Con:Fusion 2014 (Rückblick)

Wer mir auf Twitter folgt, wird schon mitbekommen haben, dass ich letztes Wochenende auf der Con:Fusion war. Ich möchte hier davon berichten und euch einen persönlichen Rückblick geben.

1. Was ist Emergent?

Con:Fusion ist ein neues Format von Emergent Deutschland. Oh Schreck, was ist denn Emergent? Der Begriff ist gar nicht so einfach zu greifen. Wikipedia sagt dazu:

Die Emerging Church (auch „Emerging Conversation“ und „Emerging Churches“) ist eine dezentrale, stark heterogene Bewegung von verschiedenen Christen, die in ihrem Umfeld und in ihrer jeweiligen Tradition auf die Herausforderungen der Postmoderne reagieren wollen. Die Emerging Church („sich entwickelnde Kirche“) überträgt aktuelle Erkenntnisse der Biologie, der Hirnforschung, der Wirtschaft und der Philosophie auf die Situation der Gemeinde.

Seit 2004 bin ich Teil der Jesus Freaks Bewegung und hatte in den letzten Jahren schon die ein oder andere Begegnung mit Emergent Deutschland bzw. auch ein paar Bücher darüber gelesen. Somit hatte ich schon eine grobe Vorstellung, was Emergent bedeutet. In meinen eigenen Worten will ich es (für die immer noch Ahnungslosen) mal so zusammenfassen, dass es darum geht, Glauben in der Postmoderne bzw. einer fluiden Moderne zu leben. Welche Gottesdienstformen brauchen wir heute? Wie kann Gemeinde für Menschen aussehen, die alle paar Jahre den Wohnort wechseln (Stichwort Flexibilität am Arbeitsmarkt). Haben die Lagerbildungen innerhalb des Christentums nicht langsam ausgedient? Wie leben wir Spiritualität?

Letzten Endes geht es also um ein Nachdenken über Gesellschaft, Theologie und Spiritualität. Emergent ist für Menschen, die Fragen stellen, Zweifel haben und einfach in Bewegung und auf der Suche sind. Bei Emergent Deutschland handelt es sich nicht um eine Gemeinde oder Kirche, sondern um ein Netzwerk von Menschen aus verschiedenen Konfessionen und Gemeindehintergründen.

2. Wie komme ich dazu?

Im Lauf des letzten Jahres wurde mir in Gesprächen über Glauben und Gemeinde von unterschiedlichen Leuten gesagt: „Kennst du Emergent? Das wäre vielleicht was für dich.“ Nachdem sich dieser Satz mehrfach wiederholte, begann ich darüber nachzudenken, ob ich mir dieses „Emergent“ nicht mal näher anschauen wollte. Immerhin verzeichne ich gerade eine Art Verlust der geistlichen Heimat. Aber nochmal von vorn: Ich bin Christ seit ich denken kann und studiere Theologie im zweistelligen Fachsemester (fragt nicht! ;-)). An Gemeindeformen und Ausdrucksweisen des Glaubens habe ich mittlerweile auch eine ziemlich breite Palette miterlebt. Mein Glaube hat sich im Lauf der letzten Jahre verändert, ich habe weniger Antworten und mehr Fragen und bin irgendwie auf der Suche nach (m)einen Platz in der weltweiten Christenheit. Dabei habe ich zur Zeit das Gefühl, dass nichts so richtig passt und weiß noch nicht, ob ich mich mit diesem Zustand abfinden möchte. Ich empfinde mich als Jesus Freak, doch selbst da ecke ich mittlerweile an. Mein Glaube ist unbequem geworden.

3. Con:Fusion 2014

Das Thema der Con:Fusion war „Exzentrisch glauben.“ und es gab drei Gesprächsgruppen, in denen wir verschiedene Themen bearbeiteten. Als ich im Vorfeld der Tagung die Titel las, hatte ich zugegebenermaßen keinen blassen Schimmer, was sich dahinter verbergen würde:

1. Ver- und Entbürgerlichung des Christentums

2. Fluide Moderne

3. Verführerische Freiheit und spiritueller Widerstand

Doch ich dachte mir einfach „Sei’s drum“, druckte mir die Texte aus und fuhr trotzdem hin. – Naja, ganz so cool wie das hier klingt, war ich nicht unbedingt. Diverse Bekannte berichteten nämlich aus ihrer eigenen Erfahrung mit solchen Emergent Treffen und meinten, das sei ein intellektuell-elitärer Club, in den man nur mit einem MacBook Pro aufgenommen würde. Das schüchterte mich schon etwas ein. (Zudem bin ich treue Thinkpad-Anhängerin.)

Nun will ich aber zu dem Treffen kommen. Simon hat die Teilnehmergruppe von ca. 35 Personen in seinem eigenen (sehr gelungenen!) Blogbeitrag treffsicher beschrieben:

Die Bandbreite reichte in diesem Tagen vom Headhunter bis zum Pastor, vom Antifa-Mitglied bis zum CDU-Wähler, vom Jesus-Freak bis zum Ordensmitglied.

Es kamen wirklich sehr unterschiedliche Menschen zusammen, doch gerade diese Verschiedenenheit empfand ich als sehr bereichernd. Die Atmosphäre war von großer Offenheit und Interesse am anderen gekennzeichnet – so habe ich mich schnell wohl gefühlt. Ich hörte zu, fragte nach, durfte ausreden (was ich sehr schätze!) und meine Gedanken einbringen. Der Tagesrhythmus war durch eine gemeinsame Morgen-, Mittags- und Abendliturgie eingeteilt, die mir gut gefallen hat. Die Vormittage in der Gesprächsgruppe waren eher theorie- und inputlastig, nachmittags ging es stärker darum, selbst etwas zu gestalten, kreativ zu sein, etwas zu produzieren, was wir dann den anderen Gruppen vorstellen konnten.

Dabei war ich für zwei Plakate mitverantwortlich, die ich zusammen mit Konstantin den anderen vorstellte:

Flaneur, Tourist, Vagabund, SpielerSAMSUNG

Wir beschäftigten uns mit einem Ansatz von Zygmunt Bauman, der in unserer Gesellschaft einen Wandel von einer soliden Moderne hin zu einer fluiden Moderne beobachtet (Plakat rechts). Das zweite Plakat (hier links) zeigt verschiedene Persönlichkeitstypen und Verhaltensmuster in der fluiden Moderne. Wir haben uns selbst in einigem wiederentdeckt! Es war ein spannendes Thema.

Bald mehr als die formalen Gesprächsgruppen haben mich jedoch die persönlichen Gespräche begeistert. Schon am Frühstückstisch voll in theologische Themen einzusteigen ist sicher nicht jedermanns Sache, doch ich habe es sehr genossen. Die Gespräche blieben nur selten beim Smalltalk stehen, so vieles gab es zu bereden und zu durchdenken! Abends mit einem Cocktail in der Hand (danke, Arne!) auf dem Sofa zu sitzen und einfach ZEIT zu haben, über das eigene Leben, die Gemeinde und welche theologischen Fragen auch immer zu reden – das war so, so schön. Am Samstag Abend durfte ich bei einem lyrisch-musikalischen Abend auch ein paar Texte von mir (Glück, Durchbruch, Nur zwei Atemzüge lang) vorlesen. Das war mir eine besondere Ehre (und ich hatte ganz schön Herzklopfen)!

4. Und jetzt?

Daniels Blick in der Abschlussrunde richtete sich schon auf das Emergent Forum 2015, welches im November in der Nähe von Frankfurt am Main mit geplant ca. 200 Personen stattfinden wird. Thematisch soll es um Gastfreundschaft gehen. Ob ich wieder dabei sein werde? Bestimmt! Was sich bis dahin noch so tut? Wir werden sehen :-)

Ich hoffe, dass ich euch mit diesem Beitrag ein wenig mit in mein verlängertes Wochenende hineinnehmen konnte! Wer noch mehr Bilder sehen will, schaut einfach mal hier bei Twitter oder hier bei Cedric. Und auf die Lauscher gibt es auch was: Hier (selbstgeschriebenes Lied der Gruppe 3).

Liebe Grüße!
Mathilda

Die Topfpflanze auf dem Fensterbrett – einige Gedanken zum Bittgebet

Angeregt durch ein Gedicht aus Jörgs Theo-Mix stellt dieser Beitrag eine teilweise lose, teilweise verknüpfe Aneinanderreihung von Gedanken und Perspektiven zum Gebet, insbesondere zum Bittgebet, dar. Es ist der Beginn einer Suche, ein Präzisieren der Frage, ein Schulen des eigenen Blicks. Was es mit der Topfpflanze auf sich hat? Einfach lesen!

psalm psalm gebet

unsere gebete sind weichgespült, herr
in denen schwebst du oben
und wir haben nur wenige bilder für dich

verhalten beten wir um gerechtigkeit
und wünsche, die tyrannen mögen staub fressen
verlaufen im sand leerer herzen

verhalten beten wir um frieden
und dass du schwerter zerbrichst
haben wir gelernt zu übersehen

herr, lass uns die weichgespülten worte verlernen
und schenke uns wieder die kraft wüster psalmen
damit unsere gebete uns wieder bewegen

denn wer dir berserkerwut andichtet
traut dir wenigstens etwas zu
und ringt mit einem unbequemen gott

Jörg Wilkesmann-Brandtner

Ich entdeckte dieses Gedicht vor nun beinah drei Wochen im Theomix von Jörg. Es ließ mich nicht los und sorgt dafür, dass ich einen neuen Anlauf nehme, um mich dem Thema Gebet zu widmen. Ein geschätzter, hochreflektierter Dozent bezeichnete das Gebet einmal als den Ernstfall bzw. Testfall der Dogmatik. Hier zeige sich, welche Dogmatik, d.h. welche Vorstellung von Gott, Mensch und Welt, wir wirklich haben. Wie beten wir? Wie bitten wir? Dank, Lob und Klage scheinen mir aktuell gar nicht so herausfordernd. Aber das Bitten macht mir Probleme. Besonders Fürbitten im Sinne von „Gott, gib uns die Einsicht, dass…“ bringen mich regelmäßig dazu, die Stirn in Falten zu legen. Hier geht es nicht mehr um das Wirken Gottes, sondern das ist reine Selbstmotivation. Und dafür brauche ich ein Gebet?

Die Schwierigkeit beim Bittgebet liegt wohl darin, dass wir uns fragen oder bezweifeln, ob Gott für sein Handeln auf unser Gebet angewiesen ist. Ist er nur dann in der Lage, zu handeln, wenn wir bitten, und weiß er etwa nicht, was wir brauchen? Ist er nicht allwissend und versorgt uns sowieso? Konkret wird dieser Gedanke für mich bei sogenannten Gebetsketten oder bei Gebetsaufrufen. Wird Gott denn eher handeln, wenn mehr Menschen für eine Sache beten, als wenn es nur ein Einzelner im stillen Kämmerlein tut? Wenn nicht, worin liegt dann der Sinn darin, andere Menschen aufzufordern, sich einem Gebet anzuschließen?

An dieser Stelle ließe sich ein Blick in Origines „De oratione“ (Vom Gebet) werfen, das die christliche Dogmatik bei diesem Thema stark geprägt hat.

Dass aber Nutzen entsteht für den, der in rechter Weise betet oder sich nach Kräften darum bemüht, das, glaube ich, trifft in vielfacher Hinsicht zu. Und zuerst hat der innerlich zum Gebet Gesammelte unbedingt einen Nutzen, wenn er gerade durch seine Gebetshaltung ausdrückt, dass er sich vor Gott hinstellt und zu ihm, dem Gegenwärtigen, redet, in der Überzeugung, dass Gott ihn sieht und hört. Denn (…) ebenso muß man überzeugt sein, dass in gleicher Weise Nutzen bringt die Erinnerung an Gott, an den man glaubt und der die Regungen in dem Innersten der Seele wahrnimmt, während diese sich in die geeignete Stimmung bringt, um […] [Gott] zu gefallen.
(…)
Dies ist in Form einer Annahme gesagt, dass wir, auch wenn sich für uns aus dem Gebete nichts anderes ergeben wird, doch durch die Erkenntnis und Anwendung der rechten Art zu beten den schönsten Gewinn haben.

Nach Origines sind Bittgebete nicht dazu da, Gott darum zu bitten, etwas zu tun, das er sonst nicht tun würde. Sie sind vielmehr eine Motivation für uns selbst, eine Meditation, eine Selbstverständigung im weitestmöglichen Horizont. So verstanden findet sich eine große Übereinstimmung zwischen einem christlichen Gebet und einer Meditation ohne Gottesansprache. Lässt sich da noch ein Unterschied bemerken? Braucht es einen und wenn ja, wozu? Was ist nun mit der Bitte?

Vielleicht hilft an dieser Stelle auch Luther weiter. In seinem Großen Katechismus von 1529 schreibt er:

Wo aber ein rechtes Gebet sein soll, da muß ein Ernst sein, daß man seine Not fühle, und solche Not, die uns zu rufen und zu schreien drücket und treibet. (…) Denn wir haben alle genug, das uns mangelt; es fehlet aber daran, daß wirs nicht fühlen noch sehen. Darum will Gott auch haben, daß Du solche Not und Anliegen klagest und anführest; nicht daß ers nicht wisse, sondern daß Du Dein Herz entzündest, desto stärker und mehr zu begehren, und nur den Mantel weit ausbreitest und auftuest, viel zu empfangen.

Ein wertvoller Gedanke: Wenn wir mit Leidenschaft beten, unsere Not und Bedürftigkeit vor ihn bringen, dann geschieht etwas mit uns. Wir werden zu Menschen, die die Gaben Gottes auch wirklich empfangen können. Nach einem solchen Gebet können wir das, was Gott uns geben will, ganz anders annehmen, nämlich als Gabe und mit Dankbarkeit. Dadurch ändert sich mein Blick auf die Welt und das ist ein Blick, den ich persönlich mir gern zu eigen mache. Ich sehe mein Leben und Dasein als ein Geschenk und ein so verstandenes Beten erinnert mich immer wieder daran.

Dennoch will ich meine Frage noch weiter treiben: Kann das alles sein? Gebet ausschließlich als Veränderung der Sichtweise des Menschen? Eine veränderte Perspektive hin zu mehr Dankbarkeit? Ohne dieser Antwort ihre Bedeutung abspreche zu wollen: Reicht mir das?

In meiner Vorlesung wurde fast nebenbei noch ein weiterer Ansatz erwähnt, der mich interessierte und den ich gerade durchzuarbeiten versuche: Vincent Brümmer: „Was tun wir, wenn wir beten?“. Er trifft ganz systematisch einige wichtige Unterscheidungen über die Voraussetzungen des erhörten Gebets (z.B. ein personales Gottesverständnis) und bringt in Kapitel 3 die hier umrissene Fragestellung auf den Punkt:

Ist es nicht irreführend zu fragen, ob das Bittgebet darauf abzielt, auf Gott oder den Beter einzuwirken – d.h. ob das Bittgebet eine wirkliche Bitte ist oder eine Art von therapeutischer Meditation? Sollten wir nicht besser sagen, dass alle Formen des Gebetes (die Bitte eingeschlossen) das Verhältnis zwischen Gott und dem Beter beeinflussen und darum eine wirkliche Auswirkung auf beide haben?

Genau das ist die Frage und wer aufmerksam liest, sieht, dass seine eigene Antwort schon in der Frage impliziert ist. Doch einige Unterkapitel später führt er sie näher aus. Sein Fokus liegt dabei auf dem personalen Verhältnis zwischen Gott und dem Beter:

Das Gebet betrifft das Verhältnis zwischen Gott und dem Bittenden. Der Bittende informiert Gott nicht über etwas, was dieser nicht weiß. Noch erinnert er sich selbst an etwas, was er zu vergessen neigt. Vielmehr erkennt er seine persönliche Abhängigkeit von Gott auf eine Weise an, die es Gott ermöglicht, ihm zu geben, was er ihm ohne diese Anerkenntnis nicht hätte geben können.

Was bedeutet das nun konkret?

Gott erfüllt die meisten unserer Bedürfnisse und Wünsche, ohne daß wir ihn darum bitten müssen. Wenn er jedoch alle unsere Bedürfnisse und Wünsche auf diese Art erfüllen würde, wären wir wie Topfpflanzen auf seinem Fensterbrett und nicht Personen, mit denen er ein personales Verhältnis hat. In diesem Sinn ist das Bittgebet, in dem wir Gottes Handlungsfreiheit anerkennen und unsere Abhängigkeit von ihm akzeptieren, eine notwendige Bedingung dafür, daß Gott uns das, was wir brauchen, im Rahmen eines personalen Verhältnisses geben kann. Ohne unsere Bitten kann Gott bewirken, was wir brauchen, aber er kann uns nichts im Sinne einer personalen Beziehung geben.

Wenn wir grundsätzlich Gebet als ein persönliches Gespräch, ein In-Kontakt-Treten mit Gott verstehen, dann erscheint es mir sinnvoll und plausibel, von dieser Warte aus auch Sinn und Unsinn des Bittgebets zu bestimmen. Auch an dieser Stelle geht es letzten Endes um die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Brümmers Ansatz einfach formuliert wäre wohl so zu verstehen: Es verändert sich weder ausschließlich Gott, noch ausschließlich der Mensch, sondern es verändert sich die Gottesbeziehung, in der der Mensch steht.

Wars das schon? Bestimmt nicht!

Persönlich bin ich auf jeden Fall froh, dass ich mir Brümmers Werk zugelegt habe. In diesem Artikel habe ich es nur oberflächlich erfasst, doch hoffe ich, dass es mich in eine gute Richtung führen wird. (Vielleicht schreib ich am Ende ja mal eine Rezension…) Was dieser systematisch-theologische Blick für die Praxis heißt, ist dabei -wie immer- noch mal eine ganz andere Kiste. Und ganz sicher gibt es auch noch weitere Blickwinkel und Gedanken, die der Aufmerksamkeit wert sind – liebe Leserinnen und Leser, Theologinnen und Nichttheologen, schont mich nicht mit Literaturhinweisen! Ich bin dankbar für Anregungen und neue Perspektiven! Ebenso freuen mich auch persönliche Erfahrungsberichte – denn das Gebet ist ja nicht nur Ernstfall der Dogmatik, sondern vielleicht auch ein Ernstfall des persönlichen Glaubenslebens!??

Ich bleibe auf der Suche.