Gemeinsam einsam

Der Himmel ist blau und leuchtet.

Ich lerne, dass meine Isolationsgefühle völlig normal sind. Das Gefühl, am Ende allein zu sein, ist weder neu noch erschreckend (auch wenn es mich umhauen, lähmen und stundenlang betrunken auf dem Sofa zurücklassen kann). Im Gegenteil, das Gefühl ist vertraut und bekannt, und ich kenne diese spätmoderne Gesellschaft viel zu gut, als dass ich noch Angst davor hätte, es in einem Gespräch messerscharf zu benennen. Vielleicht kenne ich auch nur die Literatur, die Frage hat ihre Berechtigung, doch in jedem Fall wurde ich noch nie enttäuscht, es folgten stets ein Nicken und ein verständnisvoller Blick. Ich studiere Literatur- und Kulturtheorie im Master, zu irgendwas muss dieser Studiengang ja gut sein, denke ich gerade.

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Anfang des Monats starb Zygmunt Bauman – gedanklicher Gefährte, persönlicher Hausphilosoph, Lehrer, Vorbild und Inspiration. In seinem Werk „Flüchtige Moderne“ schrieb er über Individualisierung als einen Prozess, dem sich das moderne Subjekt nicht mehr entziehen kann. (Flüchtige Moderne, S. 45f.) Individualisierung als Schicksal und Identität nicht mehr als Vorgabe, sondern als Aufgabe – von Juli Zeh prägnant als der alles beherrschende Imperativ des 21. Jahrhunderts bezeichnet: „Erfinde dich und sei du selbst!“ (Treideln, S. 176)

Unter dem Damoklesschwert der Selbstverantwortlichkeit wird „Lebensführung zur biographischen Auflösung von Systemwidersprüchen“ (Beck, Risikogesellschaft, S. 219), der Einzelne sucht den Grund für Erfolg und Scheitern allein bei sich. Wenn das nun wahlweise zu gnadenloser Selbstüberschätzung oder bodenlosen Depressionen führt, wer sollte noch überrascht sein? In Hashtags wie #systemkrank entdecke ich kleine Gegenbestrebungen, winzige Erkenntnismomente in dem Versuch, statt auf eine bloße Ähnlichkeit der Probleme der Einzelnen auf deren Wurzel im System, d.h. auf die soziale Produktion der Risiken und Nebenwirkungen, hinzuweisen. Ist dies ein Zeichen für das Wiedererstarken des Bürgers, welcher (als Baumans Gegenbild zum Individuum) sein Wohlergehen an das Wohlergehen der Stadt knüpft, oder nur ein flüchtiger wechselseitiger Trost, ein Treibholz, an das sich die unweigerlich Sinkenden noch einige Minuten oder Stunden lang zu klammern versuchen?

Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, S. 47

Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, S. 47

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#augustbreak2016 – Red

09_redRot wie das Blut wie das Leben.
Rot wie die Leidenschaft.
Rot wie die Liebe.
Meine Liebe ist nicht rot.

Rot schreit „Hallo, hier bin ich!“ und „Achtung!“.
Rot ist das Feuer, das alles verzehrt.
Rot ist kraftvoll.
Rot ist Kitsch.

Meine Liebe ist blau.

Blau wie der Himmel, an dem die Wolken mal stürmisch, mal heiter vorüberziehen.
Blau wie das Meer, das Undurchdringbare, das sich beständig verändert.
Blau heißt Weite und Tiefe. Unaufdringlich. Einfach da.
Blau heißt Freiheit.

Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer. (Konfuzius)

How to be alone

Das folgende Video hat mich durch das Jahr 2014 begleitet, mich immer wieder getröstet und mir ein Lächeln geschenkt. Daher möchte ich es hier mit euch teilen:

Insbesondere die letzten Verse haben es mir angetan:

…take silence and respect it. if you have an art that needs a practice, stop neglecting it.
if your family doesn’t get you, or religious sect is not meant for you, don’t obsess about it.
– you could be in an instant surrounded if you needed it
If your heart is bleeding make the best of it
There is heat in freezing, be a testament.

Meine Werte: Verbindlichkeit

In diesem Beitrag habe ich schon angekündigt, dass ich eine Reihe über Werte machen möchte. Als Werte bezeichne ich dabei Eigenschaften und Verhaltensweisen, die mir persönlich wichtig sind. Meine Sammlung ist also völlig subjektiv und ich will auch gar nicht anfangen, das irgendwie zu gewichten oder zu sortieren. Vielmehr beschreibe ich frei Schnauze, was mir am Herzen liegt. Wichtig ist noch zu sagen, dass ich hier meine eigenen Ideale beschreibe, die ich versuche, so gut ich es kann, umzusetzen. Es braucht also keiner zu denken, dass ich ein Übermensch bin und das alles immer genauso hinbekomme, wie ich es gern hätte.

Verbindlichkeit

Wie oft habe ich die folgenden Sätze schon gehört? „Keiner will sich mehr festlegen.“, „Alles ist so unverbindlich geworden“, „Heute hier, morgen dort“, „Wieso können mir die Leute nicht zu meiner Party zusagen?“, „Man kann ja heutzutage echt gar nix mehr planen .“

Ich will euch sagen: Ich kann diese Jammerei nicht mehr hören! Ich finde das Beklagen der Unverbindlichkeit bei anderen sogar noch schlimmer und nervtötender als deren tatsächliche Unverbindlichkeit.

Mit Zygmunt Bauman gesprochen (ha! Wie schnell ich das doch hier anbringen kann!) leben wir in einer fluiden Moderne, in der sich die Dinge „verflüssigen“. Es gibt eine Pluralität an Normen, nicht mehr das eine große Ziel, das man gemeinsam erreichen möchte und für das man persönlich auch mal zurücksteckt. Im Gegenteil heißt die Ansage heute: Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung. Menschen sind überfordert mit einem Übermaß an Möglichkeiten und legen sich tatsächlich nur noch ungern fest. Die meisten Entscheidungen werden danach getroffen, was einem zu noch mehr Möglichkeiten verhilft. (Hab ich bei der Wahl meiner Studiengänge auch nicht anders gemacht.)

Im zwischenmenschlichen Bereich kann diese Tendenz zur Unverbindlichkeit für einigen Ärger und Enttäuschung sorgen. Doch wie ich schon schrieb, wir wollen nicht darüber jammern und uns beklagen – angesichts des strukturellen Hintergrunds bzw. der gesellschaftlichen Entwicklung ist das meiner Meinung nach verschwendete Zeit und Energie.

Da ich andere Menschen nicht ändern kann, sondern nur mich selbst (auch so eine Binsenweisheit!), habe ich für mich persönlich entschieden, Verbindlichkeit als einen hohen Wert anzusehen und in meinem Leben entsprechend umzusetzen.

Verbindlichkeit bedeutet für mich, sich an die eigenen Aussagen gebunden zu wissen.
Ich sage nichts zu, was ich nicht auch einhalten kann und will. Ich möchte zuverlässig sein. Damit das funktioniert, muss ich meine eigenen Zusagen ganz bewusst treffen. Dies erfordert von mir die Bereitschaft, mich auf eine Sache festzulegen (und damit zu leben, dass ich andere Sachen dann nicht machen kann). Anfangs kann das schwierig sein, doch je länger ich den Wert der Verbindlichkeit einübe, desto leichter fällt es mir. Ich fühle mich freier und zufriedener.

Ein beliebtes Thema bezüglich Verbindlichkeit sind Terminvereinbarungen.
Wenn ich Einladungen und Anfragen bekomme, schaue ich, ob ich Zeit habe und treffe eine Entscheidung. Passt es mir oder passt es mir nicht? Willst du mich zum Beispiel am Donnerstag Abend zu einem Vortrag einladen, dann kann ich dir gleich absagen, weil ein anderer Termin im Kalender steht (Entscheidung getroffen, Sache erledigt, kein Nachdenken mehr!). Möchtest du hingegen mit mir am Freitag Nachmittag einen Kaffee trinken gehen, spricht laut Kalender nichts dagegen. Dennoch werde ich erst schauen, wie viele Termine ich rundherum habe. Wenn die Gefahr besteht, dass ich den Termin nicht einhalten kann (z.B. weil ich weiß, dass meine ganze Woche sehr anstrengend ist), schlage ich besser einen Alternativtermin vor (auch wenn der erst in 2 Wochen liegt!). Wenn ich dich treffe, dann möchte ich für dich auch Zeit haben.

Sicher kann es passieren, dass ich mir bei der Anfrage noch unsicher bin oder zuvor etwas abklären muss. Um jedoch einen überfüllten Terminkalender mit lauter ???-Terminen zu vermeiden, werde ich dir einen Zeitpunkt nennen (und einhalten!), an dem ich ihm definitv zu- oder absagen werde.

Ist ein Termin einmal zugesagt, dann halte ich ihn ein.
Diese Festlegung erleichtert mir das Leben. Ich kann weitere Anfragen direkt absagen und du kannst dich darauf verlassen, dass ich auch tatsächlich mit dir Kaffee trinken gehe, selbst wenn noch eine Geburtstagseinladung reinkommt. Natürlich kann es auch sein, dass ich einmal einen Termin verschieben möchte. Für mich gilt aber in diesem Fall: Das Abgemachte hat Priorität. Bedeutet ein Alternativtermin für dich nur Stress, hat unsere Verabredung Vorrang.

Diese Haltung ist dem anderen und mir selbst gegenüber wertschätzend. Wenn ich weiß, dass ich den Termin auch einhalten werde, kann ich mich bewusst darauf freuen. Ich werde mich selbst nicht sabotieren und mir diese Freude kaputt machen. Auch möchte ich die Vorfreude des anderen nicht durch eine kurzfristige Absage zerstören.

Es ist ein Irrglaube, zu denken, durch eine Festlegung verliere man an Freiheit.
Das Gegenteil ist der Fall: Ich gewinne an Klarheit und bin frei, mich ganz auf eine Sache einzulassen (ohne zig Alternativen im Hinterkopf zu haben!). Ich kann ganz den Moment erleben (womit wir auch wieder bei einem Merkmal der fluiden Moderne wären: Leben im Hier & Jetzt). Meine Zeit ist mir wertvoll, daher plane ich auch ausreichend für mich selbst ein. Es gehört für mich zu einem verantwortungsvollen Umgang mit mir selbst und anderen, die eigenen Bedürfnisse und auch die Vorbereitungszeit auf bestimmte Termine so gut wie möglich abzuschätzen und entsprechend zu planen.

Und wenn es doch mal schief geht?
Dann reißt dir keiner den Kopf ab! Was ich hier beschreibe, ist in erster Linie eine Frage der Haltung. Es ist eine Absicht, ein Einüben und sich langsam dran gewöhnen. Wenn du dich daran versuchen willst, dann geht das nur Schritt für Schritt. Beim nächsten Termin, der kommt. Oder beim aktuellen, den du vereinbart hast und bei dem du nun grübelst, ob das denn so klug war. Ich bin selbst noch am Üben und stelle immer wieder fest, wo ich mich vielleicht übernommen habe. Daraus versuche ich für das nächste Mal zu lernen. Kein Mensch ist perfekt und wir werden es auch nicht! Aber wir können uns HEUTE für diesen Wert entscheiden.

Ich für meinen Teil lebe sehr gut damit – und bin gespannt auf deine Meinung!
Schreib mir gerne einen Kommentar!

Black Swift: The Worlds Howls (Album Review)

Vor diesem Album kannte ich Black Swift nur live. Ich kenne sie als Sally Grayson, Amerikanerin in Deutschland mit einem unglaublichen Charisma, fröhlichem Lachen, einem wunderbar freundlichen, mitfühlenden Wesen und entsprechend ihrer Herkunft einem manchmal seltsam-komischen Akzent. Darüber hinaus kenne ich sie als Black Swift mit Band auf der Bühne, sei es in einem kleinen Club oder einer Festival Lounge, sie steht vorn mit ihrer Gitarre, strahlt herzerfrischend ins Publikum und holt mit ihrer Musik und ihrer Art auch noch den Letzten aus seiner Ecke, um gemeinsam zu singen und zu tanzen. Zuletzt kenne ich sie als Black Swift solo bei Wohnzimmerkonzerten, in kleiner und intimer Atmosphäre, auf einer Geburtstagsparty mit Freunden, bei der man nicht so genau weiß, was einen dazu brachte, aus dem träumerisch-nachdenklichen Lauschmodus auf einmal hüpfend und rufend an einer Polonaise teilzunehmen, die sie mit ihrer Gitarre quer durch das ganze Haus anführt. Sie gehört zu den Menschen, die Stimmung machen, ohne dabei oberflächlich zu wirken. Die in allem, was sie tun, Wahrhaftigkeit und Lebendigkeit ausstrahlen.

So viel der Worte zu Black Swift als Sally Grayson… wie ihr euch denken könnt, war ich sofort dabei, als im Februar das Crowdfunding für ihr erstes großes Album „The World Howls“ begann. Damit sicherte ich mir gleich mal eine der ersten CDs und durfte nun vorab ins neue Album lauschen, um euch noch vor der offiziellen Release-Party ein Album Review bieten zu können. Die Party findet übrigens am Freitag, 11. Juli 2014, im Stuttgarter Club „Zwölfzehn“ statt.

Ich muss zugeben, dass es für mich nun – und daher auch die Vorrede – eine völlig neue Erfahrung war, auf einmal nur ihre Musik zu hören, ohne sie als Person vor mir zu sehen, allein Klang und Stimme ohne Erscheinung zu erleben. Dabei entstand die große Frage: Lässt sich ihre Ausstrahlung allein durch Stimme und Musik transponieren? Wie verändert sich das Hörerlebnis, wenn die körperliche Präsenz fehlt?

„The World Howls“ – die Welt heult auf, so der Titel. Man könnte nun meinen, das Album sei von Trauer und Schmerz durchzogen, doch schon das Cover zeigt die beiden enthaltenen Pole deutlich an: Ein Menschenkopf im Dunkeln, die Augen und Haare von bunten, leuchtenden Blumen überdeckt, mit weit aufgerissenem Mund, einer roten Blüte als Zunge und grauem Totenkopf im Mund. Es ist die Konfrontation mit Tod und Schmerz, die herauswill, und dennoch eine bunte Welt, in der wir leben, in der wir tanzen und Schönheit entdecken.

Hinsichtlich dieser Stärke und Dynamik fällt besonders das Lied „Traum Tod“ auf, das im Anschluss an ein Zitat von Marc Aurel ganz im Stil eines Aufrufs zum Leben gestaltet ist: „Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern, dass man nie beginnen wird, zu leben.“ Schmerz hingegen findet sich in „Love’s harsh winter“, einem Lied über die Liebe, die nach den Schmetterlingen und Frühlingsgefühlen den kommenden Winter nicht auszuhalten vermag: „The spring of love has gone by, now we watch the leaves fall around and die. It grieves me that committment often won’t through the winter, last to grow old in the cold till the ice storms past.“

Das Album enthält zehn Titel, die sich rein musikalisch schwer in ein bestimmtes Genre einordnen lassen. Natürlich kann man immer die Bezeichnung „Indie“ wählen, unter der man anscheinend alles sammeln kann, was auf künstlerisch-kreative Weise die unterschiedlichsten Einflüsse zu vereinen sucht… doch wenn ich beobachte, welche Bilder beim Hören der Lieder vor meinem inneren Auge auftauchen, dann trinke ich Bier aus Tonkrügen in einer Mittelalterschenke, segle wie ein Vogel über die Berge und Täler, warte sehnsüchtig in Dunkelheit & Winter auf den beginnenden Frühling und sitze mit staubigen Füßen und auf einem Grashalm kauend in der prallen Sonne auf einer Bank.

Überhaupt das Vogelmotiv: Es füllt nicht nur den Bandnamen „Black Swift“, sondern durchzieht in verschiedenen Darstellungen auch das Booklet und motivisch mehrere Lieder. So wird die Suche nach einem Zuhause im Eröffnungslied „Branches & Sticks“ auf dem Hintergrund nestbauender Vögel abgehandelt und die Sehnsucht nach Freiheit scheint das ganze Album auf ihren Schwingen zu tragen. Auf meine Frage an Sally, was ihr der Name „Black Swift“ bedeute, erzählte sie mir, dass sie an einer Serie von Ölgemälden gearbeitet habe, bei der sie Porträts ihrer Ahnen gemalt habe. Die Vögel in den Bildern stünden dabei für den Geist oder die Seelen der Menschen, die bereits „entflogen“ sind. Bei ihrer Recherche über Vögel stieß sie auch auf die schwarze Schwalbe, den schwarzen Segler: „Black Swift“.

Mein persönliches Fazit ist durchmischt: Ich liebe die Zusammenstellung von Text, Musik und der Darstellung im Booklet – es ist eine runde und inspirierende Sache. Ebenso liebe ich die Textlastigkeit in vielen Liedern – es werden keine passenden Worte nur aufgrund des Reimschemas aus dem Lied gestrichen. Minuspunkte hingegen sammelt das Album für teilweise eher schwache Refrains, während die Strophen an Druck und Dynamik zu glänzen vermögen. Insgesamt muss man es sicher mehrfach hören, um zu manchen Stücken einen Zugang zu finden und die verschiedenen Nuancen zu entdecken. Ich jedenfalls freue mich auf die morgige Live-Performance!

PS & Anspieltipp: Besonders froh bin ich, dass es „Whiskey John & Irish“ sozusagen als letztes Lied noch auf das Album geschafft hat. Es ist ein Song ganz im Sinne des Storytelling… und diese Story ist bewegend und anrührend. Der zunächst vielleicht simple anmutende Refrain „Love is love is love is love…” könnte besser nicht gewählt sein. Großes Lob!

Eigene Wege

Wenn ich etwas besonders Mutiges und Verrücktes tun will, dann gehe ich ohne Geldbeutel, Schlüssel und Handy aus dem Haus. Der Radius, in dem ich mich dann bewege, ist klein: Den Berg hinauf zur Schaukel, eine kleine Runde in den Weinbergen, an zaghaften Tagen nur bis zum Briefkasten, an abenteuerlustigen bis in den Nachbarort. Ich fühle mich unabhängig und frei bei diesen Spaziergängen, aber gleichzeitig auch ein wenig verloren und „für den Notfall“ angewiesen auf andere. Man soll sich ausweisen können, sagt der Staat. Man soll immer fünfzig Mark in der Tasche haben, sagte der Uropa. Man soll Bescheid geben können, wenn etwas ist, sagt die Mutter. Nichts davon kann ich, nicht habe ich dabei. Nur ich und die Kleidung, die ich am Leib trage. Könnte ich so auf eine längere Reise gehen? Was würde passieren? Wie weit würde ich überhaupt kommen? Und: Käme ich wieder zurück?

100 Leben

Und ich lebe hundert Leben.
In meinem Kopf. In meinen Gefühlen.
Wenn ich die Augen schließe, dann bin ich alles.
Und wenn ich sie öffne, noch mehr.

Wer sagte jemals, man habe nur ein Leben?
Wenn dieses Leben so unendlich ist, dann ist es genug.

Ich bin
Denkerin. Träumerin.
Liebste, Geliebte.
sehnsüchtig erfüllt
barmherzig und herzlos.

verwurzelte Reisende
bestimmend und untertan
ledig, gebunden
dienend und frei.

zweifelnde Glaubende
glaubende Zweiflerin

der Zeit voraus und ihr hinterher
Ich töte die Zukunft nicht mehr.

Sonntagsgedanken*

Es ist schwierig, wieder und wieder nach ein und demselben Sachverhalt in meinem Leben beurteilt zu werden. Ich liebe einen Mann, der meine Glaubensüberzeugung nicht teilt und wohne mit ihm ohne Trauschein zusammen. Damit habe ich für viele meiner Glaubensgenossen gleich zwei Sünden mit einer Klappe geschlagen und das Gespräch auf Augenhöhe ist beendet.

Für meine nichtchristlichen Leser muss das ein denkbar schlechtes Bild vom Leben mit Gott vermitteln, was mir ausgesprochen leid tut. Ich hoffe, dass es mir gelingt, zwischen menschlichen Urteilen und einer persönlichen Beziehung zu Gott hier eine klare Linie ziehen zu können. Denn ich komme nicht umhin, diese für mich schwierigen Erfahrungen auch in meine Blogposts einzubeziehen.

Ich möchte hier nicht theologisch argumentieren, warum ich es ganz in Ordnung finde, so zu leben, wie ich es tue, und warum ich auch glaube, dass Gott sehr gut damit leben kann und weiterhin auch sehr gerne in mir lebt. (Vielleicht sollte ich das in einem Folgebeitrag mal tun…)

Heute geht es mir darum, dass mir dieser identity marker der „sexuellen Reinheit“ das Leben im Leib Christi ziemlich erschwert. Ich kann kaum zählen, wie viele Diskussionen und Predigten ich darüber gehört habe, dass man als Christ vor der Eheschließung sexuell enthaltsam leben soll. (Die Frage danach, ob man einen Nichtchristen als Partner wählen sollte, wurde – neben einem Zitieren des Verses „Zieht nicht an einem Joch mit den Ungläubigen“ – auch schnell abgearbeitet: Welcher Nichtgläubige würde sich schon auf diese Enthaltsamkeit einlassen?)

Da die Sexualität des Menschen ein Thema mit enormer Spannung, Eigendynamik und Kraft ist, ein Urthema des Menschseins und vermutlich auch einfach ein Feld, in dem man sich erst einmal zurecht finden muss und dafür seine Zeit braucht, wird in manchen Kreisen das sexuelle Verhalten eines Menschen zum Dreh- und Angelpunkt seiner gelebten Frömmigkeit. Und hier sind wir auch schon am Knackpunkt:

Ich führe Gespräche mit Christen, die mich nicht kennen, und weiß genau, dass ich meine Beziehung und Wohnsituation dabei besser ausblende. Ich merke förmlich das Zucken und Umschalten im Gehirn des Gegenübers, wenn klar wird: „wohnt mit Freund zusammen“. Nein, zur Gruppe der wahrhaft Gläubigen kann ich nun nicht mehr gehören. Eine Zeit lang habe ich mich selbst deswegen als „Christ zweiter Klasse“ wahrgenommen, bis mir Gott ganz deutlich zeigte: Das bist du nicht.

Jessica Valenti (eine Feministin, die man in christlich-konservativen Kreisen sowieso nicht lesen sollte… ok, ich spotte) zeigt in ihrem Buch „The Purity Myth“ sehr schön auf, wie schwierig es ist, überhaupt eine Definition für die angestrebte Reinheit und Jungfräulichkeit zu finden. Daran anschließend muss ich fragen: Wo ziehen wir die Grenze zwischen „rein“ und „unrein“? Sind wir uns bewusst, dass das Ideal, nach dem wir uns ausrichten, ein rein gedachtes ist, dem weder wir noch ein anderer jemals entsprechen kann? Und wenn wir dennoch daran festhalten – wollen wir tatsächlich den Grad der äußerlich sichtbaren Erfüllung zum Hop-oder-Top-Maßstab über den gelebten Glauben unseres Gegenübers erheben?

Aber es ist ja so viel einfacher, feste Kriterien zu haben. Ich weiß, wie liebend gern wir in schwarz und weiß denken. Drinnen oder draußen. Gerettet oder verdammt. Mir fällt es nur so enorm schwer, diesen Umschwung in den Gesprächen gebacken zu kriegen. Wenn ich zunächst noch als „Schwester im Herrn“ wahrgenommen werde und für die Arbeit, die ich tue, so viel Wertschätzung spüre, so viel Verbundenheit und Gemeinschaft – und meine holprigen Worte, auf Nachfrage geäußert, einen Keil hinein treiben und ich die Enttäuschung des Gegenübers, die Distanzierung förmlich riechen kann. (Nein, ich bilde mir das nicht ein!)

Wie sehr wünsche ich mir an dieser Stelle einen anderen Umgang miteinander! Einen Umgang, bei dem die Warmherzigkeit und Freundlichkeit eines Menschen beim Erwähnen seiner Lebenumstände nicht abgewertet werden. Bei dem seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit nicht von einem Moment auf den nächsten an Bedeutung verlieren. Bei dem man nicht fragt: „Warum seid ihr noch nicht verheiratet?“, sondern lieber: „Wie geht es euch in eurer Beziehung? Was schätzt ihr aneinander? Wovon träumt ihr? Wie gestaltet ihr euer Leben zu zweit?“

Ich will dich, mein Gegenüber, für genau das schätzen und akzeptieren, was du bist. Ich höre dir offen und aufmerksam zu, was du mir erzählst und aus deinem Leben mit mir teilen willst. Wer bin ich, darüber zu urteilen? – „Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Der Herr aber sieht das Herz an.“ – Und auch ich selbst möchte nicht in einer Schublade landen, aus der ich frühestens mit der Hochzeit wieder herauskomme.

*Musik dazu, jetzt mit richtigem Link: Brown Feather Sparrow: We have to Run
(Ihr Lieben, weist mich doch bitte darauf hin, wenn meine Links nicht funktionieren!)

„Der Gedanke, dass Forschung nur gedeihen kann, wenn sie nicht weisungsgebunden ist, scheint zu weit von der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen entfernt zu sein, um auf Verständnis zu stoßen.“

„Aus Sicht der Bevölkerung bemisst sich der Wert von Forschung weniger nach dem Erkenntnisgewinn als nach dem unmittelbar erwarteten Nutzen. Dies zeigt sich an den Antworten auf eine im Oktober 2006 gestellte Frage [des Instituts für Demoskopie Allensbach], bei der zwei Meinungen über die Aufgaben von Wissenschaftlern zu Auswahl gestellt wurden.

Die erste Meinung lautete:
„Ich finde, die Aufgabe eines Wissenschaftlers ist es, Ergebnisse zu liefern, die nützlich für die Menschheit sind. Die Menschen müssen sich die Themen danach wählen, wo Erkenntnisse am dringendsten gebraucht werden.“

Die Gegenposition war: „Ich finde, die wichtigste Aufgabe eines Wissenschaftlers ist es, auf wissenschaftliches Neuland vorzudringen und sich dabei selbst die Ziele zu setzen und zu entscheiden, welche Probleme er bearbeiten will. Das ist gemeint mit ‚Freiheit der Forschung‘ in unserem Grundgesetz. Wenn etwas neu ist, kann man doch nicht vorher schon wissen, ob es nützlich sein wird.“

49 Prozent der Befragten stimmten der ersten Meinung zu, nur 34 Prozent der zweiten. Der Gedanke, dass Forschung nur gedeihen kann, wenn sie nicht weisungsgebunden ist, scheint zu weit von der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen entfernt zu sein, um auf Verständnis zu stoßen.“

Quelle: Thomas Petersen: Der ferne Planet Wissenschaft. Warum die Verständigung zwischen Forschern und der Bevölkerung so schwierig ist.
In: Die politische Meinung, Nr. 519, März/April 2013, 58. Jahrgang, S. 10-15.

Sonntagsausflug

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4 Lose gezogen… Ziel: Felsenmeer im Odenwald… Tramper mitgenommen… neue Pläne geschmiedet… irgendwo nördlich von Frankfurt gelandet… Tankstelle gesucht… Telefonate geführt… ein schönes Städtchen namens Weilburg entdeckt… Freunde besucht… zwei Sessel für unser Wohnzimmer geschenkt bekommen… JA, es fühlt sich nach Urlaub an!

Ich liebe liebe LIEBE es, mit meinem Freund so spontan und ziellos unterwegs zu sein. Es gibt nichts Besseres.

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„…denn er hat uns zuerst geliebt.“

Heute vor 12 Jahren habe ich mich bekehrt.

Was bedeutet das? Ich besuchte ein christliches Zeltlager für Teenager und traf dort – wie es im frommen Kontext so schön heißt – eine „Entscheidung für Jesus“. Die Praxis der sogenanten „Bekehrungsaufrufe“ ist in katholischen oder evangelisch-landeskirchlichen Kreisen sehr selten und wird oft auch eher negativ bewertet. In charismatischen oder evangelikalen Gemeinden finden sich diese Aufrufe jedoch häufiger. Meist wird im Rahmen eines Gottesdienstes zum Glauben an Jesus Christus eingeladen und dann eine Zeit angekündigt, in der die Gottesdienstteilnehmer die Möglichkeit haben,auf diesen Aufruf zum Glauben zu antworten – z.B. durch Handzeichen oder aber, indem sie nach vorne zum Prediger/zur Bühne/zum Altar kommen. Dort sprechen dann alle gemeinsam ein „Übergabegebet“, in dem sie Gott danken, dass er sie liebt, ihren neuen Glauben an Jesus bekennen, um Sündenvergebung bitten und ihr Leben in Gottes Hände legen. (Sollte ich einen wichtigen Punkt vergessen haben, darf der geneigte Leser gerne Ergänzungen vornehmen :-) ).

So traf auch ich im Rahmen eines Gottesdienstes diese Entscheidung. Bereits zuvor hatte ich meine Kindheit in einer gläubigen Familie verbracht und mich selbst auch als Christ empfunden. Ja, ich hatte bereits eine Beziehung zu Gott.
Dennoch hatte ich in diesem Gottesdienst das starke Bedürfnis, ganze Sache zu machen. In den zwei Jahren zuvor hatte ich mich immer wieder punktuell von meinen christlichen Wurzeln entfernt und ich wusste, dass ich den Zeitpunkt überschritten hatte, an dem ich Christ sein konnte, weil meine Eltern Christen waren. Während des Gottesdienstes merkte ich: Entweder ich gehöre ganz dazu oder gar nicht. Es ist nicht möglich, ein „halber Christ“ zu sein. Und ich fragte mich, ob ich zu Gott gehören will, ob ich Jesus nachfolgen will. Wie soll ich mich entscheiden? In dieser Situation hatte ich auf einmal ein tiefes Empfinden für „Wahrheit“. In mir war ein Wissen, dass Jesus die Wahrheit ist. Er sagt auch über sich selbst: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Ich spürte in mir: Das ist wahr. Und ich konnte mich dem nicht mehr entziehen. Ich wollte zu Jesus gehören!
So ging ich nach vorne im Zelt und betete auch das „Übergabegebet“. Im Anschluss daran sprach ich noch mit einer Mitarbeiterin, die auch für mich betete. An diesem Abend fühlte ich mich erleichtert, glücklich und frei wie nie in meinem Leben!

Heute sehe auch ich diese „Bekehrungsaufrufe“ oft kritisch. Ich finde es nicht gut, wenn in Gottesdiensten eine zu emotionale Stimmung erzeugt wird oder Leuten gar mit der Hölle gedroht wird, sollten sie nicht nicht heute, hier und jetzt „bekehren“. Auch habe ich meine eigene „Erkenntnis“, den Glauben als Wahrheit zu sehen, mehrfach hinterfragt: Inwieweit war es nicht doch die Prägung durch mein Elternhaus oder die vermittelten Botschaften aus der Kinderstunde? Doch das, was ich als „inneres Wissen um Wahrheit“ beschreibe, hält all diesen Zweifeln bis heute immer wieder stand.

Ich würde heute nicht mehr sagen: „Ich habe mich bekehrt.“, so wie ich es eingangs in diesem Beitrag geschrieben habe. Wer bin ich denn, dass ich mich selbst bekehren könne oder in der Lage wäre, eine Entscheidung für Gott zu treffen – für Gott, den Schöpfer von Himmel und Erde? Ich glaube fest, dass Gott durch seinen Heiligen Geist, diese „Entscheidung“ in mir gewirkt hat. Er hat nicht nur „Ja“ zu mir gesagt – er hat mir auch das „Ja“ gegeben, mit dem ich ihm antworten konnte. Jesus sagt dazu: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ Gott hat mich erwählt, er hat mich zu sich gezogen und mir den Glauben an ihn und mein Vertrauen in ihn geschenkt!

12 Jahre sind es heute, die ich bewusst mit Jesus durch das Leben gehe. Mehr als doppelt so viel geht er schon mit mir :-) Ich bin sehr dankbar für die Gnade, Gottes Kind sein zu dürfen. Was das genau für mich bedeutet, davon schreibe ich ein ander Mal mehr!

PS. Ich möchte hiermit gleich alle Befürchtungen ausräumen, dass dies ein christlich-missionarischer Blog werden soll. Sicherlich nicht! Doch manche Tage muss man einfach festhalten! :-)

Verzicht (oder: „Bin ich ein Biertrinker?“)

 

Was ich besonders an ihm liebe, ist sein Verzicht auf Sätze, die mit „Ich bin so ein Mensch, der..“ beginnen.
Schon als wir uns kennenlernten, übte diese Eigenart eine ausgesprochene Faszination auf mich aus. Keine Aussagen über das eigene Ich. Kein Mitteilen, kein Erklären der eigenen Geschichte. Warum man so ist, wie man sich gerade präsentieren möchte. Und das in einer Zeit, in der andere (auch ich) jede Minute eine neue Identitätsbestimmung vornahmen – und diese natürlich auch jede Minute neu mitteilen mussten.
Es war nicht so leicht, etwas über ihn zu erfahren und auch auf meine direkten Fragen bekam ich selten eine eindeutige Antwort. Wollte er nicht antworten, fand er die Frage nicht wichtig oder kannte er sich selbst nicht? Es schien, als sei es ihm egal, wie er selbst war oder bei anderen ankam.  Er legte keinen Wert darauf, sich in Schubladen stecken zu lassen oder sich selbst ein bestimmtes Etikett aufzukleben. Diese Eigenart gab ihm die Freiheit, zu sein – eine Freiheit, deren Vorgeschmack mich mit so viel Sehnsucht erfüllte.
Ich wollte mir die Etiketten abgewöhnen. Noch heute beiße ich mir immer wieder auf die Zunge. Dabei habe ich bereits gelernt, wie einfach es sein kann, dass Menschen mich kennenlernen, ohne dass ich ihnen je etwas über meine Vergangenheit oder bisher vorgenommene Selbstreflektionen mitteile. Und ich lerne immer weiter, mich im Verzicht zu üben.
Lasst uns doch die Freiheit genießen, mit jemandem ein Bier trinken zu gehen, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob man nun ein „Biertrinker“ ist oder wie gut das zur eigenen Identität als „Hobby-Sommelier“ passt. Es entspannt ungemein, jemanden anzuquatschen, ohne ihm gleichzeitig mitteilen zu müssen, dass man ja eigentlich sehr schüchtern ist. (Das wird er im Zweifelsfall nämlich gleich selbst mitkriegen, wenn man die Zähne nicht mehr auseinander bekommt.) Oder einfach pünktlich zu einem Treffen zu erscheinen, weil man ja „so ein Mensch ist, der Verspätungen nicht leiden kann“. So wie er zum Beispiel.