Liebe will…

Es geht nicht um Sex und es geht nicht um ein „mehr“ als Freundschaft. Es geht um Freundschaft und um etwas anderes als Freundschaft. Es geht um eine Verbindung, Verbindlichkeit wie ein tiefblauer Bergsee, in den sich nur wenige zu springen trauen. Es geht um das Glück, einen Menschen gefunden zu haben, den man mit radikalem Wohlgefallen betrachtet. Je mehr man diesen Menschen kennenlernt, desto mehr versagen die Worte – desto mehr umarmt man all die Schattenseiten und blinden Flecken, desto mehr erfreut man sich an den Vertrautheiten und kleinen Vertraulichkeiten.

Liebe will… sich offenbaren. Sich zeigen, ohne Filter oder Maske. Liebe will Blumen schenken, aber es nicht nötig haben, durch die Blume sprechen zu müssen. Liebe will sich verstanden wissen, gesehen werden, sich zeigen. Liebe wünscht sich den Blick eines liebenden Gegenübers.

[Liebe ist… hier]

Zum Stichwort „radikales Wohlgefallen“ vgl. Herms, Eilert: Liebe, Sexualität, Ehe.

Cyberrealitäten

Dein Umzug nach Pankow war das Letzte, was mein gewohnheitsmäßiges Stalken zutage brachte. Erst stalkte ich dich aus Gefühlsduselei, dann aus Neugier, schließlich aus Gewohnheit. Und auf einmal habe ich es ganz vergessen, deinen Namen in das Suchfeld einzugeben. So verpasste ich deine Sommerausflüge nach Potsdam, Köln, Düsseldorf und Hessen ebenso wie dein neuerliches soziales Engagement samt Mitgliedschaft in einem entsprechenden Männerclub. Doch ich erkenne gut, dass du deinen Latte Macchiato zum Start in den Tag aus der gleichen Perspektive fotografiert hast wie deine Morgen- äh Abendlatte. Und es entgeht mir auch nicht, dass du immer noch liest und hin und wieder Nietzsche zitierst. Der große Nietzsche. Und nach wie vor sind da Fotos, bei denen ich das Zucken in deinem Mundwinkel erahnen kann: Belustigung ob der steigenden Konsumgeilheit der Menschen und Amüsement über deren übermäßigen Alkoholkonsum. Ein lachendes und ein weinendes Auge. Dazu ein schöner Musikgeschmack, von dem ich bisher nichts wusste. Und Kunst, die ich dir ohne Zögern zugeordnet hätte. Der Fernsehturm ist und bleibt dein Lieblingsmotiv. Auf persönliche Fragen von Fremden reagierst du freundlich und ausweichend. Dein Glaube an die Berliner StartUp-Szene scheint unerschütterlich. Ein Jahressymposium hast du auch besucht. Das Foto zeigt Vortragsutensilien und Anschauungsmaterial. Daneben liegt dein Kugelschreiber und ich denke an Sex.

Danke, Tobi

Da drückte er mir einen Kuss auf die Wange und sagte nur: Entscheidend ist doch, wer du in Gott bist. Wer du für Gott bist. Was er über dich denkt. Darauf kommt es an.

Ich war 18 und steckte in der bisher größten Krise meines Lebens.

In einem frommen Elternhaus aufgewachsen und nach meiner persönlichen Bekehrung gehörte ich sozusagen schon immer zu den auserwählten Christen und war im Lauf der letzten Jahre in meinem Glauben immer radikaler, missionarischer und aktiver geworden. Ich investierte viel Zeit in Bibelstudium und Gemeinde, ich wollte Gottes Willen in meinem Leben tun und erzählte jedem von Jesus, ob er es hören wollte oder auch nicht. Ich glaube nicht, dass ich dabei total unsensibel oder engstirnig war, ich hatte immer auch nichtchristliche Freunde und gehörte sicher nicht zu denen, die sich hinter christlichen Aktivitäten völlig verschanzten. Doch der Glaube an Gott war der bestimmende Faktor in meinem Leben und auch die Mitarbeit in meiner damaligen Gemeinde spielte für mich eine große Rolle.

Innerhalb eines Jahres brach alles zusammen.

Mein Freundeskreis reduzierte sich von einer Vielzahl an Bekanntschaften und Freunden auf ein Minimum. Tendenziell depressiv und völlig überfordert mit mir und der Welt drifteten mein bisheriges Glaubenssystem und die Wirklichkeit meines Lebens immer weiter auseinander. Ich hatte eine homosexuelle Beziehung, die ich als Sünde vor Gott ansah, und schaffte es dennoch nicht, mich von meiner damaligen Freundin zu trennen. Aus den Gemeindeaktivitäten zog ich mich daher immer mehr zurück, ich brauchte nicht den großen Knall, um zu wissen, dass es mit meiner Karriere als Mitarbeiterin dort vorbei sein würde, wenn mein Lebensstil bekannt wäre. Also kam ich der Gemeindeleitung zuvor.

Mein Ankerpunkt waren eine Handvoll Freunde und die Gottesdienste der Jesus Freaks. Obwohl meine Freundin auf ein „Outing“ und ein offenes Ausleben unserer Beziehung drängte, blieb ich auch hier zurückhaltend und in der Beobachterposition. Einigen wenigen erzählte ich dennoch von meinem Kummer und meiner Orientierungslosigkeit.

Ich wusste nicht, wie mein Leben mit Gott weitergehen sollte. Ich konnte mit den meisten christlichen Veranstaltungen nichts mehr anfangen. Ich fragte mich, wie lange ich die Spannung zwischen meinem eigenen Für-richtig-Halten und der mangelnden Umsetzung noch aushalten konnte. Und vor allem, wie lange Gott sie noch aushalten konnte.

Neben meinen wenigen treuen Freunden waren es einzelne, kleine Momente und Begegnungen, die mir in dieser Zeit Kraft schenkten und Mut machten. Es waren Worte und Gesten von Menschen, die sich gar nicht bewusst waren, wie viel sie mir damit gaben.

Einer dieser Menschen war Tobi. Er war relativ klein und schmal, rauchte enorm viel, war für meine Begriffe stets gut gekleidet und besaß den ängstlichsten zugelaufenen Straßenhund der Welt. Ich wusste, dass er selbst homosexuell war und schon etliche christliche Programme durchlaufen hatte, um seine Homosexualität loszuwerden. Daher zögerte ich nicht, ihm meine Situation zu schildern. Ich hoffte auf einen Rat von ihm, auf ein Wort, einen Lösungsansatz für meine Fragen.

Während ich an stundenlange Diskussionen über Homosexualität gewöhnt war – sowohl in meinem Freundeskreis als auch in jeglichem christlichen Kontext, fiel seine Antwort ziemlich karg und knapp aus und schien auch nicht so recht zu meiner Frage zu passen. Trotzdem spürte ich, dass es alles war, was er mir gerade geben konnte und dass es vermutlich ein Schatz war, den es zu heben galt.

Als ich ihn nun mit großen Augen ansah, vermutlich verheult und verzweifelt, auf jeden Fall ziemlich hilflos, da drückte er mir einen Kuss auf die Wange und sagte nur: Entscheidend ist doch, wer du in Gott bist. Wer du für Gott bist. Was er über dich denkt. Darauf kommt es an.

Danke, Tobi.

One Night Stands oder der Dispo der totalen Liebe

Man beachte die Diskussion im Kommentarbereich – hilfreiche Gedanken! Danke an alle, die sich beteiligt haben!

Was für eine Art von Sex hat man bei einem One Night Stand?

Nein, ich schreibe diesen Beitrag nicht, um meine Anzahl der Klicks zu erhöhen – auch wenn ich neulich auf die Frage einer Freundin, wodurch ich mehr Leser bekommen könnte, antwortete: Ich müsste mehr über Sex schreiben, mehr über mich persönlich oder mich auf ein bestimmtes Thema spezialisieren – ich versichere euch, so wenig dieses Blog ein rein missionarisches Christending werden wird, so wenig wird es ein Erotik- und Sexblog werden.

Möglicherweise runzeln die meisten Leser sowieso schon mit der Stirn und fragen sich, wie man so eine selten dämliche Frage stellen kann. „Bei einem One Night Stand hat man natürlich ganz normalen Sex, was denn auch sonst.“ Doch mir geht es da wie Dexter, der vor einigen Monaten seinem Unverständnis gegenüber offenen Beziehungen Luft machen musste… ich sehe immer noch ein großes Fragezeichen vor mir.

Was für eine Art von Sex hat man mit einer Person, die man erst sehr kurz kennt? Auch wenn sich ein Mindestmaß an Vertrauen irgendwie aufbauen lässt, wie kann Sex da tatsächlich zu einer tiefen, berührenden Erfahrung werden? Wie kann es etwas anderes sein als bloß oberflächlich ausgetauschte Zärtlichkeiten, bei denen man aufpassen muss, nur so viel Emotion zu entwickeln, wie sich danach auch wieder gut wegpacken lässt?

Ich saß lange Zeit der irrigen Gleichung auf, die Anzahl der Menschen, mit denen man Sex hatte, würde die Menge an Erfahrung ausmachen. Wie unsinnig diese Überlegung war, wurde mir erst dann bewusst, als ich über genau diesen Erfahrungsbegriff nachzudenken begann. Und mich zu fragen begann, wie diese schnelle Art von Sex, egal mit wieviel Partnern, jemals mehr als ein, zwei Arten der Erfahrung ausmachen konnte.

Vielleicht denke ich Sex aber auch zu sehr von einer Beziehung her. Von tiefem Vertrauen zwischen zwei Menschen, welches erst den Boden für Zärtlichkeit, Härte, Spiel, Lust bieten kann. Ich schreibe das nicht als hoffnungslose Romantikerin, die sich keinen Sex ohne Liebe vorstellen kann. So naiv und einfältig sind meine Gedanken dann auch wieder nicht. Aber wie befriedigend ist die reine Befriedigung? Bleibt Sex mit verschiedenen fremden Personen am Ende Sex mit einer einzigen Unbekannten? Ist Erfahrung möglich ohne Hingabe? Hingabe ohne Vertrauen?

Ich kann mir eine große Anzahl an Gründen für One Night Stands vorstellen. Ich frage mich allerdings, ob One Night Stands einem wirklich neue Erfahrungen bringen. Oder ob meine Prämisse komplett falsch ist, und es gar nicht um Erfahrung und Erleben, um Tiefe und Leidenschaft geht. Möglicherweise ist die Oberfläche sehr viel angenehmer, seichter, einfacher. Und der am Erleben orientierte Rest kann sich dann via Onlineplatform geplanten Sexdates zuwenden, um sicherzugehen, dass er seine Fantasie auch tatsächlich ausleben kann.

Für einen Blogbeitrag sind diese Überlegungen fast zu rudimentär. Ich will es dennoch wagen, auf „Publizieren“ zu klicken und meine Gedanken mit euch zu teilen. Bitte versucht wirklich, meine Fragen zu verstehen, bevor ihr eine Antwort in die Kommentarsektion tippt. Noch dankbarer als für Antworten bin ich im Übrigen für ein Umformulieren und auf den Punkt bringen meiner Fragen…

PS. Zur Überschrift: Die Wendung „Dispo der totalen Liebe“ stammt aus dem Lied „Begrabt mein IPhone an der Biegung des Flusses“ von PeterLicht, wird dort jedoch in einem anderen Zusammenhang gebraucht.

Sonntagsgedanken*

Es ist schwierig, wieder und wieder nach ein und demselben Sachverhalt in meinem Leben beurteilt zu werden. Ich liebe einen Mann, der meine Glaubensüberzeugung nicht teilt und wohne mit ihm ohne Trauschein zusammen. Damit habe ich für viele meiner Glaubensgenossen gleich zwei Sünden mit einer Klappe geschlagen und das Gespräch auf Augenhöhe ist beendet.

Für meine nichtchristlichen Leser muss das ein denkbar schlechtes Bild vom Leben mit Gott vermitteln, was mir ausgesprochen leid tut. Ich hoffe, dass es mir gelingt, zwischen menschlichen Urteilen und einer persönlichen Beziehung zu Gott hier eine klare Linie ziehen zu können. Denn ich komme nicht umhin, diese für mich schwierigen Erfahrungen auch in meine Blogposts einzubeziehen.

Ich möchte hier nicht theologisch argumentieren, warum ich es ganz in Ordnung finde, so zu leben, wie ich es tue, und warum ich auch glaube, dass Gott sehr gut damit leben kann und weiterhin auch sehr gerne in mir lebt. (Vielleicht sollte ich das in einem Folgebeitrag mal tun…)

Heute geht es mir darum, dass mir dieser identity marker der „sexuellen Reinheit“ das Leben im Leib Christi ziemlich erschwert. Ich kann kaum zählen, wie viele Diskussionen und Predigten ich darüber gehört habe, dass man als Christ vor der Eheschließung sexuell enthaltsam leben soll. (Die Frage danach, ob man einen Nichtchristen als Partner wählen sollte, wurde – neben einem Zitieren des Verses „Zieht nicht an einem Joch mit den Ungläubigen“ – auch schnell abgearbeitet: Welcher Nichtgläubige würde sich schon auf diese Enthaltsamkeit einlassen?)

Da die Sexualität des Menschen ein Thema mit enormer Spannung, Eigendynamik und Kraft ist, ein Urthema des Menschseins und vermutlich auch einfach ein Feld, in dem man sich erst einmal zurecht finden muss und dafür seine Zeit braucht, wird in manchen Kreisen das sexuelle Verhalten eines Menschen zum Dreh- und Angelpunkt seiner gelebten Frömmigkeit. Und hier sind wir auch schon am Knackpunkt:

Ich führe Gespräche mit Christen, die mich nicht kennen, und weiß genau, dass ich meine Beziehung und Wohnsituation dabei besser ausblende. Ich merke förmlich das Zucken und Umschalten im Gehirn des Gegenübers, wenn klar wird: „wohnt mit Freund zusammen“. Nein, zur Gruppe der wahrhaft Gläubigen kann ich nun nicht mehr gehören. Eine Zeit lang habe ich mich selbst deswegen als „Christ zweiter Klasse“ wahrgenommen, bis mir Gott ganz deutlich zeigte: Das bist du nicht.

Jessica Valenti (eine Feministin, die man in christlich-konservativen Kreisen sowieso nicht lesen sollte… ok, ich spotte) zeigt in ihrem Buch „The Purity Myth“ sehr schön auf, wie schwierig es ist, überhaupt eine Definition für die angestrebte Reinheit und Jungfräulichkeit zu finden. Daran anschließend muss ich fragen: Wo ziehen wir die Grenze zwischen „rein“ und „unrein“? Sind wir uns bewusst, dass das Ideal, nach dem wir uns ausrichten, ein rein gedachtes ist, dem weder wir noch ein anderer jemals entsprechen kann? Und wenn wir dennoch daran festhalten – wollen wir tatsächlich den Grad der äußerlich sichtbaren Erfüllung zum Hop-oder-Top-Maßstab über den gelebten Glauben unseres Gegenübers erheben?

Aber es ist ja so viel einfacher, feste Kriterien zu haben. Ich weiß, wie liebend gern wir in schwarz und weiß denken. Drinnen oder draußen. Gerettet oder verdammt. Mir fällt es nur so enorm schwer, diesen Umschwung in den Gesprächen gebacken zu kriegen. Wenn ich zunächst noch als „Schwester im Herrn“ wahrgenommen werde und für die Arbeit, die ich tue, so viel Wertschätzung spüre, so viel Verbundenheit und Gemeinschaft – und meine holprigen Worte, auf Nachfrage geäußert, einen Keil hinein treiben und ich die Enttäuschung des Gegenübers, die Distanzierung förmlich riechen kann. (Nein, ich bilde mir das nicht ein!)

Wie sehr wünsche ich mir an dieser Stelle einen anderen Umgang miteinander! Einen Umgang, bei dem die Warmherzigkeit und Freundlichkeit eines Menschen beim Erwähnen seiner Lebenumstände nicht abgewertet werden. Bei dem seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit nicht von einem Moment auf den nächsten an Bedeutung verlieren. Bei dem man nicht fragt: „Warum seid ihr noch nicht verheiratet?“, sondern lieber: „Wie geht es euch in eurer Beziehung? Was schätzt ihr aneinander? Wovon träumt ihr? Wie gestaltet ihr euer Leben zu zweit?“

Ich will dich, mein Gegenüber, für genau das schätzen und akzeptieren, was du bist. Ich höre dir offen und aufmerksam zu, was du mir erzählst und aus deinem Leben mit mir teilen willst. Wer bin ich, darüber zu urteilen? – „Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Der Herr aber sieht das Herz an.“ – Und auch ich selbst möchte nicht in einer Schublade landen, aus der ich frühestens mit der Hochzeit wieder herauskomme.

*Musik dazu, jetzt mit richtigem Link: Brown Feather Sparrow: We have to Run
(Ihr Lieben, weist mich doch bitte darauf hin, wenn meine Links nicht funktionieren!)