Single, Anfang 30

Du bist Single und Anfang 30. Du bist nicht auf der Suche, denn die ganze Nummer mit großer Liebe, Heiraten und so hast du gerade erst durch. Eine Unterscheidung zwischen Liebe, Sex, Intimität und Bindung zu treffen, war bisher reine Gedankenspielerei. Mit dem Kopf an der Brust deines liebsten Menschen war es nicht nötig, weiter darüber nachzudenken. Doch nachdem du aus der Sicherheit dieser Umarmung nun herausgefallen bist, sitzt du auf dem nackten Boden der Realität oder einfach nur in der U-Bahn hinter deinem Smartphone und schaust dir die Welt der Singles Anfang 30 einmal an. Du hast noch nicht das Gefühl, dazu zu gehören. Du kannst noch so tun, als ob das hier ein Urlaubsabenteuer wäre. Vielleicht macht das einiges leichter. Eine andere Kultur für eine begrenzte Zeit, bevor es dann wieder ins vertraute Zuhause geht.

Am meisten überrascht dich die Verfügbarkeit von Sex. Du hättest nicht gedacht, dass Menschen sich rund um dieses Bedürfnis so gut organisieren. Von Online-Dates über Friends with Benefits-Konstellationen bis hin zu Poly-Communities. „Wer nach dem zweiten Date nicht mit nach Hause geht, braucht sich auch nicht mehr melden.“ „Natürlich ist das hier Liebe.“ „Ist doch nicht schlecht, noch vor dem ersten Treffen über Vorlieben zu reden, spart einiges an Zeit und Nerven.“ „Freundschaft plus, also für mich ist das schon exklusiv.“ „Freundschaft plus? Exklusiv? Hab ich noch nie gehört! Von mir aus kannst du aber auch gern andere Typen treffen.“ Sex ist überall und der Grad an Intimität frei wählbar. Du musst nur wissen, was du willst. Du musst nur das passende Match finden. Zumindest mal für diesen Monat.

Unter deiner Hand

Du sitzt auf meinem Brustkorb und legst mir sanft und bestimmt die Hand über die Augen. Deine Finger sind zu einer glatten Fläche geschlossen, die sich langsam über die obere Hälfte meines Gesichts schiebt. Fast zärtlich streicht dein Daumen über meine Wange und Dunkelheit umhüllt mich als warme, weiche Berührung. Ich fühle mich so sicher unter deiner Hand.

Es sind immer die kleinen Dinge.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, auf die es ankommt. Nicht die großen Gesten, die theatralischen Auftritte, die beeindruckenden, lange geplanten und überall beworbenen Wichtigkeiten. Natürlich setzen sich diese Momente in unserem Kopf fest. Wir können all den Jubiläen und Rückblenden sowieso nicht aus dem Weg gehen und spätestens beim Durchblättern der Fotoalben werden wir wieder an sie erinnert. Doch hinter den vielen inszenierten, zelebrierten, durchstudierten Großauftritten sind es am Ende doch die Augenblicke am Rande derselben, die uns verändern. Noch heute spüren wir die tröstende Hand auf der Schulter in der Garderobe des Schulballs, blicken in frisch verliebte Augen, während unser Herz einen kleinen Hüpfer macht, fühlen den aufmunternden Blick eines Freundes auf uns ruhen, wenn wir das Wort ergreifen, denken an Worte wie „Danke“ und „Das war schön“ und an krakelig geschriebene Sätze auf abgegriffenem Papier. Wir erinnern uns nicht an die feierliche Zeugnisübergabe, sondern daran, wie wir danach auf dem sonnenwarmen Feldweg lagen, wir können kaum mehr sagen, wer bei diesem runden Geburtstag dabei war, aber wissen noch gut, wie ein paar Blicke genügten, um einem lange nicht gesehenen Bekannten die Ausweglosigkeit einer bevorstehenden Trennung zu vermitteln. Wir haben längst vergessen, wie ein Mensch aussah oder welch lang ausgewähltes Kleidungsstück er trug, wenn wir daran zurückdenken, wieviel uns seine Einladung oder sein Wohlwollen damals bedeutete. Es sind die wenigen Momente, in denen wir zuließen, dass so etwas wie Intimität entstand. Momente der stillen Übereinkunft, des unausgesprochenen Verständnisses, der unbedachten und doch alles offenbarenden Geste. Sie können nicht hergestellt oder erzeugt werden. Sie sind nicht planbar. Sie entstehen neben und im Verzicht auf alle Inszenierung. Wer sie erschaffen will, wird scheitern – und während des Versuchs vielleicht doch unverhofft und unerwartet mit ihnen beschenkt.

Intimität

Die Wirklichkeit eines anderen Menschen liegt nicht darin,
was er dir offenbart, sondern in dem, was er dir nicht offenbaren kann.
Wenn du ihn daher verstehen willst, höre nicht auf das, was er dir sagt,
sondern vielmehr auf das, was er dir verschweigt.
— Khalil Gibran

Intimität – schon eine ganze Weile lässt mich der Begriff nicht los, hat sich an mich gehängt und taucht immer wieder in Gedanken und Zitaten auf. Auf meinem Tumblr habe ich einige Kommentare gesammelt, die zum Ausdruck bringen, wie wenig Intimität mit Partnerschaft, Körperlichkeit und Sex zu tun hat. Intimität bedeutet, sich selbst zu zeigen. Es bedeutet, einen anderen Menschen ins eigene Innen blicken zu lassen, sich verwundbar zu machen und doch auch Vertrauen zu haben, dass das Gegenüber mit wohlwollenden und liebenden Augen auf einen schaut. Es geht nicht um eine Nacktheit des Körpers, sondern vielmehr um eine Nacktheit der Person. Einen anderen Menschen an seinen Ängsten, Träumen, Sehnsüchten teilhaben lassen, das erfordert Mut und Vertrauen. Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig, es kann ein Blick sein, ein Nebensatz, eine leise Berührung, ein unausgesprochenes Wort, dessen Bedeutung der andere erkennt. Ein leichtes Nicken, ich habe dich gesehen, verstanden, ich fühle mit dir. Ich weiß, wer du bist.

You can talk with someone for years, everyday, and still, it won’t mean as much as what you can have when you sit in front of someone, not saying a word, yet you feel that person with your heart, you feel like you have known the person for forever…. connections are made with the heart, not the tongue.
― C. JoyBell C.

Eine intime Begegnung braucht nicht einmal viel Zeit. Es ist mehr so, dass beide Menschen im selben Moment darauf eingestellt sind. Wenn die entscheidende Geste getan, die Worte gesagt und der Moment als solcher erkannt wurde, braucht es nicht mehr. Jedes Geschwätz ist unnötig, wir können uns fallen lassen in diesen Moment hinein, solange wir es aushalten können, und dann stehen wir da und schauen uns an oder nicken uns zu und alles ist gesagt und getan.

Der Mensch, dem wir begegnen, er ist nicht Sehnsuchtserfüller, obwohl wir in dem Moment unsere Sehnsucht so intensiv spüren mögen wie nie zuvor. Er ist kein Lückenbüßer für unsere einsamen Nächte oder Seelenstreichler für unsere Minderwertigkeitskomplexe. Er ist wahrhaft ein eigenes Gegenüber, das wir nicht brauchen, das uns aber doch geschenkt ist.

Intimität bewegt sich zwischen Bindung und Autonomie. Es geht nicht um Verschmelzung, sondern darum, als eigenständiger Mensch wahrgenommen zu werden und gleichzeitig doch mit jemandem verbunden zu sein. Die Balance zwischen diesen beiden grundlegenden Bedürfnissen zu wahren, kann einem wie ein Drahtseilakt vorkommen und doch gibt es Augenblicke, in denen uns dieser Seiltanz mit Leichtigkeit gelingt.

So trifft man im Leben immer wieder Menschen, mit denen alles ganz klar ist. Ja, da ist ein Weg, den man gemeinsam gehen wird. Da ist eine Ebene, die es uns leicht macht. Es sind nicht nur die Menschen, bei denen man nach Jahren anruft und es ist, als hätte man sich erst gestern getroffen. Diese Freundschaften gibt es und sie sind schön und besonders, und doch es gibt noch mehr als das. Es sind die Menschen, die man nach Jahren wiedersieht und mit einem Blick kennt man die Wahrheit. Die Menschen, mit denen man sich jede Woche trifft und zwischen Abwasch, Küchenschürze und Nachmittagstee die großen Träume sieht. Es sind Augenblicke am Telefon, wenn man aufhört zu plaudern und nur eine Frage stellt.

Es sind die Menschen, die das Ungesagte verstehen.
Für sie lohnt es sich, gelegentlich die eigene Deckung aufzugeben und sich auf Intimität einzulassen.