„Ach du Schande, gibt es heute Abendmahl!“

Beobachtungen im Festgottesdienst zum Reformationstag in der evangelischen Kirche Walddorf (Walddorfhäslach)

Meine schwäbische Freundin singt im Chor und lud mich zum Gottesdienst in ihre evangelische Kirchengemeinde ein. Da ich die Gottesdienstberichte des Liturgiefuchs‘ im Sommer sehr gern gelesen habe, möchte ich im folgenden Text einmal beschreiben, wie ich den Gottesdienst in Walddorfhäslach erlebt habe.

Vorerkundungen

Der Gottesdienstbeginn war für 10.15 Uhr angesagt – soweit die Information meiner Freundin, aber auch die Website der Gemeinde, die ich mir im Vorfeld des Gottesdienstbesuches kurz anschaute. Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass viele dörflichen Kirchengemeinden keine Adresse ihres Kirchengebäudes auf die Website setzen, weil man davon ausgeht, dass die ansässige Gemeinde ja eh weiß, wo im Dorf die Kirche steht. Für Besucher*innen von außerhalb kann es gerade in Gemeindeverbünden von mehreren kleinen Ortschaften manchmal knifflig sein, die richtige Kirche zu finden. Die evangelische Kirche Waldorfhäslach hat jedoch sowohl Fotos ihrer Kirchengebäude online gestellt als auch im Footer der Website eine Postadresse angegeben. Dies wissend machte ich einfach mal auf den Weg und gab in mein Navi erstmal nur „Ortszentrum“ ein.

Ankunft

Bei der Einfahrt nach Walddorf entdeckte ich sofort den Kirchtum. Nun galt es, diesen auch zu erreichen – meine Freundin hatte mich schon bezüglich einer Baustelle vorgewarnt, um die ich erstmal großzügig herumkurvte. Schließlich parkte ich mein Auto und beobachte dabei ein Paar, das zügig in die „Kirchgasse“ einbog und die ich für mögliche Gottesdienstbesucher hielt. Ich lief ihnen nach und war beim Blick auf die Kirche mit ihrem Kreuz auf dem Kirchturm kurz verunsichert, ob es sich wirklich um die evangelische Kirche vom Foto handelte oder ich nicht doch etwas verwechselt hatte, da das Kreuz ja traditionell auf katholischen Kirchen prangt. Auf der Höhe des Paares angekommen, entdeckte ich das evangelische Gesangbuch in der Hand der Frau, sagte freundlich „Guten Morgen“ und wechselte auch gleich ein paar Worte mit den beiden, wobei ich erwähnte, dass ich heute Morgen zu Besuch war.

Erste Eindrücke

Gegen 9.45 Uhr betrat ich die Kirche und war überrascht, wie wenig Gottesdienstbesucher*innen schon da waren. Von einigen Festgottesdiensten bin ich es gewohnt, dass man durchaus eine halbe Stunde früher dran sein muss, um sich noch einen guten Platz zu sichern. Beim Betreten der Kirche fiel mir ein Stapel mit gefalteten Blättern ins Auge, auf die das Altarbild einer Kirche gedruckt war. Dadurch hielt ich es nicht für das Liedblatt zum Gottesdienst, sondern eher für ein Informationsblatt für Führungen durch die Kirche. Ich griff also hinter der letzten Reihe zum Gesangbuch und suchte mir einen Platz weiter vorn.

Die evangelische Kirche in Walddorf hat die Kanzel in der Mitte der Kirche. Es gibt einen L-förmigen, oberen Rang, auf dem sich auch die Orgel befindet. Im unteren Bereich jedoch schaut sich die Gemeinde gegenseitig an und hat eine Freifläche vor Kanzel und Altar in der Mitte, auf der sich der Posaunenchor positioniert hatte. Die Architektur der Kirche empfand ich als angenehm und gemeinschaftsfördernd. Hier versammelt man sich richtig um den Altar und die Predigt.

Ich hatte also noch Zeit, in meiner Bank zu sitzen, die Lesezeichen des Gesangbuchs in die angeschlagenen Lieder zu legen und den letzten Proben der drei Chöre zuzuhören. Dabei fiel mir auf, wie gewohnt und sicher ich mich in dieser evangelischen Gottesdienstkultur bewege. Das freundliche Gespräch mit dem Paar auf dem Weg zur Kirche, der Griff zum Gesangbuch am Eingang, der kurze Moment der Stille in der Bank, das vorbereitende Heraussuchen der Lieder (natürlich mit farblich passendem Lesezeichen bei den Psalmen) – all das ist mir so vertraut und ich bewege mich so sicher darin, dass ich zwar vielleicht als Besucherin, aber nicht als Fremdkörper auffalle.

Viele christlich sozialisierte Menschen finden in einem bestimmten, einzelnen Frömmigkeitsstil ihre Heimat – so wie Hanna neulich in ihrer Kolumne schrieb, dass ihr die evangelische Kirche einfach am nächsten und vertrautesten ist. Meine christliche Heimat hingegen ist ein Flickenteppich an Traditionen und Formen: Von der pietistischen Gemeinschaftsstunde über den landeskirchlichen Gottesdienst bis hin zur katholischen Messe und zu pfingstlerisch-charismatischen Gottesdiensten ist einiges dabei. Jede Form hat einen Abschnitt oder Teil meiner Kindheit und Jugend so geprägt, dass ich mich darin wiederfinden kann. Ich kann nicht sagen, dass ich mich in der evangelischen Kirche so richtig „zuhause“ fühle – das kann ich aber auch über keinen anderen Frömmigkeitsstil sagen. Manche sind mir vertrauter als andere, manche sind liebgewonnene Fremde, manche machen es mir leicht. In den meisten Fällen geht es mir wie gestern in Walddorf: Ich schlüpfe einfach hinein.

Gottesdienstbesucher

Bald nahm neben mir in der Bank eine Frau Platz und auch sonst füllte sich der Gottesdienstraum langsam, aber stetig. Die meisten Gemeindemitglieder kamen so zwischen 10 Uhr und 10.15 Uhr. Ein Mann ging durch die Reihen und verteilte die Liedblätter – es waren tatsächlich die Blätter mit dem Altarbild, die ich am Eingang schon erspäht hatte. Er forderte mich und meine Nebensitzerin auf, gemeinsam in das Liedblatt zu schauen. Ich überließ es ihr und sie studierte das Bild. Anschließend zeigte sie es mir und wir schauten es uns gemeinsam an, rätselten dabei über manche Szene oder Figur und ich laß ihr den oben aufgedruckten Bibelvers vor, da sie keine Brille dabei hatte. Hinter mir in der Reihe fiel einer Frau auf, dass auf dem Altar das Abendmahl vorbereitet war. Sie kommentierte dies mit „Ach du Schande, gibt es heute auch noch Abendmahl!“, was mich ein wenig zum Schmunzeln brachte. Ja, drei Chöre und Abendmahl, das erschien auch mir durchaus ambitioniert, aber wann, wenn nicht am Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum ist der Rahmen dafür auch da?

Gottesdienst

Nun begann der Gottesdienst mit Musik und der Begrüßung des Pfarrers, der auch besonders die drei anwesenden Chöre erwähnte, die den Gottesdienst mitgestalten würden. Wir sangen anschließend auch das erste Lied, das im Gesangbuch das Kapitel „Rechtfertigung und Zuversicht“ eröffnete: „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ – ich fand, es war nicht ganz einfach zu singen und auch meine Nachbarin tat sich schwer.

Anschließend sprach der Pfarrer das erste Gebet – für mich seit Jahren ein Schlüsselmoment für jeden Gottesdienst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man am ersten Gebet des Pfarrers meist sehr gut die theologische Richtung und den Stil erkennen kann, den der Gottesdienst nehmen wird und habe für mich verschiedene Kategorien an Gebeten ausgemacht. Das Gebet war ein „Lehr- und Erklärgebet“, das sich meiner Wahrnehmung nach mehr an die Gemeinde richtete, Dinge erklärte und die gegenwärtige Situation beschrieb. Ich persönlich finde solche Gebete immer ein wenig ‚hinterrücks‘ – ich möchte mich doch in einem Gebet gemeinsam an Gott richten und nicht die Wirklichkeitsdeutung des Betenden meditieren. Nun ja, ich habe schon ausdrücklichere Lehrgebete erlebt und versuchte, mich darauf einzulassen. Darüberhinaus war meine Erwartung für die Predigt nun gesetzt: Ich rechnete mit einer Lehr- und Erklärpredigt (und sollte auch nicht enttäuscht werden).

Die Chöre

Die drei Chöre Posaunenchor, Kirchenchor und Kinderchor trugen sowohl einzeln als in Kombination Lieder vor, bei denen man aufgrund des Liedblatts auch teilweise mitsingen konnte. Das war total schön und man merkte richtig, wie es eine gegenseitige Bereicherung war, aufeinander zu hören und miteinander zu singen und zu musizieren. Die Kindergruppe – ich weiß nicht, ob es eine Jungschar war, jedoch wurde ein Zeltlager erwähnt – sang eine Variation von „Ein feste Burg ist unser Gott“ auf die Melodie von „Atemlos“.

Schriftlesung

Vor der Schriftlesung wartete der Pfarrer kurz ab, bis auch die Chormitglieder jeweils wieder ihre Plätze gefunden hatten – das fand ich sehr angenehm, da es zeigte, dass wir trotz vollem Gottesdienstprogramm ausreichend Zeit haben, um aufeinander zu warten. Es folgte nun ein Überraschungsmoment: Der Pfarrer las die Stelle aus dem dritten Kapitel des Römerbriefs komplett auf Latein. Aufgrund seiner Lesegeschwindigkeit kam ich inhaltlich somit nicht vollständig mit – allerdings war dieses Experiment ja auch nicht für Lateinkundige gedacht, sondern sollte die Bedeutung der Bibelübersetzung verdeutlichen. Die Gemeinde saß verblüfft in den Reihen und der Aha-Effekt war groß. Dies war aus meiner Sicht eine gelungene Intervention. Allein fand ich es schade, dass der Pfarrer anschließend erwähnte, dass auch er selbst den lateinischen Text nicht verstehen würde. Das ist mir dann doch ein Rätsel.

Eine Frau aus der Gemeinde las nun erneut den Text auf Deutsch. Sie las gut betont vor und hatte eine sehr freundliche und warme Ausstrahlung, sodass ich ihr gern zuhörte und den doch sehr kompakten Bibeltext auch gut aufnehmen konnte.

Predigt

Zur Predigt stieg der Pfarrer auf die Kanzel, sodass er genau in der Mitte des Gottesdienstraumes war. Er begann mit einer Beschreibung und Erläuterung des Altarbildes, das wir auf unseren Liedzetteln aufgedruckt hatten. Dabei erwähnte er viele kleine Details, die leider aufgrund des Schwarz-Weiß-Druckes, der Größe und eher mittelmäßigen Qualität des Drucks nicht so gut zu erkennen waren. Meine Banknachbarin und ich beugten uns jedenfalls sehr dicht über das Blatt und mussten uns zwischendrin beraten, um herauszufinden, was genau gemeint war. Die historische Einordnung des Altars samt der Erläuterung zu den dargestellten Personen gab einem einen guten Überblick in die Zeit der Reformation. Das inhaltliche Ergebnis der Altarbildbesprechung war die Bedeutung von Sakramenten und Evangelium als wesentliches, kennzeichnendes Merkmal von Kirche – dazu zitierte der Pfarrer zwei Mal aus der Confessio Augustana und fasste den Inhalt auch gut zusammen. Die dargestellten Sakramente auf dem Bild waren Taufe, Abendmahl und Beichte. Im Blick auf das Abendmahl erwähnte der Pfarrer, dass es nach lutherischem Verständnis „eigentlich“ auch eine Realpräsenz Christi in Brot und Wein gibt und dass in der evangelischen Kirche „eigentlich“ jede*r das Abendmahl reichen dürfe – es aber „der Ordnung halber“ an bestimmte Personen delegiert würde. Dabei sind mir beide „eigentlich“s nach wie vor nicht klar. Entweder man sagt, dass man selbst etwas glaubt oder man beschreibt, dass ein anderer (Luther) etwas glaubt, aber es ist doch seltsam zu sagen, dass „wir eigentlich auch an die Realpräsenz glauben“. Genauso ergibt sich aus dem Priestertum aller Gläubigen entweder, dass jede*r das Abendmahl austeilen darf, oder man hat ein bestimmtes Verständnis von Amtskirche, nach dem das nicht möglich ist, aber es ist doch genauso irritierend, mitzuteilen, dass „eigentlich jeder das Abendmahl austeilen darf“. Ich halte das „eigentlich“ jedenfalls für überflüssig. Da ich gerade erst die Reformationsrede von Erik Flügge gelesen habe, sei noch erwähnt, dass Bonhoeffer ebenfalls zitiert wurde.

Solus Christus

Überhaupt stand die Reformation in diesem Festgottesdienst natürlich im Mittelpunkt. Gut fand ich, dass dabei deutlich wurde, dass es nicht um eine bloße Feier der Vergangenheit oder um ein Heldengedenken an Luther ging (ich bin gerade nicht sicher, ob das in der Begrüßung des Pfarres oder im Anfangsgebet enthalten war), sondern um die Kirche im Hier und Heute – mehrfach wurde auch „die Zukunft der Kirche“ erwähnt, doch leider wurde es dabei wenig konkret.

Schließlich sang der Chor meiner Freundin das von Rouven Genz gedichtete Lied „Solus Christus“, das mir sehr gut gefiel und mir auch noch eine Weile im Ohr blieb.

Höchst irritierend: Das Abendmahl Als Extra-Veranstaltung

Die Ankündigungen und Hinweise machten deutlich, dass der Gottesdienst nun gleich zu Ende war. Dabei wurde mitgeteilt, dass im Anschluss an den Gottesdienst das Abendmahl gefeiert wurde. Ich saß in meiner Bank und konnte es kaum glauben. Der Pfarrer sprach den Segen, es gab ein Lied zum Auszug, der Posaunenchor brach auf und etwa die Hälfte der Leute verließ die Kirche. Ja, der Gottesdienst hatte bereits 1,5 Stunden gedauert, aber warum sollten wir auf das Abendmahl verzichten? Meine Freundin nahm bei mir in der Bank Platz und wir beschlossen, unsere Irritation zur Seite zu legen und uns einfach darauf einzulassen. Der Pfarrer begrüßte nun erneut die anwesende Gemeinde – dabei hatten wir doch gerade schon eineinanhalb Stunden zusammen verbracht!? Wir sangen ein Lied aus dem Liederbuch, anschließend folgen Sündenbekenntnis und Vergebungszuspruch. Im Gebet des Pfarrers wurde das Sündenbekenntis mit dem Begriff der „anklagenden Gedanken“ eingeführt, das dann auch zum „in sich verkrümmten Menschen“ (homo incurvatus in se ipse) führte, später wurde ein Impuls für das Miteinander gegeben, nämlich anderen Menschen zu helfen, ihnen eine Stunde Zeit oder ein paar Cent aus dem Geldbeutel zu schenken, wenn sie einen darum bitten. Die Gemeinde konnte mit „Ja“ einstimmen, wenn sie das Sündenbekenntnis teilte und um Vergebung bitten wollte. Daraufhin folgte der Vergebungszuspruch. Außerdem gab es vor dem Abendmahl einen Moment, sich gegenseitig mit dem Friedensgruß die Hände zu schütteln.

Nach den Einsetzungworten traten wir in vier Gruppen in den Mittelraum, um dort das Abendmahl zu empfangen. Die Helfer*innen waren sehr gut organisiert, sodass alles zügig, aber nicht hektisch vonstatten ging. Es gab richtiges Brot sowie Wein im großen Kelch und Traubensaft in kleinen Einzelkelchen. Anschließend fassten sich alle in der jeweiligen Gruppe an den Händen und hörten auf ein Segenswort des Pfarrers, bei meiner Gruppe war dies das Wort aus Exodus 33: „So spricht der Herr: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“

Das Schlusslied sangen wir aus einem anderen, moderneren Liederbuch, es war „Herr, im Glanz deiner Majestät“. Das Orgelnachspiel zum Auszug schließlich nahm wieder Bezug auf den Kinderchor, sodass die Melodie von „Atemlos“ erklang (und mich auch noch die nächste Stunde verfolgte).

Fazit

Es ist mir ein großes Rätsel, wie man eine Predigt über eine sich aus Evangelium und Sakramenten konstituierende Kirche halten kann, das Abendmahl samt Sündenbekenntnis und Vergebungszuspruch (Verbindung zur Beichte) aber als Extra-Veranstaltung im Anschluss an den Gottesdienst feiert. Auch wenn die Predigt ein anderes Thema gehabt hätte, hätte ich es gleichermaßen deplaziert gefunden, so jedoch bin ich tatsächlich fassungslos. Ich habe insgesamt 2,5 Stunden in dieser Kirche verbracht, eine halbe Stunde vor Beginn, dann 1,5 Stunden Gottesdienst und schließlich eine halbe Stunde Abendmahlsfeier. Das ist in der Tat für einen evangelischen Gottesdienst recht lang, aber die Länge kann doch nicht über den Inhalt entscheiden. Aus meiner Sicht hätte man vielleicht am Orgelvor- und -nachspiel bei den Gemeindeliedern kürzen können bzw. die Gemeinde einfach noch mehr zum Mitsingen bei den Chorliedern ermutigen können, sodass gesonderte Gemeindelieder weniger wichtig gewesen wären. Darüberhinaus haben natürlich auch die „Lehrgebete“ die Tendenz, eher länger auszufallen. Jedoch ist es auch nur eine Vermutung von mir, dass die Ausgrenzung des Abendmahls vom Gottesdienst aus Zeitgründen vorgenommen wurde. Ich persönlich habe kein Problem damit, an einem zweistündigen Gottesdienst teilzunehmen, aus freikirchlichen Traditionen bin ich da anderes gewohnt. Ich finde es jedenfalls enorm schade, dass es direkt so eine Aufbruchsstimmung nach dem Segen gab. Ein wirksames Zeichen wäre es vielleicht gewesen, wenn die ganze Gemeinde einfach sitzen geblieben wäre.

Insgesamt freue ich mich aber, diesen Gottesdienst mitgefeiert zu haben. Es war schön, in einer so großen und bunten Gemeinschaft mit jungen und alten Menschen zu singen und zu beten. Sicherlich bewegten wir uns in einem ganz klar bürgerlichen Milieu, es fanden sich aber glücklicherweise auch einige wenige Menschen „von den Rändern“: Vor mir ein Mann im schlecht sitzenden Hemd mit verknittertem Kragen, der ganz eindeutig nach Mensch roch, und auch Einzelne, bei denen mir schnell klar wurde, dass sie beim Auszug nicht aus Knausrigkeit nichts in das Opferkästchen warfen, sondern weil sie wohl einfach selbst nichts hatten. Die große Masse natürlich war dörflich-bürgerlich, sodass die erklärende Predigt des Pfarres meiner Wahrnehmung nach auch auf ein (Wissens-)Interesse stoß. Der Kinderchor war mit Freude und Bewegung dabei und ergänzte sich in Klang und Erscheinung hervorragend mit den traditionellen Posaunen.

Das Wort Gottes für mich ganz persönlich fand ich in diesem Gottesdienst ganz klar im unmittelbaren Bibelwort. Im Gegensatz zu manchen erklärenden Worten des Pfarrers, in denen ich ein wenig mitschwamm und mich erstmal zurechtfinden musste (und vor allem auf kognitiver Ebene angesprochen wurde), war der Segenszuspruch nach dem Abendmahl so kompakt und deutlich, dass ich ihn als Zusage Gottes für mich annehmen konnte. Er lässt mich weiter auf die Gnade Gottes vertrauen – etwas, das ich in meinem Leben immer und ganz dringend brauche.

#augustbreak2016 – Breathe

„Erstmal tief durchatmen“ – diesen Satz hört und liest man von mir häufiger. Ich habe in diesem Blog schon mehrfach ein Lob auf die Langsamkeit gesungen (hier, hier und hier) und es scheint, als ändern drei Atemzüge manchmal die Welt. Tempo rausnehmen, Stress reduzieren, einatmen, ausatmen, fertig.
Dabei ist das Wort, das mir zu breathe als erstes einfiel: beten. Irgendwie hängen Beten und Atmen in meinem Kopf zusammen, was vor allem an dieser Erfahrung liegt. Ich atme eine andere Realität und ja, Beten ist für mich wie Atmen: natürlich, fast schon automatisch und ohne Nachzudenken bewege ich mich in der Gewissheit, ein Kind Gottes zu sein. Manchmal bin ich selbst überrascht davon, dass ich das glauben kann und wieviel Kraft es mir gibt.
Und weil atmen und beten Zeit brauchen, gibt es heute kein Bild, sondern ein Video. 4 Minuten 23 Sekunden. Ganz ohne Gequatsche, nur zum Genuss, und auch für Andersgläubige geeignet.

Ausführlicher geht es zum Thema „Breathe!“ bei Raph Elle zu (inklusive Anleitung zur tiefen Bauchatmung).

Hilfswörter für 2015: Vertrauen und Gebet

Anfang des Jahres stellte ich euch mein Wort für 2015 vor: Hingabe. Es begleitet mich durch das Jahr und ich tauche immer tiefer in dieses Wort ein und entdecke neue Aspekte daran.

Interessanterweise reihen sich meine 4 Hilfswörter in diesem Jahr wie eine Kette aneinander. Hier erzählte ich davon, wie mich von Januar bis April vor allem die Disziplin voranbrachte, während in meiner Prüfungsphase von Mai bis Juli die Stärke im Vordergrund stand. Übrig blieben: Vertrauen und Gebet. Darüber will ich heute schreiben.

Vertrauen

Ich kann sagen, dass sich in diesem Sommer Stärke und Vertrauen die Klinke in die Hand gaben. Mein Mann machte eine harte Zeit durch, was natürlich seine Auswirkungen auf unsere Beziehung hatte. Bereits im Juli war ich dankbar für alles, was mich in dieser Zeit stärkte und dabei besonders von meinem eigenen, inneren Grundvertrauen immer wieder verblüfft. Ich sehe es als ein Geschenk Gottes, dass ich innerhalb kürzester Zeit all die schwierigen, erschütternden Entwicklungen aus der Perspektive des Vertrauens betrachten konnte. Viele sehen Scherben, wenige sehen ein Mosaik, ich sah, dass Gott alles NEU und heil machen kann. Dass es eine Zukunft gibt. Dass diese Krise die Chance zu etwas Neuem und Wunderschönen birgt. Und dabei geht es nicht darum, dass aus den vielen kleinen und großen Scherben ein Mosaik zusammengesetzt wird, vor dem dann alle stehen und „Ah!“ und „Oh!“ sagen. Weg mit solchem Kitsch! Wer von euch will ernsthaft so ein geklebtes und krümeliges Teil? Ja, natürlich können Mosaike wunderschön sein und Kindergartenbilder sowieso, aber es gibt noch mehr! Als ich neulich in einer Lectio divina über dem Wort „geheilt“ (Markus 5) meditierte, wurde es mir so deutlich:

Knochen zusammensetzen können auch Ärzte und Pathologen. Gott macht alles neu.

Fazit

Mein Vertrauen trug mich und half mir durch das unwegsame Gelände. Wenn ich noch zögerte, wohin ich meinen Fuß setzen sollte, so zeigte es mir sicheren Grund und beschützte mich. Vertrauen ist wie ein warmer Mantel in der Kälte, es weist dich auf das hin, was du gerade nicht sehen kannst, es lässt dich Dinge fühlen, die aus der Zukunft sind. Einer hellen und warmen neuen Zeit. Ich will es noch so viel mehr!

Gebet

Anfang des Jahres war ich sehr gespannt, wie es mit mir und dem Beten weitergehen sollte. Vor etwa einem Jahr habe ich einige Gedanken zum Bittgebet mit euch geteilt und nachdem ich bei diesem Thema nicht so richtig weiterkam, konzentrierte ich mich mehr auf das „Sein vor Gott„, das ich auch schon in einem Beitrag beschrieben habe. Gebet hat für mich mittlerweile nur noch wenig Gesprächscharakter. Alles, was ich früher am Thema „persönliche Beziehung zu Gott haben“ und „Jesus ist dein Freund, mit dem du reden kannst“ geschätzt habe, tritt zunehmend in den Hintergrund. Gebet ist für mich mehr wie Einatmen und Ausatmen. Ich glaube an die Präsenz Gottes in jedem Augenblick. Wenn ich bete, öffne ich mich dafür, ich schaue, werde still vor Gott.Früher habe ich Gott sehr vieles aus meinem Alltag erzählt und denke auch nicht, dass das etwas Schlechtes ist. Doch wenn ich mir im Prinzip nur über meine eigenen Gedanken zu einem Thema klar werden will, kann ich auch mit Freunden reden oder Tagebuch schreiben. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich formuliere immer noch Sätze an Gott und höre auch immer noch Antworten darauf. Aber das Zwiegespräch ist einen Schritt zurückgetreten und hat einem „Einfach nur da sein und wissen: Gott ist jetzt hier.“ Platz gemacht.

Fazit

In dieser Hinsicht hängen Vertrauen und Gebet noch stärker zusammen. Wenn ich mit Gott verbunden bin, dann habe ich auch einen anderen Blick, eine vertrauensvolle Perspektive auf das Leben. Jetzt dürfte mir das in dieser Schärfe und Klarheit nur gern öfter und alltäglicher bewusst werden! Denn ihr braucht mich hier nicht für eine geistliche Überfliegerin halten. Ich habe nur aus einer eher dunklen und trüben Gegenwart die hellen Lichtmomente aneinandergereiht und daraus diese Erkenntnisse formuliert, die ich für wahr und klar und richtig halte. Vielleicht muss man aber auch manchmal im Dunkeln sitzen, um genau dieses Licht so deutlich erkennen zu können.

Sehnsucht nach dem Zion. Psalm 126

3 Jahre lang Winter
Streichholzdünn sind die Wände der Hütte
Eisige Luft dringt hinein
Wir leben außerhalb der Jahreszeiten
Trotz sengender Hitze sind unsere Knochen Eiszapfen
Das Herbstlaub besteht aus Graustufen
Den kleinen Keim unter der Schneedecke haben wir schon fast vergessen
Nur die Großmutter spricht noch manchmal davon

Als Jahwe das Geschick Zions wendete,
waren wir wie Träumende
Damals wurde angefüllt mit Lachen unser Mund
und unsere Zunge mit Jubel.

Sie erzählt von einem Winter, sieben Mal so lang wie der unsrige
Von Steinen im Kochtopf und zerschlissenen Fetzen am Körper
Von Nächten, die endlos schienen
Vom Ausharren in der Kälte, von der Hoffnungslosigkeit

Und vom Moment, in dem die Farbe ins Leben zurückkam
Als die Blätter der Bäume wieder grün wurden
Die Wolken den Blick auf den blauen Himmel freigaben
Man wieder unterscheiden konnte zwischen Frühling und Sommer und Herbst

Damals sagten sie bei den Völkern:
„Großes hat Jahwe getan an diesen.“
Großes hat Jahwe Getan an uns;
Wir waren Fröhliche.

Sie hat das Blütenmeer nicht vergessen
Sie erinnert sich noch an saftige Birnen, reife Äpfel, frische Beeren
In ihren Träumen sieht sie alles vor sich
Sie tanzt darin mit leichten Beinen
Wie früher die Mädchen auf dem Dorfplatz

Wende bitte um, Jahwe, unser Geschick
Wie die Bäche im Negev!
Die säen mit Tränen,
mit Jubel werden sie ernten.

3 Jahre lang harren wir aus im Winter
Unser Tagwerk ist durchdrungen von Gebeten
Wir murmeln sie auf dem Feld,
wir rufen sie auf dem Heimweg,
wir schreien sie des Nachts im Traum
Gebete – wie Tropfen auf dem heißen Stein
Lass sie nicht sinnlos sein!

Mal um Mal geht weinend dahin,
der trägt den Saatbeutel
Doch er wird gewiss mit Jubel wiederkommen,
der trägt seine Garben.

Hinter den Augenlidern neue Bilder
von zarten Frühlingsblüten,
prallen Sommerfrüchten,
Herbstregen auf nassem Laub.
Noch erscheint es wie ein Traum
Die Tür quietscht in der Angel
Ein Windstoß hat sie erfasst
Und in der Luft liegt der Duft von Gerechtigkeit

Sein vor Gott

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Gelegentlich gehe ich zu den Quäkern. Die Quäker sind eine Religionsgemeinschaft, die sich im England des 17. Jahrhunderts gegründet hat. Sie werden auch als die „Freunde“ bezeichnet, womit gemeint ist, dass sie Freunde Jesu sind. In meiner Nähe treffen sie sich ein Mal im Monat zu einer Andacht. Das Besondere daran ist, dass die Andacht eine Stunde im Schweigen verläuft. Wer sich nach einiger Zeit inspiriert fühlt, darf etwas beitragen, einen Gedanken, einen Vers, ein Gedicht oder was auch immer er oder sie als wichtig empfindet.

Die Zeit der Stille empfinde ich sehr unterschiedlich. Wohltuend und anstrengend zugleich, hochkonzentriert und tiefenentspannt, es ist eine ganze Bandbreite an Gefühlen und Empfindungen dabei. Von der Frage „Was sitze ich jetzt hier eigentlich schon eine halbe Stunde nur herum? Das soll es jetzt sein!?“ bis hin zu der Erfahrung, dass Menschen ganz unabhängig von mir äußern, was ich selbst gerade empfunden habe, ist alles möglich.

Gestern verspürte ich gleich zu Beginn der Andacht schon große Erleichterung. Eine Stunde Nichtstun lag vor mir, eine Stunde Sein vor Gott, einfach Da sein, nichts tun müssen, einatmen, ausatmen, gut. Gerade angesichts der letzten Tage merkte ich, wie ich innerlich aufatmete. Ich bin zur Zeit sehr aktiv, meine Konzentration ist so gut wie schon lange nicht mehr, ich kaufe die Zeit aus, kriege viel geschafft. Wenn dabei mal eine halbe Stunde ohne Aufgabe, ohne festen Zweck entsteht, fühlt sich das seltsam sinnlos an. Und nun? Eine Stunde legitimiertes Nichtstun. (das nicht mal durch „Entspannung“ oder „Erholung“ verzweckt war…)

Keine Frage, dass dieses „Nichtstun“ einen Sinn hatte. Der Sinn bestand im Sein vor Gott. Im Da sein, Da sitzen vor dem Angesicht Gottes. Mehr brauchte es nicht, das genügte völlig. Ich saß da und freute mich daran und wusste, auch Gott freute sich daran. Und so kam mir der Gedanke, was denn in meinem Alltag so anders dabei sein sollte? Gott ist immer und überall. Zu jedem Zeitpunkt bin ich vor Gott. Mit dieser Perspektive ist jeder noch so kleine Moment wertvoll und sinnvoll. Jede Minute des Arbeitens oder Herumtrödelns, des Gesprächs oder des Schlafes, der Beschäftigung oder der Langeweile. Ich muss keinen Sinn durch ein bestimmtes Tun suchen, schaffen, herbeiführen.

Mein Leben ist sinnvoll in meinem Sein vor Gott.

Als ich später den anderen von meiner Erfahrung erzählte, nickten sie. Sie verstanden mich in meinem Glücksempfinden. Einer meinte: „Ja, das ist so schön, die Freude am bloßen Sein…“ Für mich ist dieser Gedanke beflügelnd und beruhigend zugleich. Er trägt mich und er zieht mich. Erneut die beiden Pole. Hoffentlich kann ich ihn mir lange erhalten und immer wieder in Erinnerung rufen.

 

PS. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig sein könnte, das, was mir gestern so einfach und leicht erschien, in einem Blogbeitrag mitzuteilen. Worte aneinanderreihen über spirituelles Erleben – was für eine Herausforderung!

Mein Wort für 2015: Hingabe

Seid ihr alle gut ins neue Jahr gekommen? Ich musste mich ja wirklich zurückhalten, an Neujahr nicht gleich den nächsten Beitrag zu schreiben und euch da schon von meinem Wort für 2015 zu erzählen. Der Vorteil, erst jetzt darüber zu schreiben, liegt jedoch klar auf der Hand: Mein Wort für 2015 ist ganze 8 Tage erprobter und fühlt sich immer noch genauso perfekt an.

Aber von vorne: Wie ich schon hier und da berichtete, reflektiere ich Ende Dezember gern das alte Jahr mit dem Workbook von Susannah Conway. Fast noch wichtiger als der Rückblick ist jedoch der Ausblick auf das neue Jahr. Welche Pläne und Ziele habe ich? Was liegt an? An welchen Stellen will ich investieren, an welchen mich zurücknehmen? Susannahs Fragen für das neue Jahr machen Mut, groß zu träumen und dann aber nicht bei einer schillernden Vision stehen zu bleiben, sondern ganz konkret Schritte zu wagen.

Ein wichtiger Baustein dabei ist das Wort für das neue Jahr. Es handelt sich dabei um ein Wort, das einen im jeweiligen Jahr begleitet. Es kann ein persönliches Ziel verdeutlichen, einen Wunsch, ein Bedürfnis und einfach etwas, das man im Blick behalten möchte. Im Dezember war ich zunächst noch völlig ohne Plan, was mein Wort für 2015 sein sollte. Ich nahm mir ein paar Tage Zeit, immer wieder darüber nachzudenken, wohin ich mit 2015 will und wovon ich mehr in meinem Leben brauche. Es ist mir wichtig, dass mein Wort etwas Ermutigendes und Beflügelndes hat, dass ich gern daran denke und mich dadurch beschwingt fühle, die Dinge auch anzupacken.

Nun ist mein Wort für 2015 Hingabe. Auf einem kleinen Umweg habe ich es gefunden, denn zunächst hatte ich das Wort Stärke im Sinn. Da ich ein paar wirklich große Brocken vor mir habe, dachte ich, dass es für dieses Jahr sehr passend sein konnte. In meinem Versuch, Stärke näher zu beschreiben, entdeckte ich schließlich den Begriff der Hingabe, der noch so viel besser passt. Stärke bedeutet für mich gesammelt und aktiv zu sein, mein Leben bewusst zu leben, entsprechend aufzutreten und dabei die Zeit auszukaufen.

Hingabe beschreibt diesen Zustand mit noch mehr Liebe und Herzblut. Dazu passt für mich auch gut der Spruch, den ich zum Jahreswechsel auf Twitter las:

2015
1. Identify the essential
2. Eliminate the rest

Das trifft es so gut. Man kann nicht an alles und jeden hingegeben sein, sondern bei Hingabe geht es um die Dinge und Menschen, die mir wirklich wichtig sind. Mit wem möchte ich dieses Jahr Zeit verbringen? (Nicht nur sagen, ach, wäre das schön, sich mal wiederzusehen, sondern auch tatsächlich was ausmachen!) Welche Projekte will ich vorantreiben? Welchen Traum endlich verwirklichen?

Als unterstützende Wörter habe ich mir – neben dem schon gefundenen Begriff der Stärke – noch drei weitere ausgesucht:

1. Vertrauen
Vertrauen war mein Wort in einem sehr gelungenen Jahr 2013, ich habe es auf verschiedene Bereiche bezogen – Vertrauen in Menschen, in Gott und in mich selbst – und es war mir ein guter Wegbegleiter. Die Erfahrung, vertrauen zu können, war etwas, was ich sehr nötig hatte und an vielen Stellen wurde ich nicht enttäuscht. Ende 2013 konnte ich notieren, dass ich ein tiefes Vertrauen in das Leben selbst und den Lebensweg als Grundgefühl empfinde. Diese Vertrauensbeziehungen sollen mich auch 2015 begleiten, ich will nicht vergessen, welch gute Menschen mir zur Seite gestellt sind und was ich schon an Erfahrungen machen konnte.

2. Gebet
Gebet, tatsächlich. Ich und Beten, das ist ja nicht immer so die beste Paarung. Mit meinem früheren freikirchlichen Gebetsgeplappere kann ich nicht mehr viel anfangen und außer manchen kontemplativen Zeiten habe ich auch noch keine richtige Alternative für mich gefunden. Stattdessen beschwert mich mein Kopf so oft mit Gedanken, ob ein Gebet nun angemessen und gut und richtig sei, dass ich am Ende oft eher schweige oder ganz auf das Gebet verzichte. Dabei ist das Gebet eine Quelle der Kraft! (Ja, ist es wirklich.) Und weil mein erster Punkt ja „Vertrauen“ ist, will ich es wagen und mit bewussten Gebetszeiten die Hingabe auch in und aus dem geistlichen Bereich leben.

3. Disziplin
In Sachen Disziplin ist ein Umdenken angesagt: Disziplin ist FÜR mich, hilft mir und macht mich stärker. Disziplin hilft mir, mit Hingabe die Dinge zu tun, die mir wirklich wichtig sind. Es wird mir besser gehen, wenn ich früher ins Bett gehe und früher aufstehe. Ich werde mehr vom Tag haben. Disziplin zu halten ist keine Aufgabe für sich selbst, sondern Disziplin ist immer eine Unterstützung von etwas Größerem. Dieses Denken hämmere ich nun seit einigen Tagen in meinen Kopf und kann bisher nur feststellen: Es bewahrheitet sich.

Ja, das sind große Worte und wieder einmal geht es um eine Lebenseinstellung und nicht um eine Handvoll guter Vorsätze, von denen schon im Februar kaum mehr was übrig sein wird. Wie ich schon einmal schrieb: Ich lebe mein Leben am liebsten von innen nach außen. Wovon ich innerlich überzeugt bin, das wird auch nach außen hin – über kurz oder lang – sichtbar werden. Scheitern gehört zum Leben dazu, es soll einen nur nicht davon abhalten, den gewählten und für gut & richtig befundenen Weg weiterzugehen.

Habt ihr auch ein Wort für 2015? Ein Motto oder ein ganz bestimmtes Ziel? Wer und wie wollt ihr 2015 sein?

Die Topfpflanze auf dem Fensterbrett – einige Gedanken zum Bittgebet

Angeregt durch ein Gedicht aus Jörgs Theo-Mix stellt dieser Beitrag eine teilweise lose, teilweise verknüpfe Aneinanderreihung von Gedanken und Perspektiven zum Gebet, insbesondere zum Bittgebet, dar. Es ist der Beginn einer Suche, ein Präzisieren der Frage, ein Schulen des eigenen Blicks. Was es mit der Topfpflanze auf sich hat? Einfach lesen!

psalm psalm gebet

unsere gebete sind weichgespült, herr
in denen schwebst du oben
und wir haben nur wenige bilder für dich

verhalten beten wir um gerechtigkeit
und wünsche, die tyrannen mögen staub fressen
verlaufen im sand leerer herzen

verhalten beten wir um frieden
und dass du schwerter zerbrichst
haben wir gelernt zu übersehen

herr, lass uns die weichgespülten worte verlernen
und schenke uns wieder die kraft wüster psalmen
damit unsere gebete uns wieder bewegen

denn wer dir berserkerwut andichtet
traut dir wenigstens etwas zu
und ringt mit einem unbequemen gott

Jörg Wilkesmann-Brandtner

Ich entdeckte dieses Gedicht vor nun beinah drei Wochen im Theomix von Jörg. Es ließ mich nicht los und sorgt dafür, dass ich einen neuen Anlauf nehme, um mich dem Thema Gebet zu widmen. Ein geschätzter, hochreflektierter Dozent bezeichnete das Gebet einmal als den Ernstfall bzw. Testfall der Dogmatik. Hier zeige sich, welche Dogmatik, d.h. welche Vorstellung von Gott, Mensch und Welt, wir wirklich haben. Wie beten wir? Wie bitten wir? Dank, Lob und Klage scheinen mir aktuell gar nicht so herausfordernd. Aber das Bitten macht mir Probleme. Besonders Fürbitten im Sinne von „Gott, gib uns die Einsicht, dass…“ bringen mich regelmäßig dazu, die Stirn in Falten zu legen. Hier geht es nicht mehr um das Wirken Gottes, sondern das ist reine Selbstmotivation. Und dafür brauche ich ein Gebet?

Die Schwierigkeit beim Bittgebet liegt wohl darin, dass wir uns fragen oder bezweifeln, ob Gott für sein Handeln auf unser Gebet angewiesen ist. Ist er nur dann in der Lage, zu handeln, wenn wir bitten, und weiß er etwa nicht, was wir brauchen? Ist er nicht allwissend und versorgt uns sowieso? Konkret wird dieser Gedanke für mich bei sogenannten Gebetsketten oder bei Gebetsaufrufen. Wird Gott denn eher handeln, wenn mehr Menschen für eine Sache beten, als wenn es nur ein Einzelner im stillen Kämmerlein tut? Wenn nicht, worin liegt dann der Sinn darin, andere Menschen aufzufordern, sich einem Gebet anzuschließen?

An dieser Stelle ließe sich ein Blick in Origines „De oratione“ (Vom Gebet) werfen, das die christliche Dogmatik bei diesem Thema stark geprägt hat.

Dass aber Nutzen entsteht für den, der in rechter Weise betet oder sich nach Kräften darum bemüht, das, glaube ich, trifft in vielfacher Hinsicht zu. Und zuerst hat der innerlich zum Gebet Gesammelte unbedingt einen Nutzen, wenn er gerade durch seine Gebetshaltung ausdrückt, dass er sich vor Gott hinstellt und zu ihm, dem Gegenwärtigen, redet, in der Überzeugung, dass Gott ihn sieht und hört. Denn (…) ebenso muß man überzeugt sein, dass in gleicher Weise Nutzen bringt die Erinnerung an Gott, an den man glaubt und der die Regungen in dem Innersten der Seele wahrnimmt, während diese sich in die geeignete Stimmung bringt, um […] [Gott] zu gefallen.
(…)
Dies ist in Form einer Annahme gesagt, dass wir, auch wenn sich für uns aus dem Gebete nichts anderes ergeben wird, doch durch die Erkenntnis und Anwendung der rechten Art zu beten den schönsten Gewinn haben.

Nach Origines sind Bittgebete nicht dazu da, Gott darum zu bitten, etwas zu tun, das er sonst nicht tun würde. Sie sind vielmehr eine Motivation für uns selbst, eine Meditation, eine Selbstverständigung im weitestmöglichen Horizont. So verstanden findet sich eine große Übereinstimmung zwischen einem christlichen Gebet und einer Meditation ohne Gottesansprache. Lässt sich da noch ein Unterschied bemerken? Braucht es einen und wenn ja, wozu? Was ist nun mit der Bitte?

Vielleicht hilft an dieser Stelle auch Luther weiter. In seinem Großen Katechismus von 1529 schreibt er:

Wo aber ein rechtes Gebet sein soll, da muß ein Ernst sein, daß man seine Not fühle, und solche Not, die uns zu rufen und zu schreien drücket und treibet. (…) Denn wir haben alle genug, das uns mangelt; es fehlet aber daran, daß wirs nicht fühlen noch sehen. Darum will Gott auch haben, daß Du solche Not und Anliegen klagest und anführest; nicht daß ers nicht wisse, sondern daß Du Dein Herz entzündest, desto stärker und mehr zu begehren, und nur den Mantel weit ausbreitest und auftuest, viel zu empfangen.

Ein wertvoller Gedanke: Wenn wir mit Leidenschaft beten, unsere Not und Bedürftigkeit vor ihn bringen, dann geschieht etwas mit uns. Wir werden zu Menschen, die die Gaben Gottes auch wirklich empfangen können. Nach einem solchen Gebet können wir das, was Gott uns geben will, ganz anders annehmen, nämlich als Gabe und mit Dankbarkeit. Dadurch ändert sich mein Blick auf die Welt und das ist ein Blick, den ich persönlich mir gern zu eigen mache. Ich sehe mein Leben und Dasein als ein Geschenk und ein so verstandenes Beten erinnert mich immer wieder daran.

Dennoch will ich meine Frage noch weiter treiben: Kann das alles sein? Gebet ausschließlich als Veränderung der Sichtweise des Menschen? Eine veränderte Perspektive hin zu mehr Dankbarkeit? Ohne dieser Antwort ihre Bedeutung abspreche zu wollen: Reicht mir das?

In meiner Vorlesung wurde fast nebenbei noch ein weiterer Ansatz erwähnt, der mich interessierte und den ich gerade durchzuarbeiten versuche: Vincent Brümmer: „Was tun wir, wenn wir beten?“. Er trifft ganz systematisch einige wichtige Unterscheidungen über die Voraussetzungen des erhörten Gebets (z.B. ein personales Gottesverständnis) und bringt in Kapitel 3 die hier umrissene Fragestellung auf den Punkt:

Ist es nicht irreführend zu fragen, ob das Bittgebet darauf abzielt, auf Gott oder den Beter einzuwirken – d.h. ob das Bittgebet eine wirkliche Bitte ist oder eine Art von therapeutischer Meditation? Sollten wir nicht besser sagen, dass alle Formen des Gebetes (die Bitte eingeschlossen) das Verhältnis zwischen Gott und dem Beter beeinflussen und darum eine wirkliche Auswirkung auf beide haben?

Genau das ist die Frage und wer aufmerksam liest, sieht, dass seine eigene Antwort schon in der Frage impliziert ist. Doch einige Unterkapitel später führt er sie näher aus. Sein Fokus liegt dabei auf dem personalen Verhältnis zwischen Gott und dem Beter:

Das Gebet betrifft das Verhältnis zwischen Gott und dem Bittenden. Der Bittende informiert Gott nicht über etwas, was dieser nicht weiß. Noch erinnert er sich selbst an etwas, was er zu vergessen neigt. Vielmehr erkennt er seine persönliche Abhängigkeit von Gott auf eine Weise an, die es Gott ermöglicht, ihm zu geben, was er ihm ohne diese Anerkenntnis nicht hätte geben können.

Was bedeutet das nun konkret?

Gott erfüllt die meisten unserer Bedürfnisse und Wünsche, ohne daß wir ihn darum bitten müssen. Wenn er jedoch alle unsere Bedürfnisse und Wünsche auf diese Art erfüllen würde, wären wir wie Topfpflanzen auf seinem Fensterbrett und nicht Personen, mit denen er ein personales Verhältnis hat. In diesem Sinn ist das Bittgebet, in dem wir Gottes Handlungsfreiheit anerkennen und unsere Abhängigkeit von ihm akzeptieren, eine notwendige Bedingung dafür, daß Gott uns das, was wir brauchen, im Rahmen eines personalen Verhältnisses geben kann. Ohne unsere Bitten kann Gott bewirken, was wir brauchen, aber er kann uns nichts im Sinne einer personalen Beziehung geben.

Wenn wir grundsätzlich Gebet als ein persönliches Gespräch, ein In-Kontakt-Treten mit Gott verstehen, dann erscheint es mir sinnvoll und plausibel, von dieser Warte aus auch Sinn und Unsinn des Bittgebets zu bestimmen. Auch an dieser Stelle geht es letzten Endes um die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Brümmers Ansatz einfach formuliert wäre wohl so zu verstehen: Es verändert sich weder ausschließlich Gott, noch ausschließlich der Mensch, sondern es verändert sich die Gottesbeziehung, in der der Mensch steht.

Wars das schon? Bestimmt nicht!

Persönlich bin ich auf jeden Fall froh, dass ich mir Brümmers Werk zugelegt habe. In diesem Artikel habe ich es nur oberflächlich erfasst, doch hoffe ich, dass es mich in eine gute Richtung führen wird. (Vielleicht schreib ich am Ende ja mal eine Rezension…) Was dieser systematisch-theologische Blick für die Praxis heißt, ist dabei -wie immer- noch mal eine ganz andere Kiste. Und ganz sicher gibt es auch noch weitere Blickwinkel und Gedanken, die der Aufmerksamkeit wert sind – liebe Leserinnen und Leser, Theologinnen und Nichttheologen, schont mich nicht mit Literaturhinweisen! Ich bin dankbar für Anregungen und neue Perspektiven! Ebenso freuen mich auch persönliche Erfahrungsberichte – denn das Gebet ist ja nicht nur Ernstfall der Dogmatik, sondern vielleicht auch ein Ernstfall des persönlichen Glaubenslebens!??

Ich bleibe auf der Suche.

„…denn er hat uns zuerst geliebt.“

Heute vor 12 Jahren habe ich mich bekehrt.

Was bedeutet das? Ich besuchte ein christliches Zeltlager für Teenager und traf dort – wie es im frommen Kontext so schön heißt – eine „Entscheidung für Jesus“. Die Praxis der sogenanten „Bekehrungsaufrufe“ ist in katholischen oder evangelisch-landeskirchlichen Kreisen sehr selten und wird oft auch eher negativ bewertet. In charismatischen oder evangelikalen Gemeinden finden sich diese Aufrufe jedoch häufiger. Meist wird im Rahmen eines Gottesdienstes zum Glauben an Jesus Christus eingeladen und dann eine Zeit angekündigt, in der die Gottesdienstteilnehmer die Möglichkeit haben,auf diesen Aufruf zum Glauben zu antworten – z.B. durch Handzeichen oder aber, indem sie nach vorne zum Prediger/zur Bühne/zum Altar kommen. Dort sprechen dann alle gemeinsam ein „Übergabegebet“, in dem sie Gott danken, dass er sie liebt, ihren neuen Glauben an Jesus bekennen, um Sündenvergebung bitten und ihr Leben in Gottes Hände legen. (Sollte ich einen wichtigen Punkt vergessen haben, darf der geneigte Leser gerne Ergänzungen vornehmen :-) ).

So traf auch ich im Rahmen eines Gottesdienstes diese Entscheidung. Bereits zuvor hatte ich meine Kindheit in einer gläubigen Familie verbracht und mich selbst auch als Christ empfunden. Ja, ich hatte bereits eine Beziehung zu Gott.
Dennoch hatte ich in diesem Gottesdienst das starke Bedürfnis, ganze Sache zu machen. In den zwei Jahren zuvor hatte ich mich immer wieder punktuell von meinen christlichen Wurzeln entfernt und ich wusste, dass ich den Zeitpunkt überschritten hatte, an dem ich Christ sein konnte, weil meine Eltern Christen waren. Während des Gottesdienstes merkte ich: Entweder ich gehöre ganz dazu oder gar nicht. Es ist nicht möglich, ein „halber Christ“ zu sein. Und ich fragte mich, ob ich zu Gott gehören will, ob ich Jesus nachfolgen will. Wie soll ich mich entscheiden? In dieser Situation hatte ich auf einmal ein tiefes Empfinden für „Wahrheit“. In mir war ein Wissen, dass Jesus die Wahrheit ist. Er sagt auch über sich selbst: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Ich spürte in mir: Das ist wahr. Und ich konnte mich dem nicht mehr entziehen. Ich wollte zu Jesus gehören!
So ging ich nach vorne im Zelt und betete auch das „Übergabegebet“. Im Anschluss daran sprach ich noch mit einer Mitarbeiterin, die auch für mich betete. An diesem Abend fühlte ich mich erleichtert, glücklich und frei wie nie in meinem Leben!

Heute sehe auch ich diese „Bekehrungsaufrufe“ oft kritisch. Ich finde es nicht gut, wenn in Gottesdiensten eine zu emotionale Stimmung erzeugt wird oder Leuten gar mit der Hölle gedroht wird, sollten sie nicht nicht heute, hier und jetzt „bekehren“. Auch habe ich meine eigene „Erkenntnis“, den Glauben als Wahrheit zu sehen, mehrfach hinterfragt: Inwieweit war es nicht doch die Prägung durch mein Elternhaus oder die vermittelten Botschaften aus der Kinderstunde? Doch das, was ich als „inneres Wissen um Wahrheit“ beschreibe, hält all diesen Zweifeln bis heute immer wieder stand.

Ich würde heute nicht mehr sagen: „Ich habe mich bekehrt.“, so wie ich es eingangs in diesem Beitrag geschrieben habe. Wer bin ich denn, dass ich mich selbst bekehren könne oder in der Lage wäre, eine Entscheidung für Gott zu treffen – für Gott, den Schöpfer von Himmel und Erde? Ich glaube fest, dass Gott durch seinen Heiligen Geist, diese „Entscheidung“ in mir gewirkt hat. Er hat nicht nur „Ja“ zu mir gesagt – er hat mir auch das „Ja“ gegeben, mit dem ich ihm antworten konnte. Jesus sagt dazu: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ Gott hat mich erwählt, er hat mich zu sich gezogen und mir den Glauben an ihn und mein Vertrauen in ihn geschenkt!

12 Jahre sind es heute, die ich bewusst mit Jesus durch das Leben gehe. Mehr als doppelt so viel geht er schon mit mir :-) Ich bin sehr dankbar für die Gnade, Gottes Kind sein zu dürfen. Was das genau für mich bedeutet, davon schreibe ich ein ander Mal mehr!

PS. Ich möchte hiermit gleich alle Befürchtungen ausräumen, dass dies ein christlich-missionarischer Blog werden soll. Sicherlich nicht! Doch manche Tage muss man einfach festhalten! :-)