammen gehen wir nach oben.
Kaum habe ich meine Sachen halbwegs verstaut und Tim begrüßt, sehe ich auch schon Lars mit dem Rücken zu uns am Herd stehen. Er trägt das gleiche Tshirt wie vor drei Jahren bei der Faschingsparty. Wann wird mir so etwas wohl nicht mehr auffallen? In geübter Manier schiebe ich den Gedanken zur Seite. „Hey, Geburtstagskind!“, rufe ich. „Willst du nicht deinen Lieblingsgast begrüßen?“ Lars lacht und streckt den Kopf zur Küchentür raus. Ich breite die Arme aus und drücke ihn kurz an mich. „Alles Gute!“ Seine Augen lächeln mich wie immer an. „Danke!“, sagt er und zieht mich mit sich in die Küche. „Du kommst gerade rechtzeitig zum Gemüse schneiden! Ich brate schon das Hackfleisch an.“
Wie von selbst greifen meine Hände zum Schneidbrett, ziehen das passende Messer aus dem Messerblock und ehe ich mich recht versehe, befindet sich eine köstlich duftende Gemüselasagne neben ihrer Fleischvariante im Backofen. Einmal mehr stelle ich fest, wie zuhause ich mich hier fühle. Ich kenne diese Küche bald genauso gut wie meine eigene, ich weiß, welche Töpfe in welchem Schrank stehen, welches Messer am besten schneidet und wo sich die selten gebrauchten Backutensilien befinden. In den letzten Jahren habe ich so viel Zeit bei Lars und Tim verbracht, dass es geradezu an ein Wunder grenzt, dass ich noch keinen Wohnungsschlüssel besitze. Dennoch blieb mir kurz die Luft weg, als voriges Jahr einer von Tims Freunden davon ausging, dass Lars und ich ein Paar seien. Mittlerweile habe ich mir auf derlei Vermutungen ein kopfschüttelndes Grinsen angewöhnt und atme einigermaßen gleichmäßig weiter.
Als schließlich die große Meute eintrifft, haben die drei Jungs und ich schon einige Küchenbier intus. Sophie begrüßt mich mit einem dicken Schmatzer auf die Backe und wie gewöhnlich lasse ich mich von ihr zu einer Runde Sekt überreden. Lars sitzt bereits inmitten seiner Freunde im Wohnzimmer und freut sich wie ein Schneekönig über ein neues Brettspiel und eine Box mit Tabletop Miniaturen. Von Sophie und mir gibt’s ein Cards against humanity-Set, das sich – nachdem die Lasagne vertilgt und das Kuchenbuffet geplündert ist – noch zum Hit des Abends entwickelt. Und während Marcel mit den witzigsten Antworten brilliert und Laura schon einen dicken Stapel gewonnener Karten vor sich hat, während Tim zum hundertsten Mal die Miniaturen bewundert und Sophie zum zweihundertsten Mal die Augen darüber verdreht, während Lars und ich uns ein Wortgefecht nach dem anderen liefern, bis wir schließlich lachend unter dem Tisch liegen, zwingt mein Verstand die innere Unruhe nieder, versteckt meinen Schmerz hinter kecken Worten, ignoriert das Stechen in der Brust und den Kloß im Hals und wiederholt ununterbrochen: Hör auf, zu schreien, Herz, hör auf, zu schreien.

[Ahnung V]