1 1/2 Jahre bei Twitter

Im Januar 2014 habe ich mich bei Twitter angemeldet und möchte die letzten eineinhalb Jahre ein wenig unter die Lupe nehmen. Wie funktioniert Twitter für mich, warum bin ich dabei und was bringen mir 140-Zeichen-Tweets von teilweise wildfremden Menschen?

Aller Anfang ist schwer

Wenn man sich in einem neuen sozialen Netzwerk anmeldet, dann braucht man vor allem eines: viel Geduld. Natürlich kann man sich bei Twitter anmelden, erstmal 150+ Tweets absetzen und zig Kommentare bei anderen schreiben, um auf sich aufmerksam zu machen. Schöner finde ich es jedoch, wenn Dinge langsam wachsen und man auch erstmal ein Gefühl dafür bekommt, wie dieses Netzwerk so funktioniert.

Es ist ein bisschen, als ob man in eine neue Stadt zieht. Man kennt vielleicht schon 1-2 Leute, aber ansonsten muss man erstmal rausfinden, wo sich die Menschen treffen, mit denen man gern Zeit verbringen würde: Im Sportverein, in der Kirche, draußen im Park oder zu Spieleabenden?

So ist es jedenfalls mir ergangen. Ich habe erstmal die Menschen gesucht, die ich schon irgendwie kenne, also andere Blogger*innen, Freunde aus dem analogen Leben oder diverse Personen des öffentlichen Lebens, die mich interessieren. Dabei habe ich mir angeschaut, wem diese Leute folgen und wen sie retweeten, sodass das Netzwerk langsam größer wurde.

Natürlich habe ich mich gerade anfangs erstmal riesig über jeden neuen Follower gefreut und dann jeweils geschaut, ob ich der Person auch folgen möchte. Während ich in der ersten Zeit noch schneller zurückgefolgt habe, bin ich mittlerweile kritischer, denn manche Leute folgen einem nur, damit man zurückfolgt, ohne dass es irgendeinen Bezug gibt.

Einstieg über die #twomplet

In den ersten Monaten war ich öfter bei der #twomplet dabei, zeitweise fast täglich, dann nur noch gelegentlich, wenn es mir gerade reingepasst hat. Die #twomplet ist ein Gebet zum Abschluss des Tages, das immer um 21 Uhr beginnt. Auch jetzt bete ich ab und an mit und schaue mir die Tweets an. Als ich an meiner Diplomarbeit schrieb, habe ich es besonders geschätzt, mit der #twomplet eine Art Tagesabschluss vom Schreibtisch aus zu finden, weil ich um diese Uhrzeit doch recht oft noch über den Büchern saß. Die Kontakte, die ich über die #twomplet gefunden habe, sind sehr angenehm und haben einen festen Platz in meiner Timeline.

Twitter als Infokanal

Von Anfang an habe ich es als großes Plus bei Twitter empfunden, von anderen auf Themen, Texte und Artikel aufmerksam gemacht zu werden. Ich habe ein paar Nachrichtenseiten in meiner Timeline, wodurch ich direkt auf deren Artikel hingewiesen werde. Noch mehr schätze ich aber die Hinweise anderer Twitterer, wenn auf Artikel und Blogposts verlinkt wird, die mich auch interessieren. Mit der Zeit stellt man fest, wer sich für welches Thema besonders interessiert und entsprechend der jeweiligen Themen folge ich auch bestimmten Leuten. Beispiele dafür sind unter anderem @einfachbewusst zum Thema Minimalismus oder @annalist zum Thema Netzpolitik und Datenschutz.

In diesem Sinne ist Twitter für mich ein Nachrichtenmedium, ein Informationskanal, durch den ich mich auch über aktuelle Themen auf dem Laufenden halte. Die Schwäche daran ist natürlich die Kurzlebigkeit. Während sich am einen Tag noch alle über dieses oder jenes aufregen, gilt die Aufmerksamkeit am nächsten Tag schon wieder ganz anderen Themen. Aber das ist wohl das Wesen unserer Nachrichten und bei der „Tagesschau“ auch nicht besser. Als ich neulich mit Freunden zusammensaß, fragten wir uns, wie es gelingen könnte, sich über ein Ereignis außerhalb unseres persönlichen Radius so umfassend wie möglich zu informieren. Meine persönliche Meinung dazu ist es, so viele unterschiedliche Darstellungen eines Ereignisses zu lesen wie nur irgend verfügbar, um daraus dann den gemeinsamen Kern der Sache herausschälen zu können. Hierzu trägt Twitter bei mir auf jeden Fall bei.

Twitter zur Unterhaltung

Natürlich dient Twitter oft auch einfach nur der Unterhaltung, dem Spaß, der Ablenkung. Es ist eine eigene kleine Welt, die sich mit „Guten Morgen“-Tweets genauso um sich selbst dreht wie mit dem allsonntäglichen Tatortgucken. Manchmal hat sie Schullandheimcharakter, manchmal ähnelt sie einem Ping-Pong-Spiel quer durch die Republik. Viele plötzlich auftauchende Hashtags sind äußerst amüsant und bringen mich noch beim späteren Nachlesen zum Kichern. 140 Zeichen führen dazu, Dinge möglichst prägnant und oft auch wenig diplomatisch auszudrücken. An diesem alltäglichen Blödsinn habe ich immer wieder meine Freude.

Neben der Geschichte um das blau-schwarze oder weiß-goldene Kleid twittere ich gelegentlich auch bei „TV-Events“ wie dem gestrigen Eurovision Song Contest, dem Superbowl Finale oder der letzten „Wetten dass“-Show. Hier schaue ich mit Smartphone in der Hand die jeweilige Sendung und lese, was andere unter dem entsprechenden Hashtags so kommentieren. Dabei entsteht das Gefühl, gemeinsam auf dem Sofa zu sitzen und ich muss mich selbst immer wieder disziplinieren, nicht jeden bescheuerten Gedanken direkt mitzuteilen ;)

Twitter als Netzwerk

Während die Nachrichten- und Unterhaltungsebenen nützlich und erfreulich sind, ist der Netzwerkcharakter für mich persönlich das i-Tüpfelchen an der ganzen Sache. Durch die gemeinsamen Interessen oder diverse Blödeleien komme ich mit anderen Menschen in Kontakt und ins Gespräch. Vor ein paar Monaten ergab sich dadurch sogar die Gelegenheit, eine kleine Videokonferenz zum Thema Fundamentalismus mit mir bis dahin unbekannten Menschen abzuhalten, was nicht nur großen Spaß gemacht, sondern mich auch inhaltlich weiter gebracht hat.

Ich habe mir bei Twitter ein paar Listen angelegt, sodass ich gezielt nach Thema Tweets lesen kann. Wenn ich wenig Zeit habe, kann ich mich dadurch auf die Personen konzentrieren, deren Mitteilungen mich besonders interessieren oder bei denen ich einfach mehr dran bleiben möchte. Anfangs war ich noch eher zögerlich, was das fav’en von Tweets angeht, mittlerweile vergebe ich schneller ein Sternchen, wenn mir ein Tweet gefällt oder mich auf etwas Interessantes hinweist. Sollte ich einen Gedanken zum Thema haben, antworte ich und so ergeben sich oft kurze Gespräche, in denen ich noch direkter mit der jeweiligen Person in Kontakt bin. Das gefällt mir sehr gut.

Fazit

Ein kleiner Tweet ist schnell geschrieben, doch manchmal hat er große Wirkung. Das gilt sowohl in Bezug auf Informationen als auch beim Kennenlernen anderer Menschen. Ich bin sehr dankbar dafür, mit welchen großartigen, hilfsbereiten und interessanten Menschen ich auf Twitter schon in Kontakt gekommen bin, sodass der Weg zu einer längeren Email oder der Griff zum Telefon oft nur noch eine Formsache waren. Die aufmunternden Nachrichten und konkreten Hilfsangebote, als ich vor meinen Prüfungen großen Ärger mit der Fakultät hatte, haben meine Verzweiflung ein wenig gelindert und wirklich gut getan. Allerdings achte ich nach wie vor darauf, nicht alles und jedes zu twittern, da zwar schnell eine Wohnzimmeratmosphäre entsteht, die Tweets und Konversationen jedoch absolut öffentlich sind.

Mein Fazit ist daher nicht überraschend: Twitter ist informativ, nützlich und macht Spaß. Wenn man sich jetzt auch noch im Klaren darüber ist, wie viel man von sich persönlich preisgeben möchte, kann ich nur sagen: Los geht’s! Ich frage mich nämlich, warum ich mich selbst nicht schon früher angemeldet habe :-)