Herzenstausch und Tagelied II

Wie versprochen, stelle ich heute das „Moderne Tagelied“ ein. Ich habe mich dabei an der Form und Metrik des Tagelieds Ulrichs von Winterstetten orientiert und auch das Motiv des „Herzenstauschs“ aufgenommen.

Modernes Tagelied

Die junge Maid   schlägt auf die Augen friedlich.
Es ist noch vor der Zeit.
In Seligkeit   berührt ihr Prinz sie lieblich.
Das macht ihr Herz ganz weit.
Sie flüstert ihm: „Noch bist du hier,
geh nicht mehr fort, bleib doch bei mir!“
‚Ach liebste Maid, mein Augenstern‘,
so sprach der Prinz gar sehr betrübt,
‚Wär’s möglich, blieb ich mehr als gern.‘

Ergriffen hält   die Maid ihn an den Händen.
Die Decke wie ein Zelt.
Ein Tränenfeld,   da bald die Küsse enden,
denn nun erwacht die Welt.
Der Prinz tritt gleich die Reise an.
Kein Werk ist von allein getan.
Sie tröstend, spricht er: ‚Weine nicht.‘
und hält sie sacht in seinem Arm.
Sein Atem trocknet ihr Gesicht.

Ein zartes Band   verbindet ihre Herzen,
die sie als Unterpfand
in fremdem Land   beließen ohne Schmerzen,
da sie sich längst erkannt.
Der Prinz küsst seiner Maid das Haar.
„Die Zeit mit dir war wunderbar!“
Der Abschied schmerzt manchmal noch sehr,
doch wissen beide, irgendwann
da trennt uns auch die Pflicht nicht mehr.

Herzenstausch und Tagelied

Vor ein paar Tagen brachte mir ein Freund ein Seminar in Erinnerung, das ich in den ersten Semestern meines Studiums besucht hatte. Wir lasen in dem Seminar mittelhochdeutsche Tagelieder und ich hatte wirklich meine Freude daran.

Was ist ein Tagelied?

Die meisten kennen vermutlich Shakespeares Tragödie “Romeo und Julia”. Da gibt es eine Szene im dritten Akt, die den Morgen nach der gemeinsamen Nacht beschreibt. Die Liebenden müssen sich trennen und Julia versucht erst noch, Romeo etwas länger bei sich zu behalten („Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche.“).

Ein geheimes Zusammensein zweier Liebender und der Abschied am Morgen nach der gemeinsam verbrachten Nacht – darum geht es im Tagelied. In der mittelalterlichen Lyrik ist das Tagelied eine eigene Gattung, die sich auf diese Situation bezieht.

Ich will euch hier ein Tagelied Ulrichs von Winterstetten zeigen und füge auch meine (ziemlich wörtliche) Übersetzung bei. In einem folgenden Blogpost veröffentliche ich dann ein „Modernes Tagelied“, das ich im Anschluss an dieses hier geschrieben habe.

Bî liebe lac   ein ritter tougenlîche
die naht biz an den tac.
der minne pflac   mit im diu minneclîche.
die minne er widerwac,
biz daz der wahter sanc ‚ez tagt‘.
daz von in beiden wart geklagt.
‚ach herzeliebiu frouwe mîn‘,
sô sprach der ritter wolgemuot
‚ich waene ez müeze ein scheiden sîn.‘

Ez wart niht lanc   daz dâ mit nâhem smucke
ergie ein umbevanc
mit armen blanc   und herzeclîchem drucke,
der liep gen liebe twanc.
diu frouwe sprach „mîn sender lîp
und ich vil siufteberndez wîp
bin iemer mê an fröiden frî,
sol ich dir, herre, niemer mê
geligen alse nâhe bî.“

Owê und ach!   der jâmerbaeren scheiden
ir beider herze brach,
daz dâ geschach   von den gelieben beiden:
daz schuof in ungemach.
der ritter sprach ‚gehabe dich wol!
dîn lîp ist manger tugende vol:
mîn herze dir belîbet hie.‘
si sprach „sô füer mîn herze hin!“
der wehsel dâ mit kusse ergie.

Bei seiner Geliebten lag heimlich ein Ritter
die Nacht lang bis zum Tag.
Der Liebe diente mit ihm zusammen die Liebreizende
Die Liebe gab er ihr zurück
bis der Wächter sang: „Der Tag bricht an.“
Darüber wurde von ihnen beiden geklagt.
„Ach meine herzliebste Dame“,
so sprach der edle Ritter,
„Ich ahne, es muss eine Trennung sein.“

Es dauerte nicht lang bis da in engem Anschmiegen
eine Umarmung stattfand
mit nackten Armen und innigem Drücken,
das den Geliebten an die Geliebte drängte.
Die Dame sprach: „Mein sehnsuchtsvoller Körper
und ich sehr beklagenswerte Frau
werde von nun an ohne jede Freude sein,
wenn ich niemals mehr bei dir, Herr,
so nahe liegen darf.“

Oh weh und ach! Die Trennung der Herzeleid Tragenden
brach ihrer beider Herzen,
die da von den Liebenden stattfand:
Das bereitete ihnen Kummer.
Der Ritter sprach: „Halte dich aufrecht“
Du bist reich an vielfachen Tugenden:
Mein Herz bleibt hier bei dir.
Sie sprach: „So nimm du mein Herz mit dir!“
Der Tausch wurde darauf durch einen Kuss besiegelt.

Quelle: Das Tagelied Ulrichs von Winterstetten findet sich in Carl von Kraus‘ Edition „Deutsche Liederdichter des 13. Jahrhunderts“. Es hat die Bezeichnung KLD XXVIII.