„Ach du Schande, gibt es heute Abendmahl!“

Beobachtungen im Festgottesdienst zum Reformationstag in der evangelischen Kirche Walddorf (Walddorfhäslach)

Meine schwäbische Freundin singt im Chor und lud mich zum Gottesdienst in ihre evangelische Kirchengemeinde ein. Da ich die Gottesdienstberichte des Liturgiefuchs‘ im Sommer sehr gern gelesen habe, möchte ich im folgenden Text einmal beschreiben, wie ich den Gottesdienst in Walddorfhäslach erlebt habe.

Vorerkundungen

Der Gottesdienstbeginn war für 10.15 Uhr angesagt – soweit die Information meiner Freundin, aber auch die Website der Gemeinde, die ich mir im Vorfeld des Gottesdienstbesuches kurz anschaute. Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass viele dörflichen Kirchengemeinden keine Adresse ihres Kirchengebäudes auf die Website setzen, weil man davon ausgeht, dass die ansässige Gemeinde ja eh weiß, wo im Dorf die Kirche steht. Für Besucher*innen von außerhalb kann es gerade in Gemeindeverbünden von mehreren kleinen Ortschaften manchmal knifflig sein, die richtige Kirche zu finden. Die evangelische Kirche Waldorfhäslach hat jedoch sowohl Fotos ihrer Kirchengebäude online gestellt als auch im Footer der Website eine Postadresse angegeben. Dies wissend machte ich einfach mal auf den Weg und gab in mein Navi erstmal nur „Ortszentrum“ ein.

Ankunft

Bei der Einfahrt nach Walddorf entdeckte ich sofort den Kirchtum. Nun galt es, diesen auch zu erreichen – meine Freundin hatte mich schon bezüglich einer Baustelle vorgewarnt, um die ich erstmal großzügig herumkurvte. Schließlich parkte ich mein Auto und beobachte dabei ein Paar, das zügig in die „Kirchgasse“ einbog und die ich für mögliche Gottesdienstbesucher hielt. Ich lief ihnen nach und war beim Blick auf die Kirche mit ihrem Kreuz auf dem Kirchturm kurz verunsichert, ob es sich wirklich um die evangelische Kirche vom Foto handelte oder ich nicht doch etwas verwechselt hatte, da das Kreuz ja traditionell auf katholischen Kirchen prangt. Auf der Höhe des Paares angekommen, entdeckte ich das evangelische Gesangbuch in der Hand der Frau, sagte freundlich „Guten Morgen“ und wechselte auch gleich ein paar Worte mit den beiden, wobei ich erwähnte, dass ich heute Morgen zu Besuch war.

Erste Eindrücke

Gegen 9.45 Uhr betrat ich die Kirche und war überrascht, wie wenig Gottesdienstbesucher*innen schon da waren. Von einigen Festgottesdiensten bin ich es gewohnt, dass man durchaus eine halbe Stunde früher dran sein muss, um sich noch einen guten Platz zu sichern. Beim Betreten der Kirche fiel mir ein Stapel mit gefalteten Blättern ins Auge, auf die das Altarbild einer Kirche gedruckt war. Dadurch hielt ich es nicht für das Liedblatt zum Gottesdienst, sondern eher für ein Informationsblatt für Führungen durch die Kirche. Ich griff also hinter der letzten Reihe zum Gesangbuch und suchte mir einen Platz weiter vorn.

Die evangelische Kirche in Walddorf hat die Kanzel in der Mitte der Kirche. Es gibt einen L-förmigen, oberen Rang, auf dem sich auch die Orgel befindet. Im unteren Bereich jedoch schaut sich die Gemeinde gegenseitig an und hat eine Freifläche vor Kanzel und Altar in der Mitte, auf der sich der Posaunenchor positioniert hatte. Die Architektur der Kirche empfand ich als angenehm und gemeinschaftsfördernd. Hier versammelt man sich richtig um den Altar und die Predigt.

Ich hatte also noch Zeit, in meiner Bank zu sitzen, die Lesezeichen des Gesangbuchs in die angeschlagenen Lieder zu legen und den letzten Proben der drei Chöre zuzuhören. Dabei fiel mir auf, wie gewohnt und sicher ich mich in dieser evangelischen Gottesdienstkultur bewege. Das freundliche Gespräch mit dem Paar auf dem Weg zur Kirche, der Griff zum Gesangbuch am Eingang, der kurze Moment der Stille in der Bank, das vorbereitende Heraussuchen der Lieder (natürlich mit farblich passendem Lesezeichen bei den Psalmen) – all das ist mir so vertraut und ich bewege mich so sicher darin, dass ich zwar vielleicht als Besucherin, aber nicht als Fremdkörper auffalle.

Viele christlich sozialisierte Menschen finden in einem bestimmten, einzelnen Frömmigkeitsstil ihre Heimat – so wie Hanna neulich in ihrer Kolumne schrieb, dass ihr die evangelische Kirche einfach am nächsten und vertrautesten ist. Meine christliche Heimat hingegen ist ein Flickenteppich an Traditionen und Formen: Von der pietistischen Gemeinschaftsstunde über den landeskirchlichen Gottesdienst bis hin zur katholischen Messe und zu pfingstlerisch-charismatischen Gottesdiensten ist einiges dabei. Jede Form hat einen Abschnitt oder Teil meiner Kindheit und Jugend so geprägt, dass ich mich darin wiederfinden kann. Ich kann nicht sagen, dass ich mich in der evangelischen Kirche so richtig „zuhause“ fühle – das kann ich aber auch über keinen anderen Frömmigkeitsstil sagen. Manche sind mir vertrauter als andere, manche sind liebgewonnene Fremde, manche machen es mir leicht. In den meisten Fällen geht es mir wie gestern in Walddorf: Ich schlüpfe einfach hinein.

Gottesdienstbesucher

Bald nahm neben mir in der Bank eine Frau Platz und auch sonst füllte sich der Gottesdienstraum langsam, aber stetig. Die meisten Gemeindemitglieder kamen so zwischen 10 Uhr und 10.15 Uhr. Ein Mann ging durch die Reihen und verteilte die Liedblätter – es waren tatsächlich die Blätter mit dem Altarbild, die ich am Eingang schon erspäht hatte. Er forderte mich und meine Nebensitzerin auf, gemeinsam in das Liedblatt zu schauen. Ich überließ es ihr und sie studierte das Bild. Anschließend zeigte sie es mir und wir schauten es uns gemeinsam an, rätselten dabei über manche Szene oder Figur und ich laß ihr den oben aufgedruckten Bibelvers vor, da sie keine Brille dabei hatte. Hinter mir in der Reihe fiel einer Frau auf, dass auf dem Altar das Abendmahl vorbereitet war. Sie kommentierte dies mit „Ach du Schande, gibt es heute auch noch Abendmahl!“, was mich ein wenig zum Schmunzeln brachte. Ja, drei Chöre und Abendmahl, das erschien auch mir durchaus ambitioniert, aber wann, wenn nicht am Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum ist der Rahmen dafür auch da?

Gottesdienst

Nun begann der Gottesdienst mit Musik und der Begrüßung des Pfarrers, der auch besonders die drei anwesenden Chöre erwähnte, die den Gottesdienst mitgestalten würden. Wir sangen anschließend auch das erste Lied, das im Gesangbuch das Kapitel „Rechtfertigung und Zuversicht“ eröffnete: „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ – ich fand, es war nicht ganz einfach zu singen und auch meine Nachbarin tat sich schwer.

Anschließend sprach der Pfarrer das erste Gebet – für mich seit Jahren ein Schlüsselmoment für jeden Gottesdienst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man am ersten Gebet des Pfarrers meist sehr gut die theologische Richtung und den Stil erkennen kann, den der Gottesdienst nehmen wird und habe für mich verschiedene Kategorien an Gebeten ausgemacht. Das Gebet war ein „Lehr- und Erklärgebet“, das sich meiner Wahrnehmung nach mehr an die Gemeinde richtete, Dinge erklärte und die gegenwärtige Situation beschrieb. Ich persönlich finde solche Gebete immer ein wenig ‚hinterrücks‘ – ich möchte mich doch in einem Gebet gemeinsam an Gott richten und nicht die Wirklichkeitsdeutung des Betenden meditieren. Nun ja, ich habe schon ausdrücklichere Lehrgebete erlebt und versuchte, mich darauf einzulassen. Darüberhinaus war meine Erwartung für die Predigt nun gesetzt: Ich rechnete mit einer Lehr- und Erklärpredigt (und sollte auch nicht enttäuscht werden).

Die Chöre

Die drei Chöre Posaunenchor, Kirchenchor und Kinderchor trugen sowohl einzeln als in Kombination Lieder vor, bei denen man aufgrund des Liedblatts auch teilweise mitsingen konnte. Das war total schön und man merkte richtig, wie es eine gegenseitige Bereicherung war, aufeinander zu hören und miteinander zu singen und zu musizieren. Die Kindergruppe – ich weiß nicht, ob es eine Jungschar war, jedoch wurde ein Zeltlager erwähnt – sang eine Variation von „Ein feste Burg ist unser Gott“ auf die Melodie von „Atemlos“.

Schriftlesung

Vor der Schriftlesung wartete der Pfarrer kurz ab, bis auch die Chormitglieder jeweils wieder ihre Plätze gefunden hatten – das fand ich sehr angenehm, da es zeigte, dass wir trotz vollem Gottesdienstprogramm ausreichend Zeit haben, um aufeinander zu warten. Es folgte nun ein Überraschungsmoment: Der Pfarrer las die Stelle aus dem dritten Kapitel des Römerbriefs komplett auf Latein. Aufgrund seiner Lesegeschwindigkeit kam ich inhaltlich somit nicht vollständig mit – allerdings war dieses Experiment ja auch nicht für Lateinkundige gedacht, sondern sollte die Bedeutung der Bibelübersetzung verdeutlichen. Die Gemeinde saß verblüfft in den Reihen und der Aha-Effekt war groß. Dies war aus meiner Sicht eine gelungene Intervention. Allein fand ich es schade, dass der Pfarrer anschließend erwähnte, dass auch er selbst den lateinischen Text nicht verstehen würde. Das ist mir dann doch ein Rätsel.

Eine Frau aus der Gemeinde las nun erneut den Text auf Deutsch. Sie las gut betont vor und hatte eine sehr freundliche und warme Ausstrahlung, sodass ich ihr gern zuhörte und den doch sehr kompakten Bibeltext auch gut aufnehmen konnte.

Predigt

Zur Predigt stieg der Pfarrer auf die Kanzel, sodass er genau in der Mitte des Gottesdienstraumes war. Er begann mit einer Beschreibung und Erläuterung des Altarbildes, das wir auf unseren Liedzetteln aufgedruckt hatten. Dabei erwähnte er viele kleine Details, die leider aufgrund des Schwarz-Weiß-Druckes, der Größe und eher mittelmäßigen Qualität des Drucks nicht so gut zu erkennen waren. Meine Banknachbarin und ich beugten uns jedenfalls sehr dicht über das Blatt und mussten uns zwischendrin beraten, um herauszufinden, was genau gemeint war. Die historische Einordnung des Altars samt der Erläuterung zu den dargestellten Personen gab einem einen guten Überblick in die Zeit der Reformation. Das inhaltliche Ergebnis der Altarbildbesprechung war die Bedeutung von Sakramenten und Evangelium als wesentliches, kennzeichnendes Merkmal von Kirche – dazu zitierte der Pfarrer zwei Mal aus der Confessio Augustana und fasste den Inhalt auch gut zusammen. Die dargestellten Sakramente auf dem Bild waren Taufe, Abendmahl und Beichte. Im Blick auf das Abendmahl erwähnte der Pfarrer, dass es nach lutherischem Verständnis „eigentlich“ auch eine Realpräsenz Christi in Brot und Wein gibt und dass in der evangelischen Kirche „eigentlich“ jede*r das Abendmahl reichen dürfe – es aber „der Ordnung halber“ an bestimmte Personen delegiert würde. Dabei sind mir beide „eigentlich“s nach wie vor nicht klar. Entweder man sagt, dass man selbst etwas glaubt oder man beschreibt, dass ein anderer (Luther) etwas glaubt, aber es ist doch seltsam zu sagen, dass „wir eigentlich auch an die Realpräsenz glauben“. Genauso ergibt sich aus dem Priestertum aller Gläubigen entweder, dass jede*r das Abendmahl austeilen darf, oder man hat ein bestimmtes Verständnis von Amtskirche, nach dem das nicht möglich ist, aber es ist doch genauso irritierend, mitzuteilen, dass „eigentlich jeder das Abendmahl austeilen darf“. Ich halte das „eigentlich“ jedenfalls für überflüssig. Da ich gerade erst die Reformationsrede von Erik Flügge gelesen habe, sei noch erwähnt, dass Bonhoeffer ebenfalls zitiert wurde.

Solus Christus

Überhaupt stand die Reformation in diesem Festgottesdienst natürlich im Mittelpunkt. Gut fand ich, dass dabei deutlich wurde, dass es nicht um eine bloße Feier der Vergangenheit oder um ein Heldengedenken an Luther ging (ich bin gerade nicht sicher, ob das in der Begrüßung des Pfarres oder im Anfangsgebet enthalten war), sondern um die Kirche im Hier und Heute – mehrfach wurde auch „die Zukunft der Kirche“ erwähnt, doch leider wurde es dabei wenig konkret.

Schließlich sang der Chor meiner Freundin das von Rouven Genz gedichtete Lied „Solus Christus“, das mir sehr gut gefiel und mir auch noch eine Weile im Ohr blieb.

Höchst irritierend: Das Abendmahl Als Extra-Veranstaltung

Die Ankündigungen und Hinweise machten deutlich, dass der Gottesdienst nun gleich zu Ende war. Dabei wurde mitgeteilt, dass im Anschluss an den Gottesdienst das Abendmahl gefeiert wurde. Ich saß in meiner Bank und konnte es kaum glauben. Der Pfarrer sprach den Segen, es gab ein Lied zum Auszug, der Posaunenchor brach auf und etwa die Hälfte der Leute verließ die Kirche. Ja, der Gottesdienst hatte bereits 1,5 Stunden gedauert, aber warum sollten wir auf das Abendmahl verzichten? Meine Freundin nahm bei mir in der Bank Platz und wir beschlossen, unsere Irritation zur Seite zu legen und uns einfach darauf einzulassen. Der Pfarrer begrüßte nun erneut die anwesende Gemeinde – dabei hatten wir doch gerade schon eineinanhalb Stunden zusammen verbracht!? Wir sangen ein Lied aus dem Liederbuch, anschließend folgen Sündenbekenntnis und Vergebungszuspruch. Im Gebet des Pfarrers wurde das Sündenbekenntis mit dem Begriff der „anklagenden Gedanken“ eingeführt, das dann auch zum „in sich verkrümmten Menschen“ (homo incurvatus in se ipse) führte, später wurde ein Impuls für das Miteinander gegeben, nämlich anderen Menschen zu helfen, ihnen eine Stunde Zeit oder ein paar Cent aus dem Geldbeutel zu schenken, wenn sie einen darum bitten. Die Gemeinde konnte mit „Ja“ einstimmen, wenn sie das Sündenbekenntnis teilte und um Vergebung bitten wollte. Daraufhin folgte der Vergebungszuspruch. Außerdem gab es vor dem Abendmahl einen Moment, sich gegenseitig mit dem Friedensgruß die Hände zu schütteln.

Nach den Einsetzungworten traten wir in vier Gruppen in den Mittelraum, um dort das Abendmahl zu empfangen. Die Helfer*innen waren sehr gut organisiert, sodass alles zügig, aber nicht hektisch vonstatten ging. Es gab richtiges Brot sowie Wein im großen Kelch und Traubensaft in kleinen Einzelkelchen. Anschließend fassten sich alle in der jeweiligen Gruppe an den Händen und hörten auf ein Segenswort des Pfarrers, bei meiner Gruppe war dies das Wort aus Exodus 33: „So spricht der Herr: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“

Das Schlusslied sangen wir aus einem anderen, moderneren Liederbuch, es war „Herr, im Glanz deiner Majestät“. Das Orgelnachspiel zum Auszug schließlich nahm wieder Bezug auf den Kinderchor, sodass die Melodie von „Atemlos“ erklang (und mich auch noch die nächste Stunde verfolgte).

Fazit

Es ist mir ein großes Rätsel, wie man eine Predigt über eine sich aus Evangelium und Sakramenten konstituierende Kirche halten kann, das Abendmahl samt Sündenbekenntnis und Vergebungszuspruch (Verbindung zur Beichte) aber als Extra-Veranstaltung im Anschluss an den Gottesdienst feiert. Auch wenn die Predigt ein anderes Thema gehabt hätte, hätte ich es gleichermaßen deplaziert gefunden, so jedoch bin ich tatsächlich fassungslos. Ich habe insgesamt 2,5 Stunden in dieser Kirche verbracht, eine halbe Stunde vor Beginn, dann 1,5 Stunden Gottesdienst und schließlich eine halbe Stunde Abendmahlsfeier. Das ist in der Tat für einen evangelischen Gottesdienst recht lang, aber die Länge kann doch nicht über den Inhalt entscheiden. Aus meiner Sicht hätte man vielleicht am Orgelvor- und -nachspiel bei den Gemeindeliedern kürzen können bzw. die Gemeinde einfach noch mehr zum Mitsingen bei den Chorliedern ermutigen können, sodass gesonderte Gemeindelieder weniger wichtig gewesen wären. Darüberhinaus haben natürlich auch die „Lehrgebete“ die Tendenz, eher länger auszufallen. Jedoch ist es auch nur eine Vermutung von mir, dass die Ausgrenzung des Abendmahls vom Gottesdienst aus Zeitgründen vorgenommen wurde. Ich persönlich habe kein Problem damit, an einem zweistündigen Gottesdienst teilzunehmen, aus freikirchlichen Traditionen bin ich da anderes gewohnt. Ich finde es jedenfalls enorm schade, dass es direkt so eine Aufbruchsstimmung nach dem Segen gab. Ein wirksames Zeichen wäre es vielleicht gewesen, wenn die ganze Gemeinde einfach sitzen geblieben wäre.

Insgesamt freue ich mich aber, diesen Gottesdienst mitgefeiert zu haben. Es war schön, in einer so großen und bunten Gemeinschaft mit jungen und alten Menschen zu singen und zu beten. Sicherlich bewegten wir uns in einem ganz klar bürgerlichen Milieu, es fanden sich aber glücklicherweise auch einige wenige Menschen „von den Rändern“: Vor mir ein Mann im schlecht sitzenden Hemd mit verknittertem Kragen, der ganz eindeutig nach Mensch roch, und auch Einzelne, bei denen mir schnell klar wurde, dass sie beim Auszug nicht aus Knausrigkeit nichts in das Opferkästchen warfen, sondern weil sie wohl einfach selbst nichts hatten. Die große Masse natürlich war dörflich-bürgerlich, sodass die erklärende Predigt des Pfarres meiner Wahrnehmung nach auch auf ein (Wissens-)Interesse stoß. Der Kinderchor war mit Freude und Bewegung dabei und ergänzte sich in Klang und Erscheinung hervorragend mit den traditionellen Posaunen.

Das Wort Gottes für mich ganz persönlich fand ich in diesem Gottesdienst ganz klar im unmittelbaren Bibelwort. Im Gegensatz zu manchen erklärenden Worten des Pfarrers, in denen ich ein wenig mitschwamm und mich erstmal zurechtfinden musste (und vor allem auf kognitiver Ebene angesprochen wurde), war der Segenszuspruch nach dem Abendmahl so kompakt und deutlich, dass ich ihn als Zusage Gottes für mich annehmen konnte. Er lässt mich weiter auf die Gnade Gottes vertrauen – etwas, das ich in meinem Leben immer und ganz dringend brauche.

Im Mutterschoß Gottes

Ich sitze in der Andacht nach einem Tag voller Gedanken, voller Reden, Leben, Tun. Ich habe das Glück, so zu sitzen, dass ich durch das große Fenster hinausschauen kann und ich erlaube mir die Weite. Ein Platz, Menschen, Häuser, Straßen, die Baumwipfel und dahinter, darüber der Himmel. Ich betrachte die Äste und Blätter der Bäume, das Abendblau des Himmels. Es kostet nicht viel Kraft, den Himmel und die Bäume zu betrachten, ich muss nicht denken, kann einfach nur schauen, wahrnehmen, so wie es anderen vielleicht mit der Maserung des Holzes ergeht.

Ich sitze in der Andacht und bin mir bewusst: Ich sitze vor Gott. Gott ist da und durchdringt diesen Raum, durchdringt mich. Ich spüre Gottes Anwesenheit.

Der zurückliegende Tag in mir tritt hervor und ich lasse die Gedanken daran – wie weiße Wolken am Sommerhimmel – durch meinen Kopf, meinen Sinn ziehen. Ich halte sie nicht fest, aber ich scheuche sie auch nicht weg. Sie dürfen sein, ich halte sie Gott hin, halte mich selbst hin und bin so dankbar für die Begegnung.

Ich bin an Andachten von einer Stunde gewöhnt und innerlich teile ich sie in Viertel. Schon am Ende des ersten Viertels lugt ein Gedanke hervor, der Gedanke an Gott als Mutter, ich empfinde ihn nicht als ausgedacht oder als Teil meiner Gedanken, sondern als gegeben, geschenkt. Ich hänge ihm ein wenig nach, lasse ihn wirken. Ich spüre, Gott möchte mir heute als Mutter begegnen, und während mein ganzer Körper, meine Wahrnehmung, mein Erleben die Gott-Mutter einlädt, tut sich mein Kopf, voll patriarchaler Prägungen, schwer, ruft sich zur Rechtfertigung Bibelstellen von weiblichen Gottesbildern (die Henne und ihre Küken…) ins Gedächtnis, fragt sich, ob das ausreicht, oder man nicht doch systematisch-theologisch darüber nachdenken müsste – und währenddessen, ganz unbenommen von allen Kopf-Gedanken, birgt sich mein ganzes Sein im Mutterschoß Gottes. Es tankt Liebe und Wärme und eine warme, weiche, unaufdringliche Zuwendung. Gott als Mutter ist so präsent, dass ich mich ihr nicht entziehen kann – und auch nicht entziehen will. Ich glaube, Elia am Horeb hat sie auch so erlebt, in diesem Säuseln.

Meine Tag-Gedanken steigen weiter auf, bewegen sich hin und her, da höre ich plötzlich Gesang in mir, erst leise und dann immer klarer: „Ubi caritas et amor, ubi caritas – deus ibi est.“ Ein Taizélied. Ich habe keine besondere Beziehung zu Taizéliedern, ja, sie klingen schön, aber ich kann nicht so viel mit ihnen anfangen, bevorzuge normalerweise eher Paul Gerhardt und Jochen Klepper, viel Text, viel Tiefe, viel für meinen Kopf. Doch das Taizélied bleibt. Es ist ein Wiegenlied und ich finde es ein wenig verrückt, dass Gott darin sprachlich männlich ist. Das Lied passt ganz eindeutig zu meinem Bild vom Mutterschoß Gottes, es tut gut, es im Hintergrund meiner Gedanken zu hören, sie sind aufgehoben bei Gott, nun muss gar nicht mehr viel passieren, es ist alles da, alles gut, ich lasse die Gedanken weiter wandern und lausche der Musik. Ich lächle die Gott-Mutter an und sage danke.

Wenn Gott die Welt verändert, morgen schon, 2017

Predigt zur Jahreslosung 2017 für den Gottesdienst zum Altjahrabend 2016

2016
das Mittelmeer füllt sich weiter mit Leichen
ich kann es nicht anders sagen, verzeiht mir den Einstieg
aber zu Zeiten des Propheten Ezechiel sah es auch nicht gerade rosig aus
ein Haufen Menschen wurde deportiert, 598 vor Chr.,
von Jerusalem nach Babylon
und angesichts der Kolonnen an flüchtenden Menschen können wir uns diese Deportation heute wohl so bildhaft vorstellen wie nie zuvor
Ezechiel saß am Fluss Kebar in Babylon fest
So wie Ahmet und Mahmut und Ali am Neckar, der Donau oder dem Zipfelbach
weit weg von den Gerüchen der Heimat, der vertrauten Linie der Berge,
der Klänge in den Straßen, an die das Ohr so sehr gewöhnt ist
verstreut in der Fremde und in großer Ungewissheit,
ob die alte Heimat jemals wieder ein Zuhause bieten könnte.
 
2016
das politische Klima ist rauer geworden
die Mächtigen der Welt: Putin und Erdogan und bald auch Trump
mit dem Kommando über Kriegsheere und Atomwaffen
Sie kommen mir manchmal ganz schön hilflos vor
In einem Netz von Korruption, Misstrauen und Kampf um den Machterhalt
Sie haben keine Lösungen für diese Welt
 
2016
ich male euch die Kulisse unserer Welt
wendet den Blick nicht ab
von all der Angst, dem Hass, dem Leid, der Verzweiflung
wir können uns ihnen nicht entziehen
wir sind verstrickt in weltweite Ungerechtigkeiten
wir haben Wohnraum, wo andere keinen haben
wir haben Essen, wo andere hungern
wir haben Arbeit, wo andere auf der Straße stehen
wir tragen Verantwortung und ja, wir tragen Schuld,
und das alles, ohne dass wir es ändern könnten
wir sind genauso hilflos wie Ahmet und Mahmut und Erdogan und Trump
 
Doch wenn Gott die Welt verändert
morgen schon, 2017,
dann fängt er bei den Hilflosen an
bei den Verlorenen, den Verstreuten
bei denen, die faule Kompromisse gemacht haben
bei den Müden, den Verzagten
bei denen, denen das Leben in den Händen zerrinnt
und die den Glauben an gute Vorsätze schon längst aufgegeben haben.
 
Wenn Gott die Welt verändert,
morgen schon, 2017,
dann vermutlich nicht durch Trump oder Putin oder Frau Merkel,
sondern vielleicht durch Ahmet und Mahmut und Ali,
denn Gott hat schon immer das Kleinste und Geringste erwählt
er hat seine Geschichte mit dem Volk Israel geschrieben,
er hat das Volk, das jahrzehntelang in Babylon festsaß,
das zweifelte, haderte und immer wieder fremden Göttern nachlief,
er hat SEIN Volk nicht vergessen,
sondern mit ihm einen Neuanfang gewagt.
 
Wenn Gott die Welt verändert
morgen schon, 2017,
dann geschieht das von unten,
von innen
und von den Rändern
denn Angst und Hass und Leid sitzen in uns drin.
Es kann nur so gehen, dass der ganze Mensch neu wird.
 
Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun. Und ihr sollt wohnen im Lande, das ich euren Vätern gegeben habe, und sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein. (Hesekiel 36, 26-28)
 
Mit dem lebendigen Herz wird ganz sicher nicht alles leichter,
aber es wird alles wahrhaftiger.
Es ist ein echtes, lebendiges, schlagendes Herz, das Gott uns gibt:
Dir und mir.
Ein Herz, in das sein Gesetz eingeschrieben ist:
„Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen
und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
 
Ein lebendiges Herz, zum Bersten voll mit Liebe,
sodass du mitfühlst mit dem anderen
und nicht verzweifelst über dem Leid.
sodass du weiter vertraust und betest und liebst
trotz allem, was in dieser Welt geschieht.
sodass du mutig Jesus nachfolgst
mit innerem Frieden und Zuversicht.
 
Gott schenkt Dir dieses Herz
und verändert damit die Welt
morgen schon, 2017.

Amen.

#augustbreak2016 – 5 years ago

Das ist nun die Nachspielzeit zum #augustbreak2016, wie die Vorgärtnerin es so schön betitelt hat. Im Gegensatz zu Raph Elle, die gleich ihr ganzes abenteuerliches Jahr 2011 Revue passieren ließ, habe ich mir nur den Sommer 2011 vorgenommen.

Es war ein ganz gewöhnlicher Sommer: Ich fuhr Anfang August aufs Freakstock und saß danach am Schreibtisch und schrieb Hausarbeiten. Mein Mann arbeitete enorm viel und so traf ich mich abends oft mit Freunden. Ein Kommilitone lud mich zu seinem Geburtstag ein. Meine Schwägerin heiratete. Ich begann einen neuen Nebenjob und ein neues Ehrenamt. Und Ende September ging es nach Berlin.

Ein gewöhnlicher Sommer, wie es ihn selten bei mir gab. Stinknormale Semesterferien ohne Umzüge (wie in den 5 Jahren zuvor), größere Praktika/Ferienjobs (wie in den 2 Jahren danach) oder Lernen fürs Examen (die anschließenden 2 Jahre). Semesterferien, in denen es etwas zu tun gab, das aber Tag für Tag auch gut zu schaffen war.

Gleichzeitig veränderte dieser Sommer mein Leben, sodass ich es bis heute merke. Ich denke oft, es braucht diese Ruhe im Außen, damit das Innen hinterherkommt und sich entwickeln kann. Der Sommer brachte mir keine großen beruflichen Veränderungen, keinen Ortswechsel, keine abenteuerliche Reise, keinen Stempel unter meinen Studienleistungen oder meiner Beziehung – doch im Blick auf mich und mein Leben hat er mich nachhaltig verändert.

Inwiefern? Damit das Anskizzierte auch Gestalt bekommt, will ich versuchen, diese Frage zu beantworten und den Balanceakt zwischen persönlich und privat wagen.

Der Sommer brachte mir die Liebe Gottes nah, wie ich es zuvor noch nicht erlebt hatte. Dies hing mit einer einzelnen Predigt auf dem Freakstock zusammen. Wer wie ich christlich aufgewachsen ist, der kennt es vielleicht, wenn man sich bei einer besonderen Veranstaltung, einem Gottesdienst oder im Zeltlager Gott auf einmal ganz nahe fühlt, wenn man eine neue Erkenntnis oder einen geistlichen Durchbruch hat oder überhaupt gerade etwas mit Gott erlebt. Man denkt sich: Ab jetzt wird alles anders. Ab jetzt werde ich „Stille Zeit“ machen/Bibel lesen/beten/nicht mehr über meine Klassenkameraden lästern/allen von Jesus erzählen/… Danach fährt man nach Hause und ein paar euphorische Tage später hat einen der Alltag wieder. Und genau so war es bei mir in diesem Sommer nicht. Auch drei Wochen später schwebte ich noch auf Wolke 7 und der Durchbruch, den ich erlebt hatte, veränderte mein ganzes Denken. Die Botschaft: Gott liebt mich und nimmt mich an, mit allem, was ich bin/habe/denke/tue. Es war also die Erfahrung, die man „Gnade“ nennt.

Und ja, natürlich hatte ich diese Botschaft schon früher gehört, ich war Christ, seit ich denken kann, ich hatte mich bekehrt, ich lebte mein Leben mit Jesus. Aber trotzdem hatte ich – vielleicht gerade aufgrund meiner christlichen Prägung – einen bestimmten Lebensstil als richtig und Gott wohlgefällig ausgemacht und wann immer ich hinter diesem zurückblieb, hielt ich mich für vom Weg abgekommen oder einen Christen zweiter Klasse. In diesem Sommer verstand ich, dass dies allein meine eigenen Maßstäbe waren, die ich häufig von anderen Christen übernommen hatte, und dass sie nichts damit zu tun hatten, wie Gott mich sah und vor allem, wie er mich liebte. Es gibt mit Gott nicht den Plan B für das eigene Leben, sondern Gott geht jeden Weg mit mir mit. Punkt.

Diese Botschaft fiel vor fünf Jahren richtig tief in mein Herz und lässt sich auch nicht mehr herausreißen. Ich fing an, sie in allen Konsequenzen durchzubuchstabieren: Was hieß das für meine Beziehungen, Lebenentscheidungen, für meinen Umgang mit einem bestimmten verhaltensorientierten Christentum, für mein Verhältnis zu mir selbst?

Ein Beispiel dafür ist meine Perspektive auf Körper und Schönheit. Schon einmal schrieb ich in diesem Blog über Schönheitsideale und ich denke, einen wesentlichen Beitrag zu meiner Haltung lieferte mir dieser Sommer. Einige Tage nach Freakstock saß ich nämlich auf meinem Bett und beschloss, nicht mehr schlecht über meinen Körper zu sprechen. Eine einzige, klare Entscheidung ohne Wenn und Aber. Wenn Gott nicht zögert, in mir zu wohnen – mein Körper als sein Tempel, heißt es in der Bibel – wer bin ich dann, dass ich selbst Teile von mir ablehne? Gott nimmt mich an, wie ich bin, also will ich mich auch selbst annehmen. Diese körperbezogene Konsequenz war so wirkungsvoll, wie ich es kaum erwartet hätte, und hatte ganz eigene Folgen, für die ich sehr dankbar bin.

Vieles könnte ich hier noch beschreiben, aber vermutlich genügt es schon, um euch einen Eindruck von diesem lebensverändernden Sommer zu geben. Vielleicht habt ihr auch schon Ähnliches erlebt, wie sich eure Perspektive so ändert, dass es euer ganzes Leben durcheinanderwirbelt, wie ihr hinter die Veränderung nicht mehr zurück könnt und auf einmal so viel freier und glücklicher seid, ohne dass sich im Äußeren etwas verändert hätte. Mir brachte der Sommer vor fünf Jahren jedenfalls eine neue Gottesbeziehung ohne Schuld und Scham, voller Liebe, Gnade und Annahme. Und das wirkte tief in alle Bereiche meines Lebens – bis heute.

Über Wahrheit und Schönheit.

Dieser Beitrag ist ein Zwischenspiel in Verbindung mit dem Emergent Forum, in das ich letztes Wochenende hochgradig involviert war. Meine regelmäßigen Leser*innen mögen es mir nachsehen, dass ich auf Einleitung und Hinführung verzichte. Wer sich über die Veranstaltung informieren will, darf gern das Internet nutzen, aber ich möchte direkt zum Punkt kommen und mich mit einer Aussage aus Christinas Vortrag auseinandersetzen.

Hören wir doch auf, etwas falsch oder richtig zu finden.
Fangen wir wieder an, etwas schön zu finden.

Natürlich reiße ich den Satz jetzt aus seinem Kontext und gerade deshalb will ich zuerst versuchen, die Stoßrichtung aufzuzeigen, aus der ich ihn verstehe und sogar unterschreiben kann. Vor ein paar Wochen beantwortete ich eine Presseanfrage dazu, wie die Jesus Freaks sich zu anderen Religionen verhalten, ob diese als alternativer Weg ok/seligmachend/heilsversprechend/whatever seien und was wir überhaupt so von anderen religiösen Praktiken halten. In meiner Antwort machte ich deutlich, dass die meisten Jesus Freaks, die ich kenne, sich nicht sonderlich mit anderen Religionen als möglichem Heilsweg befassen, aber durchaus den Andersgläubigen mit Respekt und Wertschätzung begegnen. Ich schrieb über das Festhalten am Eigenen ohne Abwertung des anderen und zitierte dabei auch eine Mitchristin mit: „Ob es noch eine andere göttliche Wahrheit gibt, ist mir egal, ich gehe mit Jesus.“
Wenn es um den Kontakt und das Gespräch mit anderen Religionen geht, ist der Wahrheitsbegriff oft schwierig, weil „wahr“ in unserer Logik sofort sein Gegenteil „falsch“ hervorholt. Es scheint fast, als könne ich nicht über meine eigene Religion als „wahr“ sprechen, ohne gleichzeitig eine andere Religion als „falsch“ abzulehnen. Meines Erachtens muss das aber nicht so sein. Anstatt mit Aussagen wie „Unseres ist richtig, eures ist falsch.“ zu operieren, will ich vielmehr das Eigene erklären, groß machen, mit Überzeugung und Hingabe vertreten oder, wie Christina sagte, davon schwärmen. All das ist möglich, ohne das Gegenüber mit seiner Glaubenserfahrung abzuwerten.

Auf der anderen Seite jedoch löst die oben zitierte Aussage Bauchschmerzen bei mir aus. Auch dazu eine kurze Anekdote: Als ich Anfang 20 war, begegnete ich einem jungen Neonazi, wir gingen zusammen spazieren und unterhielten uns über unsere Leben und unsere Überzeugungen. Ich wollte natürlich wissen, warum er sich der rechten Szene angeschlossen hatte und auch, woran er glaube. Daraufhin erzählte er mir Geschichten aus der alten gemanischen Mythologie und zeigte mir auch seine Halskette mit einem entsprechenden Symbol. Nach einiger Zeit frage ich ihn dann: „Glaubst du denn daran?“ und er antworte: „Glauben? Nun ja, lass es mich so sagen: Ich finde es schön, einen schönen Gedanken.“
Worauf ich damit hinauswill? In der Innenperspektive meiner eigenen Religion reicht es mir nicht, einen Gedanken bloß schön zu finden. Ich will auf den Wahrheitsbegriff nicht verzichten – und sei es nur in seiner geringsten Form als subjektive, erlebte Wahrheit, als ein „Ich erlebe das als wahr, als sinnvoll, bedeutend, tragfähig für mein Leben.“ Mir reicht es nicht aus, die Auferstehung schön zu finden. „Schön“ ist mir hier zu oberflächlich, das ästhetische Empfinden zu beliebig und  – um Christina mit diesem Beitrag nun nicht Unrecht zu tun – es trifft m.E. auch nicht ihre Überzeugung. Wir haben an dem Wochenende viel über Gnade gesprochen, die von Gott kommt und zuvorkommend, mächtig, stark ist, sodass man selbst sich gar nicht entziehen kann. Eine solche existentielle Erfahrung will ich nicht nur über Schönheit artikulieren.

Ich könnte jetzt ein harmonisierendes Fazit schreiben und darüber nachdenken, für wie viele Menschen es vielleicht sinnvoll und hilfreich ist, dieses Starkmachen des Eigenen ohne Abwertung des anderen in genau diesen Worten zu hören und zu denken. Trotzdem will ich festhalten, dass Wahrheit und Schönheit nicht gegeneinander ausgespielt werden müssen, dass die geforderte Akzentverlagerung ihre Grenzen hat und dass die Dichotomie von richtig und falsch nicht in jedem Leben zu einem Schwarz-Weiß-Denken führt, sondern dass „wahr“ und „richtig“ meinen eigenen Glauben auch auf einer notwendigen, tieferen Ebene verankern können.

#augustbreak2016 – Breathe

„Erstmal tief durchatmen“ – diesen Satz hört und liest man von mir häufiger. Ich habe in diesem Blog schon mehrfach ein Lob auf die Langsamkeit gesungen (hier, hier und hier) und es scheint, als ändern drei Atemzüge manchmal die Welt. Tempo rausnehmen, Stress reduzieren, einatmen, ausatmen, fertig.
Dabei ist das Wort, das mir zu breathe als erstes einfiel: beten. Irgendwie hängen Beten und Atmen in meinem Kopf zusammen, was vor allem an dieser Erfahrung liegt. Ich atme eine andere Realität und ja, Beten ist für mich wie Atmen: natürlich, fast schon automatisch und ohne Nachzudenken bewege ich mich in der Gewissheit, ein Kind Gottes zu sein. Manchmal bin ich selbst überrascht davon, dass ich das glauben kann und wieviel Kraft es mir gibt.
Und weil atmen und beten Zeit brauchen, gibt es heute kein Bild, sondern ein Video. 4 Minuten 23 Sekunden. Ganz ohne Gequatsche, nur zum Genuss, und auch für Andersgläubige geeignet.

Ausführlicher geht es zum Thema „Breathe!“ bei Raph Elle zu (inklusive Anleitung zur tiefen Bauchatmung).

#augustbreak2016 – I’m reading…


Heute bin ich auf einer Hochzeit, daher ist hier ganz einfach und pragmatisch das Liederheft des Traugottesdienstes zu sehen. In der Predigt wurde deutlich, wie der abgedruckte Trauvers an erster Stelle eine Ermahnung ist, aber gleichzeitig auch eine Zusage enthält, dass nämlich zuerst Gott uns angenommen hat und es aus dieser Perspektive her hoffentlich einfacher ist, auch den anderen Menschen anzunehmen. Es war ein sehr schöner Gottesdienst und ich habe mich gefreut, durch das Vorlesen eines Bibelvers auch etwas beitragen zu können.
Ansonsten – d.h. in Sachen Literatur – lese ich gerade immer noch Paul Auster mit „Bericht aus dem Inneren“ und habe mir nun endlich den „Fänger im Roggen“ von Salinger zugelegt und als nächstes Buch vorgenommen. Es hat mich daher besonders gefreut, dieses Buch heute auch bei Raph x Elle zu entdecken.

Heilig Abend

In meiner Jugend verlor und gewann der Heilig Abend zunehmend an Bedeutung. Natürlich gab es, wie in allen Familien, gewisse Traditionen und (dank großzügiger Großmutter) zumeist eine reiche Bescherung, doch im Vergleich zu meinen Schulfreundinnen war meine Familie ziemlich flexibel, was „festgelegte Abläufe“ und ein angestrebtes „Bilderbuch-Weihnachten“ angeht. So erinnere ich mich an ein Jahr, indem wir das Gemeindehaus mieteten und sämtliche Freunde und Familie zu einer „Jesus Birthday Party“ einluden. Jede*r brachte was zu Essen und einen kleinen oder großen Programmpunkt mit und wir feierten ein wunderbares Fest. Kein Vergleich zu dem kargen Heilig Abend, an dem ein Familienmitglied gerade aus dem Krankenhaus kam und wir bei Käsebrot und Sprudel am Esstisch saßen – einfach nur dankbar, dass die zurückliegende Operation gut überstanden war. Im einen Jahr ging ich schon nachmittags in einen freikirchlichen Gottesdienst, im anderen mit meinen Eltern abends in die Landeskirche. Mal gab es Rote Wurst vom Grill, mal eine Käseplatte und nur sehr selten ein deftig-warmes Gericht.

Unabhängig von der Form und den jeweiligen Abläufen des Tages jedoch hatte sich für mich persönlich eine Tradition etabliert: Nachdem die Großeltern gegangen waren / das Geschenkpapier verräumt war / wir wieder zuhause angekommen waren / alle anderen sich wieder in ihre Zimmer verkrochen hatten, saß ich alleine mit einem Glas  Wein auf dem Sofa und wartete darauf, dass Jesus mir begegnete. Es mag sich skurril anhören, doch genau so war es. Ich saß da und wartete auf ihn und irgendwann setzte er sich auf den Sessel gegenüber, ich flüsterte ein „Danke“ und dann schauten wir zusammen im Fernsehen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Mein Heilig Abend stand und fiel mit dieser persönlichen Begegnung. Sie konnte sich schon im Gottesdienst ereignen, beim Essen oder beim Lesen der Weihnachtsgeschichte, doch ich wollte nicht schlafen gehen, ohne zu wissen: Jesus ist da und es geht um ihn. Diesen Wunsch hat er jedes Jahr erhört, mich manchmal überrascht, aber nie im Stich gelassen.

Also ganz egal, wie ihr Heilig Abend und die Weihnachtstage verbringt: Ich wünsche euch allen einen Moment, in dem ihr Jesus begegnet. Und glaubt mir: Formen sind dabei nicht wichtig und „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“-Schauen ist er auch schon gewohnt.

Fröhliche Weihnachten!

Sein vor Gott

wpid-2015-02-12-12.21.11.jpg.jpeg

Gelegentlich gehe ich zu den Quäkern. Die Quäker sind eine Religionsgemeinschaft, die sich im England des 17. Jahrhunderts gegründet hat. Sie werden auch als die „Freunde“ bezeichnet, womit gemeint ist, dass sie Freunde Jesu sind. In meiner Nähe treffen sie sich ein Mal im Monat zu einer Andacht. Das Besondere daran ist, dass die Andacht eine Stunde im Schweigen verläuft. Wer sich nach einiger Zeit inspiriert fühlt, darf etwas beitragen, einen Gedanken, einen Vers, ein Gedicht oder was auch immer er oder sie als wichtig empfindet.

Die Zeit der Stille empfinde ich sehr unterschiedlich. Wohltuend und anstrengend zugleich, hochkonzentriert und tiefenentspannt, es ist eine ganze Bandbreite an Gefühlen und Empfindungen dabei. Von der Frage „Was sitze ich jetzt hier eigentlich schon eine halbe Stunde nur herum? Das soll es jetzt sein!?“ bis hin zu der Erfahrung, dass Menschen ganz unabhängig von mir äußern, was ich selbst gerade empfunden habe, ist alles möglich.

Gestern verspürte ich gleich zu Beginn der Andacht schon große Erleichterung. Eine Stunde Nichtstun lag vor mir, eine Stunde Sein vor Gott, einfach Da sein, nichts tun müssen, einatmen, ausatmen, gut. Gerade angesichts der letzten Tage merkte ich, wie ich innerlich aufatmete. Ich bin zur Zeit sehr aktiv, meine Konzentration ist so gut wie schon lange nicht mehr, ich kaufe die Zeit aus, kriege viel geschafft. Wenn dabei mal eine halbe Stunde ohne Aufgabe, ohne festen Zweck entsteht, fühlt sich das seltsam sinnlos an. Und nun? Eine Stunde legitimiertes Nichtstun. (das nicht mal durch „Entspannung“ oder „Erholung“ verzweckt war…)

Keine Frage, dass dieses „Nichtstun“ einen Sinn hatte. Der Sinn bestand im Sein vor Gott. Im Da sein, Da sitzen vor dem Angesicht Gottes. Mehr brauchte es nicht, das genügte völlig. Ich saß da und freute mich daran und wusste, auch Gott freute sich daran. Und so kam mir der Gedanke, was denn in meinem Alltag so anders dabei sein sollte? Gott ist immer und überall. Zu jedem Zeitpunkt bin ich vor Gott. Mit dieser Perspektive ist jeder noch so kleine Moment wertvoll und sinnvoll. Jede Minute des Arbeitens oder Herumtrödelns, des Gesprächs oder des Schlafes, der Beschäftigung oder der Langeweile. Ich muss keinen Sinn durch ein bestimmtes Tun suchen, schaffen, herbeiführen.

Mein Leben ist sinnvoll in meinem Sein vor Gott.

Als ich später den anderen von meiner Erfahrung erzählte, nickten sie. Sie verstanden mich in meinem Glücksempfinden. Einer meinte: „Ja, das ist so schön, die Freude am bloßen Sein…“ Für mich ist dieser Gedanke beflügelnd und beruhigend zugleich. Er trägt mich und er zieht mich. Erneut die beiden Pole. Hoffentlich kann ich ihn mir lange erhalten und immer wieder in Erinnerung rufen.

 

PS. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig sein könnte, das, was mir gestern so einfach und leicht erschien, in einem Blogbeitrag mitzuteilen. Worte aneinanderreihen über spirituelles Erleben – was für eine Herausforderung!

Die Topfpflanze auf dem Fensterbrett – einige Gedanken zum Bittgebet

Angeregt durch ein Gedicht aus Jörgs Theo-Mix stellt dieser Beitrag eine teilweise lose, teilweise verknüpfe Aneinanderreihung von Gedanken und Perspektiven zum Gebet, insbesondere zum Bittgebet, dar. Es ist der Beginn einer Suche, ein Präzisieren der Frage, ein Schulen des eigenen Blicks. Was es mit der Topfpflanze auf sich hat? Einfach lesen!

psalm psalm gebet

unsere gebete sind weichgespült, herr
in denen schwebst du oben
und wir haben nur wenige bilder für dich

verhalten beten wir um gerechtigkeit
und wünsche, die tyrannen mögen staub fressen
verlaufen im sand leerer herzen

verhalten beten wir um frieden
und dass du schwerter zerbrichst
haben wir gelernt zu übersehen

herr, lass uns die weichgespülten worte verlernen
und schenke uns wieder die kraft wüster psalmen
damit unsere gebete uns wieder bewegen

denn wer dir berserkerwut andichtet
traut dir wenigstens etwas zu
und ringt mit einem unbequemen gott

Jörg Wilkesmann-Brandtner

Ich entdeckte dieses Gedicht vor nun beinah drei Wochen im Theomix von Jörg. Es ließ mich nicht los und sorgt dafür, dass ich einen neuen Anlauf nehme, um mich dem Thema Gebet zu widmen. Ein geschätzter, hochreflektierter Dozent bezeichnete das Gebet einmal als den Ernstfall bzw. Testfall der Dogmatik. Hier zeige sich, welche Dogmatik, d.h. welche Vorstellung von Gott, Mensch und Welt, wir wirklich haben. Wie beten wir? Wie bitten wir? Dank, Lob und Klage scheinen mir aktuell gar nicht so herausfordernd. Aber das Bitten macht mir Probleme. Besonders Fürbitten im Sinne von „Gott, gib uns die Einsicht, dass…“ bringen mich regelmäßig dazu, die Stirn in Falten zu legen. Hier geht es nicht mehr um das Wirken Gottes, sondern das ist reine Selbstmotivation. Und dafür brauche ich ein Gebet?

Die Schwierigkeit beim Bittgebet liegt wohl darin, dass wir uns fragen oder bezweifeln, ob Gott für sein Handeln auf unser Gebet angewiesen ist. Ist er nur dann in der Lage, zu handeln, wenn wir bitten, und weiß er etwa nicht, was wir brauchen? Ist er nicht allwissend und versorgt uns sowieso? Konkret wird dieser Gedanke für mich bei sogenannten Gebetsketten oder bei Gebetsaufrufen. Wird Gott denn eher handeln, wenn mehr Menschen für eine Sache beten, als wenn es nur ein Einzelner im stillen Kämmerlein tut? Wenn nicht, worin liegt dann der Sinn darin, andere Menschen aufzufordern, sich einem Gebet anzuschließen?

An dieser Stelle ließe sich ein Blick in Origines „De oratione“ (Vom Gebet) werfen, das die christliche Dogmatik bei diesem Thema stark geprägt hat.

Dass aber Nutzen entsteht für den, der in rechter Weise betet oder sich nach Kräften darum bemüht, das, glaube ich, trifft in vielfacher Hinsicht zu. Und zuerst hat der innerlich zum Gebet Gesammelte unbedingt einen Nutzen, wenn er gerade durch seine Gebetshaltung ausdrückt, dass er sich vor Gott hinstellt und zu ihm, dem Gegenwärtigen, redet, in der Überzeugung, dass Gott ihn sieht und hört. Denn (…) ebenso muß man überzeugt sein, dass in gleicher Weise Nutzen bringt die Erinnerung an Gott, an den man glaubt und der die Regungen in dem Innersten der Seele wahrnimmt, während diese sich in die geeignete Stimmung bringt, um […] [Gott] zu gefallen.
(…)
Dies ist in Form einer Annahme gesagt, dass wir, auch wenn sich für uns aus dem Gebete nichts anderes ergeben wird, doch durch die Erkenntnis und Anwendung der rechten Art zu beten den schönsten Gewinn haben.

Nach Origines sind Bittgebete nicht dazu da, Gott darum zu bitten, etwas zu tun, das er sonst nicht tun würde. Sie sind vielmehr eine Motivation für uns selbst, eine Meditation, eine Selbstverständigung im weitestmöglichen Horizont. So verstanden findet sich eine große Übereinstimmung zwischen einem christlichen Gebet und einer Meditation ohne Gottesansprache. Lässt sich da noch ein Unterschied bemerken? Braucht es einen und wenn ja, wozu? Was ist nun mit der Bitte?

Vielleicht hilft an dieser Stelle auch Luther weiter. In seinem Großen Katechismus von 1529 schreibt er:

Wo aber ein rechtes Gebet sein soll, da muß ein Ernst sein, daß man seine Not fühle, und solche Not, die uns zu rufen und zu schreien drücket und treibet. (…) Denn wir haben alle genug, das uns mangelt; es fehlet aber daran, daß wirs nicht fühlen noch sehen. Darum will Gott auch haben, daß Du solche Not und Anliegen klagest und anführest; nicht daß ers nicht wisse, sondern daß Du Dein Herz entzündest, desto stärker und mehr zu begehren, und nur den Mantel weit ausbreitest und auftuest, viel zu empfangen.

Ein wertvoller Gedanke: Wenn wir mit Leidenschaft beten, unsere Not und Bedürftigkeit vor ihn bringen, dann geschieht etwas mit uns. Wir werden zu Menschen, die die Gaben Gottes auch wirklich empfangen können. Nach einem solchen Gebet können wir das, was Gott uns geben will, ganz anders annehmen, nämlich als Gabe und mit Dankbarkeit. Dadurch ändert sich mein Blick auf die Welt und das ist ein Blick, den ich persönlich mir gern zu eigen mache. Ich sehe mein Leben und Dasein als ein Geschenk und ein so verstandenes Beten erinnert mich immer wieder daran.

Dennoch will ich meine Frage noch weiter treiben: Kann das alles sein? Gebet ausschließlich als Veränderung der Sichtweise des Menschen? Eine veränderte Perspektive hin zu mehr Dankbarkeit? Ohne dieser Antwort ihre Bedeutung abspreche zu wollen: Reicht mir das?

In meiner Vorlesung wurde fast nebenbei noch ein weiterer Ansatz erwähnt, der mich interessierte und den ich gerade durchzuarbeiten versuche: Vincent Brümmer: „Was tun wir, wenn wir beten?“. Er trifft ganz systematisch einige wichtige Unterscheidungen über die Voraussetzungen des erhörten Gebets (z.B. ein personales Gottesverständnis) und bringt in Kapitel 3 die hier umrissene Fragestellung auf den Punkt:

Ist es nicht irreführend zu fragen, ob das Bittgebet darauf abzielt, auf Gott oder den Beter einzuwirken – d.h. ob das Bittgebet eine wirkliche Bitte ist oder eine Art von therapeutischer Meditation? Sollten wir nicht besser sagen, dass alle Formen des Gebetes (die Bitte eingeschlossen) das Verhältnis zwischen Gott und dem Beter beeinflussen und darum eine wirkliche Auswirkung auf beide haben?

Genau das ist die Frage und wer aufmerksam liest, sieht, dass seine eigene Antwort schon in der Frage impliziert ist. Doch einige Unterkapitel später führt er sie näher aus. Sein Fokus liegt dabei auf dem personalen Verhältnis zwischen Gott und dem Beter:

Das Gebet betrifft das Verhältnis zwischen Gott und dem Bittenden. Der Bittende informiert Gott nicht über etwas, was dieser nicht weiß. Noch erinnert er sich selbst an etwas, was er zu vergessen neigt. Vielmehr erkennt er seine persönliche Abhängigkeit von Gott auf eine Weise an, die es Gott ermöglicht, ihm zu geben, was er ihm ohne diese Anerkenntnis nicht hätte geben können.

Was bedeutet das nun konkret?

Gott erfüllt die meisten unserer Bedürfnisse und Wünsche, ohne daß wir ihn darum bitten müssen. Wenn er jedoch alle unsere Bedürfnisse und Wünsche auf diese Art erfüllen würde, wären wir wie Topfpflanzen auf seinem Fensterbrett und nicht Personen, mit denen er ein personales Verhältnis hat. In diesem Sinn ist das Bittgebet, in dem wir Gottes Handlungsfreiheit anerkennen und unsere Abhängigkeit von ihm akzeptieren, eine notwendige Bedingung dafür, daß Gott uns das, was wir brauchen, im Rahmen eines personalen Verhältnisses geben kann. Ohne unsere Bitten kann Gott bewirken, was wir brauchen, aber er kann uns nichts im Sinne einer personalen Beziehung geben.

Wenn wir grundsätzlich Gebet als ein persönliches Gespräch, ein In-Kontakt-Treten mit Gott verstehen, dann erscheint es mir sinnvoll und plausibel, von dieser Warte aus auch Sinn und Unsinn des Bittgebets zu bestimmen. Auch an dieser Stelle geht es letzten Endes um die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Brümmers Ansatz einfach formuliert wäre wohl so zu verstehen: Es verändert sich weder ausschließlich Gott, noch ausschließlich der Mensch, sondern es verändert sich die Gottesbeziehung, in der der Mensch steht.

Wars das schon? Bestimmt nicht!

Persönlich bin ich auf jeden Fall froh, dass ich mir Brümmers Werk zugelegt habe. In diesem Artikel habe ich es nur oberflächlich erfasst, doch hoffe ich, dass es mich in eine gute Richtung führen wird. (Vielleicht schreib ich am Ende ja mal eine Rezension…) Was dieser systematisch-theologische Blick für die Praxis heißt, ist dabei -wie immer- noch mal eine ganz andere Kiste. Und ganz sicher gibt es auch noch weitere Blickwinkel und Gedanken, die der Aufmerksamkeit wert sind – liebe Leserinnen und Leser, Theologinnen und Nichttheologen, schont mich nicht mit Literaturhinweisen! Ich bin dankbar für Anregungen und neue Perspektiven! Ebenso freuen mich auch persönliche Erfahrungsberichte – denn das Gebet ist ja nicht nur Ernstfall der Dogmatik, sondern vielleicht auch ein Ernstfall des persönlichen Glaubenslebens!??

Ich bleibe auf der Suche.

Danke, Tobi

Da drückte er mir einen Kuss auf die Wange und sagte nur: Entscheidend ist doch, wer du in Gott bist. Wer du für Gott bist. Was er über dich denkt. Darauf kommt es an.

Ich war 18 und steckte in der bisher größten Krise meines Lebens.

In einem frommen Elternhaus aufgewachsen und nach meiner persönlichen Bekehrung gehörte ich sozusagen schon immer zu den auserwählten Christen und war im Lauf der letzten Jahre in meinem Glauben immer radikaler, missionarischer und aktiver geworden. Ich investierte viel Zeit in Bibelstudium und Gemeinde, ich wollte Gottes Willen in meinem Leben tun und erzählte jedem von Jesus, ob er es hören wollte oder auch nicht. Ich glaube nicht, dass ich dabei total unsensibel oder engstirnig war, ich hatte immer auch nichtchristliche Freunde und gehörte sicher nicht zu denen, die sich hinter christlichen Aktivitäten völlig verschanzten. Doch der Glaube an Gott war der bestimmende Faktor in meinem Leben und auch die Mitarbeit in meiner damaligen Gemeinde spielte für mich eine große Rolle.

Innerhalb eines Jahres brach alles zusammen.

Mein Freundeskreis reduzierte sich von einer Vielzahl an Bekanntschaften und Freunden auf ein Minimum. Tendenziell depressiv und völlig überfordert mit mir und der Welt drifteten mein bisheriges Glaubenssystem und die Wirklichkeit meines Lebens immer weiter auseinander. Ich hatte eine homosexuelle Beziehung, die ich als Sünde vor Gott ansah, und schaffte es dennoch nicht, mich von meiner damaligen Freundin zu trennen. Aus den Gemeindeaktivitäten zog ich mich daher immer mehr zurück, ich brauchte nicht den großen Knall, um zu wissen, dass es mit meiner Karriere als Mitarbeiterin dort vorbei sein würde, wenn mein Lebensstil bekannt wäre. Also kam ich der Gemeindeleitung zuvor.

Mein Ankerpunkt waren eine Handvoll Freunde und die Gottesdienste der Jesus Freaks. Obwohl meine Freundin auf ein „Outing“ und ein offenes Ausleben unserer Beziehung drängte, blieb ich auch hier zurückhaltend und in der Beobachterposition. Einigen wenigen erzählte ich dennoch von meinem Kummer und meiner Orientierungslosigkeit.

Ich wusste nicht, wie mein Leben mit Gott weitergehen sollte. Ich konnte mit den meisten christlichen Veranstaltungen nichts mehr anfangen. Ich fragte mich, wie lange ich die Spannung zwischen meinem eigenen Für-richtig-Halten und der mangelnden Umsetzung noch aushalten konnte. Und vor allem, wie lange Gott sie noch aushalten konnte.

Neben meinen wenigen treuen Freunden waren es einzelne, kleine Momente und Begegnungen, die mir in dieser Zeit Kraft schenkten und Mut machten. Es waren Worte und Gesten von Menschen, die sich gar nicht bewusst waren, wie viel sie mir damit gaben.

Einer dieser Menschen war Tobi. Er war relativ klein und schmal, rauchte enorm viel, war für meine Begriffe stets gut gekleidet und besaß den ängstlichsten zugelaufenen Straßenhund der Welt. Ich wusste, dass er selbst homosexuell war und schon etliche christliche Programme durchlaufen hatte, um seine Homosexualität loszuwerden. Daher zögerte ich nicht, ihm meine Situation zu schildern. Ich hoffte auf einen Rat von ihm, auf ein Wort, einen Lösungsansatz für meine Fragen.

Während ich an stundenlange Diskussionen über Homosexualität gewöhnt war – sowohl in meinem Freundeskreis als auch in jeglichem christlichen Kontext, fiel seine Antwort ziemlich karg und knapp aus und schien auch nicht so recht zu meiner Frage zu passen. Trotzdem spürte ich, dass es alles war, was er mir gerade geben konnte und dass es vermutlich ein Schatz war, den es zu heben galt.

Als ich ihn nun mit großen Augen ansah, vermutlich verheult und verzweifelt, auf jeden Fall ziemlich hilflos, da drückte er mir einen Kuss auf die Wange und sagte nur: Entscheidend ist doch, wer du in Gott bist. Wer du für Gott bist. Was er über dich denkt. Darauf kommt es an.

Danke, Tobi.

Karfreitag

Mein Gott ist wirklich gestorben.
Wieviel mehr kann ein Gott sein Menschsein zeigen?

An Weihnachten schrieb ich darüber, wie Gott Mensch wurde und heute ist der Tag, an dem wir seines Todes gedenken. In Jesus geht Gott den Weg der Sterblichkeit konsequent zu Ende. Gott weicht der Todeserfahrung nicht aus – dem Sterben, Ringen, Abschiednehmen.

Lasst uns diesen Gedanken zu Ende denken, bevor wir unseren Blick auf Ostern richten. Lasst uns die Todesstille aushalten.

Mein Gott ist wirklich gestorben.

Gott wird Mensch.

Das ist die Botschaft von Weihnachten. Gott wird Mensch.
In den letzten Jahren ist mir diese Botschaft immer wichtiger und immer lieber geworden. Nicht unbedingt das Weihnachtsfest an sich, das liegt mir mit all dem Glitzer, Glitter und Lametta nicht sonderlich, aber die Botschaft, um die es geht.
Gott, der Schöpfer des Universums, der Ewige, der Unendliche – er legt sich fest. Er tritt hinein in die Geschichte. Hinein in die Welt, an einen bestimmten Ort, zu ganz bestimmten realen Menschen. Er wird greifbar, fassbar. Er ist nicht mehr nur der verborgene Gott, der Ferne, der Unnahbare – sondern ein Gott, der sich zeigt und ganz nah an uns herankommt. Ein Gott, der ein Gesicht hat. Der eine Gestalt annimmt. Und das nicht in Form einer Lichtgestalt oder als Engel, sondern als eines seiner eigenen Geschöpfe: Gott wird Mensch.

Im Laufe des nun folgenden Menschenlebens wird sich diese Zuwendung Gottes zur Welt, seine Hingabe und Liebe für uns Menschen immer deutlicher zeigen. Gott wohnt in Jesus, er ist präsent auf der Erde. Jesus ist das klare, reine Ebenbild Gottes. Und dennnoch ist er kein Mensch 2.0, keine bessere Version des Menschseins. Wenn Gott in ihm zu einem Menschen aus Fleisch und Blut wird, dann nimmt er die menschliche Natur ganz und gar an.
Zum menschlichen Leben gehört der Tod. Aber kann Gott sterben? So erscheint mir der Moment, an dem das Leben Jesu zu Ende sein soll, wie ein Donnerschlag. Es ist der Tag, an dem Jesus verurteilt und gekreuzigt wird. Der Tag, an dem es heißt: Aus und vorbei.

Was passt in ein Menschenleben?
Liebe und Zuneigung. Freundschaften. Angst und Sorgen. Hunger. Not. Anfeindungen. Hass. Glück. Freude. Kämpfen und verlieren. Kämpfen und gewinnen. Kämpfen und müde werden. Neuen Mut gewinnen. Sich nach Gott, dem Vater, sehnen. Beten. Hoffen. Ausharren. Lieben.

Ein Menschenleben ist zu Ende. Doch Gott verabschiedet sich nicht von dieser Welt, als ob er nur zu Besuch da gewesen wäre. Er zeigt uns nicht sein Gesicht und verschwindet dann einfach wieder.
Der Tod ist nicht das Ende. Das Ende ist die Auferweckung.
Gott reißt Jesus aus dem Tod heraus ins Leben!

Weihnachten ist nicht deshalb großartig, weil Gott den Menschen in Jesus ein paar Jahre lang nahe sein wollte. Weihnachten ist großartig, weil es der Auftakt zu einer großartigen Geschichte Gottes mit dem Menschen ist:
Gott wird Mensch, um den Menschen zu erlösen.

Mit der Auferweckung begint etwas Neues. Glaube an Jesus bedeutet, zu verstehen, dass Jesus für uns in diese Welt kam. Er zeigt uns den Weg aus der Gottesferne in die Gottesnähe. Oder noch besser: Er ist der Weg. Im Glauben haben wir teil an seinem Leben, an seinem Tod – und auch an seiner Auferweckung. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden!

Ich wünsche allen Leser/innen ein frohes Weihnachtsfest!

Sonntagsgedanken*

Es ist schwierig, wieder und wieder nach ein und demselben Sachverhalt in meinem Leben beurteilt zu werden. Ich liebe einen Mann, der meine Glaubensüberzeugung nicht teilt und wohne mit ihm ohne Trauschein zusammen. Damit habe ich für viele meiner Glaubensgenossen gleich zwei Sünden mit einer Klappe geschlagen und das Gespräch auf Augenhöhe ist beendet.

Für meine nichtchristlichen Leser muss das ein denkbar schlechtes Bild vom Leben mit Gott vermitteln, was mir ausgesprochen leid tut. Ich hoffe, dass es mir gelingt, zwischen menschlichen Urteilen und einer persönlichen Beziehung zu Gott hier eine klare Linie ziehen zu können. Denn ich komme nicht umhin, diese für mich schwierigen Erfahrungen auch in meine Blogposts einzubeziehen.

Ich möchte hier nicht theologisch argumentieren, warum ich es ganz in Ordnung finde, so zu leben, wie ich es tue, und warum ich auch glaube, dass Gott sehr gut damit leben kann und weiterhin auch sehr gerne in mir lebt. (Vielleicht sollte ich das in einem Folgebeitrag mal tun…)

Heute geht es mir darum, dass mir dieser identity marker der „sexuellen Reinheit“ das Leben im Leib Christi ziemlich erschwert. Ich kann kaum zählen, wie viele Diskussionen und Predigten ich darüber gehört habe, dass man als Christ vor der Eheschließung sexuell enthaltsam leben soll. (Die Frage danach, ob man einen Nichtchristen als Partner wählen sollte, wurde – neben einem Zitieren des Verses „Zieht nicht an einem Joch mit den Ungläubigen“ – auch schnell abgearbeitet: Welcher Nichtgläubige würde sich schon auf diese Enthaltsamkeit einlassen?)

Da die Sexualität des Menschen ein Thema mit enormer Spannung, Eigendynamik und Kraft ist, ein Urthema des Menschseins und vermutlich auch einfach ein Feld, in dem man sich erst einmal zurecht finden muss und dafür seine Zeit braucht, wird in manchen Kreisen das sexuelle Verhalten eines Menschen zum Dreh- und Angelpunkt seiner gelebten Frömmigkeit. Und hier sind wir auch schon am Knackpunkt:

Ich führe Gespräche mit Christen, die mich nicht kennen, und weiß genau, dass ich meine Beziehung und Wohnsituation dabei besser ausblende. Ich merke förmlich das Zucken und Umschalten im Gehirn des Gegenübers, wenn klar wird: „wohnt mit Freund zusammen“. Nein, zur Gruppe der wahrhaft Gläubigen kann ich nun nicht mehr gehören. Eine Zeit lang habe ich mich selbst deswegen als „Christ zweiter Klasse“ wahrgenommen, bis mir Gott ganz deutlich zeigte: Das bist du nicht.

Jessica Valenti (eine Feministin, die man in christlich-konservativen Kreisen sowieso nicht lesen sollte… ok, ich spotte) zeigt in ihrem Buch „The Purity Myth“ sehr schön auf, wie schwierig es ist, überhaupt eine Definition für die angestrebte Reinheit und Jungfräulichkeit zu finden. Daran anschließend muss ich fragen: Wo ziehen wir die Grenze zwischen „rein“ und „unrein“? Sind wir uns bewusst, dass das Ideal, nach dem wir uns ausrichten, ein rein gedachtes ist, dem weder wir noch ein anderer jemals entsprechen kann? Und wenn wir dennoch daran festhalten – wollen wir tatsächlich den Grad der äußerlich sichtbaren Erfüllung zum Hop-oder-Top-Maßstab über den gelebten Glauben unseres Gegenübers erheben?

Aber es ist ja so viel einfacher, feste Kriterien zu haben. Ich weiß, wie liebend gern wir in schwarz und weiß denken. Drinnen oder draußen. Gerettet oder verdammt. Mir fällt es nur so enorm schwer, diesen Umschwung in den Gesprächen gebacken zu kriegen. Wenn ich zunächst noch als „Schwester im Herrn“ wahrgenommen werde und für die Arbeit, die ich tue, so viel Wertschätzung spüre, so viel Verbundenheit und Gemeinschaft – und meine holprigen Worte, auf Nachfrage geäußert, einen Keil hinein treiben und ich die Enttäuschung des Gegenübers, die Distanzierung förmlich riechen kann. (Nein, ich bilde mir das nicht ein!)

Wie sehr wünsche ich mir an dieser Stelle einen anderen Umgang miteinander! Einen Umgang, bei dem die Warmherzigkeit und Freundlichkeit eines Menschen beim Erwähnen seiner Lebenumstände nicht abgewertet werden. Bei dem seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit nicht von einem Moment auf den nächsten an Bedeutung verlieren. Bei dem man nicht fragt: „Warum seid ihr noch nicht verheiratet?“, sondern lieber: „Wie geht es euch in eurer Beziehung? Was schätzt ihr aneinander? Wovon träumt ihr? Wie gestaltet ihr euer Leben zu zweit?“

Ich will dich, mein Gegenüber, für genau das schätzen und akzeptieren, was du bist. Ich höre dir offen und aufmerksam zu, was du mir erzählst und aus deinem Leben mit mir teilen willst. Wer bin ich, darüber zu urteilen? – „Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Der Herr aber sieht das Herz an.“ – Und auch ich selbst möchte nicht in einer Schublade landen, aus der ich frühestens mit der Hochzeit wieder herauskomme.

*Musik dazu, jetzt mit richtigem Link: Brown Feather Sparrow: We have to Run
(Ihr Lieben, weist mich doch bitte darauf hin, wenn meine Links nicht funktionieren!)

Pfingsten

IMGP1302
…and after your mercy comes your grace for me…

Eine sehr lehrreiche Gemeindefreizeit liegt hinter mir trotz oder wegen so wenig Programmteilnahme wie noch nie, mehr Schlaf am Tag als in der Nacht und einmal gründlich den Kopf gewaschen kriegen („Haare fönen musst du selber“).

Ich hoffe, ihr hattet auch ein schönes Pfingstwochenende, ob zwischen Kuhweide Nr. 1 und Kuhweide Nr. 2 wie ich, oder zuhause auf Balkonien… Zumindest das Samstagswetter lud ja förmlich zum Sonnenbrand kriegen ein ;-)