Mittagsmüdigkeit

Die Mittagszeit ist mir gerade die liebste Zeit des Tages. Der Gedanke, dass sich am anderen Ende der Welt ein Mensch gerade im Tiefschlaf befindet, den Kopf auf dem Kissen ruhend und die Decke bestimmt bis an die Nasenspitze hochgezogen, beruhigt mich ungemein. Wo andere über das Mittagstief jammern, genieße ich den kleinen Moment der Müdigkeit in diesem Schlaf-Wach-Rhythmus, der sich Leben nennt.

„Ach du Schande, gibt es heute Abendmahl!“

Beobachtungen im Festgottesdienst zum Reformationstag in der evangelischen Kirche Walddorf (Walddorfhäslach)

Meine schwäbische Freundin singt im Chor und lud mich zum Gottesdienst in ihre evangelische Kirchengemeinde ein. Da ich die Gottesdienstberichte des Liturgiefuchs‘ im Sommer sehr gern gelesen habe, möchte ich im folgenden Text einmal beschreiben, wie ich den Gottesdienst in Walddorfhäslach erlebt habe.

Vorerkundungen

Der Gottesdienstbeginn war für 10.15 Uhr angesagt – soweit die Information meiner Freundin, aber auch die Website der Gemeinde, die ich mir im Vorfeld des Gottesdienstbesuches kurz anschaute. Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass viele dörflichen Kirchengemeinden keine Adresse ihres Kirchengebäudes auf die Website setzen, weil man davon ausgeht, dass die ansässige Gemeinde ja eh weiß, wo im Dorf die Kirche steht. Für Besucher*innen von außerhalb kann es gerade in Gemeindeverbünden von mehreren kleinen Ortschaften manchmal knifflig sein, die richtige Kirche zu finden. Die evangelische Kirche Waldorfhäslach hat jedoch sowohl Fotos ihrer Kirchengebäude online gestellt als auch im Footer der Website eine Postadresse angegeben. Dies wissend machte ich einfach mal auf den Weg und gab in mein Navi erstmal nur „Ortszentrum“ ein.

Ankunft

Bei der Einfahrt nach Walddorf entdeckte ich sofort den Kirchtum. Nun galt es, diesen auch zu erreichen – meine Freundin hatte mich schon bezüglich einer Baustelle vorgewarnt, um die ich erstmal großzügig herumkurvte. Schließlich parkte ich mein Auto und beobachte dabei ein Paar, das zügig in die „Kirchgasse“ einbog und die ich für mögliche Gottesdienstbesucher hielt. Ich lief ihnen nach und war beim Blick auf die Kirche mit ihrem Kreuz auf dem Kirchturm kurz verunsichert, ob es sich wirklich um die evangelische Kirche vom Foto handelte oder ich nicht doch etwas verwechselt hatte, da das Kreuz ja traditionell auf katholischen Kirchen prangt. Auf der Höhe des Paares angekommen, entdeckte ich das evangelische Gesangbuch in der Hand der Frau, sagte freundlich „Guten Morgen“ und wechselte auch gleich ein paar Worte mit den beiden, wobei ich erwähnte, dass ich heute Morgen zu Besuch war.

Erste Eindrücke

Gegen 9.45 Uhr betrat ich die Kirche und war überrascht, wie wenig Gottesdienstbesucher*innen schon da waren. Von einigen Festgottesdiensten bin ich es gewohnt, dass man durchaus eine halbe Stunde früher dran sein muss, um sich noch einen guten Platz zu sichern. Beim Betreten der Kirche fiel mir ein Stapel mit gefalteten Blättern ins Auge, auf die das Altarbild einer Kirche gedruckt war. Dadurch hielt ich es nicht für das Liedblatt zum Gottesdienst, sondern eher für ein Informationsblatt für Führungen durch die Kirche. Ich griff also hinter der letzten Reihe zum Gesangbuch und suchte mir einen Platz weiter vorn.

Die evangelische Kirche in Walddorf hat die Kanzel in der Mitte der Kirche. Es gibt einen L-förmigen, oberen Rang, auf dem sich auch die Orgel befindet. Im unteren Bereich jedoch schaut sich die Gemeinde gegenseitig an und hat eine Freifläche vor Kanzel und Altar in der Mitte, auf der sich der Posaunenchor positioniert hatte. Die Architektur der Kirche empfand ich als angenehm und gemeinschaftsfördernd. Hier versammelt man sich richtig um den Altar und die Predigt.

Ich hatte also noch Zeit, in meiner Bank zu sitzen, die Lesezeichen des Gesangbuchs in die angeschlagenen Lieder zu legen und den letzten Proben der drei Chöre zuzuhören. Dabei fiel mir auf, wie gewohnt und sicher ich mich in dieser evangelischen Gottesdienstkultur bewege. Das freundliche Gespräch mit dem Paar auf dem Weg zur Kirche, der Griff zum Gesangbuch am Eingang, der kurze Moment der Stille in der Bank, das vorbereitende Heraussuchen der Lieder (natürlich mit farblich passendem Lesezeichen bei den Psalmen) – all das ist mir so vertraut und ich bewege mich so sicher darin, dass ich zwar vielleicht als Besucherin, aber nicht als Fremdkörper auffalle.

Viele christlich sozialisierte Menschen finden in einem bestimmten, einzelnen Frömmigkeitsstil ihre Heimat – so wie Hanna neulich in ihrer Kolumne schrieb, dass ihr die evangelische Kirche einfach am nächsten und vertrautesten ist. Meine christliche Heimat hingegen ist ein Flickenteppich an Traditionen und Formen: Von der pietistischen Gemeinschaftsstunde über den landeskirchlichen Gottesdienst bis hin zur katholischen Messe und zu pfingstlerisch-charismatischen Gottesdiensten ist einiges dabei. Jede Form hat einen Abschnitt oder Teil meiner Kindheit und Jugend so geprägt, dass ich mich darin wiederfinden kann. Ich kann nicht sagen, dass ich mich in der evangelischen Kirche so richtig „zuhause“ fühle – das kann ich aber auch über keinen anderen Frömmigkeitsstil sagen. Manche sind mir vertrauter als andere, manche sind liebgewonnene Fremde, manche machen es mir leicht. In den meisten Fällen geht es mir wie gestern in Walddorf: Ich schlüpfe einfach hinein.

Gottesdienstbesucher

Bald nahm neben mir in der Bank eine Frau Platz und auch sonst füllte sich der Gottesdienstraum langsam, aber stetig. Die meisten Gemeindemitglieder kamen so zwischen 10 Uhr und 10.15 Uhr. Ein Mann ging durch die Reihen und verteilte die Liedblätter – es waren tatsächlich die Blätter mit dem Altarbild, die ich am Eingang schon erspäht hatte. Er forderte mich und meine Nebensitzerin auf, gemeinsam in das Liedblatt zu schauen. Ich überließ es ihr und sie studierte das Bild. Anschließend zeigte sie es mir und wir schauten es uns gemeinsam an, rätselten dabei über manche Szene oder Figur und ich laß ihr den oben aufgedruckten Bibelvers vor, da sie keine Brille dabei hatte. Hinter mir in der Reihe fiel einer Frau auf, dass auf dem Altar das Abendmahl vorbereitet war. Sie kommentierte dies mit „Ach du Schande, gibt es heute auch noch Abendmahl!“, was mich ein wenig zum Schmunzeln brachte. Ja, drei Chöre und Abendmahl, das erschien auch mir durchaus ambitioniert, aber wann, wenn nicht am Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum ist der Rahmen dafür auch da?

Gottesdienst

Nun begann der Gottesdienst mit Musik und der Begrüßung des Pfarrers, der auch besonders die drei anwesenden Chöre erwähnte, die den Gottesdienst mitgestalten würden. Wir sangen anschließend auch das erste Lied, das im Gesangbuch das Kapitel „Rechtfertigung und Zuversicht“ eröffnete: „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ – ich fand, es war nicht ganz einfach zu singen und auch meine Nachbarin tat sich schwer.

Anschließend sprach der Pfarrer das erste Gebet – für mich seit Jahren ein Schlüsselmoment für jeden Gottesdienst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man am ersten Gebet des Pfarrers meist sehr gut die theologische Richtung und den Stil erkennen kann, den der Gottesdienst nehmen wird und habe für mich verschiedene Kategorien an Gebeten ausgemacht. Das Gebet war ein „Lehr- und Erklärgebet“, das sich meiner Wahrnehmung nach mehr an die Gemeinde richtete, Dinge erklärte und die gegenwärtige Situation beschrieb. Ich persönlich finde solche Gebete immer ein wenig ‚hinterrücks‘ – ich möchte mich doch in einem Gebet gemeinsam an Gott richten und nicht die Wirklichkeitsdeutung des Betenden meditieren. Nun ja, ich habe schon ausdrücklichere Lehrgebete erlebt und versuchte, mich darauf einzulassen. Darüberhinaus war meine Erwartung für die Predigt nun gesetzt: Ich rechnete mit einer Lehr- und Erklärpredigt (und sollte auch nicht enttäuscht werden).

Die Chöre

Die drei Chöre Posaunenchor, Kirchenchor und Kinderchor trugen sowohl einzeln als in Kombination Lieder vor, bei denen man aufgrund des Liedblatts auch teilweise mitsingen konnte. Das war total schön und man merkte richtig, wie es eine gegenseitige Bereicherung war, aufeinander zu hören und miteinander zu singen und zu musizieren. Die Kindergruppe – ich weiß nicht, ob es eine Jungschar war, jedoch wurde ein Zeltlager erwähnt – sang eine Variation von „Ein feste Burg ist unser Gott“ auf die Melodie von „Atemlos“.

Schriftlesung

Vor der Schriftlesung wartete der Pfarrer kurz ab, bis auch die Chormitglieder jeweils wieder ihre Plätze gefunden hatten – das fand ich sehr angenehm, da es zeigte, dass wir trotz vollem Gottesdienstprogramm ausreichend Zeit haben, um aufeinander zu warten. Es folgte nun ein Überraschungsmoment: Der Pfarrer las die Stelle aus dem dritten Kapitel des Römerbriefs komplett auf Latein. Aufgrund seiner Lesegeschwindigkeit kam ich inhaltlich somit nicht vollständig mit – allerdings war dieses Experiment ja auch nicht für Lateinkundige gedacht, sondern sollte die Bedeutung der Bibelübersetzung verdeutlichen. Die Gemeinde saß verblüfft in den Reihen und der Aha-Effekt war groß. Dies war aus meiner Sicht eine gelungene Intervention. Allein fand ich es schade, dass der Pfarrer anschließend erwähnte, dass auch er selbst den lateinischen Text nicht verstehen würde. Das ist mir dann doch ein Rätsel.

Eine Frau aus der Gemeinde las nun erneut den Text auf Deutsch. Sie las gut betont vor und hatte eine sehr freundliche und warme Ausstrahlung, sodass ich ihr gern zuhörte und den doch sehr kompakten Bibeltext auch gut aufnehmen konnte.

Predigt

Zur Predigt stieg der Pfarrer auf die Kanzel, sodass er genau in der Mitte des Gottesdienstraumes war. Er begann mit einer Beschreibung und Erläuterung des Altarbildes, das wir auf unseren Liedzetteln aufgedruckt hatten. Dabei erwähnte er viele kleine Details, die leider aufgrund des Schwarz-Weiß-Druckes, der Größe und eher mittelmäßigen Qualität des Drucks nicht so gut zu erkennen waren. Meine Banknachbarin und ich beugten uns jedenfalls sehr dicht über das Blatt und mussten uns zwischendrin beraten, um herauszufinden, was genau gemeint war. Die historische Einordnung des Altars samt der Erläuterung zu den dargestellten Personen gab einem einen guten Überblick in die Zeit der Reformation. Das inhaltliche Ergebnis der Altarbildbesprechung war die Bedeutung von Sakramenten und Evangelium als wesentliches, kennzeichnendes Merkmal von Kirche – dazu zitierte der Pfarrer zwei Mal aus der Confessio Augustana und fasste den Inhalt auch gut zusammen. Die dargestellten Sakramente auf dem Bild waren Taufe, Abendmahl und Beichte. Im Blick auf das Abendmahl erwähnte der Pfarrer, dass es nach lutherischem Verständnis „eigentlich“ auch eine Realpräsenz Christi in Brot und Wein gibt und dass in der evangelischen Kirche „eigentlich“ jede*r das Abendmahl reichen dürfe – es aber „der Ordnung halber“ an bestimmte Personen delegiert würde. Dabei sind mir beide „eigentlich“s nach wie vor nicht klar. Entweder man sagt, dass man selbst etwas glaubt oder man beschreibt, dass ein anderer (Luther) etwas glaubt, aber es ist doch seltsam zu sagen, dass „wir eigentlich auch an die Realpräsenz glauben“. Genauso ergibt sich aus dem Priestertum aller Gläubigen entweder, dass jede*r das Abendmahl austeilen darf, oder man hat ein bestimmtes Verständnis von Amtskirche, nach dem das nicht möglich ist, aber es ist doch genauso irritierend, mitzuteilen, dass „eigentlich jeder das Abendmahl austeilen darf“. Ich halte das „eigentlich“ jedenfalls für überflüssig. Da ich gerade erst die Reformationsrede von Erik Flügge gelesen habe, sei noch erwähnt, dass Bonhoeffer ebenfalls zitiert wurde.

Solus Christus

Überhaupt stand die Reformation in diesem Festgottesdienst natürlich im Mittelpunkt. Gut fand ich, dass dabei deutlich wurde, dass es nicht um eine bloße Feier der Vergangenheit oder um ein Heldengedenken an Luther ging (ich bin gerade nicht sicher, ob das in der Begrüßung des Pfarres oder im Anfangsgebet enthalten war), sondern um die Kirche im Hier und Heute – mehrfach wurde auch „die Zukunft der Kirche“ erwähnt, doch leider wurde es dabei wenig konkret.

Schließlich sang der Chor meiner Freundin das von Rouven Genz gedichtete Lied „Solus Christus“, das mir sehr gut gefiel und mir auch noch eine Weile im Ohr blieb.

Höchst irritierend: Das Abendmahl Als Extra-Veranstaltung

Die Ankündigungen und Hinweise machten deutlich, dass der Gottesdienst nun gleich zu Ende war. Dabei wurde mitgeteilt, dass im Anschluss an den Gottesdienst das Abendmahl gefeiert wurde. Ich saß in meiner Bank und konnte es kaum glauben. Der Pfarrer sprach den Segen, es gab ein Lied zum Auszug, der Posaunenchor brach auf und etwa die Hälfte der Leute verließ die Kirche. Ja, der Gottesdienst hatte bereits 1,5 Stunden gedauert, aber warum sollten wir auf das Abendmahl verzichten? Meine Freundin nahm bei mir in der Bank Platz und wir beschlossen, unsere Irritation zur Seite zu legen und uns einfach darauf einzulassen. Der Pfarrer begrüßte nun erneut die anwesende Gemeinde – dabei hatten wir doch gerade schon eineinanhalb Stunden zusammen verbracht!? Wir sangen ein Lied aus dem Liederbuch, anschließend folgen Sündenbekenntnis und Vergebungszuspruch. Im Gebet des Pfarrers wurde das Sündenbekenntis mit dem Begriff der „anklagenden Gedanken“ eingeführt, das dann auch zum „in sich verkrümmten Menschen“ (homo incurvatus in se ipse) führte, später wurde ein Impuls für das Miteinander gegeben, nämlich anderen Menschen zu helfen, ihnen eine Stunde Zeit oder ein paar Cent aus dem Geldbeutel zu schenken, wenn sie einen darum bitten. Die Gemeinde konnte mit „Ja“ einstimmen, wenn sie das Sündenbekenntnis teilte und um Vergebung bitten wollte. Daraufhin folgte der Vergebungszuspruch. Außerdem gab es vor dem Abendmahl einen Moment, sich gegenseitig mit dem Friedensgruß die Hände zu schütteln.

Nach den Einsetzungworten traten wir in vier Gruppen in den Mittelraum, um dort das Abendmahl zu empfangen. Die Helfer*innen waren sehr gut organisiert, sodass alles zügig, aber nicht hektisch vonstatten ging. Es gab richtiges Brot sowie Wein im großen Kelch und Traubensaft in kleinen Einzelkelchen. Anschließend fassten sich alle in der jeweiligen Gruppe an den Händen und hörten auf ein Segenswort des Pfarrers, bei meiner Gruppe war dies das Wort aus Exodus 33: „So spricht der Herr: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“

Das Schlusslied sangen wir aus einem anderen, moderneren Liederbuch, es war „Herr, im Glanz deiner Majestät“. Das Orgelnachspiel zum Auszug schließlich nahm wieder Bezug auf den Kinderchor, sodass die Melodie von „Atemlos“ erklang (und mich auch noch die nächste Stunde verfolgte).

Fazit

Es ist mir ein großes Rätsel, wie man eine Predigt über eine sich aus Evangelium und Sakramenten konstituierende Kirche halten kann, das Abendmahl samt Sündenbekenntnis und Vergebungszuspruch (Verbindung zur Beichte) aber als Extra-Veranstaltung im Anschluss an den Gottesdienst feiert. Auch wenn die Predigt ein anderes Thema gehabt hätte, hätte ich es gleichermaßen deplaziert gefunden, so jedoch bin ich tatsächlich fassungslos. Ich habe insgesamt 2,5 Stunden in dieser Kirche verbracht, eine halbe Stunde vor Beginn, dann 1,5 Stunden Gottesdienst und schließlich eine halbe Stunde Abendmahlsfeier. Das ist in der Tat für einen evangelischen Gottesdienst recht lang, aber die Länge kann doch nicht über den Inhalt entscheiden. Aus meiner Sicht hätte man vielleicht am Orgelvor- und -nachspiel bei den Gemeindeliedern kürzen können bzw. die Gemeinde einfach noch mehr zum Mitsingen bei den Chorliedern ermutigen können, sodass gesonderte Gemeindelieder weniger wichtig gewesen wären. Darüberhinaus haben natürlich auch die „Lehrgebete“ die Tendenz, eher länger auszufallen. Jedoch ist es auch nur eine Vermutung von mir, dass die Ausgrenzung des Abendmahls vom Gottesdienst aus Zeitgründen vorgenommen wurde. Ich persönlich habe kein Problem damit, an einem zweistündigen Gottesdienst teilzunehmen, aus freikirchlichen Traditionen bin ich da anderes gewohnt. Ich finde es jedenfalls enorm schade, dass es direkt so eine Aufbruchsstimmung nach dem Segen gab. Ein wirksames Zeichen wäre es vielleicht gewesen, wenn die ganze Gemeinde einfach sitzen geblieben wäre.

Insgesamt freue ich mich aber, diesen Gottesdienst mitgefeiert zu haben. Es war schön, in einer so großen und bunten Gemeinschaft mit jungen und alten Menschen zu singen und zu beten. Sicherlich bewegten wir uns in einem ganz klar bürgerlichen Milieu, es fanden sich aber glücklicherweise auch einige wenige Menschen „von den Rändern“: Vor mir ein Mann im schlecht sitzenden Hemd mit verknittertem Kragen, der ganz eindeutig nach Mensch roch, und auch Einzelne, bei denen mir schnell klar wurde, dass sie beim Auszug nicht aus Knausrigkeit nichts in das Opferkästchen warfen, sondern weil sie wohl einfach selbst nichts hatten. Die große Masse natürlich war dörflich-bürgerlich, sodass die erklärende Predigt des Pfarres meiner Wahrnehmung nach auch auf ein (Wissens-)Interesse stoß. Der Kinderchor war mit Freude und Bewegung dabei und ergänzte sich in Klang und Erscheinung hervorragend mit den traditionellen Posaunen.

Das Wort Gottes für mich ganz persönlich fand ich in diesem Gottesdienst ganz klar im unmittelbaren Bibelwort. Im Gegensatz zu manchen erklärenden Worten des Pfarrers, in denen ich ein wenig mitschwamm und mich erstmal zurechtfinden musste (und vor allem auf kognitiver Ebene angesprochen wurde), war der Segenszuspruch nach dem Abendmahl so kompakt und deutlich, dass ich ihn als Zusage Gottes für mich annehmen konnte. Er lässt mich weiter auf die Gnade Gottes vertrauen – etwas, das ich in meinem Leben immer und ganz dringend brauche.

#augustbreak2017 – Lavender

Lavendel ist der Duft meiner Großmutter. Sie roch immer nach teuren, reichhaltigen Cremes, hatte Lavendel in ihren Vorgarten gepflanzt und kleine Säckchen mit getrockneten lila Blüten in ihrem Kleiderschrank. Auf ihrer Fensterbank pflegte sie hinter dicken, gehäkelten Vorhängen ihre Orchideen und ansonsten saß sie mit Vorliebe in einem übergroßen Sessel, klappte mit einem Griff die Beinstütze hoch und streckte die Füße aus. In Mühle und Halma war sie nahezu unschlagbar und bei „Stadt, Land, Fluß“ wusste sie im Schlaf für jeden Buchstaben eine passende Antwort. Obgleich sie selbst lieber noch ein Schinkenbrot als ein Dessert aß, versorgte sie mich kübelweise mit Eis und schubladenweise mit Süßkram. In einer winzigen Küche kochte sie Unmengen an Hausmannskost und der Geschmack ihres Sauerbratens liegt mir bis heute auf der Zunge.

#augustbreak2017 – Where I live

Ein seltener Moment der Entspannung, als das Flugzeug die Wolkendecke durchbricht. Die Welt von oben sehen. Abstand nehmen. Unterwegs nach ganz weit weg. Das eigene Leben für einen Moment hinter sich zurücklassen, bis man sich daran erinnert, dass es ja doch in einem steckt. Man nimmt sich selbst überallhin mit, das wusste schon Seneca. Und doch, das sichere Gleiten des Flugzeugs beruhigt und für einen winzigen Augenblick fühle auch ich mich ein wenig leichter. Ein Moment, um darin zu leben.

#augustbreak2017 – Gold

Golden der Ehering meiner Urgroßmutter. Ich bekam ihn nach ihrem Tod zusammen mit den wenigen anderen Gegenständen, die ihr wirklich etwas bedeuteten. Das Bild, das sie sich, als sie aus ihrem Haus vertrieben wurde, noch unter den Arm geklemmt hatte. Die kleine goldene Uhr an der Kette, die sie immer in ihrer Westentasche getragen hatte. Und eben der Ehering, der nun an einer schmalen Goldkette in meiner Schatzkiste liegt. Es wäre seltsam, ihn am Finger zu tragen, aber noch seltsamer, ihn wegzuwerfen oder zu vergessen.

#augustbreak2017 – Morning

Eines der ersten Dinge, die ich zur Zeit am Morgen mache, ist ein Selfie. Ja, ein Selfie. Ich mag Selfies nicht. Ich finde es seltsam, auf Instagram seitenweise Bilder derselben Person anzuschauen. Ich finde all die „duckfaces“ irritierend und verstehe auch nicht, wieso Menschen Kurse besuchen, um mit dem Handy „the best angle“ von sich zu knipsen, die Schokoladenseite, wodurch alle Bilder gleichermaßen vorteilhaft und vor allem gleichermaßen gleich aussehen. Doch vor wenigen Wochen tat es einen ziemlichen Schlag in meinem Leben. Und nun ist eine meiner ersten Handlungen am Morgen der Griff nach dem Smartphone. Ein Doppelklick. Ein Bild. Der Versuch, den Phoenix aus der Asche zu dokumentieren.

10 spontane Erkenntnisse aus 30 Jahren

Dieser Beitrag wurde motiviert durch Anne von anny-thing.de

1. Lass die Finger von Haschkeksen!
2. Sei gnädig mit deinem jüngeren Ich. (Es ist in Ordnung, Gelegenheiten zu verpassen.)
3. Meide den Vergleich. (Und meide Menschen, die dir den Vergleich aufzwingen.)
4. Das Leben ist zu kurz, um nicht nach Neigung zu studieren. (Das Leben ist nicht zu kurz, um nochmal neu anzufangen.)
5. Gebet ist wie Atmen. (Einfach. Natürlich. Lebensnotwendig.)
6. Sex wird überbewertet und Intimität unterschätzt.
7. Gib Lebensmitteln und Gerichten, die du nicht magst, eine zweite Chance. (Und in fünf Jahren eine dritte.)
8. Wenn du dir unsicher bist, benenne das Offensichtliche. (Nur weil es für dich offensichtlich ist, muss es das nicht auch für andere sein.)
9. Jeder Mensch freut sich über Postkarten und kleine handgeschriebene Briefe. (Schreib mal wieder. Trau dich. Auch wenn nichts zurückkommt.)
10. Wenn du auf eine Hochzeit gehst, bei der es erst abends deftiges Essen gibt, dann frühstücke ausreichend. (Oder pack dir ein Vesper ein.)

Spätsommer II

[Spätsommer I]

„Puh, wie gut, dass die Meute nun unterwegs ist!“, seufze ich und lasse mich in einen der gemütlichen Korbsessel auf der Terrasse fallen. Abgesehen von ein paar Großeltern und Großtanten ist der Saal nahezu leergefegt, einige Helferinnen räumen noch die Kuchenreste in die Küche und das Brautpaar genießt mit seinen Gästen einen Spaziergang durch den weitläufigen Park. Ich beschließe, den Moment für eine kurze Verschnaufpause zu nutzen, gleich geht es weiter, die Luftballons müssen noch aufgeblasen werden, doch dafür brauche ich die Hilfe der Küchenmädels und so schließe ich noch für ein paar Sekunden meine Augen und strecke mein Gesicht der Sonne entgegen. Die Wärme hüllt mich ein, es ist ein perfekter Spätsommertag, mit dem großen Zeh schiebe ich mir die Schuhe von den Füßen und lege meine Beine auf den nächstbesten Sessel.

Innerhalb von Minuten erfasst mich eine wohlige Trägheit und Entspannung. Ich greife nach dem Wasserglas und trinke einen großen Schluck. Als ich es zurück auf den Tisch stelle, höre ich jemanden aus dem Saal treten. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass du es bist. Mein Herz schlägt alarmierend laut in meiner Brust. Ich lege den Kopf ein wenig schief und schmunzle über mich selbst. Die Alarmfrequenz funktioniert also noch. „Na, auch noch da?“, höre ich dich fragen und kurz darauf sitzt du auch schon im Korbsessel neben mir. Eine Kinnbewegung und ein Lächeln müssen als Antwort reichen. Du lächelst zurück und beim Anblick deiner Grübchen muss ich breit grinsen: „Wolltest du nicht mit spazieren gehen?“ Die Frage verlangt keine Antwort. Schweigend sitzen wir nebeneinander und schauen in den sommergrünen Park. Endlich einmal Ruhe und Zeit zu zweit, denke ich, der Augenblick hätte nicht besser gewählt sein können, um die Funken an Emotion und Erinnerung in Balance zu bringen.

Als die anderen Mädels schließlich schwatzend auf die Terrasse treten und mir das Signal geben, dass wir mit den Luftballons anfangen können, haben wir kaum drei Worte miteinander gewechselt. Dennoch kommt es mir wie das Aufwachen aus einem tiefen Gespräch vor. Beinah etwas benommen schlüpfe ich in meine Schuhe und spüre deinen Arm an meinem, als du fast zeitgleich mit mir aufstehst. Ein Blick in deine Augen genügt, um zu sehen, dass die Berührung für dich ebenso elektrisierend ist. Hellwach schauen wir uns an, ich atme tief ein und keiner von uns will seinen Blick zuerst abwenden. Die Mädels rufen noch einmal nach mir. „Geh schon“, sagst du und nickst mir zu. Doch als ich mich umdrehen will, hält deine Hand mich fest. Für einen kurzen Moment schiebe ich meine Wange an deine und flüstere dir ein „Bis später“ ins Ohr. Leichtfüßig hüpfe ich die Treppen zum Saal hinauf.

Der Anfang vom Ende

Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell über dich hinwegkommen würde. Ein paar Monate und etwas Abstand und das war’s dann auch schon. Angesichts dieser großen, unglücklichen Liebe erscheint es mir selbst wenig glaubwürdig, doch was soll ich sagen? Manchmal scheint sich die Zeit eben besonders viel Mühe bei der Wundheilung zu geben.

Klar, ich kann nicht leugnen, dass es ein Schlag für mich war, als du mir sagtest, dass es zwischen uns vorbei ist. Es war hart und es zog mir für einen Moment den Boden unter den Füßen weg. Du habest jemanden kennengelernt, sagtest du, und es sei etwas Ernstes. So ernst, dass es nicht reichen würde, die Benefits aus unserer Freundschaft zu streichen, sondern dass eine klare Linie gezogen werden müsse, und diese Linie, so dein Plan, verlief nun einmal zwischen dir und mir. Du schautest mich dabei an, als habest du gerade den Wetterbericht vorgelesen. Ich schluckte erst, dann nickte ich und brachte sogar noch einige verständnisvolle Sätze über die Lippen – nur um einige Tage später Zeter und Mordio zu rufen. Zum ersten Mal in unserer Freundschaft machte ich dir Vorwürfe. Unnötige Vorwürfe, denke ich heute, doch damals mussten sie raus. Du hattest dich verabschiedet, es war dein gutes Recht, und doch hattest du allein entschieden.

Du hast immer allein entschieden, auch in all diesen Unglücksjahren mit mir. In diesen überglücklichen Unglücksjahren. Schon als ich dich kennenlernte, bestimmtest du den Kurs, bestimmtest das Tempo und hattest stets das passende Label für unseren Freundschaftsstatus parat. Ich will mich hier nicht zum Opfer stilisieren, ich trage genauso die Schuld an diesem ungünstigen Verlauf und die wenigen Fäden, die ich hatte, hielt ich umso sicherer in meiner Hand. Mit feinen Antennen erkannte ich bald die Augenblicke der Unachtsamkeit, ich entwickelte eine Ahnung für deine schwachen Momente und wusste sie für mich auszunutzen. Deine Prinzipien waren dir heilig und doch schob ich mich immer wieder an ihnen vorbei, hinter das hart gesetzte Label, hinein in deine unwillkürliche Umarmung. Sie war ein geradezu unbewusster Akt der Zuneigung, du dachtest nicht nach in diesen Situationen und das kam mir zugute.

Für „Friends with Benefits“ sah dein Plan vor, dass Übernachtungen und Benefits sich ausschließen würden; wer zu Gast war, musste also irgendwann nach Hause gehen, auch wenn das bedeutete, um drei Uhr morgens noch unter Restalkohol seine Sachen zu packen. Mit einer Übernachtung wäre die Grenze zum Pärchen für dich nicht mehr erkennbar, meintest du, und ich schluckte erst, dann nickte ich und selbstverständlich fand ich ein paar verständnisvolle Worte. Übernachtungen bei Freunden seien hingegen okay, da spreche nichts dagegen, es sei selbstverständlich, Freunden nach einer partyreichen Nacht einen Platz auf der Couch anzubieten – oder auf der eigenen, 1,40m-breiten Matratze, wenn es denn zwischen den Beteiligten passte.

Natürlich passte es bei uns, wir hatten uns über die Jahre aneinander gewöhnt, hatten einen gemeinsamen, selbstverständlich rein freundschaftlichen, Rhythmus gefunden und ich schlief gerne bei dir im Bett. Wenn ich neben dir lag, streckte ich immer meine Zehen von dir weg, sodass sie unter der Bettdecke hervorlugten, und schob meinen Rücken noch ein paar Zentimeter näher zu dir hin. Eine komische Schlafhaltung, meintest du, wie eine Mondsichel, und obgleich ich zuhause nicht sonderlich mondsichelförmig schlief, schien es mir hier bei dir passend – so passend, dass ich auf die Schnelle nie eine plausible Antwort auf deine Bemerkung gefunden hätte. Tatsache war, ich fühlte mich viel zu wohl damit, fühlte mich so wohl in deiner Nähe auf diesen 140 gemeinsamen Zentimetern, genoss die nicht einmal anderthalb Meter für zwei Menschen, die jenseits aller Labels ein Herz und eine Seele waren. Ein glückliches Herz und eine traurige Seele, wohlgemerkt.

Lob des Junggesellinnenabschieds

Da 140 Zeichen manchmal einfach nicht ausreichen, gibt es hier nun meine ausführliche Antwort zum Thema Junggesell(inn)enabschied. Los ging’s auf Twitter mit dem Statement von @FrauAuge

und anschließend schlugen einige ähnliche Töne an bis hin zu folgendem Kommentar der @stadtpoetin:

Nachdem ich diesem Tenor heftig widersprochen hatte, möchte ich nun ein wenig von meinem eigenen Junggesellinnenabschied erzählen und warum ich es genau so auch wieder machen würde:

Mein Junggesellinenabschied hatte zunächst einmal eine Vorläufer-Veranstaltung: Das Team-Braut-Treffen. Als mein Mann und ich uns entschlossen, zu heiraten, suchte ich mir wie die meisten Verlobten unter meinen Freundinnen eine Trauzeugin aus. Schnell war jedoch klar, dass mich bei den Hochzeitsvorbereitungen mehr als nur diese eine Freundin unterstützen würde, und um diesen Einsatz zu würdigen und ihm einen Rahmen zu geben, gründete ich das „Team Braut“ und lud all meine Mädels zu einem knallrosa Treffen ein. Hintergrund für den vielen rosa Kitsch war, dass mein Mann und ich auf gar keinen Fall eine rosa-Kitsch-Hochzeit haben wollten (ich bin auch echt nicht der Typ dafür) und ich aber – ähnlich wie neulich beim Valentinstag – große Lust hatte, dem rosa Trend aus all den Hochzeitsmagazinen an einem einzelnen Tag doch mal eine Spielwiese zu geben. Am Team-Braut-Treffen lernten sich also einige meiner Freundinnen kennen, bei denen das bisher noch nicht der Fall war, es war trotz rosa Kitsch eine starke, „empowernde“, weibliche Gemeinschaft und wir planten einigen organisatorischen Kram und sprachen über Singlesein, Beziehungen und übers Heiraten.

Einige Monate später organisierten eben diese Freundinnen meinen Junggesellinenabschied. Samstagmorgens ging es los, meine Trauzeugin hatte den Kleinbus ihrer Eltern ausgeliehen und sammelte nach und nach alle auf der Strecke ein. Zunächst gab es im WG-Haus meiner liebsten Freundin Milla eine kleine Stärkung und ein fröhliches Umziehen und Stylen. Die Mädels hatten T-Shirts bedruckt, die wie Band-T-Shirts aussahen und den Titel der Zeitschrift trugen, die wir mit 18, 19 Jahren selbst gestaltet und herausgegeben hatten. Vorne war mein Gesicht zu sehen, nicht als Foto, sondern so wie es in einer Ausgabe auf dem Cover zu sehen war. Hinten waren als Tourdaten die Kennenlerndaten und Meilensteine in der Beziehung meines Mannes und mir aufgeführt. Hier also keine Spur von „letzter Abend in Freiheit“, sondern eine liebevolle und aufrichtige Anteilnahme an meinem bisherigen Lebensweg alleine und mit den Mädels (Zeitschrift) sowie mit meinem Mann (Tourdaten). Das T-Shirt hat für mich ausgedrückt, dass meine Freundinnen mich wirklich gut kennen, dass sie mich auf meinem bisherigen Weg begleitet haben und das auch weiterhin tun werden, ja, es war für mich eine Zusage zu mir als Person mit allen Entscheidungen, die ich treffe, und ein Ausdruck der Freundschaft, die nicht mit der Hochzeit aufhört, sondern auf die ich mich immer verlassen kann.

Weiter ging es zum bereits erwähnten Lasertag, das für mich eine gelungene Überraschung war. Frau Auge fragte mich ja, was ich denn am JGA unbedingt machen wollte, und auch wenn ich es im Voraus nicht wusste, dann war es doch genau so eine Aktion. Natürlich kann man auch einfach so mit Freunden Lasertag spielen gehen, doch wir hätten es wohl in dieser Konstellation nicht auf die Reihe bekommen. Noch dazu liebe ich Überraschungen und mit dieser haben mir meine Freundinnen eine echte Freude gemacht. Wir hatten alle zusammen viel Spaß! (Mit dem Alkohol haben wir erst danach angefangen ;))

Anschließend fuhren wir in die nächstgrößere Stadt, in der es diesen klassischen JGA gab, den ja anscheinend sehr viele Menschen ganz furchtbar finden: Wir tranken Sekt, ich hatte einen Bauchladen und die ein oder andere kleine Aufgabe zu lösen. Diesen Teil des JGA wollte ich tatsächlich gerne haben, ja, man macht sich ein wenig (oder auch ein wenig mehr) zum Affen, doch ich wollte es einfach ausprobieren und quasi mal raus aus meiner persönlichen Comfort Zone. Meine Freundinnen haben mich tatkräftig beim Verkaufen der ganzen Kleinigkeiten unterstützt und ich habe selbst sehr darauf geachtet, nur Menschen anzusprechen, die mir auch freundlich zugewandt waren. (In meiner Heidelberger Studentenzeit habe ich es nämlich gehasst, in der Fußgängerzone immer wieder zwangsweise in JGA hineinverwickelt zu werden!) Was ich dabei erlebt habe, war einfach großartig: Unglaublich freundliche und offene Menschen, die mich beglückwünschten, mir großzügig den größten Plunder abkauften, die mir von ihren eigenen Hochzeiten, geglückten und gescheiterten Ehen erzählten und mir für meine Ehe alles Gute wünschten. Für diese Begegnungen bin so dankbar, vielleicht kann man die Erfahrung ein wenig mit Aktionen wie „Free Hugs“ vergleichen: Fremde Menschen, die es gut mit dir meinen. Außerdem hatten wir natürlich einfach Spaß zusammen, haben mit einem Männer-JGA geflirtet und ich durfte einem Fremden einen Kussabdruck verpassen, es war lustig und vielleicht alles ein bisschen wilder und verrückter als sonst.

Als uns vom vielen Laufen irgendwann die Füße weh taten und es auch schon langsam dämmerte, gingen wir in ein Lokal zum Essen, hauten dabei das durch den Bauchladen eingenommene Geld für Getränke auf den Kopf, und entspannten uns ein wenig. Danach zogen wir nämlich los zum Tanzen in einen Club, der an sich gar keine Junggesellenabschiede reinließ, uns aber aufgrund unserer Band-T-Shirts nicht als JGA erkannte. Die Gäste im Club allerdings verstanden schnell, dass wir ein JGA waren, und immer wieder kamen fremde Menschen auf mich zu, gratulierten mir und wünschten mir eine schöne Hochzeit und eine gute Ehe. Das war einmal mehr herzerwärmend!

Nach einer Übernachtung im WG-Haus und einem gemütlichen Frühstück machten wir uns am nächsten Morgen wieder alle auf den Weg nach Hause.

Und nun?

Ich sehe nicht, an welcher Stelle mein JGA eine Panikreaktion war, die Ehe als Gefängnis darstellte oder ein „letzter Abend in Freiheit“ zelebriert wurde. Es war auch in der Tat nicht der letzte Abend, an dem ich Spaß mit meinen Mädels hatte – im Gegenteil: Er hat unsere Freundschaft gestärkt, einige Freundinnen haben sich zum ersten Mal kennengelernt, und mir wurde im Lauf der beiden Treffen quasi genau das Gegenteil von dem bewusst, was JunggesellenABSCHIED vorgeblich sein soll: Dass ich mich als nicht durch die Ehe als ehemals eigenständige Person in eine Zweierbeziehung auflöse, sondern dass ich ein eigener Mensch mit eigenen Vorlieben, Interessen und auch eigenen Freundinnen bleibe. Dass ich mich auf diese Frauenfreundschaften verlassen kann, dass sie mich lieben und bei den großen Entscheidungen meines Lebens zu mir stehen und mich unterstützen. Dass sie den Weg mit mir gehen werden und die Hochzeit nicht das Ende unserer Freundschaften ist (was für ein schräger Gedanke!).

Insofern denke ich sehr gerne an meinen Junggesellinnenabschied zurück und denke mittlerweile auch, dass gerade die manchmal vielleicht auch von Unsicherheiten und Zweifeln geplagte Phase der Hochzeitsvorbereitung diese bestärkende, freundschaftliche Erfahrung gebrauchen kann!

Spätsommer I

Drei Jahre sind seit dem Fest vergangen, vier sind es seit dem Moment, der mir zum Verhängnis wurde. Warum müssen wir uns immer in Gegenwart so vieler anderer Menschen wiedersehen? Erneut ist es ein Fest, an dem wir uns begegnen, noch dazu kein Beliebiges, sondern eines, bei dem ich alle Hände voll zu tun habe. Immerhin bin ich Trauzeugin, beste Freundin der Braut und habe monatelang mit ihr auf diesen Tag hingefiebert, geplant, und vorbereitet.

So kann ich mich kaum noch an den Moment erinnern, als ich deinen Namen auf der Gästeliste sah. Hinter dem Basteln der Einladungen, der vierten Anprobe des Kleides und dem Falten der Tischdeko ging mir der Gedanke an dich unerwartet verloren. Selbst gestern Abend war es die Aufgabe eines anderen, die Tischkärtchen aufzustellen, sodass ich beim Verteilen der Kerzen und kleinen Marmeladengläser gar nicht mehr auf die Namen geachtet habe. Ich weiß, wo ich sitze, und ich weiß auch, was ich heute zu tun habe.

Dieses Mal erwischt mich kein Magnetblick. Ich sehe dich erst, als wir von der Kirche schon zur Location gefahren sind, habe nicht einmal wahrgenommen, wann oder mit wem du gekommen bist. Im Flur stoßen wir fast zusammen, was vermutlich auch nötig ist, damit ich dich wiedererkenne. Gesund siehst du aus, hast dir die alte, athletische Statur zurückerobert, die Piercings wieder abgelegt und dich für den Festtag herausgeputzt. Doch nicht die Äußerlichkeiten sind es, an denen ich hängen bleibe, nicht das Hemd oder die schicken Schuhe. Dein ganzes Auftreten hat sich verändert und die Souveränität, mit der du dich bewegst, nimmt mich auf der Stelle für dich ein.

So stolpere ich dir beinahe in die Arme, eine Schrecksekunde, und dann erwidere ich dein breites Grinsen: „Ah, du bist ja auch hier!“ Du nickst und musterst mich unbekümmert von Kopf bis Fuß. Ich habe keine Zeit für Nervositäten und lächle dich an. „Ich muss weiter. Wir sehen uns!“, sage ich und du rufst mir ein „Bis später!“ hinterher. Zielstrebig gehe ich zu meiner Freundin, die schon nach mir Ausschau gehalten hat, weiche gekonnt Tischen, Stühlen und der Verwandtschaft aus – und doch wird mir bereits beim fünften Schritt bewusst, dass mich etwas zurückhält. Dieser fröhliche und holprige Moment eben, wohin wird er uns dieses Mal führen? Im Grunde stehe ich immer noch im Flur und auch wenn ich es nicht wage, mich noch einmal umzudrehen, könnte ich schwören, dass du mir gerade hinterhersiehst.

[Spätsommer II]

Warum der Valentinstag scheiße ist und ich trotzdem Blumen gekauft habe

Erst heute früh stolperte ich via Twitter über ein ziemlich cooles Erklärvideo zur romantischen Liebe. Das Konzept der romantischen Liebe ist, wenn man mal näher hinsieht und auch nur einen kleinen Funken Verstand besitzt, ziemlich irre: Da gibt es einen anderen Menschen, pardon: einen Seelenverwandten, der einen intuitiv und vollständig versteht, die eigenen Interessen und Wünsche teilt oder zumindest von ganzem Herzen unterstützt und mit dem man quasi auf rosa Wolken durchs Leben schwebt. Nun gut, natürlich ist das überzeichnet und in dieser Extremform scheinen auch die wenigsten an diese Idee zu glauben, aber doch durchzieht sie jeglichen Hollywood-Kitsch und drängt sich so immer wieder in unser Bewusstsein.

Mein persönliches Problem mit der Idee von der romantischen Liebe ist auch weniger die intensive Liebe und Zuneigung, die Menschen in Paarbeziehungen zu finden suchen, sondern vielmehr die Exklusivität, mit der dieser Wunsch einhergeht. Jeder Mensch hat zahlreiche Bedürfnisse, die niemals von einer einzigen Person erfüllt werden können, und es ist schlichtweg unverschämt, für deren Erfüllung eine andere Person außer sich selbst verantwortlich zu machen. Hier liegt aus meiner Sicht in vielen Paarbeziehungen der Hund begraben. Hinzu kommt, dass dieser Fokus auf die alles fordernde und alles erfüllende Zweierbeziehung häufig noch mit einem Absolutheitsanspruch vertreten wird, der bei mir schnell einen Würgreiz auslöst. Selbst in Situationen, in denen die eigene Beziehung – möglicherweise noch aufgrund mangelnder Selbstverantwortung! – scheiße läuft, wird an der Idee der romantischen Liebe als alleinseligmachendem Lebenskonzept krampfhaft festgehalten und es wird davon ausgegangen, dass es genau das ist, was nicht nur einem selbst, sondern auch allen anderen zum dauerhaften Glück verhilft.

Okay, ihr merkt, ich schreibe mich in Rage, doch mein immer mehr beziehungsanarchistisch schlagendes Herz macht bei diesem Thema auch ordentlich Radau. Ich liebe die verschiedenen Facetten von Liebe und Intimität, ich liebe Freundschaften, Bekanntschaften und ein buntes Netz an sozialen Beziehungen, und ich möchte keine dieser Beziehungen abwerten, nur weil ich auch eine „romantische Paarbeziehung“ führe. Und ja, natürlich ist mein Partner mir wichtiger und steht mir auch emotional näher als eine x-beliebige Kommilitonin oder der Postbote. Es geht mir vielmehr darum, dass diese eine, einzelne Beziehung nicht mittels bestimmter Konventionen mein ganzes weiteres Beziehungsleben bestimmt. Mein Partner wird niemals alle meine Interessen teilen, alle meine geheimen Wünsche erahnen und mir für alle Themen ein interessanter, aufmerksamer Gesprächspartner sein. Genauso wenig werde ich diese Rolle für ihn einnehmen können. Daher ist es mir wichtig, andere Menschen in meinem Leben zu haben, mit denen ich den eigenen Interessen nachgehen kann, die mich unterstützen und ermutigen und denen ich selbst eine Freundin sein kann.

Ich habe das Gefühl, der Anspruch an romantische Liebesbeziehungen ist viel zu hoch, als dass auch nur irgendwer ihn erfüllen könnte. Die gemeinsame Entscheidung, miteinander und in Liebe alt zu werden, scheint mir völlig ausreichend in ihrem Anspruch und ihren Konsequenzen. Wie genau dieses Ziel umgesetzt wird, sollte nicht durch Ideen, Konzepte und Konventionen von außen bestimmt werden, sondern jedes Paar darf und soll seinen eigenen gemeinsamen Weg finden.

Der Valentinstag nun verkörpert durch all seine verkitschte und kommerzialisierte Romantik nun so ziemlich all das, was ich in meinem Leben wie die Pest zu meiden suche. Ich will Tragik statt Kitsch, Minimalismus statt Kommerz und echte, aufrichtige Beziehungen statt einer romantischen Seifenblase. Und weil es meinem Partner glücklicherweise genauso geht, gab es niemals einen Anlass, zum Valentinstag Bärchen, Herzchen oder Blümchen zu kaufen, zu verschenken oder geschenkt zu bekommen. Dennoch erwischte mich dieses Jahr der Konsumwunsch aus der Kalten. Ende Januar sah ich all die Bärchen und Herzchen und Blümchen auf den Werbetafeln und dachte mir: „Hach…“

Natürlich hätte diesen mir durch die Werbeindustrie eingeredeten Wunsch wegdrängen können und mich einmal mehr für Minimalismus und gegen Konsum entscheiden können. Stattdessen identifizierte ich mich selbst als Konsumopfer und machte das Beste draus: Da mir völlig klar war, dass das mit echter Liebe nix zu tun hatte, und da ich meinem Partner diesen Blödsinn ganz sicher nicht aufdrücken würde, bestellte ich auf einem entsprechenden Internetportal einen Blumenstrauß samt Karte und Macarons. Und weil ich den Valentinstag immer mit einem bestimmten Freund verbringe und darum nicht daheim bin, ließ ich ihn mir einen Tag später nach Hause liefern.

So habe ich nun einen wunderschönen Rosenstrauß mit allem Kitsch der Welt von genau dem Menschen bekommen, der mit Hingabe und Freude die Verantwortung für die Erfüllung meiner Bedürfnisse übernimmt und dem ich wichtig genug bin, auch mal auf einen absolut bescheuerten Konsumwunsch einzugehen – mir selbst.

Jugendliebe

Ich wäre gern deine Jugendfreundin gewesen. 

Diese Beziehung mit 15 oder 16, die lang genug dauert, dass man den anderen wirklich versteht, und die früh genug endet, dass man nach einem Haufen Herzschmerz mit 20 schon wieder sacht befreundet sein kann. Diese jugendliche Liebe, bei der jedem Außenstehenden auf den ersten Blick klar ist, dass sie nicht ewig hält, und bei der dennoch alle die Klappe halten, weil du ja noch so jung bist.

Wem man mit 15 ins Herz geblickt hat, den versteht man ein ganzes Leben.