Der Anfang vom Ende

Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell über dich hinwegkommen würde. Ein paar Monate und etwas Abstand und das war’s dann auch schon. Angesichts dieser großen, unglücklichen Liebe erscheint es mir selbst wenig glaubwürdig, doch was soll ich sagen? Manchmal scheint sich die Zeit eben besonders viel Mühe bei der Wundheilung zu geben.

Klar, ich kann nicht leugnen, dass es ein Schlag für mich war, als du mir sagtest, dass es zwischen uns vorbei ist. Es war hart und es zog mir für einen Moment den Boden unter den Füßen weg. Du habest jemanden kennengelernt, sagtest du, und es sei etwas Ernstes. So ernst, dass es nicht reichen würde, die Benefits aus unserer Freundschaft zu streichen, sondern dass eine klare Linie gezogen werden müsse, und diese Linie, so dein Plan, verlief nun einmal zwischen dir und mir. Du schautest mich dabei an, als habest du gerade den Wetterbericht vorgelesen. Ich schluckte erst, dann nickte ich und brachte sogar noch einige verständnisvolle Sätze über die Lippen – nur um einige Tage später Zeter und Mordio zu rufen. Zum ersten Mal in unserer Freundschaft machte ich dir Vorwürfe. Unnötige Vorwürfe, denke ich heute, doch damals mussten sie raus. Du hattest dich verabschiedet, es war dein gutes Recht, und doch hattest du allein entschieden.

Du hast immer allein entschieden, auch in all diesen Unglücksjahren mit mir. In diesen überglücklichen Unglücksjahren. Schon als ich dich kennenlernte, bestimmtest du den Kurs, bestimmtest das Tempo und hattest stets das passende Label für unseren Freundschaftsstatus parat. Ich will mich hier nicht zum Opfer stilisieren, ich trage genauso die Schuld an diesem ungünstigen Verlauf und die wenigen Fäden, die ich hatte, hielt ich umso sicherer in meiner Hand. Mit feinen Antennen erkannte ich bald die Augenblicke der Unachtsamkeit, ich entwickelte eine Ahnung für deine schwachen Momente und wusste sie für mich auszunutzen. Deine Prinzipien waren dir heilig und doch schob ich mich immer wieder an ihnen vorbei, hinter das hart gesetzte Label, hinein in deine unwillkürliche Umarmung. Sie war ein geradezu unbewusster Akt der Zuneigung, du dachtest nicht nach in diesen Situationen und das kam mir zugute.

Für „Friends with Benefits“ sah dein Plan vor, dass Übernachtungen und Benefits sich ausschließen würden; wer zu Gast war, musste also irgendwann nach Hause gehen, auch wenn das bedeutete, um drei Uhr morgens noch unter Restalkohol seine Sachen zu packen. Mit einer Übernachtung wäre die Grenze zum Pärchen für dich nicht mehr erkennbar, meintest du, und ich schluckte erst, dann nickte ich und selbstverständlich fand ich ein paar verständnisvolle Worte. Übernachtungen bei Freunden seien hingegen okay, da spreche nichts dagegen, es sei selbstverständlich, Freunden nach einer partyreichen Nacht einen Platz auf der Couch anzubieten – oder auf der eigenen, 1,40m-breiten Matratze, wenn es denn zwischen den Beteiligten passte.

Natürlich passte es bei uns, wir hatten uns über die Jahre aneinander gewöhnt, hatten einen gemeinsamen, selbstverständlich rein freundschaftlichen, Rhythmus gefunden und ich schlief gerne bei dir im Bett. Wenn ich neben dir lag, streckte ich immer meine Zehen von dir weg, sodass sie unter der Bettdecke hervorlugten, und schob meinen Rücken noch ein paar Zentimeter näher zu dir hin. Eine komische Schlafhaltung, meintest du, wie eine Mondsichel, und obgleich ich zuhause nicht sonderlich mondsichelförmig schlief, schien es mir hier bei dir passend – so passend, dass ich auf die Schnelle nie eine plausible Antwort auf deine Bemerkung gefunden hätte. Tatsache war, ich fühlte mich viel zu wohl damit, fühlte mich so wohl in deiner Nähe auf diesen 140 gemeinsamen Zentimetern, genoss die nicht einmal anderthalb Meter für zwei Menschen, die jenseits aller Labels ein Herz und eine Seele waren. Ein glückliches Herz und eine traurige Seele, wohlgemerkt.

Lob des Junggesellinnenabschieds

Da 140 Zeichen manchmal einfach nicht ausreichen, gibt es hier nun meine ausführliche Antwort zum Thema Junggesell(inn)enabschied. Los ging’s auf Twitter mit dem Statement von @FrauAuge

und anschließend schlugen einige ähnliche Töne an bis hin zu folgendem Kommentar der @stadtpoetin:

Nachdem ich diesem Tenor heftig widersprochen hatte, möchte ich nun ein wenig von meinem eigenen Junggesellinnenabschied erzählen und warum ich es genau so auch wieder machen würde:

Mein Junggesellinenabschied hatte zunächst einmal eine Vorläufer-Veranstaltung: Das Team-Braut-Treffen. Als mein Mann und ich uns entschlossen, zu heiraten, suchte ich mir wie die meisten Verlobten unter meinen Freundinnen eine Trauzeugin aus. Schnell war jedoch klar, dass mich bei den Hochzeitsvorbereitungen mehr als nur diese eine Freundin unterstützen würde, und um diesen Einsatz zu würdigen und ihm einen Rahmen zu geben, gründete ich das „Team Braut“ und lud all meine Mädels zu einem knallrosa Treffen ein. Hintergrund für den vielen rosa Kitsch war, dass mein Mann und ich auf gar keinen Fall eine rosa-Kitsch-Hochzeit haben wollten (ich bin auch echt nicht der Typ dafür) und ich aber – ähnlich wie neulich beim Valentinstag – große Lust hatte, dem rosa Trend aus all den Hochzeitsmagazinen an einem einzelnen Tag doch mal eine Spielwiese zu geben. Am Team-Braut-Treffen lernten sich also einige meiner Freundinnen kennen, bei denen das bisher noch nicht der Fall war, es war trotz rosa Kitsch eine starke, „empowernde“, weibliche Gemeinschaft und wir planten einigen organisatorischen Kram und sprachen über Singlesein, Beziehungen und übers Heiraten.

Einige Monate später organisierten eben diese Freundinnen meinen Junggesellinenabschied. Samstagmorgens ging es los, meine Trauzeugin hatte den Kleinbus ihrer Eltern ausgeliehen und sammelte nach und nach alle auf der Strecke ein. Zunächst gab es im WG-Haus meiner liebsten Freundin Milla eine kleine Stärkung und ein fröhliches Umziehen und Stylen. Die Mädels hatten T-Shirts bedruckt, die wie Band-T-Shirts aussahen und den Titel der Zeitschrift trugen, die wir mit 18, 19 Jahren selbst gestaltet und herausgegeben hatten. Vorne war mein Gesicht zu sehen, nicht als Foto, sondern so wie es in einer Ausgabe auf dem Cover zu sehen war. Hinten waren als Tourdaten die Kennenlerndaten und Meilensteine in der Beziehung meines Mannes und mir aufgeführt. Hier also keine Spur von „letzter Abend in Freiheit“, sondern eine liebevolle und aufrichtige Anteilnahme an meinem bisherigen Lebensweg alleine und mit den Mädels (Zeitschrift) sowie mit meinem Mann (Tourdaten). Das T-Shirt hat für mich ausgedrückt, dass meine Freundinnen mich wirklich gut kennen, dass sie mich auf meinem bisherigen Weg begleitet haben und das auch weiterhin tun werden, ja, es war für mich eine Zusage zu mir als Person mit allen Entscheidungen, die ich treffe, und ein Ausdruck der Freundschaft, die nicht mit der Hochzeit aufhört, sondern auf die ich mich immer verlassen kann.

Weiter ging es zum bereits erwähnten Lasertag, das für mich eine gelungene Überraschung war. Frau Auge fragte mich ja, was ich denn am JGA unbedingt machen wollte, und auch wenn ich es im Voraus nicht wusste, dann war es doch genau so eine Aktion. Natürlich kann man auch einfach so mit Freunden Lasertag spielen gehen, doch wir hätten es wohl in dieser Konstellation nicht auf die Reihe bekommen. Noch dazu liebe ich Überraschungen und mit dieser haben mir meine Freundinnen eine echte Freude gemacht. Wir hatten alle zusammen viel Spaß! (Mit dem Alkohol haben wir erst danach angefangen ;))

Anschließend fuhren wir in die nächstgrößere Stadt, in der es diesen klassischen JGA gab, den ja anscheinend sehr viele Menschen ganz furchtbar finden: Wir tranken Sekt, ich hatte einen Bauchladen und die ein oder andere kleine Aufgabe zu lösen. Diesen Teil des JGA wollte ich tatsächlich gerne haben, ja, man macht sich ein wenig (oder auch ein wenig mehr) zum Affen, doch ich wollte es einfach ausprobieren und quasi mal raus aus meiner persönlichen Comfort Zone. Meine Freundinnen haben mich tatkräftig beim Verkaufen der ganzen Kleinigkeiten unterstützt und ich habe selbst sehr darauf geachtet, nur Menschen anzusprechen, die mir auch freundlich zugewandt waren. (In meiner Heidelberger Studentenzeit habe ich es nämlich gehasst, in der Fußgängerzone immer wieder zwangsweise in JGA hineinverwickelt zu werden!) Was ich dabei erlebt habe, war einfach großartig: Unglaublich freundliche und offene Menschen, die mich beglückwünschten, mir großzügig den größten Plunder abkauften, die mir von ihren eigenen Hochzeiten, geglückten und gescheiterten Ehen erzählten und mir für meine Ehe alles Gute wünschten. Für diese Begegnungen bin so dankbar, vielleicht kann man die Erfahrung ein wenig mit Aktionen wie „Free Hugs“ vergleichen: Fremde Menschen, die es gut mit dir meinen. Außerdem hatten wir natürlich einfach Spaß zusammen, haben mit einem Männer-JGA geflirtet und ich durfte einem Fremden einen Kussabdruck verpassen, es war lustig und vielleicht alles ein bisschen wilder und verrückter als sonst.

Als uns vom vielen Laufen irgendwann die Füße weh taten und es auch schon langsam dämmerte, gingen wir in ein Lokal zum Essen, hauten dabei das durch den Bauchladen eingenommene Geld für Getränke auf den Kopf, und entspannten uns ein wenig. Danach zogen wir nämlich los zum Tanzen in einen Club, der an sich gar keine Junggesellenabschiede reinließ, uns aber aufgrund unserer Band-T-Shirts nicht als JGA erkannte. Die Gäste im Club allerdings verstanden schnell, dass wir ein JGA waren, und immer wieder kamen fremde Menschen auf mich zu, gratulierten mir und wünschten mir eine schöne Hochzeit und eine gute Ehe. Das war einmal mehr herzerwärmend!

Nach einer Übernachtung im WG-Haus und einem gemütlichen Frühstück machten wir uns am nächsten Morgen wieder alle auf den Weg nach Hause.

Und nun?

Ich sehe nicht, an welcher Stelle mein JGA eine Panikreaktion war, die Ehe als Gefängnis darstellte oder ein „letzter Abend in Freiheit“ zelebriert wurde. Es war auch in der Tat nicht der letzte Abend, an dem ich Spaß mit meinen Mädels hatte – im Gegenteil: Er hat unsere Freundschaft gestärkt, einige Freundinnen haben sich zum ersten Mal kennengelernt, und mir wurde im Lauf der beiden Treffen quasi genau das Gegenteil von dem bewusst, was JunggesellenABSCHIED vorgeblich sein soll: Dass ich mich als nicht durch die Ehe als ehemals eigenständige Person in eine Zweierbeziehung auflöse, sondern dass ich ein eigener Mensch mit eigenen Vorlieben, Interessen und auch eigenen Freundinnen bleibe. Dass ich mich auf diese Frauenfreundschaften verlassen kann, dass sie mich lieben und bei den großen Entscheidungen meines Lebens zu mir stehen und mich unterstützen. Dass sie den Weg mit mir gehen werden und die Hochzeit nicht das Ende unserer Freundschaften ist (was für ein schräger Gedanke!).

Insofern denke ich sehr gerne an meinen Junggesellinnenabschied zurück und denke mittlerweile auch, dass gerade die manchmal vielleicht auch von Unsicherheiten und Zweifeln geplagte Phase der Hochzeitsvorbereitung diese bestärkende, freundschaftliche Erfahrung gebrauchen kann!

Warum der Valentinstag scheiße ist und ich trotzdem Blumen gekauft habe

Erst heute früh stolperte ich via Twitter über ein ziemlich cooles Erklärvideo zur romantischen Liebe. Das Konzept der romantischen Liebe ist, wenn man mal näher hinsieht und auch nur einen kleinen Funken Verstand besitzt, ziemlich irre: Da gibt es einen anderen Menschen, pardon: einen Seelenverwandten, der einen intuitiv und vollständig versteht, die eigenen Interessen und Wünsche teilt oder zumindest von ganzem Herzen unterstützt und mit dem man quasi auf rosa Wolken durchs Leben schwebt. Nun gut, natürlich ist das überzeichnet und in dieser Extremform scheinen auch die wenigsten an diese Idee zu glauben, aber doch durchzieht sie jeglichen Hollywood-Kitsch und drängt sich so immer wieder in unser Bewusstsein.

Mein persönliches Problem mit der Idee von der romantischen Liebe ist auch weniger die intensive Liebe und Zuneigung, die Menschen in Paarbeziehungen zu finden suchen, sondern vielmehr die Exklusivität, mit der dieser Wunsch einhergeht. Jeder Mensch hat zahlreiche Bedürfnisse, die niemals von einer einzigen Person erfüllt werden können, und es ist schlichtweg unverschämt, für deren Erfüllung eine andere Person außer sich selbst verantwortlich zu machen. Hier liegt aus meiner Sicht in vielen Paarbeziehungen der Hund begraben. Hinzu kommt, dass dieser Fokus auf die alles fordernde und alles erfüllende Zweierbeziehung häufig noch mit einem Absolutheitsanspruch vertreten wird, der bei mir schnell einen Würgreiz auslöst. Selbst in Situationen, in denen die eigene Beziehung – möglicherweise noch aufgrund mangelnder Selbstverantwortung! – scheiße läuft, wird an der Idee der romantischen Liebe als alleinseligmachendem Lebenskonzept krampfhaft festgehalten und es wird davon ausgegangen, dass es genau das ist, was nicht nur einem selbst, sondern auch allen anderen zum dauerhaften Glück verhilft.

Okay, ihr merkt, ich schreibe mich in Rage, doch mein immer mehr beziehungsanarchistisch schlagendes Herz macht bei diesem Thema auch ordentlich Radau. Ich liebe die verschiedenen Facetten von Liebe und Intimität, ich liebe Freundschaften, Bekanntschaften und ein buntes Netz an sozialen Beziehungen, und ich möchte keine dieser Beziehungen abwerten, nur weil ich auch eine „romantische Paarbeziehung“ führe. Und ja, natürlich ist mein Partner mir wichtiger und steht mir auch emotional näher als eine x-beliebige Kommilitonin oder der Postbote. Es geht mir vielmehr darum, dass diese eine, einzelne Beziehung nicht mittels bestimmter Konventionen mein ganzes weiteres Beziehungsleben bestimmt. Mein Partner wird niemals alle meine Interessen teilen, alle meine geheimen Wünsche erahnen und mir für alle Themen ein interessanter, aufmerksamer Gesprächspartner sein. Genauso wenig werde ich diese Rolle für ihn einnehmen können. Daher ist es mir wichtig, andere Menschen in meinem Leben zu haben, mit denen ich den eigenen Interessen nachgehen kann, die mich unterstützen und ermutigen und denen ich selbst eine Freundin sein kann.

Ich habe das Gefühl, der Anspruch an romantische Liebesbeziehungen ist viel zu hoch, als dass auch nur irgendwer ihn erfüllen könnte. Die gemeinsame Entscheidung, miteinander und in Liebe alt zu werden, scheint mir völlig ausreichend in ihrem Anspruch und ihren Konsequenzen. Wie genau dieses Ziel umgesetzt wird, sollte nicht durch Ideen, Konzepte und Konventionen von außen bestimmt werden, sondern jedes Paar darf und soll seinen eigenen gemeinsamen Weg finden.

Der Valentinstag nun verkörpert durch all seine verkitschte und kommerzialisierte Romantik nun so ziemlich all das, was ich in meinem Leben wie die Pest zu meiden suche. Ich will Tragik statt Kitsch, Minimalismus statt Kommerz und echte, aufrichtige Beziehungen statt einer romantischen Seifenblase. Und weil es meinem Partner glücklicherweise genauso geht, gab es niemals einen Anlass, zum Valentinstag Bärchen, Herzchen oder Blümchen zu kaufen, zu verschenken oder geschenkt zu bekommen. Dennoch erwischte mich dieses Jahr der Konsumwunsch aus der Kalten. Ende Januar sah ich all die Bärchen und Herzchen und Blümchen auf den Werbetafeln und dachte mir: „Hach…“

Natürlich hätte diesen mir durch die Werbeindustrie eingeredeten Wunsch wegdrängen können und mich einmal mehr für Minimalismus und gegen Konsum entscheiden können. Stattdessen identifizierte ich mich selbst als Konsumopfer und machte das Beste draus: Da mir völlig klar war, dass das mit echter Liebe nix zu tun hatte, und da ich meinem Partner diesen Blödsinn ganz sicher nicht aufdrücken würde, bestellte ich auf einem entsprechenden Internetportal einen Blumenstrauß samt Karte und Macarons. Und weil ich den Valentinstag immer mit einem bestimmten Freund verbringe und darum nicht daheim bin, ließ ich ihn mir einen Tag später nach Hause liefern.

So habe ich nun einen wunderschönen Rosenstrauß mit allem Kitsch der Welt von genau dem Menschen bekommen, der mit Hingabe und Freude die Verantwortung für die Erfüllung meiner Bedürfnisse übernimmt und dem ich wichtig genug bin, auch mal auf einen absolut bescheuerten Konsumwunsch einzugehen – mir selbst.

Jugendliebe

Ich wäre gern deine Jugendfreundin gewesen. 

Diese Beziehung mit 15 oder 16, die lang genug dauert, dass man den anderen wirklich versteht, und die früh genug endet, dass man nach einem Haufen Herzschmerz mit 20 schon wieder sacht befreundet sein kann. Diese jugendliche Liebe, bei der jedem Außenstehenden auf den ersten Blick klar ist, dass sie nicht ewig hält, und bei der dennoch alle die Klappe halten, weil du ja noch so jung bist.

Wem man mit 15 ins Herz geblickt hat, den versteht man ein ganzes Leben.

Wintergrillen

 
Das Wintergrillen hat Tradition. Es gehört in die wohl ehrlichste Freundschaft, die ich habe. Zu einem Freund, der mich seit 2003 begleitet und mit dem sich von Anfang an feste Rituale etabliert haben. Eines davon ist ein gemeinsames Mittagessen Ende Dezember. Erst viele Jahre bei ihm zuhause, doch seit er sein kleines Grundstück hat, dort oben. Schon 2014 zeigte ich euch einige Bilder, da lag noch mehr Schnee als dieses Mal.

Das Wintergrillen passt zu unserer Freundschaft. Es ist rau, echt und ohne viel Schnick Schnack. Nicht jeder hätte den Nerv dazu, in der Kälte dort hochzustapfen, und nicht jeder hat den Nerv dazu, es mit ihm und mir auszuhalten. Wir packen uns niemals gegenseitig in Watte und doch steht hinter jedem Wort und jeder Geste unbedingte Treue. Wir reden innerhalb von drei Sätzen über den Tod, Sex und die Salatbar im Rewe. Wir telefonieren jede Woche zu einer verabredeten Zeit, ganz egal, ob wir gerade in Gesprächslaune sind oder nicht.

Er ist ein Mensch, vor dem ich nichts verberge. Ich sehe keinen Sinn darin. Täuschungen und Spielereien sind ihm fremd oder einfach nur zu mühsam. Ich glaube manchmal, er kann gar nicht anders als aufrichtig. Im letzten Jahr sorgte irgendeine Betreuerin dafür, dass er einen Stempel mit GdB 80 bekam. Wir feierten daraufhin erstmal die zusätzlichen fünf Tage Urlaub. Kurz darauf pachtete er noch ein zweites kleines Grundstück. Mehr Zeit für die Arbeit dort oben.

Es ist ein gutes Gefühl
Zu sagen, wir kennen uns noch in zehn Jahren

(Tomte: „Was den Himmel erhellt“)

#augustbreak2016 – Love is…

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Liebe ist etwas, das nicht verborgen bleibt.
Liebe will raus und sie will das Beste für den anderen. Daher findet sie immer wieder Wege, sich zu zeigen: Im Zuhören und Helfen, in gemeinsamem Lachen, in Loyalität. Im unermüdlichen Dasein, in Geschenken und kleinen Gesten, in aufmunternden Worten oder einer liebevollen Umarmung.

Gary Chapman prägte den Begriff von den „5 Sprachen der Liebe“: Lob und Anerkennung, Zweisamkeit, Geschenke, Hilfsbereitschaft, Zärtlichkeit. Jeder Mensch drücke seine Liebe mit unterschiedlichem Schwerpunkt durch diese Sprachen aus und fühle sich vor allem dann geliebt, wenn ihm dies in „seiner“ Sprache gezeigt würde. Dieses Konzept halte ich für einleuchtend und mit etwas Reflexion und Kommunikation kann es das gemeinsame Leben erleichtern.

Auf dem Bild seht ihr einen Brief meines damals 11jährigen Patenkindes, der mich bis heute beeindruckt. Vor ein paar Jahren war mein Mann kurzzeitig arbeitslos und so lief es finanziell nicht gerade rund bei uns. Als mein Patenkind das mitbekam, spazierte er schnurstracks in sein Zimmer und kam mit 20 Euro wieder, die er uns ganz unbedingt schicken wollte. Seine Mutter zögerte kurz, konnte es ihm aber nicht guten Gewissens verweigern. Denn er hatte sehr genau verstanden, worum es ging: Wenn jemand gerade weniger hat, dann geben wir ihm etwas ab, und wenn wir selbst Hilfe brauchen, werden wir sie auch bekommen.

Solidarität im Alltag – auch das ist Liebe.

#augustbreak2016 – A secret

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Quelle: Excessively Quoted
Zitat: Oscar Wilde – The Picture of Dorian Gray
Kunst: Édouard Manet – Nana

In diesem Sinne verrate ich in diesem Blog ständig kleine Geheimnisse. Ich schreibe darüber, wie ich im Herbst die erste Kastanie finde und wie ich am Morgen eine Tasse Kaffee genieße, welche Spannung in der Luft liegt, wenn ich ohne Geldbeutel, Handy und Schlüssel aus dem Haus gehe und wie ich mir eine Fluchthose genäht habe. Ich versuche, meine Geschichten so zu erzählen, dass sie für mich selbst den Reiz nicht verlieren, dass ich sie weitergebe und ihr Kern dennoch bei mir bleibt. Gelegentlich musste ich die Grenze überschreiten, um festzustellen, dass sie da ist.

Aber Namen verrate ich nicht. Mein Du, an das ich schreibe, ist fiktiv und real zugleich. Das Schreiben bietet mir einen Raum, in dem ich Menschen sagen kann, was ich für sie empfinde, ich nehme die Lupe zur Hand und setze ein Gefühl oder einen Gedanken in einen größeren, erdachten Rahmen. Manchmal wünschte ich, das inspirationsgebende Du würde meine Texte lesen und wissen, dass es gemeint ist. Aber dann gehe ich doch mit Oscar Wildes Romanfigur Basil Hallward und schicke den Luftballon namenlos auf seine Reise.

Worte wie Luftballons

Luftballons3Viel zu oft schreibe ich für dich.
Ich sehe Bilder und lese Zitate und setze sie wie ein Mosaik für dich zusammen. Ich bilde ein Kunstwerk vor deinen Augen, es ist mein Werk und natürlich nicht meines allein, es gehört auch ihm und ihr und dem Mädchen, das ich neulich im Bus sah. Dennoch blitzt immer wieder etwas darin auf, das nur für dich ist, ich reiche dir die Hand in meinem Schreiben, unsichtbar strecke ich sie aus, meine Fingerspitzen berühren dich beinahe, ein Bild, ein Wort, der Wind trägt es mit sich in eine andere Welt, und dann ist der Zauber auch schon wieder vorbei, verflogen, bis ich irgendwann neue Wörter und Leerzeichen wie Luftballons in den Himmel aufsteigen lasse. Direkt vor deinen Augen fliegen sie los und auch wenn du die angehängten Karten niemals findest, sind sie doch allein für dich bestimmt.

Du & ich

Überrascht bemerke ich, dass ich dir gegenüber bald mehr Loyalität entwickelt habe als gegenüber dem alten Freund, der uns damals vorgestellt hat. Es liegt wohl daran, dass ich dir in unseren Gesprächen so zugeneigt bin, mich so auf dich einlasse und dich zu verstehen suche. Natürlich sind das nur einzelne Momente, beinahe losgelöst von Zeit und Alltag, ohne Anbindung und doch im Netz des Lebens verwoben. Ich bin dankbar für die Begegnung mit dir, den warmen Blick und die Ruhe zwischen uns. Andere Menschen mögen mir über dich erzählen, was sie wollen, es berührt mich nicht einmal.

Ahnung V

[Beginn: Ahnung I]

Irgendwann wird es wohl keine Erklärung mehr zwischen uns brauchen. Wir werden immer wortkarger mit den Jahren, der Hauch der Ahnung ist verflogen, weich legt sie sich auf das Loch in meinem Herzen und mildert das Pochen ein wenig ab. Der Spaziergang zu zweit war uns verwehrt, ich habe geschwiegen und du bist deinen eigenen Weg gegangen. Mein Mantra hat mich durch die Jahre getragen, hat mich das Lächeln deiner Augen aushalten lassen und mir eine dünne Decke über die nackte, bloße Sehnsucht gezogen. Ich lächle immer noch zurück, ich lächle dich an, wie wir nun mit gealterten Körpern voreinander stehen, immer noch den gleichen Menschen sehen, immer noch die besten Freunde sind. Uns genügt ein Blick, ein Händedruck, eine stets geöffnete Wohnungstür – und ich vermag kaum zu glauben, dass du das so offensichtlich Verborgene nie gesehen hast.

Ahnung IV

Lars hat Geburtstag. Die Party beginnt zwar erst um sieben, doch als beste Freundin habe ich angeboten zu helfen und stehe nun vollbepackt mit Tüten und Taschen vor der Tür. In der linken Hand habe ich ein Tablett mit Donauwelle, in der rechten einen Sixpack Bier und in meiner Brust ein klopfendes Herz. Also klingle ich mit dem Ellenbogen und höre glücklicherweise kurz darauf den Summer. Marcel ist auch schon da und sprintet die Treppen herunter. Er nimmt mir die Donauwelle und meine Umhängetasche mit Wein und Knabberzeug ab und zusammen gehen wir nach oben.
Kaum habe ich meine Sachen halbwegs verstaut und Tim begrüßt, sehe ich auch schon Lars mit dem Rücken zu uns am Herd stehen. Er trägt das gleiche Tshirt wie vor drei Jahren bei der Faschingsparty. Wann wird mir so etwas wohl nicht mehr auffallen? In geübter Manier schiebe ich den Gedanken zur Seite. „Hey, Geburtstagskind!“, rufe ich. „Willst du nicht deinen Lieblingsgast begrüßen?“ Lars lacht und streckt den Kopf zur Küchentür raus. Ich breite die Arme aus und drücke ihn kurz an mich. „Alles Gute!“ Seine Augen lächeln mich wie immer an. „Danke!“, sagt er und zieht mich mit sich in die Küche. „Du kommst gerade rechtzeitig zum Gemüse schneiden! Ich brate schon das Hackfleisch an.“
Wie von selbst greifen meine Hände zum Schneidbrett, ziehen das passende Messer aus dem Messerblock und ehe ich mich recht versehe, befindet sich eine köstlich duftende Gemüselasagne neben ihrer Fleischvariante im Backofen. Einmal mehr stelle ich fest, wie zuhause ich mich hier fühle. Ich kenne diese Küche bald genauso gut wie meine eigene, ich weiß, welche Töpfe in welchem Schrank stehen, welches Messer am besten schneidet und wo sich die selten gebrauchten Backutensilien befinden. In den letzten Jahren habe ich so viel Zeit bei Lars und Tim verbracht, dass es geradezu an ein Wunder grenzt, dass ich noch keinen Wohnungsschlüssel besitze. Dennoch blieb mir kurz die Luft weg, als voriges Jahr einer von Tims Freunden davon ausging, dass Lars und ich ein Paar seien. Mittlerweile habe ich mir auf derlei Vermutungen ein kopfschüttelndes Grinsen angewöhnt und atme einigermaßen gleichmäßig weiter.
Als schließlich die große Meute eintrifft, haben die drei Jungs und ich schon einige Küchenbier intus. Sophie begrüßt mich mit einem dicken Schmatzer auf die Backe und wie gewöhnlich lasse ich mich von ihr zu einer Runde Sekt überreden. Lars sitzt bereits inmitten seiner Freunde im Wohnzimmer und freut sich wie ein Schneekönig über ein neues Brettspiel und eine Box mit Tabletop Miniaturen. Von Sophie und mir gibt’s ein Cards against humanity-Set, das sich – nachdem die Lasagne vertilgt und das Kuchenbuffet geplündert ist – noch zum Hit des Abends entwickelt. Und während Marcel mit den witzigsten Antworten brilliert und Laura schon einen dicken Stapel gewonnener Karten vor sich hat, während Tim zum hundertsten Mal die Miniaturen bewundert und Sophie zum zweihundertsten Mal die Augen darüber verdreht, während Lars und ich uns ein Wortgefecht nach dem anderen liefern, bis wir schließlich lachend unter dem Tisch liegen, zwingt mein Verstand die innere Unruhe nieder, versteckt meinen Schmerz hinter kecken Worten, ignoriert das Stechen in der Brust und den Kloß im Hals und wiederholt ununterbrochen: Hör auf, zu schreien, Herz, hör auf, zu schreien.

[Ahnung V]

Ahnung III

Wir werden niemals darüber sprechen.
Ich mag dich zu sehr, als dass ich dir sagen könnte, wie sehr ich dich mag.

Diese Erkenntnis ist der Knotenpunkt, an den ich immer wieder zurückkehre.
Sie ist der sichere Hafen für meine unruhigen Gedanken, der Ausgang aus dem Labyrinth der Ahnungen, das Licht am Ende des Tunnels.

Ich saß zu lange auf der Wartebank.
Ich muss sie endlich, endlich verlassen.

[Ahnung IV]

Ahnung II

Nach dem Kinderfasching am Nachmittag sind nun die Erwachsenen dran. Marcel hat zu einer seiner berühmt-berüchtigten Partys eingeladen und langsam, aber sicher erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt. Ich stolpere über ein Wirrwarr an Luftschlangen und Schuhen in die Küche, um eine weitere Flasche Sekt aus dem Kühlschrank zu fischen. Sophie ist mir zuvorgekommen: „Wer will noch ein Glas?“, ruft sie in die Runde und natürlich strecke ich ihr meines entgegen. In Pluderhosen steckend und mit verschmierter Clownsschminke beugt sie sich vor und schenkt mir ein. „Zum Wohl!“ Auch Tim und Lars lassen sich kurzzeitig von ihrer Diskussion über irgendein Fantasy-Rollenspiel abbringen und stoßen mit ihren Bierflaschen mit uns an. „Eure Kostüme sind ja auch nicht sonderlich kreativ gewählt!“, spottet Sophie beim Anblick der schwarzen Tshirts. Die Jungs zucken nachlässig mit den Schultern, doch Sophie hat die Antwort nicht mal abgewartet und bezwingt bereits das Chaos im Flur. Noch etwas unschlüssig stehe ich vor der Balkontür, die Wohnung singt und summt und surrt aus allen Räumen und ich trete für einen kurzen Moment hinaus, atme tief ein und genieße die frische Nachtluft. Lars ist immer noch ins Gespräch vertieft, vorhin hatte ich noch mit ihm gescherzt, dass er und Tim sicher wieder auf dem Fantasy-Thema würden hängenbleiben. Ja, ich kenne meine Pappenheimer, doch die beiden haben Spaß und das ist die Hauptsache. Der Sekt verschafft mir ein wohlig-warmes Gefühl, mein Kopf fühlt sich nach Watte an und ich schließe die Augen. Alles ist gut, die Welt ist in Ordnung, das Leben ist schön. Heute ist kein Platz für Sehnsüchte und Löcher im Herzen, heute habe ich Spaß mit den Jungs, mit Sophie, mit Lars. Wie ein Mantra wiederhole ich, woran ich mich schon im letzten Jahr festhielt: Die Situation lässt sich nicht ändern. Es eilt nicht. Lars und ich werden schon noch eine Gelegenheit in unserem lieben, langen Leben haben, um eines Tages darüber zu sprechen.
Als ich durchs Fenster nach innen blicke, verspüre ich ein wohlvertrautes, feines Stechen in der Magengegend. Noch bevor sich Lars’ und mein Blick treffen, kippe ich den Sekt auf Ex weg, betrete zeitglich mit Laura und Margret die Küche und gemeinsam kapern wir die Küchentischdiskussion. Heute ist Party angesagt.

[Ahnung III]

Ahnung I

Irgendwann wird wohl doch ein Gespräch zwischen uns vonnöten sein. Ich ahne es voraus, rieche es in der Luft, spüre es unter den Fingern. Ich sehe uns beide, wie wir spazieren gehen und ich dir erzähle, was all die Jahre in mir vorging. Wir sind noch nie zu zweit spazieren gegangen. In manchen Häusern bedeutet spazieren gehen fast schon heiraten. Einen Anschein, den du dir nicht geben willst und den ich mir nicht mehr zu geben brauche. Der Kloß in meinem Hals wehrt sich gegen meine Versuche, ihn hinunterzuschlucken. Warum habe ich dir nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt? Aber ach ja, da war etwas – und so gebe ich dir die Schuld an meinem Schweigen, wohl wissend, dass auch du nur ein Opfer deiner eigenen verworrenen Geschichte bist …

[Ahnung II]

Es sind immer die kleinen Dinge.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, auf die es ankommt. Nicht die großen Gesten, die theatralischen Auftritte, die beeindruckenden, lange geplanten und überall beworbenen Wichtigkeiten. Natürlich setzen sich diese Momente in unserem Kopf fest. Wir können all den Jubiläen und Rückblenden sowieso nicht aus dem Weg gehen und spätestens beim Durchblättern der Fotoalben werden wir wieder an sie erinnert. Doch hinter den vielen inszenierten, zelebrierten, durchstudierten Großauftritten sind es am Ende doch die Augenblicke am Rande derselben, die uns verändern. Noch heute spüren wir die tröstende Hand auf der Schulter in der Garderobe des Schulballs, blicken in frisch verliebte Augen, während unser Herz einen kleinen Hüpfer macht, fühlen den aufmunternden Blick eines Freundes auf uns ruhen, wenn wir das Wort ergreifen, denken an Worte wie „Danke“ und „Das war schön“ und an krakelig geschriebene Sätze auf abgegriffenem Papier. Wir erinnern uns nicht an die feierliche Zeugnisübergabe, sondern daran, wie wir danach auf dem sonnenwarmen Feldweg lagen, wir können kaum mehr sagen, wer bei diesem runden Geburtstag dabei war, aber wissen noch gut, wie ein paar Blicke genügten, um einem lange nicht gesehenen Bekannten die Ausweglosigkeit einer bevorstehenden Trennung zu vermitteln. Wir haben längst vergessen, wie ein Mensch aussah oder welch lang ausgewähltes Kleidungsstück er trug, wenn wir daran zurückdenken, wieviel uns seine Einladung oder sein Wohlwollen damals bedeutete. Es sind die wenigen Momente, in denen wir zuließen, dass so etwas wie Intimität entstand. Momente der stillen Übereinkunft, des unausgesprochenen Verständnisses, der unbedachten und doch alles offenbarenden Geste. Sie können nicht hergestellt oder erzeugt werden. Sie sind nicht planbar. Sie entstehen neben und im Verzicht auf alle Inszenierung. Wer sie erschaffen will, wird scheitern – und während des Versuchs vielleicht doch unverhofft und unerwartet mit ihnen beschenkt.