10 spontane Erkenntnisse aus 30 Jahren

Dieser Beitrag wurde motiviert durch Anne von anny-thing.de

1. Lass die Finger von Haschkeksen!
2. Sei gnädig mit deinem jüngeren Ich. (Es ist in Ordnung, Gelegenheiten zu verpassen.)
3. Meide den Vergleich. (Und meide Menschen, die dir den Vergleich aufzwingen.)
4. Das Leben ist zu kurz, um nicht nach Neigung zu studieren. (Das Leben ist nicht zu kurz, um nochmal neu anzufangen.)
5. Gebet ist wie Atmen. (Einfach. Natürlich. Lebensnotwendig.)
6. Sex wird überbewertet und Intimität unterschätzt.
7. Gib Lebensmitteln und Gerichten, die du nicht magst, eine zweite Chance. (Und in fünf Jahren eine dritte.)
8. Wenn du dir unsicher bist, benenne das Offensichtliche. (Nur weil es für dich offensichtlich ist, muss es das nicht auch für andere sein.)
9. Jeder Mensch freut sich über Postkarten und kleine handgeschriebene Briefe. (Schreib mal wieder. Trau dich. Auch wenn nichts zurückkommt.)
10. Wenn du auf eine Hochzeit gehst, bei der es erst abends deftiges Essen gibt, dann frühstücke ausreichend. (Oder pack dir ein Vesper ein.)

Spätsommer II

[Spätsommer I]

„Puh, wie gut, dass die Meute nun unterwegs ist!“, seufze ich und lasse mich in einen der gemütlichen Korbsessel auf der Terrasse fallen. Abgesehen von ein paar Großeltern und Großtanten ist der Saal nahezu leergefegt, einige Helferinnen räumen noch die Kuchenreste in die Küche und das Brautpaar genießt mit seinen Gästen einen Spaziergang durch den weitläufigen Park. Ich beschließe, den Moment für eine kurze Verschnaufpause zu nutzen, gleich geht es weiter, die Luftballons müssen noch aufgeblasen werden, doch dafür brauche ich die Hilfe der Küchenmädels und so schließe ich noch für ein paar Sekunden meine Augen und strecke mein Gesicht der Sonne entgegen. Die Wärme hüllt mich ein, es ist ein perfekter Spätsommertag, mit dem großen Zeh schiebe ich mir die Schuhe von den Füßen und lege meine Beine auf den nächstbesten Sessel.

Innerhalb von Minuten erfasst mich eine wohlige Trägheit und Entspannung. Ich greife nach dem Wasserglas und trinke einen großen Schluck. Als ich es zurück auf den Tisch stelle, höre ich jemanden aus dem Saal treten. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass du es bist. Mein Herz schlägt alarmierend laut in meiner Brust. Ich lege den Kopf ein wenig schief und schmunzle über mich selbst. Die Alarmfrequenz funktioniert also noch. „Na, auch noch da?“, höre ich dich fragen und kurz darauf sitzt du auch schon im Korbsessel neben mir. Eine Kinnbewegung und ein Lächeln müssen als Antwort reichen. Du lächelst zurück und beim Anblick deiner Grübchen muss ich breit grinsen: „Wolltest du nicht mit spazieren gehen?“ Die Frage verlangt keine Antwort. Schweigend sitzen wir nebeneinander und schauen in den sommergrünen Park. Endlich einmal Ruhe und Zeit zu zweit, denke ich, der Augenblick hätte nicht besser gewählt sein können, um die Funken an Emotion und Erinnerung in Balance zu bringen.

Als die anderen Mädels schließlich schwatzend auf die Terrasse treten und mir das Signal geben, dass wir mit den Luftballons anfangen können, haben wir kaum drei Worte miteinander gewechselt. Dennoch kommt es mir wie das Aufwachen aus einem tiefen Gespräch vor. Beinah etwas benommen schlüpfe ich in meine Schuhe und spüre deinen Arm an meinem, als du fast zeitgleich mit mir aufstehst. Ein Blick in deine Augen genügt, um zu sehen, dass die Berührung für dich ebenso elektrisierend ist. Hellwach schauen wir uns an, ich atme tief ein und keiner von uns will seinen Blick zuerst abwenden. Die Mädels rufen noch einmal nach mir. „Geh schon“, sagst du und nickst mir zu. Doch als ich mich umdrehen will, hält deine Hand mich fest. Für einen kurzen Moment schiebe ich meine Wange an deine und flüstere dir ein „Bis später“ ins Ohr. Leichtfüßig hüpfe ich die Treppen zum Saal hinauf.

Lob des Junggesellinnenabschieds

Da 140 Zeichen manchmal einfach nicht ausreichen, gibt es hier nun meine ausführliche Antwort zum Thema Junggesell(inn)enabschied. Los ging’s auf Twitter mit dem Statement von @FrauAuge

und anschließend schlugen einige ähnliche Töne an bis hin zu folgendem Kommentar der @stadtpoetin:

Nachdem ich diesem Tenor heftig widersprochen hatte, möchte ich nun ein wenig von meinem eigenen Junggesellinnenabschied erzählen und warum ich es genau so auch wieder machen würde:

Mein Junggesellinenabschied hatte zunächst einmal eine Vorläufer-Veranstaltung: Das Team-Braut-Treffen. Als mein Mann und ich uns entschlossen, zu heiraten, suchte ich mir wie die meisten Verlobten unter meinen Freundinnen eine Trauzeugin aus. Schnell war jedoch klar, dass mich bei den Hochzeitsvorbereitungen mehr als nur diese eine Freundin unterstützen würde, und um diesen Einsatz zu würdigen und ihm einen Rahmen zu geben, gründete ich das „Team Braut“ und lud all meine Mädels zu einem knallrosa Treffen ein. Hintergrund für den vielen rosa Kitsch war, dass mein Mann und ich auf gar keinen Fall eine rosa-Kitsch-Hochzeit haben wollten (ich bin auch echt nicht der Typ dafür) und ich aber – ähnlich wie neulich beim Valentinstag – große Lust hatte, dem rosa Trend aus all den Hochzeitsmagazinen an einem einzelnen Tag doch mal eine Spielwiese zu geben. Am Team-Braut-Treffen lernten sich also einige meiner Freundinnen kennen, bei denen das bisher noch nicht der Fall war, es war trotz rosa Kitsch eine starke, „empowernde“, weibliche Gemeinschaft und wir planten einigen organisatorischen Kram und sprachen über Singlesein, Beziehungen und übers Heiraten.

Einige Monate später organisierten eben diese Freundinnen meinen Junggesellinenabschied. Samstagmorgens ging es los, meine Trauzeugin hatte den Kleinbus ihrer Eltern ausgeliehen und sammelte nach und nach alle auf der Strecke ein. Zunächst gab es im WG-Haus meiner liebsten Freundin Milla eine kleine Stärkung und ein fröhliches Umziehen und Stylen. Die Mädels hatten T-Shirts bedruckt, die wie Band-T-Shirts aussahen und den Titel der Zeitschrift trugen, die wir mit 18, 19 Jahren selbst gestaltet und herausgegeben hatten. Vorne war mein Gesicht zu sehen, nicht als Foto, sondern so wie es in einer Ausgabe auf dem Cover zu sehen war. Hinten waren als Tourdaten die Kennenlerndaten und Meilensteine in der Beziehung meines Mannes und mir aufgeführt. Hier also keine Spur von „letzter Abend in Freiheit“, sondern eine liebevolle und aufrichtige Anteilnahme an meinem bisherigen Lebensweg alleine und mit den Mädels (Zeitschrift) sowie mit meinem Mann (Tourdaten). Das T-Shirt hat für mich ausgedrückt, dass meine Freundinnen mich wirklich gut kennen, dass sie mich auf meinem bisherigen Weg begleitet haben und das auch weiterhin tun werden, ja, es war für mich eine Zusage zu mir als Person mit allen Entscheidungen, die ich treffe, und ein Ausdruck der Freundschaft, die nicht mit der Hochzeit aufhört, sondern auf die ich mich immer verlassen kann.

Weiter ging es zum bereits erwähnten Lasertag, das für mich eine gelungene Überraschung war. Frau Auge fragte mich ja, was ich denn am JGA unbedingt machen wollte, und auch wenn ich es im Voraus nicht wusste, dann war es doch genau so eine Aktion. Natürlich kann man auch einfach so mit Freunden Lasertag spielen gehen, doch wir hätten es wohl in dieser Konstellation nicht auf die Reihe bekommen. Noch dazu liebe ich Überraschungen und mit dieser haben mir meine Freundinnen eine echte Freude gemacht. Wir hatten alle zusammen viel Spaß! (Mit dem Alkohol haben wir erst danach angefangen ;))

Anschließend fuhren wir in die nächstgrößere Stadt, in der es diesen klassischen JGA gab, den ja anscheinend sehr viele Menschen ganz furchtbar finden: Wir tranken Sekt, ich hatte einen Bauchladen und die ein oder andere kleine Aufgabe zu lösen. Diesen Teil des JGA wollte ich tatsächlich gerne haben, ja, man macht sich ein wenig (oder auch ein wenig mehr) zum Affen, doch ich wollte es einfach ausprobieren und quasi mal raus aus meiner persönlichen Comfort Zone. Meine Freundinnen haben mich tatkräftig beim Verkaufen der ganzen Kleinigkeiten unterstützt und ich habe selbst sehr darauf geachtet, nur Menschen anzusprechen, die mir auch freundlich zugewandt waren. (In meiner Heidelberger Studentenzeit habe ich es nämlich gehasst, in der Fußgängerzone immer wieder zwangsweise in JGA hineinverwickelt zu werden!) Was ich dabei erlebt habe, war einfach großartig: Unglaublich freundliche und offene Menschen, die mich beglückwünschten, mir großzügig den größten Plunder abkauften, die mir von ihren eigenen Hochzeiten, geglückten und gescheiterten Ehen erzählten und mir für meine Ehe alles Gute wünschten. Für diese Begegnungen bin so dankbar, vielleicht kann man die Erfahrung ein wenig mit Aktionen wie „Free Hugs“ vergleichen: Fremde Menschen, die es gut mit dir meinen. Außerdem hatten wir natürlich einfach Spaß zusammen, haben mit einem Männer-JGA geflirtet und ich durfte einem Fremden einen Kussabdruck verpassen, es war lustig und vielleicht alles ein bisschen wilder und verrückter als sonst.

Als uns vom vielen Laufen irgendwann die Füße weh taten und es auch schon langsam dämmerte, gingen wir in ein Lokal zum Essen, hauten dabei das durch den Bauchladen eingenommene Geld für Getränke auf den Kopf, und entspannten uns ein wenig. Danach zogen wir nämlich los zum Tanzen in einen Club, der an sich gar keine Junggesellenabschiede reinließ, uns aber aufgrund unserer Band-T-Shirts nicht als JGA erkannte. Die Gäste im Club allerdings verstanden schnell, dass wir ein JGA waren, und immer wieder kamen fremde Menschen auf mich zu, gratulierten mir und wünschten mir eine schöne Hochzeit und eine gute Ehe. Das war einmal mehr herzerwärmend!

Nach einer Übernachtung im WG-Haus und einem gemütlichen Frühstück machten wir uns am nächsten Morgen wieder alle auf den Weg nach Hause.

Und nun?

Ich sehe nicht, an welcher Stelle mein JGA eine Panikreaktion war, die Ehe als Gefängnis darstellte oder ein „letzter Abend in Freiheit“ zelebriert wurde. Es war auch in der Tat nicht der letzte Abend, an dem ich Spaß mit meinen Mädels hatte – im Gegenteil: Er hat unsere Freundschaft gestärkt, einige Freundinnen haben sich zum ersten Mal kennengelernt, und mir wurde im Lauf der beiden Treffen quasi genau das Gegenteil von dem bewusst, was JunggesellenABSCHIED vorgeblich sein soll: Dass ich mich als nicht durch die Ehe als ehemals eigenständige Person in eine Zweierbeziehung auflöse, sondern dass ich ein eigener Mensch mit eigenen Vorlieben, Interessen und auch eigenen Freundinnen bleibe. Dass ich mich auf diese Frauenfreundschaften verlassen kann, dass sie mich lieben und bei den großen Entscheidungen meines Lebens zu mir stehen und mich unterstützen. Dass sie den Weg mit mir gehen werden und die Hochzeit nicht das Ende unserer Freundschaften ist (was für ein schräger Gedanke!).

Insofern denke ich sehr gerne an meinen Junggesellinnenabschied zurück und denke mittlerweile auch, dass gerade die manchmal vielleicht auch von Unsicherheiten und Zweifeln geplagte Phase der Hochzeitsvorbereitung diese bestärkende, freundschaftliche Erfahrung gebrauchen kann!

Spätsommer I

Drei Jahre sind seit dem Fest vergangen, vier sind es seit dem Moment, der mir zum Verhängnis wurde. Warum müssen wir uns immer in Gegenwart so vieler anderer Menschen wiedersehen? Erneut ist es ein Fest, an dem wir uns begegnen, noch dazu kein Beliebiges, sondern eines, bei dem ich alle Hände voll zu tun habe. Immerhin bin ich Trauzeugin, beste Freundin der Braut und habe monatelang mit ihr auf diesen Tag hingefiebert, geplant, und vorbereitet.

So kann ich mich kaum noch an den Moment erinnern, als ich deinen Namen auf der Gästeliste sah. Hinter dem Basteln der Einladungen, der vierten Anprobe des Kleides und dem Falten der Tischdeko ging mir der Gedanke an dich unerwartet verloren. Selbst gestern Abend war es die Aufgabe eines anderen, die Tischkärtchen aufzustellen, sodass ich beim Verteilen der Kerzen und kleinen Marmeladengläser gar nicht mehr auf die Namen geachtet habe. Ich weiß, wo ich sitze, und ich weiß auch, was ich heute zu tun habe.

Dieses Mal erwischt mich kein Magnetblick. Ich sehe dich erst, als wir von der Kirche schon zur Location gefahren sind, habe nicht einmal wahrgenommen, wann oder mit wem du gekommen bist. Im Flur stoßen wir fast zusammen, was vermutlich auch nötig ist, damit ich dich wiedererkenne. Gesund siehst du aus, hast dir die alte, athletische Statur zurückerobert, die Piercings wieder abgelegt und dich für den Festtag herausgeputzt. Doch nicht die Äußerlichkeiten sind es, an denen ich hängen bleibe, nicht das Hemd oder die schicken Schuhe. Dein ganzes Auftreten hat sich verändert und die Souveränität, mit der du dich bewegst, nimmt mich auf der Stelle für dich ein.

So stolpere ich dir beinahe in die Arme, eine Schrecksekunde, und dann erwidere ich dein breites Grinsen: „Ah, du bist ja auch hier!“ Du nickst und musterst mich unbekümmert von Kopf bis Fuß. Ich habe keine Zeit für Nervositäten und lächle dich an. „Ich muss weiter. Wir sehen uns!“, sage ich und du rufst mir ein „Bis später!“ hinterher. Zielstrebig gehe ich zu meiner Freundin, die schon nach mir Ausschau gehalten hat, weiche gekonnt Tischen, Stühlen und der Verwandtschaft aus – und doch wird mir bereits beim fünften Schritt bewusst, dass mich etwas zurückhält. Dieser fröhliche und holprige Moment eben, wohin wird er uns dieses Mal führen? Im Grunde stehe ich immer noch im Flur und auch wenn ich es nicht wage, mich noch einmal umzudrehen, könnte ich schwören, dass du mir gerade hinterhersiehst.

[Spätsommer II]

Warum der Valentinstag scheiße ist und ich trotzdem Blumen gekauft habe

Erst heute früh stolperte ich via Twitter über ein ziemlich cooles Erklärvideo zur romantischen Liebe. Das Konzept der romantischen Liebe ist, wenn man mal näher hinsieht und auch nur einen kleinen Funken Verstand besitzt, ziemlich irre: Da gibt es einen anderen Menschen, pardon: einen Seelenverwandten, der einen intuitiv und vollständig versteht, die eigenen Interessen und Wünsche teilt oder zumindest von ganzem Herzen unterstützt und mit dem man quasi auf rosa Wolken durchs Leben schwebt. Nun gut, natürlich ist das überzeichnet und in dieser Extremform scheinen auch die wenigsten an diese Idee zu glauben, aber doch durchzieht sie jeglichen Hollywood-Kitsch und drängt sich so immer wieder in unser Bewusstsein.

Mein persönliches Problem mit der Idee von der romantischen Liebe ist auch weniger die intensive Liebe und Zuneigung, die Menschen in Paarbeziehungen zu finden suchen, sondern vielmehr die Exklusivität, mit der dieser Wunsch einhergeht. Jeder Mensch hat zahlreiche Bedürfnisse, die niemals von einer einzigen Person erfüllt werden können, und es ist schlichtweg unverschämt, für deren Erfüllung eine andere Person außer sich selbst verantwortlich zu machen. Hier liegt aus meiner Sicht in vielen Paarbeziehungen der Hund begraben. Hinzu kommt, dass dieser Fokus auf die alles fordernde und alles erfüllende Zweierbeziehung häufig noch mit einem Absolutheitsanspruch vertreten wird, der bei mir schnell einen Würgreiz auslöst. Selbst in Situationen, in denen die eigene Beziehung – möglicherweise noch aufgrund mangelnder Selbstverantwortung! – scheiße läuft, wird an der Idee der romantischen Liebe als alleinseligmachendem Lebenskonzept krampfhaft festgehalten und es wird davon ausgegangen, dass es genau das ist, was nicht nur einem selbst, sondern auch allen anderen zum dauerhaften Glück verhilft.

Okay, ihr merkt, ich schreibe mich in Rage, doch mein immer mehr beziehungsanarchistisch schlagendes Herz macht bei diesem Thema auch ordentlich Radau. Ich liebe die verschiedenen Facetten von Liebe und Intimität, ich liebe Freundschaften, Bekanntschaften und ein buntes Netz an sozialen Beziehungen, und ich möchte keine dieser Beziehungen abwerten, nur weil ich auch eine „romantische Paarbeziehung“ führe. Und ja, natürlich ist mein Partner mir wichtiger und steht mir auch emotional näher als eine x-beliebige Kommilitonin oder der Postbote. Es geht mir vielmehr darum, dass diese eine, einzelne Beziehung nicht mittels bestimmter Konventionen mein ganzes weiteres Beziehungsleben bestimmt. Mein Partner wird niemals alle meine Interessen teilen, alle meine geheimen Wünsche erahnen und mir für alle Themen ein interessanter, aufmerksamer Gesprächspartner sein. Genauso wenig werde ich diese Rolle für ihn einnehmen können. Daher ist es mir wichtig, andere Menschen in meinem Leben zu haben, mit denen ich den eigenen Interessen nachgehen kann, die mich unterstützen und ermutigen und denen ich selbst eine Freundin sein kann.

Ich habe das Gefühl, der Anspruch an romantische Liebesbeziehungen ist viel zu hoch, als dass auch nur irgendwer ihn erfüllen könnte. Die gemeinsame Entscheidung, miteinander und in Liebe alt zu werden, scheint mir völlig ausreichend in ihrem Anspruch und ihren Konsequenzen. Wie genau dieses Ziel umgesetzt wird, sollte nicht durch Ideen, Konzepte und Konventionen von außen bestimmt werden, sondern jedes Paar darf und soll seinen eigenen gemeinsamen Weg finden.

Der Valentinstag nun verkörpert durch all seine verkitschte und kommerzialisierte Romantik nun so ziemlich all das, was ich in meinem Leben wie die Pest zu meiden suche. Ich will Tragik statt Kitsch, Minimalismus statt Kommerz und echte, aufrichtige Beziehungen statt einer romantischen Seifenblase. Und weil es meinem Partner glücklicherweise genauso geht, gab es niemals einen Anlass, zum Valentinstag Bärchen, Herzchen oder Blümchen zu kaufen, zu verschenken oder geschenkt zu bekommen. Dennoch erwischte mich dieses Jahr der Konsumwunsch aus der Kalten. Ende Januar sah ich all die Bärchen und Herzchen und Blümchen auf den Werbetafeln und dachte mir: „Hach…“

Natürlich hätte diesen mir durch die Werbeindustrie eingeredeten Wunsch wegdrängen können und mich einmal mehr für Minimalismus und gegen Konsum entscheiden können. Stattdessen identifizierte ich mich selbst als Konsumopfer und machte das Beste draus: Da mir völlig klar war, dass das mit echter Liebe nix zu tun hatte, und da ich meinem Partner diesen Blödsinn ganz sicher nicht aufdrücken würde, bestellte ich auf einem entsprechenden Internetportal einen Blumenstrauß samt Karte und Macarons. Und weil ich den Valentinstag immer mit einem bestimmten Freund verbringe und darum nicht daheim bin, ließ ich ihn mir einen Tag später nach Hause liefern.

So habe ich nun einen wunderschönen Rosenstrauß mit allem Kitsch der Welt von genau dem Menschen bekommen, der mit Hingabe und Freude die Verantwortung für die Erfüllung meiner Bedürfnisse übernimmt und dem ich wichtig genug bin, auch mal auf einen absolut bescheuerten Konsumwunsch einzugehen – mir selbst.

Paris im Winter – Tag 3

So begann unser dritter und letzter Tag in Paris. Ich war mit richtiger guter Laune und einem unbändigen Glücksgefühl in der Brust aufgewacht und freute mich nun auf unseren Abschlusstag, an dem wir das Schloss Versailles anschauen wollten. Um lange Warteschlangen zu vermeiden, buchte ich über „Get your guide“ für meine Freundin und mich einen bevorzugten Einlass und wir machten uns mit Métro und RER auf den Weg.

Unterwegs in Paris

(Mit diesem Bild bin ich übrigens super zufrieden, nicht zuletzt aufgrund des Vogelflugs!)

Leider machte ich den Fehler, die Zugverbindung nicht doppelt und dreifach zu checken und so saßen wir erstmal im falschen Zug. Da es in Versailles mehrere Bahnhöfe gibt, merkten wir es zunächst nicht und hatten schließlich umso mehr Zeit verloren, sodass klar war, dass wir unseren ursprünglich gebuchten Einlass nicht würden wahrnehmen können. Mit einem kurzen Anruf war es jedoch kein Problem, diesen nach hinten zu verschieben. In jedem Fall hatten wir nun erst das Glück, unser Zugticket voll auszunutzen, und anschließend mit zweistündiger Verspätung unsere Erkundungstour in Versaille zu beginnen.

Natürlich ist das Schloss Versailles eine Wucht! Die Palastanlage ist riesig und es wurde an nichts, aber auch gar nichts gespart. Prunk und Protz ohne Ende. Deckengemälde, Statuen, Bilder, Fresken, Schmuck, kunstvolle Verzierungen – man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll!

Ich war beeindruckt und auch irgendwie erschlagen. Als wir schließlich nach über zwei Stunden wieder ins Freie traten, musste ich erstmal tief durchatmen – und konnte dabei diesen großartigen Ausblick im Garten genießen:

Ursprünglich hatten wir noch vor, am anderen Ende des prächtigen Gartens den Domaine de Marie-Antoinette anzusehen, jedoch ließ es der Zeitplan leider nicht zu. Daher machten wir uns mit ein paar Macarons im Gepäck auf dem Weg zurück in die Stadt.

Wir spazierten am Eiffelturm vorbei über das Marsfeld und ich warf am Monument des Droits de l’Homme (man beachte erneut den Vogelflug!) einen kleinen Blick auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte.

Nach einer Stärkung in einem süßen, kleinen Café und einer weiteren Runde Bummeln machten wir uns mit der Métro wieder auf den Heimweg. Wir holten unser Gepäck bei der Unterkunft ab, kauften uns unser Reiseproviant und los ging es zum Bahnhof. Zu diesem Zeitpunkt war uns noch nicht klar, dass die Heimreise eine regelrechte Odyssee werden sollte, da unser ICE schon in Paris eine halbe Stunde Verspätung hatte und wir dadurch den Anschlusszug verpassten. So behielten wir quasi die 2-Stunden-Verspätung vom Morgen bei, trösteten uns mit den Macarons (und dem Fahrgastrechte-Formular!) und waren froh, als wir spät in der Nacht in unsere heimischen Betten fielen.

Au revoir, Paris!

Paris Est

Ein Morgen

Kühl und blau fällt das Licht
Schneefarbener Schimmer
Ein Schnurren auf meiner Brust
Ich vergrabe meine Hände in Fell
Meine Gedanken wandern die Bücherwand entlang
Ein Gedicht, ein Klang, ein Morgen

Paris im Winter – Tag 1

Mit diesem Tweet fing alles an, genauergesagt mit einer Nachricht der liebsten Freundin auf meinem Handy: „Ich will nach Pariiiis! Kommst du mit?“ Da Spontaneität neuerdings mein zweiter Vorname ist (Ähm. Nicht.), hab ich zugesagt und im Nu waren Zugfahrt und Unterkunft gebucht:

Früh um 7 ging es in Stuttgart los und drei Stunden später waren wir schon in Paris!
Da dort am Bahnhof bald jeder zweite Fahrkartenautomat defekt war, hieß es erstmal Anstehen für uns. Doch schließlich hatten wir unseren 10er-Pack Tickets und konnten uns mit der Métro auf den Weg zur Unterkunft machen. Wir schnupperten Pariser Stadtluft, tranken erstmal einen Kaffee und machten Pläne für den Tag. Nach dem Sitzen im Zug war uns nach einem Spaziergang zumute und ohne unser Gepäck ließ es sich umso besser durch die Pariser Straßen bummeln: Einmal um Notre Dame herum und an der Seine entlang erkundeten wir die Stadt. Das Louvre schien uns so groß wie ein ganzer Stadtteil und natürlich genoß ich besonders den Ausblick auf das Riesenrad im Jardin des Tuileries.

Auf den Stufen der Eglise de la Madeleine aßen wir leckere Macarons aus dem Ladurée und ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Wer hätte auch ahnen können, dass wir Ende Dezember so ein traumhaftes Wetter haben würden! (Nun ja, wir freuen uns dran, aber ich will gar nicht dran denken, was das global gesehen bedeutet…)

Nach einer kurzen Pause in unserer Unterkunft folgten wir unseren knurrenden Mägen und aßen in der Crêperie des Arts leckere Crêpes mit Ziegenkäse, Walnüssen und Honig. Danach bummelten wir weiter durch die Straßen, wobei die liebste Freundin einen Second Hand Laden entdeckte und sich ganz dem Shoppingwahnsinn hingab.

Auch in der Dunkelheit ließ sich noch einiges entdecken und so stolperten wir an kleinen Platten- und Buchläden, riesigen Universitätsgebäuden und lockenden Essensständen vorbei und genossen den rauschhaften Taumel durch die Nacht.

[Tag 2] [Tag 3]

Sommerabend, schmerzfrei

„Also dann, mach’s gut, bis bald!“
– „Danke, wir sehen uns, tschüß!“

Unsere Verabschiedung ist freundlich und unaufgeregt. Schon in wenigen Tagen werden wir uns wiedersehen. Ich ziehe die Tür hinter mir zu und sie fällt sanft ins Schloss. Tief atme ich die kühle Nachtluft ein. „Hier bin ich“, flüstere ich in Gedanken. „Schmerz, mein alter Freund, wo bleibst du?“

Er ist wirklich zum Freund geworden in den letzten Jahren. Zumindest ebenso zuverlässig und vertraut, wie ich Freunde gern habe. Meist erscheint er schon beim Aufstehen vom Tisch, beim „Tschüß“-Sagen, beim Zuziehen der Tür. Spätestens aber begrüßt er mich im Auto auf der Heimfahrt. Hier haben wir uns kennengelernt, der Schmerz und ich. Ein Stechen in der Brust und ein bleischweres Herz. Er wurde mir vertraut, noch ehe ich wusste, woher er kam. Jahrelang fuhr er mit mir mit, ohne sich zu erklären, und eher durch Zufall fand ich eines Tages heraus, was es mit ihm auf sich hatte. „Hallo, Schmerz“, flüstere ich in die Nacht. „Wo bleibst du denn? Mein Herz ist noch so leicht und warm.“

Den Schlüssel in der Hand gehe ich zum Auto. Die Grillen zirpen, der Kies knirscht unter meinen Füßen. Die Behaglichkeit bleibt. Ich packe meine Tasche auf den Beifahrersitz und schalte das Radio an. Ein 80er-Jahre-Lied, sehnsuchtsvoll, doch selbst das verfehlt seine Wirkung. Mein Schmerz lässt mich alleine, das Herz bleibt leicht und zum ersten Mal fahre ich frei wie ein Vogel in die Nacht hinein.

#LOVEmber – Eines Tages, wenn ich groß bin …

Glücklicherweise habe ich der Vorgärtnerin schon von Anfang an gesagt, dass ich nur sporadisch beim LOVEmber mitmachen werde. Dabei gefällt mir der Untertitel „Ode an den vernachlässigten Monat“ ausgesprochen gut, was vermutlich weniger daran liegt, dass der November bei mir ein vernachlässigter Monat ist, als vielmehr daran, dass ich Oden liebe. Ja, eines Tages, wenn ich groß bin, schreibe ich vielleicht noch eine weitere Abschlussarbeit, Diplomarbeit oder Doktorarbeit und dann über poetologische Oden, denn ich habe, wie auch die geneigte Leserin schon feststellen durfte, sowohl einen Hang zur Poetologie – nach Juli Zeh also zu dem Metier, dem sich Schriftsteller zuwenden, um sich vorm Schreiben zu drücken – als auch zur Ode, die sich schon im dritten Semester leise in mein Herz geschlichen hat. Ein Herzensthema also und vielleicht finde ich eines Tages, wenn ich groß bin, auch ein größeres Zeitfenster, mich diesem Thema zu widmen. (Oder ich fange heimlich, still und leise einfach jetzt schon damit an.)

Lyrik an sich ist für mich die schönste Kleinigkeit der Welt, es ist Wortmusik, und ich wünsche mir, dass auch eines Tages, wenn ich groß bin, immer noch ein Gedichtband auf meinem Nachttisch liegt oder sich zerfleddert in meiner Handtasche befindet. „FÜR MEHR GEDICHTE IM ALLTAG“, so könnte eine Initiative heißen, die ich eines Tages, wenn ich groß bin, einmal gründen würde; Gedichte nicht nur in der U-Bahn, sondern auch sonst im öffentlichen Raum, auf der Rückseite der Wartenummerzettel beim Finanzamt zum Beispiel oder auf den Papiertüten der Bäckerei am Eck. Ich könnte jetzt schon anfangen, Gedichte zu verbreiten, nicht nur virtuell, sondern analog, Lyrik zum Anfassen, die ich auf Papier drucke und dann mitnehme,…

…vielleicht sogar auf die Weltreise, die ich eines Tages, wenn ich groß bin, machen möchte und die sich in meinem Kopf bereits auf ein paar einzelne Ziele sowie eine Reise mit der Transsib verkürzt hat. Ich möchte durch die Mongolei reisen und durch Sibirien, und eines Tages, wenn ich groß bin, werde ich Russisch lernen – mit ein paar Worten habe ich schon angefangen -, dann bin ich besser gewappnet für die Transsib. Ich werde Zeit brauchen für meine Reise, Wochen oder Monate, und ich hoffe so sehr, dass ich sie mir eines Tages, wenn ich groß bin, auch nehmen werde, dass ich meine Herzenswünsche nicht ein ums andere Mal zurückstelle, sondern mein inneres Navigationsgerät mich langfristige Vorbereitungen treffen lässt und ich schließlich mit Kopf und Herz und Bauch den Kairos ergreifen kann.