#augustbreak2017 – Lavender

Lavendel ist der Duft meiner Großmutter. Sie roch immer nach teuren, reichhaltigen Cremes, hatte Lavendel in ihren Vorgarten gepflanzt und kleine Säckchen mit getrockneten lila Blüten in ihrem Kleiderschrank. Auf ihrer Fensterbank pflegte sie hinter dicken, gehäkelten Vorhängen ihre Orchideen und ansonsten saß sie mit Vorliebe in einem übergroßen Sessel, klappte mit einem Griff die Beinstütze hoch und streckte die Füße aus. In Mühle und Halma war sie nahezu unschlagbar und bei „Stadt, Land, Fluß“ wusste sie im Schlaf für jeden Buchstaben eine passende Antwort. Obgleich sie selbst lieber noch ein Schinkenbrot als ein Dessert aß, versorgte sie mich kübelweise mit Eis und schubladenweise mit Süßkram. In einer winzigen Küche kochte sie Unmengen an Hausmannskost und der Geschmack ihres Sauerbratens liegt mir bis heute auf der Zunge.

#augustbreak2017 – Gold

Golden der Ehering meiner Urgroßmutter. Ich bekam ihn nach ihrem Tod zusammen mit den wenigen anderen Gegenständen, die ihr wirklich etwas bedeuteten. Das Bild, das sie sich, als sie aus ihrem Haus vertrieben wurde, noch unter den Arm geklemmt hatte. Die kleine goldene Uhr an der Kette, die sie immer in ihrer Westentasche getragen hatte. Und eben der Ehering, der nun an einer schmalen Goldkette in meiner Schatzkiste liegt. Es wäre seltsam, ihn am Finger zu tragen, aber noch seltsamer, ihn wegzuwerfen oder zu vergessen.

Jugendliebe

Ich wäre gern deine Jugendfreundin gewesen. 

Diese Beziehung mit 15 oder 16, die lang genug dauert, dass man den anderen wirklich versteht, und die früh genug endet, dass man nach einem Haufen Herzschmerz mit 20 schon wieder sacht befreundet sein kann. Diese jugendliche Liebe, bei der jedem Außenstehenden auf den ersten Blick klar ist, dass sie nicht ewig hält, und bei der dennoch alle die Klappe halten, weil du ja noch so jung bist.

Wem man mit 15 ins Herz geblickt hat, den versteht man ein ganzes Leben.

#augustbreak2016 – Love is…

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Liebe ist etwas, das nicht verborgen bleibt.
Liebe will raus und sie will das Beste für den anderen. Daher findet sie immer wieder Wege, sich zu zeigen: Im Zuhören und Helfen, in gemeinsamem Lachen, in Loyalität. Im unermüdlichen Dasein, in Geschenken und kleinen Gesten, in aufmunternden Worten oder einer liebevollen Umarmung.

Gary Chapman prägte den Begriff von den „5 Sprachen der Liebe“: Lob und Anerkennung, Zweisamkeit, Geschenke, Hilfsbereitschaft, Zärtlichkeit. Jeder Mensch drücke seine Liebe mit unterschiedlichem Schwerpunkt durch diese Sprachen aus und fühle sich vor allem dann geliebt, wenn ihm dies in „seiner“ Sprache gezeigt würde. Dieses Konzept halte ich für einleuchtend und mit etwas Reflexion und Kommunikation kann es das gemeinsame Leben erleichtern.

Auf dem Bild seht ihr einen Brief meines damals 11jährigen Patenkindes, der mich bis heute beeindruckt. Vor ein paar Jahren war mein Mann kurzzeitig arbeitslos und so lief es finanziell nicht gerade rund bei uns. Als mein Patenkind das mitbekam, spazierte er schnurstracks in sein Zimmer und kam mit 20 Euro wieder, die er uns ganz unbedingt schicken wollte. Seine Mutter zögerte kurz, konnte es ihm aber nicht guten Gewissens verweigern. Denn er hatte sehr genau verstanden, worum es ging: Wenn jemand gerade weniger hat, dann geben wir ihm etwas ab, und wenn wir selbst Hilfe brauchen, werden wir sie auch bekommen.

Solidarität im Alltag – auch das ist Liebe.

#augustbreak2016 – A secret

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Quelle: Excessively Quoted
Zitat: Oscar Wilde – The Picture of Dorian Gray
Kunst: Édouard Manet – Nana

In diesem Sinne verrate ich in diesem Blog ständig kleine Geheimnisse. Ich schreibe darüber, wie ich im Herbst die erste Kastanie finde und wie ich am Morgen eine Tasse Kaffee genieße, welche Spannung in der Luft liegt, wenn ich ohne Geldbeutel, Handy und Schlüssel aus dem Haus gehe und wie ich mir eine Fluchthose genäht habe. Ich versuche, meine Geschichten so zu erzählen, dass sie für mich selbst den Reiz nicht verlieren, dass ich sie weitergebe und ihr Kern dennoch bei mir bleibt. Gelegentlich musste ich die Grenze überschreiten, um festzustellen, dass sie da ist.

Aber Namen verrate ich nicht. Mein Du, an das ich schreibe, ist fiktiv und real zugleich. Das Schreiben bietet mir einen Raum, in dem ich Menschen sagen kann, was ich für sie empfinde, ich nehme die Lupe zur Hand und setze ein Gefühl oder einen Gedanken in einen größeren, erdachten Rahmen. Manchmal wünschte ich, das inspirationsgebende Du würde meine Texte lesen und wissen, dass es gemeint ist. Aber dann gehe ich doch mit Oscar Wildes Romanfigur Basil Hallward und schicke den Luftballon namenlos auf seine Reise.

#augustbreak2016 – Yellow

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Ich hülle mich in Gelb.

Als Kind war gelb die Farbe, mit der ich am wenigsten anfangen konnte. Gelb wie Galle, gelb wie der Neid, das waren die Stichworte, die ich damit verband. Dementsprechend fand sich diese Farbe kaum in meinem Kleiderschrank oder meinem Zimmer. Ich hatte noch keine Ahnung vom warmen Sonnengelb, vom kräftigen Senfgelb oder schimmernden Goldgelb. Erst in den letzten Jahren entdeckte ich die gelben Vorzüge. Ich trage ungemein gern gelbe Tshirts, Schals oder kombiniere auch eine gelbe Strickjacke auf intensives Grün oder Blau. Ich fühle mich wohl darin – und nach und nach fallen mir auch einige wenige gelbe Kleidungsstücke aus meiner Kindheit ein: Beispielsweise ein schönes gelbes Tshirt meiner Mutter, das ich als Jugendliche irgendwann ausborgte.
Auf dem gezeigten Bild seht ihr mich (ja, tatsächlich: mich), 15jährig und in einem gelben Sommerkleid bei der Aufführung von „Romeo und Julia“. Wie jeder natürlich gut erkennen kann, handelt es sich hier um die Balkonszene, bei der ich als Julia auf dem „Balkon“ stehe und meinen Romeo anschmachte, der gerade eben diesen erklimmt. Also wem das nicht auf Anhieb klar war! :-D

PS. Ich habe versucht, mit etwas Bildbearbeitung das Maximum aus diesem alten und irgendwann eingescannten Foto rauszuholen. Ich hoffe, ihr wisst dies in den Kommentaren zu würdigen ;)

[Bei Raph Elle gibts heute ein gelbes Getränk.]

Es sind immer die kleinen Dinge.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, auf die es ankommt. Nicht die großen Gesten, die theatralischen Auftritte, die beeindruckenden, lange geplanten und überall beworbenen Wichtigkeiten. Natürlich setzen sich diese Momente in unserem Kopf fest. Wir können all den Jubiläen und Rückblenden sowieso nicht aus dem Weg gehen und spätestens beim Durchblättern der Fotoalben werden wir wieder an sie erinnert. Doch hinter den vielen inszenierten, zelebrierten, durchstudierten Großauftritten sind es am Ende doch die Augenblicke am Rande derselben, die uns verändern. Noch heute spüren wir die tröstende Hand auf der Schulter in der Garderobe des Schulballs, blicken in frisch verliebte Augen, während unser Herz einen kleinen Hüpfer macht, fühlen den aufmunternden Blick eines Freundes auf uns ruhen, wenn wir das Wort ergreifen, denken an Worte wie „Danke“ und „Das war schön“ und an krakelig geschriebene Sätze auf abgegriffenem Papier. Wir erinnern uns nicht an die feierliche Zeugnisübergabe, sondern daran, wie wir danach auf dem sonnenwarmen Feldweg lagen, wir können kaum mehr sagen, wer bei diesem runden Geburtstag dabei war, aber wissen noch gut, wie ein paar Blicke genügten, um einem lange nicht gesehenen Bekannten die Ausweglosigkeit einer bevorstehenden Trennung zu vermitteln. Wir haben längst vergessen, wie ein Mensch aussah oder welch lang ausgewähltes Kleidungsstück er trug, wenn wir daran zurückdenken, wieviel uns seine Einladung oder sein Wohlwollen damals bedeutete. Es sind die wenigen Momente, in denen wir zuließen, dass so etwas wie Intimität entstand. Momente der stillen Übereinkunft, des unausgesprochenen Verständnisses, der unbedachten und doch alles offenbarenden Geste. Sie können nicht hergestellt oder erzeugt werden. Sie sind nicht planbar. Sie entstehen neben und im Verzicht auf alle Inszenierung. Wer sie erschaffen will, wird scheitern – und während des Versuchs vielleicht doch unverhofft und unerwartet mit ihnen beschenkt.

Anleitung zur Lüge

Es gibt Dinge, die man nicht einmal dem eigenen Tagebuch anvertraut. Um etwas vor der Welt verborgen zu halten, darf man sich nicht daran erinnern. Man muss sich gleichermaßen selbst den Weg abschneiden. Anstatt einen Moment festzuhalten und seiner Bedeutung nachzuspüren, entzieht man den Gedankenpflanzen den Nährboden, wirft die Erinnerungsfäden ins Feuer und versenkt das, was noch übrigbleibt, im Meer der Bedeutungslosigkeit.

Wer andere erfolgreich belügen will, fängt am besten bei sich selbst an.

Sehnsucht nach dem Zion. Psalm 126

3 Jahre lang Winter
Streichholzdünn sind die Wände der Hütte
Eisige Luft dringt hinein
Wir leben außerhalb der Jahreszeiten
Trotz sengender Hitze sind unsere Knochen Eiszapfen
Das Herbstlaub besteht aus Graustufen
Den kleinen Keim unter der Schneedecke haben wir schon fast vergessen
Nur die Großmutter spricht noch manchmal davon

Als Jahwe das Geschick Zions wendete,
waren wir wie Träumende
Damals wurde angefüllt mit Lachen unser Mund
und unsere Zunge mit Jubel.

Sie erzählt von einem Winter, sieben Mal so lang wie der unsrige
Von Steinen im Kochtopf und zerschlissenen Fetzen am Körper
Von Nächten, die endlos schienen
Vom Ausharren in der Kälte, von der Hoffnungslosigkeit

Und vom Moment, in dem die Farbe ins Leben zurückkam
Als die Blätter der Bäume wieder grün wurden
Die Wolken den Blick auf den blauen Himmel freigaben
Man wieder unterscheiden konnte zwischen Frühling und Sommer und Herbst

Damals sagten sie bei den Völkern:
„Großes hat Jahwe getan an diesen.“
Großes hat Jahwe Getan an uns;
Wir waren Fröhliche.

Sie hat das Blütenmeer nicht vergessen
Sie erinnert sich noch an saftige Birnen, reife Äpfel, frische Beeren
In ihren Träumen sieht sie alles vor sich
Sie tanzt darin mit leichten Beinen
Wie früher die Mädchen auf dem Dorfplatz

Wende bitte um, Jahwe, unser Geschick
Wie die Bäche im Negev!
Die säen mit Tränen,
mit Jubel werden sie ernten.

3 Jahre lang harren wir aus im Winter
Unser Tagwerk ist durchdrungen von Gebeten
Wir murmeln sie auf dem Feld,
wir rufen sie auf dem Heimweg,
wir schreien sie des Nachts im Traum
Gebete – wie Tropfen auf dem heißen Stein
Lass sie nicht sinnlos sein!

Mal um Mal geht weinend dahin,
der trägt den Saatbeutel
Doch er wird gewiss mit Jubel wiederkommen,
der trägt seine Garben.

Hinter den Augenlidern neue Bilder
von zarten Frühlingsblüten,
prallen Sommerfrüchten,
Herbstregen auf nassem Laub.
Noch erscheint es wie ein Traum
Die Tür quietscht in der Angel
Ein Windstoß hat sie erfasst
Und in der Luft liegt der Duft von Gerechtigkeit

Filmgedanken

Man kann in meinem Tumblr immer ganz gut erkennen, wenn ich einen schönen Film gesehen oder ein gutes Buch gelesen habe. Ich suche dann nach Bildern und Zitaten, die ich rebloggen kann, und meine Favoritenliste ist schnell voll davon. Schaue ich dann über die Archivfunktion zurück, erinnere ich mich noch intensiver an die Szenen und Momente.

Im März habe ich den „Nachtzug nach Lissabon“ [1 2 3 4 5 6] gesehen, den ich ja eigentlich schon damals in diesem netten, kleinen Kino anschauen wollte. Später las ich eine Kritik dazu im Internet, die, beginnend mit „Ach, diese Lateinlehrer“, über zu viel Kitsch und die groß ausgeleuchteten Bilder, über die Klaviermusik, die Violinen und Trompeten seufzt. Der werte Kritiker hatte jedoch, wie er zugibt, auch schon seine Schwierigkeiten damit, das Buch zu Ende zu lesen, und so musste ihm der Film bestimmt als Zumutung erscheinen. Ich habe das Buch nicht gelesen, durch den Film aber große Lust darauf bekommen. So kann es auch gehen. Denn natürlich war der Film irgendwie eine Aneinanderreihung von großen Bildern und Szeneneinstellungen, in die hinein bedeutungsschwere und tiefsinnige Sätze gesagt werden, so häufig, dass man sich durchaus fragen kann, ob die Kitsch-Grenze nur gerammt oder schon durchstoßen ist. Doch die Sätze sind so fein formuliert und Szenen wie der Brillenwechsel, den der genannte Kritiker als übertrieben aufdringlich empfindet, ließen mich mit großen Augen vor dem Bildschirm sitzen und die gezeigte Welt und Wirklichkeit einfach nur aufnehmen, sodass mir die Frage nach dem Kitsch erst durch die Kritik aufgedrängt wurde. Man muss nicht immer die Bewertungsbrille aufsetzen. Nicht als ganz normaler Zuschauer an einem Freitagabend. Man kann auch einfach genießen.

Und dann „Brokeback Mountain“ [1 2 3 4]. Der Film verdient eigentlich einen ganz eigenen Post. Drei Mal habe ich ihn mir angesehen, allein im April. Er hat mich verstört und beim ersten Sehen ging die ganze Nacht und der nächste Tag drauf, dass mich die Geschichte umtrieb. Andere würden sich in einem solchen Fall wohl ablenken und neue Themen und Begegnungen suchen. Ich setzte mich am folgenden Abend gleich wieder vor den Fernseher und schaute mir das Drama nochmal an. Konfrontationstherapie oder paradoxe Intervention? Ach, ich kann auf das Etikett verzichten. Jedenfalls glaube ich, dass dieser Film 10 Jahre nach seinem Erscheinen und 7 Jahre nach Heath Ledgers Tod möglicherweise mein neuer ‚Schallplattenfilm‘ wird. Über so viele Jahre war es „Blade Runner“, den ich immer und immer wieder angesehen habe (wie man eine gute Platte auflegt), doch seit ein paar Jahren ist da nichts mehr. Und nun dieser „schwule Cowboy-Film“, eine Kategorisieriung, die zutreffend und unpassend zugleich ist. Annie Proulx sagt über Kurzgeschichten [5], dass sie eine Art höhere Form von Literatur darstellen. Sie sollen erzählen, wofür ein Roman taugen würde, und was trotzdem als Kurzgeschichte besser funktioniert. Für ihre Geschichte ist das definitiv zutreffend. Ein Wunder, dass es gelungen ist, daraus einen so intensiven und mitreißenden Film zu machen. Ich verstehe die Leute, die sich bis heute noch im zugehörigen Internetforum tummeln und Szenen diskutieren. 10 Jahre lang! Da sage noch einer, was erzählt würde, sei kein relevanter Stoff. Und nein, es geht nicht nur um Homosexualität, es geht um etwas Grundsätzliches. Um Gesellschaft, um Lebenskonzepte, um Diskriminierung, um Liebe.

So erinnere ich mich gerne an die Filme zurück und freue mich an den kleinen Bildern und Zitaten. Ein Tumblr kann schon eine schöne Sammlung sein.

#aprillove2015 – When I was small

Puppenstube

Die Zeit rast.
Sie stoppt weder an roten Ampeln,
noch an meiner Unfähigkeit
Barbies Traumhaus wegzuwerfen.
Und ich,
wünsche mich zurück in eine Zeit,
als ich mit offenen Knien auf dem Boden saß
und die Welt ein kleiner Ort war.
Gerade mal so groß wie mein Herz.
Nachts träumte ich von geflügelten Pferden
und bei Tag war ich es, die über Wolken flog.
Meine Gedanken waren gemalte Bilder,
jedes Spiel eine Realität
und meine Hoffnung glich rosa Zuckerperlen…
einfach furchtbar,
einfach das Beste, das es geben konnte.
Ich hatte Lust
auf jeden Tag, jede Reise, jeden Traum…
auf mich,
auf mich in zehn Jahren…

Und heute,
habe ich Lust
noch einmal auf die Knie zu gehen.
Mit offener Haut
und Farbe im Herzen.
Ich spiele weiter,
auf großen Wiesen
einer kleinen Welt.

(c) Milla

Weitere Texte von Milla gibt es hier und hier.

#aprillove2015 – A happy memory

Mazedonien2

Diese schöne Erinnerung liegt schon über 10 Jahre zurück. Sie ist Teil eines Aufenthalts in Makedonien, an den ich sehr gern zurückdenke. Gemeinsam mit zwei Freundinnen verbrachte ich einen knappen Monat in diesem Land und wohnte größtenteils bei einer lieben Familie in Prilep. Das Bild hat für mich eine besondere Schönheit, weil es einige typische Elemente zeigt: ein heißer Tag liegt hinter uns, die Sonne geht unter. Unter den Planen trocknen die Tabakblätter und die Kinder spielen auf der Straße. Die Menschen sind draußen und sitzen oft noch mit Freunden vor ihren Häusern. Die makedonische Gastfreundschaft hat mich sehr beeindruckt. Wer schon einmal auf dem Balkan war, den wird diese Feststellung bestimmt nicht überraschen. Ich bin bis heute dankbar dafür, dass ich diesen Sommer dort verbringen durfte. Die Zeit war reich gefüllt mit Begegnungen, neuen Freundschaften und spontanen Einladungen und Besuchen. Einige Tage wohnten wir bei einer Familie in Veles, die von unserer Anwesenheit erfahren hatte und uns kurzerhand zu sich einlud. Auf diese Weise blieb uns der Touristenstatus von Anfang an und glücklicherweise verwehrt.

Hier zeige ich euch noch ein paar Bilder von meiner Reise (zum ersten Mal mit der Galeriefunktion).

#aprillove2015 – A life-changing book

Duden

Ich kann nicht sagen, dass mit diesem Buch alles anfing, denn Lesen musste ja auch erst mal gelernt werden. Doch nach „Toni malt Fine. Fine malt Toni“ war bald kein Halten mehr. Ich verschlang als Kind unzählige Bücher, liebte die Mädchen- und Internatsreihen, diverse Abenteuerromane und Klassiker. Wenn ich an Ostern oder zum Geburtstag Geld geschenkt bekam, rechnete ich es direkt in Bände meiner aktuellen Lieblingsreihe um (DM 9,80). Dann spazierte ich zum Buchladen, kaufte mir einen neuen Band und hatte ihn an einem Tag ausgelesen. Ein kurzes Vergnügen!
Gut, dass es noch Bücher von meinen Eltern gab: Jugendbücher meiner Mutter und nun ja, manchmal nicht leicht zu lesende Lektüre meines Vaters. (Zum Beispiel: Oliver Sacks, Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte) Eines dieser Bücher war das Duden Taschenbuch „Leicht verwechselbare Wörter“, in dem ich sehr gerne las. Da es ja um einzelne Wortpaare oder Wortfelder ging, konnte ich immer wieder darin schmökern und einen Abschnitt lesen. JA, die Lektüre war lebensverändernd. Sprache präzise nutzen zu können, diesen Wunsch hatte ich schon als Kind und durch Bücher wie dieses wurde er noch fester in mir verankert. Ich wurde sensibilisiert für die Feinheiten der deutschen Sprache und gerade bei „anscheinend“ und „scheinbar“ bin ich noch bis heute sehr hellhörig :-)

#aprillove2015 – 10 years ago

Wenn ich für die Zeit vor 10 Jahren ein Bild finden müsste, wären darauf vermutlich Schienen zu sehen. Ich war damals viel mit der Bahn unterwegs und verbrachte Stunden in Zugabteilen, auf Bahnhöfen und mit dem Warten auf den richtigen Bus. So gondelte ich am Wochenende durch die Gegend und hatte mich an das Leben als Zugreisende angepasst. Das Schlafen im Regionalexpress hatte ich nahezu perfektioniert, ich besaß einen schwarzen Kapuzenpulli, in den ich mich einkuscheln konnte, natürlich mit obligatorischem Pali-Tuch, und einen großen grünen Parka, den außer mir alle hässlich fanden. In einer der Parkataschen trug ich immer einen kleinen Löffel mit mir herum, denn man konnte ja nie wissen, wofür man nicht einen Löffel brauchen würde. (Ich brauchte ihn so oft, dass manche Freunde immer noch davon ausgehen, dass ich einen dabei habe.) Meine No-Name-Jeans-Chucks unter die Sitzfläche gestellt, zog ich mit dicken Wollsocken an den Füßen die Beine an, klemmte mir ausreichend Stoff von Parka, Pulli und Tuch zwischen Ohr und Schulter und schloss die Augen. Ich kann nahezu überall schlafen, vielleicht hätte ich das mal bei der Frage nach meiner „superpower“ erwähnen sollen. Möglicherweise kommt diese Fähigkeit aus genau jener Zeit, denn anders hätte ich diese Phase meines Lebens wohl nicht überstanden. Zuhause schlief ich oft nur wenig, hatte Alpträume und entspannte erst am frühen Morgen. Also holte sich mein Körper die Ruhezeit zurück und ich hielt stets Ausschau nach halbwegs komfortablen Plätzen. Genauso wie im Zug schlief ich auch in Hohlstunden in einem abgelegenen Besprechungsraum, der für uns Schülerinnen eigentlich tabu war. Dort stand ein Sofa und mit meinem Parka als Decke ging es ganz prächtig, nur hatte ich keinen Wecker und mein Handy keine Weckfunktion. Also rief ich, um den nächsten Stundenbeginn nicht zu verpassen, regelmäßig meinen besten Freund an und bat ihn, mich wiederum mit einem Anruf zu wecken. Der war das schon gewohnt und immer sehr hilfsbereit und fürsorglich mit mir. Vielleicht waren die vielen Zugfahrten damals auch ganz gut für mich. Während der Fahrt hatte ich keine Verpflichtungen, es gab noch kein Smartphone, sondern nur mich, einen warmen Parka und sehr viel Zeit. Ich trank überteuerten Pfefferminztee und schrieb Gedichte. Natürlich waren diese häufig von fragwürdiger Qualität, aber es war ein Anfang. Oft hing ich auch nur meinen Gedanken nach, lauschte dem regelmäßigen Rattern der Schienen und versuchte, mit der rasanten Entwicklung, die mein Leben gerade nahm, irgendwie Schritt zu halten.

#aprillove2015 – An inspiring person

an inspiring person

Das Bild zeigt meine bereits verstorbene und sehr geliebte Uroma, die vor nur drei Tagen ihren 104. Geburtstag gefeiert hätte. Sie konnte riesige Eisbecher in nullkommanix verdrücken und der Erbeerbecher auf dem Bild war sicher eine ihrer leichtesten Übungen. Ich weiß nicht genau, wann das Bild entstanden ist, ob ich schon auf der Welt war oder nicht. Ich hatte vor einigen Jahren, als sie noch lebte, das kühne Vorhaben, ein Buch über sie zu schreiben. Leider bin ich nicht allzu weit gekommen, dachte mir aber, dass ich doch zumindest den Prolog und den Beginn des ersten Kapitels für den heutigen Beitrag herauskramen könne (auch wenn es ein wenig abrupt endet und ich heute stilistisch einiges anders machen würde). Vielleicht bekommt ihr dadurch eine kleine Ahnung, wieso ich sie als inspirierende Person auswählt habe.


Prolog

Einige Menschen sterben mit sechzig, manche mit vierzig, andere mit hundert. Sie hatte am Tag meiner Geburt genau fünfundsiebzig Jahre, dreißig Wochen und fünf Tage ohne Nabelschnur auf dieser Welt verbracht.

Sie war in Hirschberg im Riesengebirge geboren worden, blieb ihr Leben lang Schlesierin, war einige Zeit zur Schule gegangen (in Orthographie und Mathematik eine Leuchte, in Geographie eine Niete), hatte auf dem Bauernhof ihrer Eltern gearbeitet (ein Bild des Hofs hing heute noch in ihrer Stube), hatte ihr ganzes Leben lang gearbeitet.

Sie war zweimal verheiratet gewesen und zweimal verwitwet. Sie hatte drei Schwestern gehabt, die ihre körperliche Existenz auf der Erde bereits abgeschlossen hatten. Sie hatte ihre Tochter durchgebracht, war mit dieser und ihrem Mann nach dem Krieg von ihrem Gut vertrieben worden, sie hatte gearbeitet und gebetet, hatte ihr ganzes Leben lang gearbeitet und gebetet.

Sie hatte sich bis nach Süddeutschland durchgeschlagen, wo sie heute noch lebte, hatte ums Überleben gekämpft und nie aufgegeben. Sie war durch ihre zweite Ehe Stiefmutter geworden, sie war Schwiegermutter und Großmutter geworden und mit genau fünfundsiebzig Jahren, dreißig Wochen und fünf Tagen wurde sie Urgroßmutter.

Und so sehr ich mit dem Tag meiner Geburt einig bin, so sehr wünschte ich manches Mal, mich doch schon früher für ein Dasein auf der Erde entschieden zu haben, um mehr Jahre mit ihr verbracht zu haben. Doch dann wäre unsere Verbindung wohl nicht die gewesen, die sie heute ist. Seelen brauchen Zeit um zu reifen, müssen zuerst ihre eigenen Wege gehen, um die Begegnung mit anderen als so wertvoll ansehen zu können wie ich heute die Begegnung mit meiner Urgroßmutter ansehe.

Kapitel 1

Kinder nehmen die Welt um sie herum einfach an. Sie nehmen ihre Eltern an, ihre Geschwister, ihr Herkunftsland, die Zeit, in die sie hineingeboren werden. Sie staunen, wenn sie etwas Neues entdecken, doch was sie lange genug umgibt, wird für sie selbstverständlich. All das tun sie mit einer Natürlichkeit, die ihresgleichen sucht.

In dieser Art und Weise lernte ich meine Urgroßmutter kennen. Besser gesagt hieß sie bei mir nicht Urgroßmutter oder Uroma wie in manchen anderen Familien, in denen den Kindern noch das Glück oder Unglück beschert ist, die dritte Generation vor ihnen kennen zu lernen, sondern sie hieß Muttel.

Ebenso wie meine Eltern, meine Großeltern und mein Bruder war Muttel ein fester Bestandteil meiner Familie und meines Lebens. Sie war immer schon alt, jedoch trotzdem fit, sie konnte arbeiten wie kaum ein anderer, sie schenkte jedem in unserer Familie zum Geburtstag sowie zu Weihnachten hundert Mark in einem Umschlag und zumeist fünf Mark, wenn man sie besuchen kam. Muttel erzählte keine Geschichten vom Krieg oder vom Tod, sie erzählte Geschichten von ihrer Heimat, Geschichten von ihrer Familie und ihrem verstorbenen ersten Mann, Geschichten von Hunden und Pferden, Geschichten vom Arbeiten, vom Beten und vom Kämpfen.

Sie wanderte sehr gerne und „rannte nur“, ging donnerstags schwimmen und machte regelmäßig Busreisen. Jeden Morgen machte sie Kniebeugen und Gymnastik – solange, bis ihr Körper es ihr irgendwann versagte.

Als mein Bruder und ich noch kleiner waren, las sie uns stundenlang vor oder puzzelte mit uns. Von ihr weiß ich, dass man beim Puzzeln am besten mit dem Rand beginnt und sich so langsam voranarbeitet. Von ihr weiß ich auch, wie man in einem Kreuzworträtsellexikon nach der richtigen Lösung sucht, denn Muttel liebte Kreuzworträtsel heiß und innig. Sie zu lösen, war ihrer eigenen Aussage nach ihre Art, sich geistig nicht gehen zu lassen. Mittageweise saßen wir zusammen und rätselten und als ich in der Schule Englisch lernte, fand manches Rätsel um einiges schneller zu seiner Lösung…


Muttel ist für mich bis heute ein großes Vorbild. Sie war stark und emanzipiert, ehrlich und direkt in dem, was sie sagte und tat. Sie ließ sich von niemandem einschüchtern und sie konnte Menschen verzeihen.
Es gibt diesen Satz, dass man zwei Mal stirbt: einmal wenn man aufhört zu atmen und einmal, wenn jemand zum letzten Mal den eigenen Namen sagt. Unter dieser Voraussetzung wird sie wohl frühestens dann sterben, wenn auch ich nicht mehr atme.
Ich bin sehr dankbar für die Zeit, die wir zusammen haben durften.