Mittagsmüdigkeit

Die Mittagszeit ist mir gerade die liebste Zeit des Tages. Der Gedanke, dass sich am anderen Ende der Welt ein Mensch gerade im Tiefschlaf befindet, den Kopf auf dem Kissen ruhend und die Decke bestimmt bis an die Nasenspitze hochgezogen, beruhigt mich ungemein. Wo andere über das Mittagstief jammern, genieße ich den kleinen Moment der Müdigkeit in diesem Schlaf-Wach-Rhythmus, der sich Leben nennt.

Sommerabschied und Herbstliebe

Bis zum Schluss hatte ich noch auf ein paar unbeschwerte Tage und ein luftig-leichtes Sommergefühl gehofft. Mein Sommer war hart, tragisch und voller Momente, in denen mich die Zimmerdecke zu erdrücken drohte. Dennoch fiel es mir unerwartet schwer, ihn schließlich gehen zu lassen – wie damals in Frankfurt wollte ich ihn noch einen Moment lang festhalten, noch einen kleinen Sommeraugenblick für mich erhaschen. Ein, zwei Tage hatte es gegeben, mitten im Chaos zwischen den Sorgen aus dem alten Leben und den gerade neu ankommenden, da hatte ich meine Schwimmsachen eingepackt, die Sonnenbrille aufgesetzt und war mit klopfendem Herzen an den See gefahren. Es war der Versuch gewesen, im Wasser kurz Luft zu holen, das Alte abzuschütteln, loszulassen und Kraft für einen Neuanfang zu tanken, dessen Dimension mir in diesen Momenten noch gar nicht klar war. Schließlich jedoch nahm ich mit einer leisen Melodie im Ohr Abschied. Es würde einen anderen Sommer für mich geben, mit Erdbeeren, Sonnenschein und blauem Himmel. Mit Flirren in der Luft, nackten Beinen und Festivalschweiß auf der Haut …

In diesem Zustand traf der Herbst mich an und zog angesichts der Wehmut in meiner Brust ein wenig skeptisch die Augenbraue hoch. „Du? Ein Sommerkind? Seit wann denn das?“, schien sein Blick zu fragen, bevor er mich überschwänglich in seine bunten und raschelnden Arme nahm. Erst zaghaft, dann immer gieriger atmete ich die Herbstluft ein, es gab Luft im Übermaß, sie füllte meine Lungen und machte Kopf und Herz ein wenig leichter.

Wie hatte ich diese Liebe nur vergessen können!

#augustbreak2016 – Peaceful

Acht Sekunden Seelenruhe, oder: Kuhranzennacht in Kroatien.

Gestern Abend lag ich im Trampolin und genoss den Ausblick auf einen phänomenalen Sternenhimmel. Die Grillen zirpten ihr Nachtkonzert, der dünne Stoff auf meiner Haut sorgte mit der Restwärme eines sonnigen Tages für eine angenehme Temperatur und ein leises Lüftchen wehte durch den Garten. Peaceful – friedlich, was könnte dafür besser passen als dieser Moment?

Da meine Kamera nicht gut genug für Millionen und Abermillionen von Sternen und anderem astronomischem Gedöns ist, müsst ihr nun leider in den schwarzen Nachthimmel starren. Dafür ist das Grillengezirpe jedoch gut zu hören.

[Raph Elle ist schon schlafen gegangen… und gibt Tipps für friedlichen Schlaf.]

#augustbreak2016 – Breathe

„Erstmal tief durchatmen“ – diesen Satz hört und liest man von mir häufiger. Ich habe in diesem Blog schon mehrfach ein Lob auf die Langsamkeit gesungen (hier, hier und hier) und es scheint, als ändern drei Atemzüge manchmal die Welt. Tempo rausnehmen, Stress reduzieren, einatmen, ausatmen, fertig.
Dabei ist das Wort, das mir zu breathe als erstes einfiel: beten. Irgendwie hängen Beten und Atmen in meinem Kopf zusammen, was vor allem an dieser Erfahrung liegt. Ich atme eine andere Realität und ja, Beten ist für mich wie Atmen: natürlich, fast schon automatisch und ohne Nachzudenken bewege ich mich in der Gewissheit, ein Kind Gottes zu sein. Manchmal bin ich selbst überrascht davon, dass ich das glauben kann und wieviel Kraft es mir gibt.
Und weil atmen und beten Zeit brauchen, gibt es heute kein Bild, sondern ein Video. 4 Minuten 23 Sekunden. Ganz ohne Gequatsche, nur zum Genuss, und auch für Andersgläubige geeignet.

Ausführlicher geht es zum Thema „Breathe!“ bei Raph Elle zu (inklusive Anleitung zur tiefen Bauchatmung).

#augustbreak2016 – Green


Grün! Zu dieser Farbe könnte ich wohl einen ganzen Roman schreiben. Grün ist für mich die erholsamste und wohltuendste Farbe überhaupt. Obwohl ich vermutlich eher Stubenhocker als Pfadfinder bin, ist für mich das Auftanken in Park oder Wald enorm wichtig. Grüntöne beruhigen die Seele und erst im Grünen habe ich das Gefühl, so richtig durchatmen zu können. Drum habe ich, mit der Hilfe gründaumiger Freundinnen, auch angefangen, meine Fensterbank mit einigen Pflanzen zu verschönern. Und auch Wohnzimmer und Kleiderschrank sind von meiner Grünvorliebe geprägt. Es gibt eine waldgrüne Wand, hellgrüne Vorhänge und grüne Kissen auf einem braunen Sofa.

Weiterlesen: Nach Grau kommt Grün und Raph Elle: green.

I only went out for a walk and finally concluded to stay out till sundown, for going out, I found, was really going in.
(John Muir)

Worte wie Luftballons

Luftballons3Viel zu oft schreibe ich für dich.
Ich sehe Bilder und lese Zitate und setze sie wie ein Mosaik für dich zusammen. Ich bilde ein Kunstwerk vor deinen Augen, es ist mein Werk und natürlich nicht meines allein, es gehört auch ihm und ihr und dem Mädchen, das ich neulich im Bus sah. Dennoch blitzt immer wieder etwas darin auf, das nur für dich ist, ich reiche dir die Hand in meinem Schreiben, unsichtbar strecke ich sie aus, meine Fingerspitzen berühren dich beinahe, ein Bild, ein Wort, der Wind trägt es mit sich in eine andere Welt, und dann ist der Zauber auch schon wieder vorbei, verflogen, bis ich irgendwann neue Wörter und Leerzeichen wie Luftballons in den Himmel aufsteigen lasse. Direkt vor deinen Augen fliegen sie los und auch wenn du die angehängten Karten niemals findest, sind sie doch allein für dich bestimmt.

Ahnung V

[Beginn: Ahnung I]

Irgendwann wird es wohl keine Erklärung mehr zwischen uns brauchen. Wir werden immer wortkarger mit den Jahren, der Hauch der Ahnung ist verflogen, weich legt sie sich auf das Loch in meinem Herzen und mildert das Pochen ein wenig ab. Der Spaziergang zu zweit war uns verwehrt, ich habe geschwiegen und du bist deinen eigenen Weg gegangen. Mein Mantra hat mich durch die Jahre getragen, hat mich das Lächeln deiner Augen aushalten lassen und mir eine dünne Decke über die nackte, bloße Sehnsucht gezogen. Ich lächle immer noch zurück, ich lächle dich an, wie wir nun mit gealterten Körpern voreinander stehen, immer noch den gleichen Menschen sehen, immer noch die besten Freunde sind. Uns genügt ein Blick, ein Händedruck, eine stets geöffnete Wohnungstür – und ich vermag kaum zu glauben, dass du das so offensichtlich Verborgene nie gesehen hast.

Ahnung IV

Lars hat Geburtstag. Die Party beginnt zwar erst um sieben, doch als beste Freundin habe ich angeboten zu helfen und stehe nun vollbepackt mit Tüten und Taschen vor der Tür. In der linken Hand habe ich ein Tablett mit Donauwelle, in der rechten einen Sixpack Bier und in meiner Brust ein klopfendes Herz. Also klingle ich mit dem Ellenbogen und höre glücklicherweise kurz darauf den Summer. Marcel ist auch schon da und sprintet die Treppen herunter. Er nimmt mir die Donauwelle und meine Umhängetasche mit Wein und Knabberzeug ab und zusammen gehen wir nach oben.
Kaum habe ich meine Sachen halbwegs verstaut und Tim begrüßt, sehe ich auch schon Lars mit dem Rücken zu uns am Herd stehen. Er trägt das gleiche Tshirt wie vor drei Jahren bei der Faschingsparty. Wann wird mir so etwas wohl nicht mehr auffallen? In geübter Manier schiebe ich den Gedanken zur Seite. „Hey, Geburtstagskind!“, rufe ich. „Willst du nicht deinen Lieblingsgast begrüßen?“ Lars lacht und streckt den Kopf zur Küchentür raus. Ich breite die Arme aus und drücke ihn kurz an mich. „Alles Gute!“ Seine Augen lächeln mich wie immer an. „Danke!“, sagt er und zieht mich mit sich in die Küche. „Du kommst gerade rechtzeitig zum Gemüse schneiden! Ich brate schon das Hackfleisch an.“
Wie von selbst greifen meine Hände zum Schneidbrett, ziehen das passende Messer aus dem Messerblock und ehe ich mich recht versehe, befindet sich eine köstlich duftende Gemüselasagne neben ihrer Fleischvariante im Backofen. Einmal mehr stelle ich fest, wie zuhause ich mich hier fühle. Ich kenne diese Küche bald genauso gut wie meine eigene, ich weiß, welche Töpfe in welchem Schrank stehen, welches Messer am besten schneidet und wo sich die selten gebrauchten Backutensilien befinden. In den letzten Jahren habe ich so viel Zeit bei Lars und Tim verbracht, dass es geradezu an ein Wunder grenzt, dass ich noch keinen Wohnungsschlüssel besitze. Dennoch blieb mir kurz die Luft weg, als voriges Jahr einer von Tims Freunden davon ausging, dass Lars und ich ein Paar seien. Mittlerweile habe ich mir auf derlei Vermutungen ein kopfschüttelndes Grinsen angewöhnt und atme einigermaßen gleichmäßig weiter.
Als schließlich die große Meute eintrifft, haben die drei Jungs und ich schon einige Küchenbier intus. Sophie begrüßt mich mit einem dicken Schmatzer auf die Backe und wie gewöhnlich lasse ich mich von ihr zu einer Runde Sekt überreden. Lars sitzt bereits inmitten seiner Freunde im Wohnzimmer und freut sich wie ein Schneekönig über ein neues Brettspiel und eine Box mit Tabletop Miniaturen. Von Sophie und mir gibt’s ein Cards against humanity-Set, das sich – nachdem die Lasagne vertilgt und das Kuchenbuffet geplündert ist – noch zum Hit des Abends entwickelt. Und während Marcel mit den witzigsten Antworten brilliert und Laura schon einen dicken Stapel gewonnener Karten vor sich hat, während Tim zum hundertsten Mal die Miniaturen bewundert und Sophie zum zweihundertsten Mal die Augen darüber verdreht, während Lars und ich uns ein Wortgefecht nach dem anderen liefern, bis wir schließlich lachend unter dem Tisch liegen, zwingt mein Verstand die innere Unruhe nieder, versteckt meinen Schmerz hinter kecken Worten, ignoriert das Stechen in der Brust und den Kloß im Hals und wiederholt ununterbrochen: Hör auf, zu schreien, Herz, hör auf, zu schreien.

[Ahnung V]

Ahnung III

Wir werden niemals darüber sprechen.
Ich mag dich zu sehr, als dass ich dir sagen könnte, wie sehr ich dich mag.

Diese Erkenntnis ist der Knotenpunkt, an den ich immer wieder zurückkehre.
Sie ist der sichere Hafen für meine unruhigen Gedanken, der Ausgang aus dem Labyrinth der Ahnungen, das Licht am Ende des Tunnels.

Ich saß zu lange auf der Wartebank.
Ich muss sie endlich, endlich verlassen.

[Ahnung IV]

Ahnung I

Irgendwann wird wohl doch ein Gespräch zwischen uns vonnöten sein. Ich ahne es voraus, rieche es in der Luft, spüre es unter den Fingern. Ich sehe uns beide, wie wir spazieren gehen und ich dir erzähle, was all die Jahre in mir vorging. Wir sind noch nie zu zweit spazieren gegangen. In manchen Häusern bedeutet spazieren gehen fast schon heiraten. Einen Anschein, den du dir nicht geben willst und den ich mir nicht mehr zu geben brauche. Der Kloß in meinem Hals wehrt sich gegen meine Versuche, ihn hinunterzuschlucken. Warum habe ich dir nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt? Aber ach ja, da war etwas – und so gebe ich dir die Schuld an meinem Schweigen, wohl wissend, dass auch du nur ein Opfer deiner eigenen verworrenen Geschichte bist …

[Ahnung II]

Wie bewegt sich Freude?

Manchmal schleicht sich die Freude ganz langsam in mein Herz, um dort dann Kreise zu ziehen und schlängelt sich so nach und nach in mein Inneres um alle Räume einzunehmen. Sie breitet sich flächenmäßig gleichzeitig aus, so wie wenn etwas zerläuft, und dringt in jede Zelle. – nach oben und nach unten.

Dann hüpft sie dort, springt, dreht sich um sich selbst, dass alles vibriert und mein Gesicht gar nicht anders kann, als zu strahlen. Mein Mund lächelt oder lacht, weil die Freude meine Lippen kitzelt.

Und manchmal kommt die Freude auf einen Sprung in mich hinein, wie ein Betonklotz, der vom Himmel fällt. Schnell, mächtig, gewaltig, groß.

Einfach toll, diese Freude!

Clara

Noch ein Text, der zwar nicht in Heidelberg, aber doch im Anschluss an die synästhetischen Fragen der Schreibwerkstatt entstanden ist.
Liebe Clara
, vielen Dank, dass ich ihn hier veröffentlichen darf!