Spätsommer II

[Spätsommer I]

„Puh, wie gut, dass die Meute nun unterwegs ist!“, seufze ich und lasse mich in einen der gemütlichen Korbsessel auf der Terrasse fallen. Abgesehen von ein paar Großeltern und Großtanten ist der Saal nahezu leergefegt, einige Helferinnen räumen noch die Kuchenreste in die Küche und das Brautpaar genießt mit seinen Gästen einen Spaziergang durch den weitläufigen Park. Ich beschließe, den Moment für eine kurze Verschnaufpause zu nutzen, gleich geht es weiter, die Luftballons müssen noch aufgeblasen werden, doch dafür brauche ich die Hilfe der Küchenmädels und so schließe ich noch für ein paar Sekunden meine Augen und strecke mein Gesicht der Sonne entgegen. Die Wärme hüllt mich ein, es ist ein perfekter Spätsommertag, mit dem großen Zeh schiebe ich mir die Schuhe von den Füßen und lege meine Beine auf den nächstbesten Sessel.

Innerhalb von Minuten erfasst mich eine wohlige Trägheit und Entspannung. Ich greife nach dem Wasserglas und trinke einen großen Schluck. Als ich es zurück auf den Tisch stelle, höre ich jemanden aus dem Saal treten. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass du es bist. Mein Herz schlägt alarmierend laut in meiner Brust. Ich lege den Kopf ein wenig schief und schmunzle über mich selbst. Die Alarmfrequenz funktioniert also noch. „Na, auch noch da?“, höre ich dich fragen und kurz darauf sitzt du auch schon im Korbsessel neben mir. Eine Kinnbewegung und ein Lächeln müssen als Antwort reichen. Du lächelst zurück und beim Anblick deiner Grübchen muss ich breit grinsen: „Wolltest du nicht mit spazieren gehen?“ Die Frage verlangt keine Antwort. Schweigend sitzen wir nebeneinander und schauen in den sommergrünen Park. Endlich einmal Ruhe und Zeit zu zweit, denke ich, der Augenblick hätte nicht besser gewählt sein können, um die Funken an Emotion und Erinnerung in Balance zu bringen.

Als die anderen Mädels schließlich schwatzend auf die Terrasse treten und mir das Signal geben, dass wir mit den Luftballons anfangen können, haben wir kaum drei Worte miteinander gewechselt. Dennoch kommt es mir wie das Aufwachen aus einem tiefen Gespräch vor. Beinah etwas benommen schlüpfe ich in meine Schuhe und spüre deinen Arm an meinem, als du fast zeitgleich mit mir aufstehst. Ein Blick in deine Augen genügt, um zu sehen, dass die Berührung für dich ebenso elektrisierend ist. Hellwach schauen wir uns an, ich atme tief ein und keiner von uns will seinen Blick zuerst abwenden. Die Mädels rufen noch einmal nach mir. „Geh schon“, sagst du und nickst mir zu. Doch als ich mich umdrehen will, hält deine Hand mich fest. Für einen kurzen Moment schiebe ich meine Wange an deine und flüstere dir ein „Bis später“ ins Ohr. Leichtfüßig hüpfe ich die Treppen zum Saal hinauf.

Lob des Junggesellinnenabschieds

Da 140 Zeichen manchmal einfach nicht ausreichen, gibt es hier nun meine ausführliche Antwort zum Thema Junggesell(inn)enabschied. Los ging’s auf Twitter mit dem Statement von @FrauAuge

und anschließend schlugen einige ähnliche Töne an bis hin zu folgendem Kommentar der @stadtpoetin:

Nachdem ich diesem Tenor heftig widersprochen hatte, möchte ich nun ein wenig von meinem eigenen Junggesellinnenabschied erzählen und warum ich es genau so auch wieder machen würde:

Mein Junggesellinenabschied hatte zunächst einmal eine Vorläufer-Veranstaltung: Das Team-Braut-Treffen. Als mein Mann und ich uns entschlossen, zu heiraten, suchte ich mir wie die meisten Verlobten unter meinen Freundinnen eine Trauzeugin aus. Schnell war jedoch klar, dass mich bei den Hochzeitsvorbereitungen mehr als nur diese eine Freundin unterstützen würde, und um diesen Einsatz zu würdigen und ihm einen Rahmen zu geben, gründete ich das „Team Braut“ und lud all meine Mädels zu einem knallrosa Treffen ein. Hintergrund für den vielen rosa Kitsch war, dass mein Mann und ich auf gar keinen Fall eine rosa-Kitsch-Hochzeit haben wollten (ich bin auch echt nicht der Typ dafür) und ich aber – ähnlich wie neulich beim Valentinstag – große Lust hatte, dem rosa Trend aus all den Hochzeitsmagazinen an einem einzelnen Tag doch mal eine Spielwiese zu geben. Am Team-Braut-Treffen lernten sich also einige meiner Freundinnen kennen, bei denen das bisher noch nicht der Fall war, es war trotz rosa Kitsch eine starke, „empowernde“, weibliche Gemeinschaft und wir planten einigen organisatorischen Kram und sprachen über Singlesein, Beziehungen und übers Heiraten.

Einige Monate später organisierten eben diese Freundinnen meinen Junggesellinenabschied. Samstagmorgens ging es los, meine Trauzeugin hatte den Kleinbus ihrer Eltern ausgeliehen und sammelte nach und nach alle auf der Strecke ein. Zunächst gab es im WG-Haus meiner liebsten Freundin Milla eine kleine Stärkung und ein fröhliches Umziehen und Stylen. Die Mädels hatten T-Shirts bedruckt, die wie Band-T-Shirts aussahen und den Titel der Zeitschrift trugen, die wir mit 18, 19 Jahren selbst gestaltet und herausgegeben hatten. Vorne war mein Gesicht zu sehen, nicht als Foto, sondern so wie es in einer Ausgabe auf dem Cover zu sehen war. Hinten waren als Tourdaten die Kennenlerndaten und Meilensteine in der Beziehung meines Mannes und mir aufgeführt. Hier also keine Spur von „letzter Abend in Freiheit“, sondern eine liebevolle und aufrichtige Anteilnahme an meinem bisherigen Lebensweg alleine und mit den Mädels (Zeitschrift) sowie mit meinem Mann (Tourdaten). Das T-Shirt hat für mich ausgedrückt, dass meine Freundinnen mich wirklich gut kennen, dass sie mich auf meinem bisherigen Weg begleitet haben und das auch weiterhin tun werden, ja, es war für mich eine Zusage zu mir als Person mit allen Entscheidungen, die ich treffe, und ein Ausdruck der Freundschaft, die nicht mit der Hochzeit aufhört, sondern auf die ich mich immer verlassen kann.

Weiter ging es zum bereits erwähnten Lasertag, das für mich eine gelungene Überraschung war. Frau Auge fragte mich ja, was ich denn am JGA unbedingt machen wollte, und auch wenn ich es im Voraus nicht wusste, dann war es doch genau so eine Aktion. Natürlich kann man auch einfach so mit Freunden Lasertag spielen gehen, doch wir hätten es wohl in dieser Konstellation nicht auf die Reihe bekommen. Noch dazu liebe ich Überraschungen und mit dieser haben mir meine Freundinnen eine echte Freude gemacht. Wir hatten alle zusammen viel Spaß! (Mit dem Alkohol haben wir erst danach angefangen ;))

Anschließend fuhren wir in die nächstgrößere Stadt, in der es diesen klassischen JGA gab, den ja anscheinend sehr viele Menschen ganz furchtbar finden: Wir tranken Sekt, ich hatte einen Bauchladen und die ein oder andere kleine Aufgabe zu lösen. Diesen Teil des JGA wollte ich tatsächlich gerne haben, ja, man macht sich ein wenig (oder auch ein wenig mehr) zum Affen, doch ich wollte es einfach ausprobieren und quasi mal raus aus meiner persönlichen Comfort Zone. Meine Freundinnen haben mich tatkräftig beim Verkaufen der ganzen Kleinigkeiten unterstützt und ich habe selbst sehr darauf geachtet, nur Menschen anzusprechen, die mir auch freundlich zugewandt waren. (In meiner Heidelberger Studentenzeit habe ich es nämlich gehasst, in der Fußgängerzone immer wieder zwangsweise in JGA hineinverwickelt zu werden!) Was ich dabei erlebt habe, war einfach großartig: Unglaublich freundliche und offene Menschen, die mich beglückwünschten, mir großzügig den größten Plunder abkauften, die mir von ihren eigenen Hochzeiten, geglückten und gescheiterten Ehen erzählten und mir für meine Ehe alles Gute wünschten. Für diese Begegnungen bin so dankbar, vielleicht kann man die Erfahrung ein wenig mit Aktionen wie „Free Hugs“ vergleichen: Fremde Menschen, die es gut mit dir meinen. Außerdem hatten wir natürlich einfach Spaß zusammen, haben mit einem Männer-JGA geflirtet und ich durfte einem Fremden einen Kussabdruck verpassen, es war lustig und vielleicht alles ein bisschen wilder und verrückter als sonst.

Als uns vom vielen Laufen irgendwann die Füße weh taten und es auch schon langsam dämmerte, gingen wir in ein Lokal zum Essen, hauten dabei das durch den Bauchladen eingenommene Geld für Getränke auf den Kopf, und entspannten uns ein wenig. Danach zogen wir nämlich los zum Tanzen in einen Club, der an sich gar keine Junggesellenabschiede reinließ, uns aber aufgrund unserer Band-T-Shirts nicht als JGA erkannte. Die Gäste im Club allerdings verstanden schnell, dass wir ein JGA waren, und immer wieder kamen fremde Menschen auf mich zu, gratulierten mir und wünschten mir eine schöne Hochzeit und eine gute Ehe. Das war einmal mehr herzerwärmend!

Nach einer Übernachtung im WG-Haus und einem gemütlichen Frühstück machten wir uns am nächsten Morgen wieder alle auf den Weg nach Hause.

Und nun?

Ich sehe nicht, an welcher Stelle mein JGA eine Panikreaktion war, die Ehe als Gefängnis darstellte oder ein „letzter Abend in Freiheit“ zelebriert wurde. Es war auch in der Tat nicht der letzte Abend, an dem ich Spaß mit meinen Mädels hatte – im Gegenteil: Er hat unsere Freundschaft gestärkt, einige Freundinnen haben sich zum ersten Mal kennengelernt, und mir wurde im Lauf der beiden Treffen quasi genau das Gegenteil von dem bewusst, was JunggesellenABSCHIED vorgeblich sein soll: Dass ich mich als nicht durch die Ehe als ehemals eigenständige Person in eine Zweierbeziehung auflöse, sondern dass ich ein eigener Mensch mit eigenen Vorlieben, Interessen und auch eigenen Freundinnen bleibe. Dass ich mich auf diese Frauenfreundschaften verlassen kann, dass sie mich lieben und bei den großen Entscheidungen meines Lebens zu mir stehen und mich unterstützen. Dass sie den Weg mit mir gehen werden und die Hochzeit nicht das Ende unserer Freundschaften ist (was für ein schräger Gedanke!).

Insofern denke ich sehr gerne an meinen Junggesellinnenabschied zurück und denke mittlerweile auch, dass gerade die manchmal vielleicht auch von Unsicherheiten und Zweifeln geplagte Phase der Hochzeitsvorbereitung diese bestärkende, freundschaftliche Erfahrung gebrauchen kann!

Spätsommer I

Drei Jahre sind seit dem Fest vergangen, vier sind es seit dem Moment, der mir zum Verhängnis wurde. Warum müssen wir uns immer in Gegenwart so vieler anderer Menschen wiedersehen? Erneut ist es ein Fest, an dem wir uns begegnen, noch dazu kein Beliebiges, sondern eines, bei dem ich alle Hände voll zu tun habe. Immerhin bin ich Trauzeugin, beste Freundin der Braut und habe monatelang mit ihr auf diesen Tag hingefiebert, geplant, und vorbereitet.

So kann ich mich kaum noch an den Moment erinnern, als ich deinen Namen auf der Gästeliste sah. Hinter dem Basteln der Einladungen, der vierten Anprobe des Kleides und dem Falten der Tischdeko ging mir der Gedanke an dich unerwartet verloren. Selbst gestern Abend war es die Aufgabe eines anderen, die Tischkärtchen aufzustellen, sodass ich beim Verteilen der Kerzen und kleinen Marmeladengläser gar nicht mehr auf die Namen geachtet habe. Ich weiß, wo ich sitze, und ich weiß auch, was ich heute zu tun habe.

Dieses Mal erwischt mich kein Magnetblick. Ich sehe dich erst, als wir von der Kirche schon zur Location gefahren sind, habe nicht einmal wahrgenommen, wann oder mit wem du gekommen bist. Im Flur stoßen wir fast zusammen, was vermutlich auch nötig ist, damit ich dich wiedererkenne. Gesund siehst du aus, hast dir die alte, athletische Statur zurückerobert, die Piercings wieder abgelegt und dich für den Festtag herausgeputzt. Doch nicht die Äußerlichkeiten sind es, an denen ich hängen bleibe, nicht das Hemd oder die schicken Schuhe. Dein ganzes Auftreten hat sich verändert und die Souveränität, mit der du dich bewegst, nimmt mich auf der Stelle für dich ein.

So stolpere ich dir beinahe in die Arme, eine Schrecksekunde, und dann erwidere ich dein breites Grinsen: „Ah, du bist ja auch hier!“ Du nickst und musterst mich unbekümmert von Kopf bis Fuß. Ich habe keine Zeit für Nervositäten und lächle dich an. „Ich muss weiter. Wir sehen uns!“, sage ich und du rufst mir ein „Bis später!“ hinterher. Zielstrebig gehe ich zu meiner Freundin, die schon nach mir Ausschau gehalten hat, weiche gekonnt Tischen, Stühlen und der Verwandtschaft aus – und doch wird mir bereits beim fünften Schritt bewusst, dass mich etwas zurückhält. Dieser fröhliche und holprige Moment eben, wohin wird er uns dieses Mal führen? Im Grunde stehe ich immer noch im Flur und auch wenn ich es nicht wage, mich noch einmal umzudrehen, könnte ich schwören, dass du mir gerade hinterhersiehst.

[Spätsommer II]

Jugendliebe

Ich wäre gern deine Jugendfreundin gewesen. 

Diese Beziehung mit 15 oder 16, die lang genug dauert, dass man den anderen wirklich versteht, und die früh genug endet, dass man nach einem Haufen Herzschmerz mit 20 schon wieder sacht befreundet sein kann. Diese jugendliche Liebe, bei der jedem Außenstehenden auf den ersten Blick klar ist, dass sie nicht ewig hält, und bei der dennoch alle die Klappe halten, weil du ja noch so jung bist.

Wem man mit 15 ins Herz geblickt hat, den versteht man ein ganzes Leben.

Sommerabend, schmerzfrei

„Also dann, mach’s gut, bis bald!“
– „Danke, wir sehen uns, tschüß!“

Unsere Verabschiedung ist freundlich und unaufgeregt. Schon in wenigen Tagen werden wir uns wiedersehen. Ich ziehe die Tür hinter mir zu und sie fällt sanft ins Schloss. Tief atme ich die kühle Nachtluft ein. „Hier bin ich“, flüstere ich in Gedanken. „Schmerz, mein alter Freund, wo bleibst du?“

Er ist wirklich zum Freund geworden in den letzten Jahren. Zumindest ebenso zuverlässig und vertraut, wie ich Freunde gern habe. Meist erscheint er schon beim Aufstehen vom Tisch, beim „Tschüß“-Sagen, beim Zuziehen der Tür. Spätestens aber begrüßt er mich im Auto auf der Heimfahrt. Hier haben wir uns kennengelernt, der Schmerz und ich. Ein Stechen in der Brust und ein bleischweres Herz. Er wurde mir vertraut, noch ehe ich wusste, woher er kam. Jahrelang fuhr er mit mir mit, ohne sich zu erklären, und eher durch Zufall fand ich eines Tages heraus, was es mit ihm auf sich hatte. „Hallo, Schmerz“, flüstere ich in die Nacht. „Wo bleibst du denn? Mein Herz ist noch so leicht und warm.“

Den Schlüssel in der Hand gehe ich zum Auto. Die Grillen zirpen, der Kies knirscht unter meinen Füßen. Die Behaglichkeit bleibt. Ich packe meine Tasche auf den Beifahrersitz und schalte das Radio an. Ein 80er-Jahre-Lied, sehnsuchtsvoll, doch selbst das verfehlt seine Wirkung. Mein Schmerz lässt mich alleine, das Herz bleibt leicht und zum ersten Mal fahre ich frei wie ein Vogel in die Nacht hinein.

Abschiedsgruß

Und dann, eines Tages, höre ich auf, für dich zu schreiben. Ich entlasse dich in dein eigenes Leben. Der Spalt zwischen dir und meinem fiktiven Du ist zu groß geworden, als dass ich noch einfach so hinüberspringen könnte. Lange Zeit hatte ich Angst davor, dass sich dieser Moment wie ein Verlust anfühlen würde, dass mir damit quasi die andere Hälfte der Welt verloren ginge. Doch nun stehe ich da, mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen, und ohne Angst vor dem Abgrund, der sich vor mir auftut. Denn hinter mir liegt ein großes, weites Land, das es zu entdecken und zu bebauen gilt. Mein eigenes Land.

Du & ich

Überrascht bemerke ich, dass ich dir gegenüber bald mehr Loyalität entwickelt habe als gegenüber dem alten Freund, der uns damals vorgestellt hat. Es liegt wohl daran, dass ich dir in unseren Gesprächen so zugeneigt bin, mich so auf dich einlasse und dich zu verstehen suche. Natürlich sind das nur einzelne Momente, beinahe losgelöst von Zeit und Alltag, ohne Anbindung und doch im Netz des Lebens verwoben. Ich bin dankbar für die Begegnung mit dir, den warmen Blick und die Ruhe zwischen uns. Andere Menschen mögen mir über dich erzählen, was sie wollen, es berührt mich nicht einmal.

Ahnung V

[Beginn: Ahnung I]

Irgendwann wird es wohl keine Erklärung mehr zwischen uns brauchen. Wir werden immer wortkarger mit den Jahren, der Hauch der Ahnung ist verflogen, weich legt sie sich auf das Loch in meinem Herzen und mildert das Pochen ein wenig ab. Der Spaziergang zu zweit war uns verwehrt, ich habe geschwiegen und du bist deinen eigenen Weg gegangen. Mein Mantra hat mich durch die Jahre getragen, hat mich das Lächeln deiner Augen aushalten lassen und mir eine dünne Decke über die nackte, bloße Sehnsucht gezogen. Ich lächle immer noch zurück, ich lächle dich an, wie wir nun mit gealterten Körpern voreinander stehen, immer noch den gleichen Menschen sehen, immer noch die besten Freunde sind. Uns genügt ein Blick, ein Händedruck, eine stets geöffnete Wohnungstür – und ich vermag kaum zu glauben, dass du das so offensichtlich Verborgene nie gesehen hast.

Ahnung IV

Lars hat Geburtstag. Die Party beginnt zwar erst um sieben, doch als beste Freundin habe ich angeboten zu helfen und stehe nun vollbepackt mit Tüten und Taschen vor der Tür. In der linken Hand habe ich ein Tablett mit Donauwelle, in der rechten einen Sixpack Bier und in meiner Brust ein klopfendes Herz. Also klingle ich mit dem Ellenbogen und höre glücklicherweise kurz darauf den Summer. Marcel ist auch schon da und sprintet die Treppen herunter. Er nimmt mir die Donauwelle und meine Umhängetasche mit Wein und Knabberzeug ab und zusammen gehen wir nach oben.
Kaum habe ich meine Sachen halbwegs verstaut und Tim begrüßt, sehe ich auch schon Lars mit dem Rücken zu uns am Herd stehen. Er trägt das gleiche Tshirt wie vor drei Jahren bei der Faschingsparty. Wann wird mir so etwas wohl nicht mehr auffallen? In geübter Manier schiebe ich den Gedanken zur Seite. „Hey, Geburtstagskind!“, rufe ich. „Willst du nicht deinen Lieblingsgast begrüßen?“ Lars lacht und streckt den Kopf zur Küchentür raus. Ich breite die Arme aus und drücke ihn kurz an mich. „Alles Gute!“ Seine Augen lächeln mich wie immer an. „Danke!“, sagt er und zieht mich mit sich in die Küche. „Du kommst gerade rechtzeitig zum Gemüse schneiden! Ich brate schon das Hackfleisch an.“
Wie von selbst greifen meine Hände zum Schneidbrett, ziehen das passende Messer aus dem Messerblock und ehe ich mich recht versehe, befindet sich eine köstlich duftende Gemüselasagne neben ihrer Fleischvariante im Backofen. Einmal mehr stelle ich fest, wie zuhause ich mich hier fühle. Ich kenne diese Küche bald genauso gut wie meine eigene, ich weiß, welche Töpfe in welchem Schrank stehen, welches Messer am besten schneidet und wo sich die selten gebrauchten Backutensilien befinden. In den letzten Jahren habe ich so viel Zeit bei Lars und Tim verbracht, dass es geradezu an ein Wunder grenzt, dass ich noch keinen Wohnungsschlüssel besitze. Dennoch blieb mir kurz die Luft weg, als voriges Jahr einer von Tims Freunden davon ausging, dass Lars und ich ein Paar seien. Mittlerweile habe ich mir auf derlei Vermutungen ein kopfschüttelndes Grinsen angewöhnt und atme einigermaßen gleichmäßig weiter.
Als schließlich die große Meute eintrifft, haben die drei Jungs und ich schon einige Küchenbier intus. Sophie begrüßt mich mit einem dicken Schmatzer auf die Backe und wie gewöhnlich lasse ich mich von ihr zu einer Runde Sekt überreden. Lars sitzt bereits inmitten seiner Freunde im Wohnzimmer und freut sich wie ein Schneekönig über ein neues Brettspiel und eine Box mit Tabletop Miniaturen. Von Sophie und mir gibt’s ein Cards against humanity-Set, das sich – nachdem die Lasagne vertilgt und das Kuchenbuffet geplündert ist – noch zum Hit des Abends entwickelt. Und während Marcel mit den witzigsten Antworten brilliert und Laura schon einen dicken Stapel gewonnener Karten vor sich hat, während Tim zum hundertsten Mal die Miniaturen bewundert und Sophie zum zweihundertsten Mal die Augen darüber verdreht, während Lars und ich uns ein Wortgefecht nach dem anderen liefern, bis wir schließlich lachend unter dem Tisch liegen, zwingt mein Verstand die innere Unruhe nieder, versteckt meinen Schmerz hinter kecken Worten, ignoriert das Stechen in der Brust und den Kloß im Hals und wiederholt ununterbrochen: Hör auf, zu schreien, Herz, hör auf, zu schreien.

[Ahnung V]

Ahnung III

Wir werden niemals darüber sprechen.
Ich mag dich zu sehr, als dass ich dir sagen könnte, wie sehr ich dich mag.

Diese Erkenntnis ist der Knotenpunkt, an den ich immer wieder zurückkehre.
Sie ist der sichere Hafen für meine unruhigen Gedanken, der Ausgang aus dem Labyrinth der Ahnungen, das Licht am Ende des Tunnels.

Ich saß zu lange auf der Wartebank.
Ich muss sie endlich, endlich verlassen.

[Ahnung IV]

Ahnung II

Nach dem Kinderfasching am Nachmittag sind nun die Erwachsenen dran. Marcel hat zu einer seiner berühmt-berüchtigten Partys eingeladen und langsam, aber sicher erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt. Ich stolpere über ein Wirrwarr an Luftschlangen und Schuhen in die Küche, um eine weitere Flasche Sekt aus dem Kühlschrank zu fischen. Sophie ist mir zuvorgekommen: „Wer will noch ein Glas?“, ruft sie in die Runde und natürlich strecke ich ihr meines entgegen. In Pluderhosen steckend und mit verschmierter Clownsschminke beugt sie sich vor und schenkt mir ein. „Zum Wohl!“ Auch Tim und Lars lassen sich kurzzeitig von ihrer Diskussion über irgendein Fantasy-Rollenspiel abbringen und stoßen mit ihren Bierflaschen mit uns an. „Eure Kostüme sind ja auch nicht sonderlich kreativ gewählt!“, spottet Sophie beim Anblick der schwarzen Tshirts. Die Jungs zucken nachlässig mit den Schultern, doch Sophie hat die Antwort nicht mal abgewartet und bezwingt bereits das Chaos im Flur. Noch etwas unschlüssig stehe ich vor der Balkontür, die Wohnung singt und summt und surrt aus allen Räumen und ich trete für einen kurzen Moment hinaus, atme tief ein und genieße die frische Nachtluft. Lars ist immer noch ins Gespräch vertieft, vorhin hatte ich noch mit ihm gescherzt, dass er und Tim sicher wieder auf dem Fantasy-Thema würden hängenbleiben. Ja, ich kenne meine Pappenheimer, doch die beiden haben Spaß und das ist die Hauptsache. Der Sekt verschafft mir ein wohlig-warmes Gefühl, mein Kopf fühlt sich nach Watte an und ich schließe die Augen. Alles ist gut, die Welt ist in Ordnung, das Leben ist schön. Heute ist kein Platz für Sehnsüchte und Löcher im Herzen, heute habe ich Spaß mit den Jungs, mit Sophie, mit Lars. Wie ein Mantra wiederhole ich, woran ich mich schon im letzten Jahr festhielt: Die Situation lässt sich nicht ändern. Es eilt nicht. Lars und ich werden schon noch eine Gelegenheit in unserem lieben, langen Leben haben, um eines Tages darüber zu sprechen.
Als ich durchs Fenster nach innen blicke, verspüre ich ein wohlvertrautes, feines Stechen in der Magengegend. Noch bevor sich Lars’ und mein Blick treffen, kippe ich den Sekt auf Ex weg, betrete zeitglich mit Laura und Margret die Küche und gemeinsam kapern wir die Küchentischdiskussion. Heute ist Party angesagt.

[Ahnung III]

Ahnung I

Irgendwann wird wohl doch ein Gespräch zwischen uns vonnöten sein. Ich ahne es voraus, rieche es in der Luft, spüre es unter den Fingern. Ich sehe uns beide, wie wir spazieren gehen und ich dir erzähle, was all die Jahre in mir vorging. Wir sind noch nie zu zweit spazieren gegangen. In manchen Häusern bedeutet spazieren gehen fast schon heiraten. Einen Anschein, den du dir nicht geben willst und den ich mir nicht mehr zu geben brauche. Der Kloß in meinem Hals wehrt sich gegen meine Versuche, ihn hinunterzuschlucken. Warum habe ich dir nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt? Aber ach ja, da war etwas – und so gebe ich dir die Schuld an meinem Schweigen, wohl wissend, dass auch du nur ein Opfer deiner eigenen verworrenen Geschichte bist …

[Ahnung II]

Es sind immer die kleinen Dinge.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, auf die es ankommt. Nicht die großen Gesten, die theatralischen Auftritte, die beeindruckenden, lange geplanten und überall beworbenen Wichtigkeiten. Natürlich setzen sich diese Momente in unserem Kopf fest. Wir können all den Jubiläen und Rückblenden sowieso nicht aus dem Weg gehen und spätestens beim Durchblättern der Fotoalben werden wir wieder an sie erinnert. Doch hinter den vielen inszenierten, zelebrierten, durchstudierten Großauftritten sind es am Ende doch die Augenblicke am Rande derselben, die uns verändern. Noch heute spüren wir die tröstende Hand auf der Schulter in der Garderobe des Schulballs, blicken in frisch verliebte Augen, während unser Herz einen kleinen Hüpfer macht, fühlen den aufmunternden Blick eines Freundes auf uns ruhen, wenn wir das Wort ergreifen, denken an Worte wie „Danke“ und „Das war schön“ und an krakelig geschriebene Sätze auf abgegriffenem Papier. Wir erinnern uns nicht an die feierliche Zeugnisübergabe, sondern daran, wie wir danach auf dem sonnenwarmen Feldweg lagen, wir können kaum mehr sagen, wer bei diesem runden Geburtstag dabei war, aber wissen noch gut, wie ein paar Blicke genügten, um einem lange nicht gesehenen Bekannten die Ausweglosigkeit einer bevorstehenden Trennung zu vermitteln. Wir haben längst vergessen, wie ein Mensch aussah oder welch lang ausgewähltes Kleidungsstück er trug, wenn wir daran zurückdenken, wieviel uns seine Einladung oder sein Wohlwollen damals bedeutete. Es sind die wenigen Momente, in denen wir zuließen, dass so etwas wie Intimität entstand. Momente der stillen Übereinkunft, des unausgesprochenen Verständnisses, der unbedachten und doch alles offenbarenden Geste. Sie können nicht hergestellt oder erzeugt werden. Sie sind nicht planbar. Sie entstehen neben und im Verzicht auf alle Inszenierung. Wer sie erschaffen will, wird scheitern – und während des Versuchs vielleicht doch unverhofft und unerwartet mit ihnen beschenkt.